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Freies Blatt · 1895-11-03 · 187 (3.11.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
187 (3.11.1895)
Date
1895-11-03
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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I rritf - Freie" iictvoft Cie .vSiinö in den zahnlosen Rachen dieses Mcnagerielöwen legen, und wen» ja jemand einiiial die Löwenpranke des Herrn . Lueger verspüre» sollte, so dürften dies in erster Linie diejenige» seiner Parteigenossen sein, welche cö wagen würden, eine eigene Meinung entgegen der Lucger's zu haden. Also nur ruhig Blut, und weg mir der blassen Furcht vor dem Höhlculöwcn von Margarethen. I.»st_,iot haben wir ja auck unsere Anwälte im neuen . Geiiicindcralh', und nenn die liberale Opposition auch nicht den Ciiitalen Terrorismus gegen Lueger aufridjten’ wird, den er einst gegen sie geübt, so hegen wir — trotz aller traurigen Erfahrungen der Vergangenheit — doch die Hoffnung, daß die kleine, aber ncuiinial geläulcile Schaar, nunmehr ihrer Pflicht eingedenk, ein treuer Hüter der bürgerliche» Freiheit, aber auch der wirlhschaftlutn'ii Interessen dieser Stadt sein werde Und da bisher noch nie eine Opposition in den Ticfeulagen der Gesellschaft tauben Shren begegnet ist, wenn sie halbwegs den guten Wille» zeigte, mit dein Volke Hand in Hand zu gehen, so dürfen wir getrost denen harren, daß die Pcrlreter unser Mcinrmg eine erfolgreiche Miitif an den Bewegungen des anliseinilischeii Höhlenlöwe» übe». Also ruhig Blut und Selbstvertrauen. Ncjch ist lange nicht Alles verloren, ja vielleicht »och gar nichts, wen» wir nicht selbst uns aufgebcn und an der Kraft unserer Gruiidsütze verzweifiln, Blag auch >j»e lnkai,»haste Bürgerfckaa'r dein frsierwähllen Büiger- 'iiieister auf osiuier Straße die Hände beliefen und ihn in hündischer Selbsterniedrigung wie einen Eäshr »mbuckeln, die Hiiiiti dieses Eäsars iü eine ciiguiiischrankte, «nd sie wird »och hinfälliger, wenn wir alle eines Herzens und Lim cs sind, das Panier der Freiheit, Rechtsgleichheit und Brüderlichkeit »ich sinken lauen iuid Tron und Beruhigung nicht in Eiitflüsse» außer uns ingien. Wir fönen deshalb vom rein realpoliifschen Sland"uiikle iiichi de» Wunsch theilcii, d ß die Wahl der!erdrückenden Maj?r:!äl' des ö'cnieiiidcrathes von der Regierung sticht zur Sanclion vorge'cklagen werde. Was soll damit erreicht «erde»? Daß an Stelle eiiies effenen Feiidcs, den wir alle heute mehr als zu gut kennen. ei» erbärmlicher Ueberläufcr, ein heuchlerischer Zwitter trete, während Lueger an zweiter Stelle mit uiiabgenützlein Nimbus d^s unausbleiblichen Momentes harren könnte, wo der durch ein luues Hinderniß noch mehr augewachscne Antisemitismus mit uv ibweislicher (Gewalt ihm dennoch die Anerkeniiung abzwängc? .Hein, eben weil wir mlni> >i>- stautiluis den Unistand, ob Lueger Burgirmeisiir ist oder nicht, für höchst glcichgiltig Halle», wollen wir eine Hilfe, die unseren liberalen und ^parlamentarischen iS'rnr.dlätzen,nicht entspricht und die Situation nicht um HaarcSl".eile zu unserei: östinstcn ändern könnte, umsoweniger beanspruchen, .:.s. wei n die Sa, Ilion denucch ausbliebej dies gewiß nicht . in Pari,mahnie für den Liberalismus anziisehc» wäre. Wir r A .n. komme, was da w 'lle. kühl bis ans Her; h »an! Hat Wien i, '..,!ier große» Majorität fick für den Antisemitismus entschiede», iiiag s ane! de» Lueger als Bürgermeister habend Rur ruhig Blut! ^t^imrvnder, pattai. unfc 2lMa>anM. 