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Freies Blatt · 1895-11-03 · 187 (3.11.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
187 (3.11.1895)
Date
1895-11-03
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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f Seile 4. Freie» AIS nun durch die Bemühung deS Georg Treuka die Ortsgruppe deS „Bundes der Deutschen in Böhmen" hier gegründet wurde, schlossen sich die Oberländer i'osort säst wie Ein Monn derselben an und unterstnpren ste auf jede Weise, so daß die Ortsgruppe, kaum daß sie gegründet war, über 200 Mitglieder zählte. Trotzdem galt Saaz in Aller Augen noch als kernliberal. Eine Ortsgruppe des liberalen „Bundes der Deutschen Nordböhmcns" wurde gleichsam über Nacht ins i'cben gerufen und hatte sofort über 3<>0 Milglledszcichuungc»; als cS über zur c-onstituircndcn Sitzmrg kam, da zeigte sich eine Erscheinung, die gewiß von Niemandem vorhcrgesehen wurde: weder der Bürgermeister noch einer der Stadlräthe war zu bewegen, eine Stelle im Borstande anzunehmen, sämmtlichc ofsicicllc Persönlichkeiten machten ihren Eintritt in den Borstand davon abhängig, daß der Bürgermeister die Sbniannschaft übernehme, dieser aber lehnte entschieden ab. Die Beriammlung nahm einen ungemein stürmischen Verlauf, und daS Ende war vollständige Ergcbnißlosigkcit; die Ortsgruppe konnte sich »langclS eines BorstandcS bis heute nicht coikstituiren. Diele Bersainuiluug zeigt aber zugleich, worin, der Grund für daS Anwachsen der Bewegung in Saaz eigentlich liegt; es ist dies der dedancriisweilhc, wankclmüthigc Eharakrcr des Leiters unserer Stadt. An seiner liberale» Gesinnung halte bis dahin 'N'icmaud auch nur den geringsten Zweifel gehegt. Allein seitdem er die Bürgcr- ::ie:stelstelle inne hat, liegt fein Bestreben stets darin, cS jeder Partei rcchi zu thun und cs mit Niemandem zu verderbe». Kaum war eS enenbar geworden, daß cS in unserer Stadt auch Äntiliberalc gebe, liltd schon hielt es Bürgcruicistcr Dr v. Schön seid nicht mehr für üanba'l, als liberaler Manu aufzutrctcir, weil er glaubte, sich die Ann'eiiiiken zu Feinden zu machen und dieselben offen in daS Lager 'eines stillen, aber zähen Rivale» zu drängen, während er der 3tinimcit f:i '.'iveralenlieber zu fein glaubt. Dr. v. Schönseld, dessen Parlci- ..'sigketl liier >ebr viel Schule gemacht hat, trieb die .Neutralität" so weit, daß er das Gründungsfest deS oifen antisetuilisebeu „Deutschrollliche» Turnvereines" mit seinem Besuche beehrte! DieS ist um so b nuertenswerlher, als - der Bürgermeister einige Tage zuvor in seiner E:ae»ichasl als langjähriger Obmann deS liberalen „Deutschen Turnv. reines" durch ein orreneS Schreiben deS „ Dcutschvolklichcn Duryr reines" emvsindlich beleidigt wurde. 3tatt aber die im ofscncn Dch'.^tben enihalreuen Anmaßungen gebührend zurückzuweisen, .hatte Herr Dr v. Schönfeld nichis Eiligeres zu thun, als seine langjährige Lvrechivarkstelle niederzulegen. Dies war vielleicht das unheilvollste E'.eigii ß.der lebten Zeit. Was bei u»S nicht antiliberal ist, verhält >'iä> ra.lkrinmeii neutral, das ,zeld den annliberaleti Schreiern überlassend. und wie überall wächst der Andrang der Social-Demokratie, w. il 'ich ihr die Symvakhien aller Jener zuwendcn, die Gegner des Raeenl, >n'cs sind. Bezeichnend r'ür die herrschende Anschauung ist der Umstand, daß das vorerwahine schreiben des „Deutschvolklicheü Turnvereines"' welches eine eclalanie Beleidigung des Bürgermeisters beinhaltete, von ■:ituin g.iviNeu Earl Gr ünert, zur Zeit Praktikant bei der städtischen LL'arean.'