Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 187 (3.11.1895)
- Date
- 1895-11-03
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 187. Freie, gemeinschaftlich? Pie Lehre deS Sittengesetzes. Wie man zur dogmatischen Seite kommt, trennen sich die Religionen sofort; religiös und sittlich sind daher vollkommen identische Begriffe. Einer ist gleich wieder auf das .Christliche" gekommen. WaS ist christlich? Doch nicht, was die verschiedenen christlichen Confessionen, die katholische, die protestantische, Augsburger und helvetischer Confession, die Unitarier u. s. f. trennt? ES gibt nicht ein einziges Dogma, welches bei allen christlichen Confessionen vorkommt. Christlich ist also nur, was allen christlichen Confessionen gemeinsam ist, und das ist wieder nur das EthoS, die christliche Sittenlehre, die Sie aber schon in den Dialogen deS Plato, in Cicero's .,I)e ofliciis", in der buddhistischen Religion und besonders im Alten Testamente finden. Und daraus ist wieder die Conscqucnz gezogen, daß man die Simultanschule aufhcbcn und die confcssionellc Schule einführen muß. Gerade wenn man für die religiöse Fortbildung der singend, aber nicht für die confcssionellc sorgen will, muß man jene Sätze herauSnehmcn, die allen Religionen gemein schaftlich sind. Dann ist aber die Simultanschulc unbedingt nothwcndig, weil sie die confcssionellen Gegensätze abschwücht, die ja übrigens den Staat auch gar nichts angehen." Tr. Kronawcltcr besprach sodann die Ausführungen deS Abgeordneten Tr. Pattai über die „Judcnfrage". Derselbe habe'erklärt, er hätte gegen die Inden gar nichts, denn daS Confessionclle gcnire ihn nicht. „Es darf ihn auch nicht genircn als Christen," sagte Dr. Kronawcticr, „weil ja die heiligen Bücher der Jude» auch die heiligen Bücher der Christen sind. Er meint, die Antisemite» wollten gar nicht« Anderes, als daß die Gesetzgebung einen Weg cinschlage, welcher de» productiven und direct arbeitenden Charakieranlagen der christlichen und einheimischen Bevölkerung angemessen sei. Dem kann man nicht widersprechen, und wenn der ganze Antisemitismus in nichts Anderem bestünde, als in diesem Grundsätze, köuntc man mit ihm Hand in Hand gehen. Der Abgeordnete Dr. Pattai selbst sagt zwar nicht, waS eine direct arbeitende Charaktcranlage sei. Er scheint die Production im Gegensätze zum Handel zu verstehen. Wenn daS richtig ist, dann muß sein Standpunkt abgclchnt werden. Denn beim Handel muß man oft mehr arbeiten als bei der unmittelbaren Erzeugung von Schuhen oder Strümpfen n. s. w. Es ist ja eines der Elemente der Nationalökonomic, daß eine Production nicht bestehen kann ohne Bcrwerthung ihrer Produkte. Der Kaffee in Ceylon wäre nichts werlh, wen» er nicht im kleinsten Torfe hier verkauft würde. Es ist auch unrichtig und zeigt, daß die Elemente des WirthschrftSproccffcS gar nicht richtig aufgefaßt werde», ivenv man von einer. dircctcn Production spricht. Wer Korn producirt, macht nicht die Substanzen, aus denen das Korn besteht, die Arbeit ist cs, die er hincinlcgt. WaS der Handel erzeugt, sind gleichfalls Wcrthe. Ter Handel vermehrt den Werth der Piodncte und ist für die Production unentbehrlich. Wenn der Abgeordnete Tr. Pattai sagt, daß nur die christliche und cinhciinischc Bevölkerung producirt und arbeitet, so ist daS unrichtig." — Abgeordneter