Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 187 (3.11.1895)
- Date
- 1895-11-03
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 3 Zlr. >87- Frei»» man über sein Wirken alö Rector, Verfasser von Schmähschriften, Agitator in Bersamnilungen und Abgeordneter ein gerechtes Urlhcil fällen will, auch ein mildernder Umstand angeführt werden. Wie ei» PhysikatSattcst bezeugt, macht bei Ahlwardt ein Polyp in der Nase jedeklare Denken unmöglich. Dieser mildernde Umstand gilt aber nur für den Gast, nicht für diejenige», welche ihn eingeladcn haben. Ahlwardt — Festredner bei einer Wiener Siegesfeier! Wir, Herr Stcinwender, habe» keinen Grund, den Ministerpräsidenten so zu unterschätzen, um anzunchmcn, daß er dies nicht gebührend würdigen werde. r r y. Allerlei Mirthscbaftsfrcrgeii. (Zuschrift a» das „Freie Blatt".) W i e n, Ende Cctobcr. Der große Parlcidiplomat der Wiener Antisemiten Dr. Patlai suchte in der Programmdcbalte neuerlich seine Leute als eine reine WirthschastSpartci dem Gaumen der neuen Regierung schmaikhaftcr zu machen und als eine parlamcnlarisch ganz brauchbarcGcscllschast binznslcllen. Nun, unsere dcrnialigc parlamentarische Wirthschaft würde auch durch eine noch größere Tosirung von dieser WirthschastSpartci nicht viel von ihrer Würde cinbüßen. Welches ist denn aber eigentlich daS WirthschaftSprogramm dieser WirthschastSpartci? Bisher waren wir der Meinung, die reactionären Gelüste nach Ncubclcbung der Zünfte und Ausdehnung des Befähigungsnachweises, wie sie erst dieser Tage die armen, nothleidcnden Wiener Fleischhauer nackt zu Tage trugen, seien daS urcigentlichste Wirihschafisprogramm der Anlifcniilcn. Seit aber Dr. Ruß fid) -offen für die Forderung des Befähigungsnachweises im KaufmannSgewerbe und keusch zurückhaltend für die zwangsweise Gcnosicnschaft in der Landwirthschaft erklärt hat, sind wir. wieder ganz im Unklaren. Das Charakteristische dcS aniifemilifchen ProgrammcS kann doch unmöglich etwas fein, wovon der Führer der Liberalen mit so breitem Wohlbehagen spricht. Des.. Pudels Kern muß also wo anders stecken. Gehen wir au) die Suche und pcrlustrircn wir ein wenig die großen wirthschastspolitischen Projcctc des kleinbürgerlichen SociasiSmus>c Da haben wir Anträge und Anregungen zur Verstaatlichung nUer\sil'cifd)iii<imttd, zur Verstaatlichung dcS CrcditwescnS, zur Wrstaatlichung^dcü GctrcidchandclS; ja im HaupkorgaH der Wiener Antisemiten fanden wir neulich sogar einen Vorschlag, der Staat Möge die Pctrolcumprodnction verstaatlichen, obwohl die Hanplqucllcn dieses ProdnctionSzweigcS sich, nicht in kDcstctrcich befinden. Vimporte. Wir machlcn uns jdjott gefaßt darauf, daß Grcgorig ehcbaldigst in dem nunmehr von der Judcuhcrrschaft befreiten Wiener Gcmeindcraihe den Antrag stellen werde. eS feien die Pctrolcumbctricbe im Kaukasus und in Amerika in eigene Regie zu übernehmen. Ja, die eigene Regie, daS ist daS faScinirende Schlagwork, weiches wie ein Abracadabra auf unsere socialpolitisch und nationalökonomisch durchbildcicn Massen wirkt. Wir waren schon recht stolz, in diesem Punkte die Stärke des antisemitischen Witthschaftsprogrammcs erkannt zu haben, als wir wieder a»S allen Himmeln gestürzt werden sollten. Vor einigen Tagen ging durch die