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Freies Blatt · 1895-11-03 · 187 (3.11.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
187 (3.11.1895)
Date
1895-11-03
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies Blatt Adon»emr»tSprkiS. Für Oesterreich -Ungarn: ^aiizjäbrig . . . tt Kronen (fl. 3 —) H.ilbräbriq.... 3 Kronen 40 Heller (fl. 1.70) ~ Bierieljährig... 2 Kronen (fl. l.—) Hür das ge sammle Ausland: Ganzjährig..k Mark Halbjährig .J 4 Mark Einzelne dtnmmern ti kr. Unfranfirie Briese werden nicht angenommen Reduktiv» »nd Adlmnislraiiou' zur Abwehr des ^lutiseuütisinus. i -ciier»««» in. Inserat-' werden mit Heller kr : -ur.... ».«er mal gespaltene NonpareiUe<e»ie «'«rechnet, «t firtt Erscheint an jedem Soiiiltagc. L>»« > Hc»crtr.f «»»»>>»>- uon Inseraten ui unserer *bmuiMtr<shpn sonn. i«t Ännoncendnre.ni M fiifoa i - Nummer L87. Wien, 3. iloticmbcr 1895. IV. Iahrgn»» Ruhig Blut! Bürgermeister Dr. Carl Lueger. Alles neigt sein Ohr dem cigcnthümlichcn Klange dieser höchst harmlose» Verbindung von Worten, die Freunde des E'oiü-nil <l»si'<riiiitiis in hypnotischer Verzückung, die Gegner mit den wcchielnd.n Gefühlen von Apaihic und Antipathie; aber Jeder glaubt von dem Alle» so wohlbekannten „neuen Mann" im Raihhanse eiwaö hoffe» oder fürchte» zu müsse», und weil die Freundschaft wie die Feindschaft immer übertreibt, ist .heute in Wien wohl Alles darüber einig, daß mit der am B.». Oc tobcr erfolgten Wahl Lueger'el zum Bürgermeister irgend etwas Grußes, ein großes Glück oder ein großes Unglück für unsere Stadt eiugetretcn sei. In dieser Zeit allgemeiner Erregtheit scheint es uns doppelt geboten, unsere Leser, unsere Gesinnungsgcnosscn und vor Allem »nsere jüdische» Mitbürger zu ermahueu, dieThatsuche mit ruhigem Blicke zu betrachten und den Ernst der Situation spceiell im Hinblicke, auf die Person deS ncncrwäMen Büiger »ich» ,,, ift dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himincl wachse». Der Bürgcrmeistcrstuhl im gothischen Rathhanssaale mag dem. der ihn einnimmt, eine magische Kraft verleihen, der archimedische Punkt, von welchem auS man die , Erde aus ihre» Po.en heben konnte, ist er nicht. Also ruhig Blut! Lueger hat in seiner Bürgermeisterrede zwar nicht von de» Inden, wohl aber so viel von dem christlichem Polte von Wien und seinen Feinden geiprochen, daß wir u»S, die wir ja Lueger nicht zum erstenmale sprechen hörten und seine Phraseologie einigermaßen kennen, wohl der Worte Smn leicht deuten tonnen. Wenn der neue Bürgermeister von der Herrschaft des christlichen PolkeS spricht, so meint er und jeder Andere damit die Unterdrückung der Juden und aller Jener, die bei de» Antisemiten unter dem ' Sainmelname» „Iud" cvursircn. Das mag für de» Augenblick fürchterlich klingen, etwas näher betracht»t, stellt cs sich als ein einfacher Schreckschuß heraus. Der Wiener Gemeindcralh, und wären seine Beschlüsse auch einhellig, besitzt auch nicht im Entfernteste» die Kraft, an dem dermaligrn staatsrechtlichen Pcrhältnissc der cinzclnkii Bürger zu einander etwas zu ändern und sonach die Herrschaft der einen Confejsion über die andere oder über die anderen aufzurichlen. Dr. Lueger mag auch »och die anderen schwankende» Clemcnte, welche von liberalen Majoritäten gewählt wurde», an sich ziehen — einer von den vier „Wilden" ist bereits zahm geworden — die Macht geht von ihm nicht aus, Oesterreich vom Wiener Rathhaus her in einen eonfejsionclle» Staat zu verwandeln, er ist nicht einmal in der Lage, das Mindestauöinaß der von den Clericalcn in ihn gesetzten Hofs nungkii zu erfüllen und die confessionelle Theilnng der Volksschule durchznsctzen. Also ruhig Blut! DaS Wort von der Herrschaft des christlichen Volkes ist sonach in dem nicht zu unterschätzenden juristischen Sinne nichts als eine klingende Phrase. Dagegen wäre in Betracht zu ziehe», ob nicht die Unterdrückung unserer jüdischen Bürger wenigstens auf dem wirthschaftlichen Umwege, durch eine consequent gegen die Jude» gerichtete Wirthschaftspoliiik der Gemeinderathöinajoriiät »Io l'noto erfolge» könnte. Lueger hat zwar in seiner tcinperamentvollen Antrittsrede auch nach dieser Richtung eine» weilen Blick in die ' socialreformalorijchkn Absichten des neuen Gemcindercgimes zu öffnen versucht, indem er von der nicht »lißznvcrstehenden Beseitigung des. „unbercchliglen ansbcutenden Zwi'chenhanncls" u. dgl. sprach. Allein wer soll sich dadurch ins B>cks!