'Ai' e i I iSai'no» des Abgeordnetenhauses ttbfir die Prögramm- :.r. res i^ra'eu Bad.ui nahm der MiltetschuUcbref Steinwender als 2'.". eh r d,r naiionalen Aiili'emiien lhcil,. währciid die Ebristlich- ■ 3. v “t; ■ it d.'i! Adooeaten Pallai zu ihrem Wortführer ernauutk». -se l na!!! :i sich', den (»'raten Badem für den Antisemitismus zu .i 2' ime'iifcr tennirte die .antisemitische Bewegung als eine . '! il ir,.ii!: g, die n::t Lcstbwentigkeit eintreten muß, wenn der e! st einer fchuierzlichen und fchädäicheu Angsiffen von außen l'.i.".' sink wi'.d". AlS R.stabewegung ließe sich Wohl noch mancher ii'd,. ' Mißstaur und gar manches Berhrechen bezeichnen. In Villach i-' i '.::c n.üv in dem tut vorigen Fohre bekannt gewordenen laster- .' 2 '.eiben l s Frai riskancr Paters BigiliuS Draßl und anderer ., .'ul . auch 'ine Reiter bewegung crl'Iickcil foulten, welche bei ns. 'ie star-gorieii von Staatsbürgern gjltigen - Eheverbote .'.'tist-gkeik eintreieu muß". Kann der syleiistrenge Stein* Mi':: stur, daß Brkrcchen, weist sie als iRcslerbeweguiigen '■ i ue», ui einem geordnete» Gemeinwesen geduldet ‘ '• ' ä'ue '. A. I ul"'e.>,'!r!t wäre umsowenigijr am Platze, als ■' ' m .Reä'tsnaaie V.slimmuugen zum Schutze der gescllkchafl» . r .aniianc:i. ja 'Aist einzelner -Körper gegen schmerzliche und . V"! : Au nur Eilig!ine beuehen . . . Nicht, viel,mehr (beschick in I A.'.n :' onn' de- Antisemitismus zeigte Pattai, welcher als der . r.omat der v irülid) Socialen, gilt, -obwohl er, wie einst das , »Blatt. Nr. 187. l „Deutsche^Volksblatt" ausplauderte, des Französischen nicht mächtig ist. Er und seine Genossen, sagte Pattai, bekämpfen das Judenthum nur auS „volkswirthschaftlichcn Gründen". Jnnnerlich mag der Mann, dem Schönerer auch die Eignung zum Präsidenten der Alliiince Isrnelite zntrante, über seine Aeußcrung selbst gelacht habe». Die Eolportage des BlntmärchenS, das Programm des KöpfenS oder ' Hängens, die Schnßgeld-Theorie re. — lassen allerdings diese wirthschaftlichen Gründe nicht so klar erkennen, wie der vom Mechaniker Schneider bei verschiedenen Anlässen iü Bolksversanimlungen, im Landtage und in der Rcichsvertretuug geäußerte Wunsch nach Beschlagnahme der in jüdischen Händen befindlichen Güter. Weit beffer als aus de» Reden der Herren Steinwendcr und Pattai lernt man die ethischen Grundlagen, auf welchen unsere antisemitischen Parteien gebildet sind, aus ihren Handlungen kennen. Da ^haben sich die Wiener Antisemiten zu einer Siegesfeier, die am 3. November in Hernals abgehalten wird, den gewesenen Rector Hcrmqnn Ahlwardt auS Berlin verschrieben. In der Criminalgeschichte der deutschen Metropole spielte Ahlwardt schon wiederholt eine größere Rolle. I»,. Februar 18‘.'2 wurde er vom Berliner Landgerichte wegen verleumderischer Beleidigung einer Anzahl von Lehrern, des Magistrats und der diesem unterstellten Schulverwaltung zu vier Monaten Gcfängniß vcrurthcilt. Im Laufe der Verhandlung stellte sich heraus, j daß "Ahlwardt als Rector die Abwesenheit eines ihm unterstehenden Lehrers benützt hatte, um dcsie» Gehalt vom Schuldiener in Empfäng zu nehme» und ihn dann dem Lehrer — „in Raten znrückznzahlcn". Es zeigte sich, daß Ahlwardt Wechselreiterei getrieben, mit den Eltern seiner Schulkinder in sinanziellc Berbindungen