TagcSpresse die Nachricht, daß der Wiener Magistrat eine Einhcitlichkcit in den an den Wiener Volksschulen in Vcrwcndi ug stehenden Lehrbüchern Herstellen wolle, da durch die dcrmaligcn Verhältnisse nicht nur den Eltern der schulpflichtigen Kinder, sondern auch der Stadt Wien oft große und überflüssige Unkosten erwachsen. Es ist natürlich, daß sich die wahren und einzigen Volksfreunde, die Antisemiten, gierig dieses Projektes annahmcn. Ein Monopol, ei» Monopol! Za, aber die brave» Leute solle» auch nicht im Schlafe data» denken, in dem Falle ein StaatSmonopol zu schaffen oder dem schon bestehenden k. k. Cchulbücherverlage die Mission, diese Einheitlichkeit durchzuführcn, anzuvcrtrauen. Das Schulbüchermonopol soll einem Privatunternehmer, einem braven Parteigenossen, der obendrein in ein hicsigcs Annscmitcnorgan „viel Geld hiueingcschustert hat", in die Hände gespielt werden. Also nicht eigene Rcgie? Warum soll die Pctrolcumprodnction dcS Kaukasus und der Cchinutz der Wiener Straßen in cigcnc Regie gcnoniuien werden, der Echulbüchcrvcrlag aber nicht? Wo bleiben die Principic» der WirthschastSpartci? Da steh' ich nun, ich armer Thor und bin so klug als wie zuvor. Aber der Wirrwarr wird »och größer. Die Wiener Gymnasial-, Real- und Bürgerschullchrer, welche mit der Abfassung von Schulbüchern sich bisher ein nettes Sümmchen zu ihrem Gehalte erwarben, find wohl treue Anhänger der gewissen WirthschastSpartci, ober mit dieser Wirthschaft sollen sie sehr wenig zufrieden sein, weil fortan die Nachfrage nach ncncir Schul- und Lehrbüchern aufhörcn, ersterben wird. Noch weniger sollen jene stramm antisemitischen Buchhändler, die gerade aus dem bunkert Wechsel der v la,,. Lehrbücher ihr fettes „Prvfitchcn" zogen, mit den monopolistischen Neigungen der mehrfach erwähnten WirthschastSpartci cinvcrstandcii - sei», Urplötzlich erinnern sich die wackere» ^!Lcuie, daß cs einmal ein ' Princip der „freien Eoncurrckiz" gegeben und das; man durch dasselbe reich geworden, wenn auch neuerlich Ausland, Bildung und ötsentliche Moral cö erfordern, diese „freie Eoncurrcuz" als Werk dcö Teufels zum Untergang des redlichen Gewerbes hinzuftellen. Wie ich nun vernehme, gedenken die ,für die „freie Eoirrurrenz" ncnentflammlcn antisemitischen Buchhändler dem „judenliberalcn" Abgeordneten Ruß ihr Mißtrauen ■ und ihre Verachtung zu voliren. weil er durch seine reaetionäre WirthschastSpolitik das Gewerbe schädigen will. l,*ismu teuere omnes. sagt Bcrgani in seinem romanisch-polnischen Fargo». . Ein Unbct.heiligter. ' Die Caac in Saas. t^riginat-Mitlbeilnng bc-3 „Freien Blaues" ■ c a a v .31. Cctcfcn-. . AlS unter dem Regime Taatfe die Wogen der nationalen Be weguug überall höher gingen, als sich allerotts deutsche Schutz und Trntzvcrcinc gründeten, da herrschte auch in Saaz ein reges uationaleS Leben. - An den damaligen lfsründunge», des Deutschen Schulv-rcineS, des Deutsch politischen Vereines u. f. w., nahnicu Christen und Juden in gleicher Weise theil, und man muß sagen, daß gerade die Juden in mancher Hinsicht nicht unbedeutende Dpter der nationalen Sache brachte», ebenso wie die. Geldleistungen derselben bei Len vorhandenen > humanitären Vereinen heute noch obenauf stehen. Auch bezüglich der - bürgetlichen