Schneider, dazwischcnrufend: „Wo haben S' denn einen jüdischen Arbeiter gesehen?" — Dr. Kronawettcr, sortsahrend: „3, gar viele! Ich kann z. B. dem Herrn, der mir den Zuruf macht, erwidern: Als Studenten habe ich sie gesehen. Ich habe immer gefunden, daß meine Mitschüler jüdischer Confession sehr fleißig und! unter den bcdrückendsten Umständen arbeiteten und studirten, mit aller! Kraftanstrcngung, die nur möglich ist. Sic finden auch in anderen Berufszwcige», B. im Handel, der eine sehr tüchtige Arbeit verlangt, daß Juden außerordentlich fleißig sind. Ter Abgeordnete Dr. Pattai verlangt Gesetze, welche eine ungesunde Spccularion beseitigen. Er möge doch erst eine Definition geben. Was ist ungesunde Spcculation? Ich höre den Zwischenruf: .Das ist eben die jüdische/ Dem Herrn Sprecher wird gewiß der Name .Maisring' oder .Hafcrring' zu Ohre» gekommen sein Nehmen Sie doch die Leute, die den MaiSring gebildet habe». Sic. finden Namen von Großgrundbesitzern u r ch r i st l i ch e r, u r g c r in a n i s ch e r und u rpolirischer Abkunft. Tic ungesunde Spcculation als eine Folge der Selbstsucht ist eben bei allen Menschen gleich. Tcfinircn Sie die ungesunde Spcculation, machen Sie Gesetze dagegen, und wenn sich der A nliseinitiSinus in diesen Schranken bewegt, haben wir nichts dagegen; dann ist aber, der Name unrichtig, weil das, waS hier bekämpft werden soll, nicht eine E i g e n t h ü in l i ch k e i t des s e m i t i s ch e n S t a in m c S, sondern der'Menschheit im A llgemc inen ist." Ministerpräsident Graf Badcni gab den Rednern dreier Sitzungen noch einmal, eine kurz zusammenfasiende Antwort, in welcher er auf seinen früheren Ansichten zu verharren erklärte und als Erläuterung zu seinem Programme nur hinzufügtc, er. werde den Nationalitäten gegenüber auf dem Standpunkte der StaatSgrundgesetze verharren. Bon einem gleichen Standpunkt den con- Blatt. Leit« b. fessionellen Zerwürfnissen gegenüber thal Gras Badcni keine Erwähnung. lC'ili Märtyrer stiller lltherzeiigiing.) Gegen den in der Gumpendorscrstraße Nr. Ost ctablirlc» Mecrschanmdrechsler Moriz Litschke ist die Anzeige erstattet worden, daß er Wechsel in der Höhe von ^hunderttausend Marl gefälscht habe; bezüglich zweier Wechsel hat Litschke seine Schuld bereits eiiigestanden, von den anderen behauptet er noch, daß sie echt seien U.-ber'daS einst glänzende Geschäft Lilschke'S wnrdc bereits am >4. Oktober der Concur« verhängt,'u ii b die P asive n belaufen sich ans 237. WO Mark, von denen ein kaum »ennenswcrllicr Theil' durch Activen gedeckt erscheint. Fast vier Fünftel der Passive» lind Wcchsclschuldcn, und von den circulircnden Wechseln sollen, wie erwähnt, an 100.000 Mark gefälscht sei». Moriz Liischke ist ein lebenslustiger Mann von gesellschaftlichem Talent; bei antisemitischen Festlichkeiten pflegte er stets einen Toast ans die „a n t i l x in i t i s ch c n Jungfrauen" a u S z» b r i n g e u, und wie männiglich bekannt,, gehörst er auch durch einige Wochen als Mitglied der antisemitische» Partei de», letzten Wiener G e in c i n dcrä k he' an. Bei den jüngsten Wahle» hätte er abermals von den Antisemiten candidirt werden sollen, allein mit Rücklicht ans die Gerächte, die über ihn bereits im Umlaufe waren, sah die Partei von seiner Candidatur ab. E« war bekannt, daß er sich in schweren