> tu'»»»'„ lasse»'? Dr. Lueger hat zwar bei seiner agilalori'ch,» R' ' narb.lt nicht die Zeit gehabt, sich auch nur ei» cursorisches. Wm» aur uatioual ökonomischem und soeialpoliiische.n Gebiete zu ver.chanenaber W mnlhen wir ihm — weil er ja nicht gerade duinnr ist — doch zu, daß er wisse, was die Beieil,gung. d s Zwischen Handels bedenikn würde, welche R v'olution in diu g- .am,»teil Produclions und Evnsumlivnsbelcuüe dies hcivorrnfe» .mußte, und daß — wenn man gleich an der Fiel.ou f.sthalisn wollte, daß durch eine solche P rfngung in erster Linie uns ausschließlich die Juden getroffen würden — für eine dtrrariige durchgreir'enee socialzzevolutionäre Maßregel vor Allem' nicht die »ölhigen oroaniichen Poianssetzungen in de» produeirende» Kleinbürgerlreijen selbst gegelren sind. Abaeschen von alledem würde auch eine solche Wirlhschailspoliiik legislatorische Maßnahmen nöihig .machen, welche nicht vom Geineindcrathe, sonhern vom Rcichsralyc aus gehe» wüßten, wo vorderhand noch leine sociallstiiche Majorität' sitzt Also nur ruhig Blut! Wen» Dr. Lueger nicht ganz geflunkert hat, so kann der b> treffende Passus seiner Aiilrillsrcde nur de» Sinn haben, daß daS künftige Gemeindcregimc in allen wirtnschafllichcn"Frag.n die von seiner Entscheidung gbhäligen, alio bei Osserlänsichreibungen Perleihnnge» aller Art u. dgl., eine systematische Ausschließung der jüdischen Competenle» betreiben .werde. Das scheint Vielen sehr natürlich, und wir wollen ja zugeben, daß cs an Vexationen der jüdische» Mitbürger auf allen Gebiete.» nicht fehle» wird: aber daß man in einer mit allen Fasern ihres Lebens an den Verhält nisse» und Lebcnsfornien der übrigen Well hängenden Großstadt heilte eine Tschinovnikwirthichast treiben konnte, halten wir für ausgeschlossen. Man muß sich doch auch ei» wenig die Person des neuerkicscnen Bürgermeisters »— »nd auch all der kleinen Ebenbilder Lueger's, die jetzt die Majorität bilden — etwas näber besehe», um die Worte, die sie zum Fenster hinausreden, nicht so blutig ernst zu »ehincu. Sein und ihr Streben war es, ä tont. j>, i\ in di. Höhe zu komnieii, de» Bürgermeisterstuhl zu erklimmen, sein und ihr Strebe» wird es sein, aus dieser Höhe zu bleiben, ^niiä des halb schon werde» sie sich hule», elwaö zu ihn», was ihrer Herrsch ifx ein schnelles Ende bereiten müßte, und ■ einzelne Falle .ab gesehen — auch fürderhin in rein wirtb chastlichen Frag n an, deren als rein wirthschaftlichen Erwägungen Raum zu geben. Ein anderes Vorgehen und vor Allem ei»e Bevorzugung des „christ tichen Volkes" auf Kosten der Commune würde sich zu bald rächen und schon ini eist.» Budget Spuren hinterlasse», die sie in ihren Wählcrvcrsammluiigcn auch mit de» großartigsten Worte» nicht auslilgcn könnte». Daß auch in dnsier Hinsicht der „neue Mann" nicht allzu gefährlich werde, dafür bürgt u»s seine Person, das Ueberwiegen des?ein persönlichen Interesses in diciem Eha rakler. Ei» Schmeichler hat am Tage vor der Wahl sich an ihn mit einer Interpretation ieincs Ramens berniig.wedelt und -sich ihm mit einer speichelleckeiijchen Elhymoiogic empfohlen, yach welcher der 'Raine Lueger als „der polijisebc Löwe, ans dessen Höhlkein unehrlicher Gegner nnzerzausl rückkchrt , gedeutet wird. Das. m aber zum Lache». Lueger, der Höhlenlöwe, düritc sich sehr, balg wie sei» Collcga im Svininernachl'träum ais etwas ganz A»d> ,s enlpuppen. Wir fürchten uns nicht und. würde» heuie schau .. >z

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