. als Bereiiisgbmanu untcrscrligt war. obwohl diiser dem Herrn Bürgermeister als Obmann der Lparcasic »»kcrüand und ihm gegenüber deshalb zur besonderen Achtung verpflichtet gewesen wäre. L leier Earl Grünerl, ein junger Mann, dessen geistige Fähigkeiten \ .i::: bi Neu durch' den Umstand beleuchtet werden, daß er zur Absolvi'.ung des UniergninnasiumS volle acht Jahre a» verschiedenen An- - ''lallen brauchte, ist ein willenloses Werkzeug deS vorerwähnten Georg Trenka: als Lohn sehr vermögender Eltern verwendet er daS Geld 1 s.uier Bluirer zu antisemitischen Zwecke», und als er wegen deS er-! irabnkeü Schreibens durch den Sparcastcdirccior Hc(ru M I Rieß auf der 3teile entlassen wurde, stellte ihn die antilibrrale Presse noch als einen Märinrcr der nationalen Dache dar, der durch jüdische Bcr- 'olgung umK Brot gekommen fei. , Bdil den hiesigen Bereincn hat in letzter Zeit daS „Deutsche ^.iüno" v'sen Farbe bekannt, indcin eS am Gründungsfeste des „Deutsch-; el'.iil'i» TurirvereineS" durch Aushängen einer Fahne sich betheiligte. ä". .r.lge war der Austritt sämmtlicher jüdischen Mitglieder. Allein : t ::: anderen Bereincn entstehen durch daS Auftreten von Mil- ' welche der antisemitischen Strömung folgen, bedauerliche i'ceibung n. £•: Ki.'ne fetzt dem bisher Borgefallencn das Auftauchen uiiiS auti'emiil'chen Hetzblattes allerärgster Sorte, der „Saazer 'iationageu Zeitung ', aut. eines £rganes, das bereits in einer früheren Ailiiluier Fhier ae'cliäl-ten Zeitung genügend gekennzeichnet wurde. Be: der biutigen Reichs all swahl sind noch die Antisemiten unterlege», a:e: d:e liberale Mehrheit für Dr. Zdcnko Schlicker beträgt leider nur 41 Lliiiiiiien. Hü on. Statt. Nr. 187. Getrübte Freuden. (Zuschrift au das „Freie Blatt".» ji öl», Ende October. Mitten im Freudenrausch der Antisemiten, die sich auschickteu, den ersten wirklich deutschen Parteitag abzuhalten und dem Bolle das langersehnte Programni zu geben, ertönte eine Klagestimme auS dem lieblichen Sachsenwalde, und sie wirkte wie ein kalter Wafferstrahl auf die erhitzten Geister. Traurig, sehr traurig fiel das Resultat der sächsischen Landtagswahlen für die einzigen. legitimen Löhne der Teutonen aus. Diese eben vollendete Wahl wird durch das starke WachSthuin der Social-Demokraten und den Bankerott der deutschsocialen Reformer charakterisirt. Das gcmüthliche Sachsen besitzt seit einige» Jahren den zweifelhafte» Ruhm, eine Hochburg des Elastcn- und RacenhasscS zu sein, und nirgends in Deutschland brüstete sich der Judenhaß so sehr wie hier. Ter Judenhaß'? Das Wort klingt wie eine Ironie. Man kann doch nur das hassen, was Einem Leid zugcfügt, was Einem irgendwie unangenehm wird, und in ganz Sachsen leben kaum 15.000 Juden, die auch nicht allzu reich sind. Man kann hier also, wenn man nicht mit der specisischcn Logik der Antisemiten behaftet ist, von einer unerträglichen Ucbccmacht der Juden doch nicht gut' spreche». Auch gibt cs im gesegneten Sachsen keine» einzigen jüdischen Richter, das Gericht ist also nicht „vcrjudct". Nicht einmal bei einer mikroskopischen Untersuchung würde man hier eine Judcnnolh entdecken können. Aber die wohllöbliche Regierung glaubte in ihrer hohen Weisheit, den Antisemitisinus als Tamm gegen die social-demokratische Fluth fördern zu müssen.