sinanziellen Calamitätc» befinde, und am Tage vor der Wahl aus dem dritte» Wahlkörpcr hieß eS sogar, daß Litschke flüchtig geworden sei, Vitichke war damals thatsüchlich aus Wien abwesend, kehrte aber wieder zurück. In einer Wähtcrversainmlung, welche zü jener Zeit statirand, erklärte Lueger bei Besprechung deS Umstande», daß- Lill'chke nicht mehr candidirt werde, derselbe sei ein /Märtyrer seiner Ueberzeiigung; er sei dadurch, daß ihm die „Iudenli der a l er," plötzlich den Credit entzogen hätten/in .Berlegenheiten gerat Heu. In der Thal ist aber durch ihn die antik'emilijche Partei in Berlcgenheit gcraihen. (Wienerische Geschichten.) Eine Reihe volksthjimlicher Erzählungen nnlcr dem Titel „Wienerische Geschichten", ei» WcihnachtSbüchlein für Antisemiten, von Adalbert Hass »er wird.zu Beginn deö Monates Teccmber der Oesienllichkeit übergeben. Ter Bersasier will in einer Reihe von Beispielen aus dem wirklichen Leben die Belwerslichkcit de» AntiscinitiSmus vom' menschlichen Standpunkte ans bloßlcgen. AuS dem uns vorliegenden Inhaltsverzeichnisse erwähnen wir: I Kaiser- Franz Josef I. und der Iudenknabc. 2. Wcibnachlcn eines alten Wieners. 3 Ein Tag ans dem Leben eines Handwerksmeisters. 4. Der Jude als Christkindl. ~>. Einer von unsere Lcui'. 0. WaS der antisemitische Schustcrmeister Prolop an, Weihnachtslage erlebte. 7, Friede den Menschen, die streben, gute.Menschen zu sein :c Der BorbestellungSprcjs betrügt 1 fl. ö W. Der Bersasier verspricht für jedes verlauste Eremplar zwei Frcicremplare an die Bolkssreibibliothcken abzugeben. (Wer belästigt das Gasttilluspnblicnni? > Ei» „alter Drahrer" schreibt uns: Bergapgenen Sonntag besuchte ich die Restauration „ schwarze» Katze" im X. Bezirke und fand doit eine ältere Nummer des anliscmiliichcp Blättchens „BolkSfreund" und darin einen Arn'.l, in welchem über das jüdische Hausirunwcsc» in de» Wiener >/'asthc..i'.rn geklagt wird und die Wirthe ansgesordert werden, in Hinkuii't den Hausirern de» Eintritt in ihr Locale nicht mehr zu gestäli.'n i» nun daö von mir besuchte Gasthaus insbesondere an S.'nntn.i.n stark von Hausirern fregneiitirl wird, so benutzte ich me'ne Äinc.e.: von 1 Uhr Nachmittags bis 11 Uhr Nachts,, um eine! .ne stäustli'che Studie zu machen. Es hatten sich während die'er eingefunden: Hansirer mit Zuckerl», knrchivegs junge und t:el .ni.n . 11 Hansirer mit Zundhüsteln, 9 Knaben uns >: 2>>än».n, i'. iT'wu 1- Hansirer mit Bäckereien, 5 Weiber, Ehrininne» . '> Ein aller indiicker Hansirer mit Regenkänrn.e» . . 1 Hausirerin mit Eravalien :e., eine aile.Indni l st alle Frane», Christinnen, und l äiri'Uiän' Buten tiiit iogenannle» Planeten. .7 3 christliche snnge r'enke mit Trnckichrifien 3 9 christliche Bettler ..!' Sonach 4(> Hausirer lind 0 Bettler, zusammen Ist Individuen, darunter ein Jude und eins Jüdin, alte, gebrechliche Leuten .Bon ivem wird also das Wiener GasthauSpublicum belästigt? U. A. >v. g. (Ron den Gastwirthegkllilsen.) Bor den ErgänznngSwahlcn in die Gehilfenvertretung der Gastwirlhegenosienschaft, die am 30. Cctobtr statlfand, hielt die Rcformpartei in Pfalz' Rotundensaal eine Bcrsammlung ab, in welcher eine Candidatenliste einhellig genehmigt wurde. In der TiScussion, die dcr.Nominirung der Candidaten voranging, beleuchtete Herr Urnaucr daS Borgchcn der antisemitischen