Achtung oder der vt'fcutlichen Stellung wurde von keiner Seite ein Unterschieb gemacht, und cs zeigte sich das tri.Luche Rebe» cinändcrlcbcn der Eonfessioncu auch beispielsweise darin, daß.in der hiesigen akademisch-technischen Ferialverbindnng ' „«Germania" Juden und Christen nebeneinander waren und daß die'e, als sie vor citea vier fahren uulcr allgemeiner Bcthciligung der Bevölkerung ihr zehnjähriges Stiftungsfest feierte, mit Ehrciige>chenlen van Seite der - Stadtgemcindc und der Bevölkerung überhäuft wurde. Aber gerade bei dieser Verbindung traten die ctsten Schäden des Antisemitismus ■yt Tage. Diese Krankheit, hereingetragcu von den Prager ttnd Wiener Hochschulen durch die hier auf Ferien weilenden Studenten, griis allmülig, aber stetig auch auf die Abiturienten der Mittelschule über: die Verbindung verlor langsam den christlichen Nachwuchs und bestand zuletzt fast ausschließlich ans Jüden. In der Bevölkerung selbst, in der schon ungefähr seit dem Fähre I8UO jedes politische und nationale Leben erschlafft war, war aber bis zu Ende des vorigen FahrcS — vereinzelte Erscheinungen im hiesigen Easino ausgenommen — keine Spur von Antisemitismus zu finden, ja die leitenden Kreise unserer Stadt versäumten cs bei keiner Ge lcgcnheit, den liberalen und fortschrittliche» Charakter der Stadt Saaz nach außen zu betonen. Einem ganz unbedeutenden jungen Menschen war cs vergönnt,, das .Hebel des AntisenlitiSmns auch in unsere Ste.dt cinzusührcu und, inan muß gestehen/ in überraschend kurzer' Zeit anr eine ziemliche Höhe zu bringen. Sein Name ist'Georg Trcnka. Var ungefähr fünf Jahren hatte er, der Sohn armer Leute, das! k Staats-SbcrMmnasinm hier absolvirt, bummelte ein bis zwei Fahre an der Universität, und da er weder eine Prüfung machte, noch ans Mangel an Mitteln daS Studenkenleben genießen konnte, war ec znlep: als Mustdant und Stenograph in einer Wiener Advoeat-trskanzlei beschäftigt, nachdem er schon vor circa zwei Jahren seine Charge als Reserveofficicr verloren hatte. Diesem gelang es. zuerst unter mehreren jungen Leuten für die Neubewegü'ng Stimmung zu mailten tutd die Gründung einer Ortsgruppe des. Bundes der Deutschen in Böhmen" zu bewerkstelligen. Diese Ortsgruppe, die sofort, wic überall so auch hiereinen antisemitischen Charakter batte,, fand gegen alles Erwarten gleich zu Beginn einen sehr starken Anhang. Zur Erklärung dieser Erscheinung uruß bemerkt werden, daß in Saaz außer der" angesessenen Bevölkerung eine bederiecnde Anzahl von Hoptenhändlern sich befindet, die vor ungefähr einem Jahrzehnt aus denr oberen Egerthalc eingcwaudcrt sind und hier durch den Hopfenhandel fast durch gchcnds zu Rcichlhüni gelangten. Diese im BolkSmunde „Oberländer" genannten Leute haben sich mit den Juden im Hopfen- Handel in der Weise gctbcilt, daß die jüdischen Hopfenhändlcr das Platz- und Commission,- gcschüft noch ausschließlich beherrschen, während-- in dem natürlich weit bedcntcndcre» SiundschastShandcl die Dherlandcr heute bereits das Ucbcrgcwicht behaupte»; diese Letzteren galten seit jeher, ohne daß man .allerdings greifbare Beweise dafür hatte, als im Herzen judenfcindlich gesinnt, wozu in erster Linie die Conenrrcn; mit den jüdischen Hopfenhäirdlcrn bcigctrage» haben mag.