zu treten gesucht, bei ordcns- und , titelsüchtigcn Personen „Darlehen" gemacht und auch reiche Juden aiigcbettclt hatte. Ahlwardt wurde vom Staatsanwälte gewerbsmäßiger Ehrabschnciderci geziehen, und mehrere Zeugen warfen ihm bewußte Lüge, böswillige Klatschsucht uud schnöde» Undank vor. Im December 1893 erhielt Ahlwardt wieder eine füufmoiiatlichc Gcfängnißslrafc. Auf die Anklagebank hatte ihn dazumal eine „Jndcnflintcn" betitelte Schandschrist gegen, die Loewe'sche Waffenfabrik gebracht. In der Berhandlung, welche unzweifelhaft die KricgStüchtigkeit der Loewe'schen Gewehre ergabt vermochte Ahlwardt für keine seiner Behauptungen auch nur einen WahrschcinlichkeitSbcweis zu erbringen, und bei der Begründung dcS UrtheilS machte der Präsident die Bcmcrkung: „Würde Jeder handeln wie Ahlwardt. dann würde man sich nicht auf die Straße trauen können uud die öffentliche Sicherheit gefährdet sein." Wenige Monate verstrichen, und Ahuvardt wurde neuerlich zu einer dreimonatlichen Gcfängnißstrafe vcrurthcilt, diesmal wegen Beleidigung der Gcsammthcit preußischer Beamten durch eine Rede, welche er in einer Antiscmitenversainmlung zu Esten gehalten hätte. Damit ist die Anzahl der Strafprocestc Ahlwardt'S keineswegs erschöpft. Er war unter Anderem wegen Unterschlagung angcklagt und wurde zwcr freigcsproche», aber, wie sein Berthcidigcr nachträglich cinräumte, nicht weil seine Unschuld erwiese», sondern weil seine Schuld nicht nachgewicsen war. Toch Hermann Ahlwardt ist nicht nur eine gcriä/Sbekanntc j Person, sondern auch Mitglied des deutsche» Reichstages. .Dank der Steinwcnder'schcn Reslerbeweguiig oder den wirthschaftlichen Gründen --Pattai's ist dieser finanziell verkrachte und moralisch hcrabgekommenc Schulmann zur Würde eines BolksvertreterS gelangt. Im Parlamente f-tztc er das (bewerbe eines Ehrabschneiders in schamloser Weise fort , und. sprach im Frühjahre I8i>3 gegen Minister und Abgeordnete aller ' Parteien die Berdüchligung ans, sie hätten bei Begründung deö Reichsinvalidenfonds de» „großen Börscnjudcn" sich verkauft und das Baterland verrathe». Pom Reichstage aufgcfordert, seine Behauptungen! zu erweisen, legte er vergilbte Nummern entschlafener Zeitungen,! Rcchiiungcii und Briefcopie» vor, die vom Diebstahl eines untergeordneten Baiikbcdicnstetcn herrühitc» und schon vor Jahren bei mißglückten Erpressungsversuchen verwendet worden waren. Tic Eommissio», wclchcr diese „Actcnstücke" zur Prüfung zugewicsen wurde», constatirtc die Unwahrheit der Behauptungen Ahlwardt'S, und der Coinmissionsbeiichk wurde vom Plenum einhellig genehmigt; sogar die Antisemiten Zimmeriuann, Böckel und Liebcrmann stimmten für denselben, nur Pickcirbach und Werner hatten vor der Abstimmung daS Haus vcr- laste». Während der erregten Debatten, welche dieser.parlamenlarischcn Abfertigung Ahlwardt'S' voraiigingen, schleuderte ihm der Ccntrumsführcr Tr. Lieber die Worte entgegen: „Häufen Sie nur das Maß Ihrer Berleumdunge», sic werden nie bas Maß nnscrcr Verachtung erreichen!“ Ahlwardt, der damals auch den allgemein hochgeachtete» Führer der National-Liberalen Rudolf v. Bennigsen verunglimpfte, erregte eine so staikc Entrüstung im Hause, daß ihm sogar von.'verschicdenc» Seiten sehr unparlamentarisch zugerufen wurde: „Hinaus, Schuft!" Judeste» muß für den Gast der Wiener Antisemiten, wenn

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