- Sic wollte den Teufel durch Beelzebub austreibcn und begünstigte die antisemitische Bewegung so lauge, bis sie ihr über den Kopf wuchs. Daß man aber durch den künstlich genährten Antisemitismus nur noch die indifscrentc Maffe sür den Socialismus wachrief, daS leuchtete den weisen Herren am grünen Tische nicht ein. Allmälig aber machte die Erfahrung, diese unangenehme aber gründliche Lehrerin, auch die schwerfälligen Sachsen etwas klüger. Sic sahen ein, daß die Social-Dcmokratie trotz aller magischen Mittel nicht geschwächt worden ist, daß man sich aber im Antisemitismus einen neuen, rücksichtslosen Feind der so sorgfältig gehüteten Staatsordnung großgezogcn hat. Run ist die sächsische Regierung bestrebt — vielleicht etwas zu spät — diese unbequemen StaatSrettcr, die sich an der Gnade der Regierung sonnen, ohne ihr etwas zu leisten, von ihren Rockschößen abzuschütteln. Tie Conscröativcn lehnten cs bei dieser Wahl ab, mit'ihren ehemaligen Bundesgenosse» zusainmcnzugchni nnd siche da, es zeigte sich daS überraschende Bild, daß diese Antisemiten, welche stets in allen Tonarten behaupten, daß ihre Ideen im deutschen Bolke wurzeln, und daß sie eine BolkSmacht darstcllcn, eigentlich gar nichts bedeuten, sobald die Regierung ihr Antlitz von ihnen wendet. Die Schaar des Herrn Zimmcrmanu hat diesuial auch nicht ein Mandat zu erobern veimocht, und an Agitation hat sic eS wahrlich nicht fehlen lasten. Es scheint unS, als wenn die Antisemiten iu Sachsen als Partei ihren Höhepunkt bereits überschritten Hütten. Wir sagen als Partei, denn für de» Geist der Reaktion ist in der conservativen Partei eine Stätte gesichert. Es ist aber charakteristisch, daß die Regierung nur so lange mit dem Antisemitismus zu liebäugeln vermag, so lange er seine wahre Gestalt nicht zeigt. Ist er so unvorsichtig, das Mäntelchen deS Patriotismus und der Frömmelei abzulegen, so wird er einfach an die Wand gedrückt. L Welt, wie/-bist du undankbar! Fahrns. I (Aus beut Absieordlietcnhliust.) Durch drei Sitzungen haben die Parteien des Abgeordnetenhauses ihre Stellung zu dem. neuen Cabinete erklärt, man kann aber nicht sagen, daß die Situation dadurch besonders geklärt wurde. Mehrere Sprecher der Bereinigten Linken betonten ebenso wie verschiedene Redner auf den inzwischen stattgehabten Parteitagen in Prag und Brünn das treue Festhalten der Partei an de» freisinnigen Grundsätzen und die Absicht, die Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Unterschied der Eonfession mit allen Kräften zu vertheidigen. Eingehender mir dcc consessionellen Frage befaßte sich nur Abgeordneter I Dr. Kronawetter. Bei dem Pastus der Programmrede, der von dem „religiösen" Momente handelt — meinte Redner — wurde sofort daS Wort „religiös" mit dem Worte „confcssioncll" verwechselt. „Religiös kann nur dasjenige heißen, was allen Religionen gemeinschaftlich ist, nicht, was sie trennt. (Widerspruch rechts und auf der äußersten Linken.) Ich bitte um eine gescheitere Definition. (Heiterkeit.) Bon der Natur- oder Bernunftreligion werden Sie ohnehin nichts wissen wollen. (Heiterkeit.) WaS ist also den positiven Religionen

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