Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 186 (27.10.1895)
- Date
- 1895-10-27
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 186. - Freie» die nicht bloß in Rußland von Judenfeinden anfgcstclltcn Behauptungen von der angeblichen Gcmcinschädlichkcit der Jude» so interessant und bedeutungsvoll, daß wir cS für angczcigt halten, den Wortlaut dieser Denkschrift wicdcrzstgcbcn. ’ Tie Verfasser der Dentschrifl gehöre» durchwegs -dein hohen russischen Adel an, die im starren Absolutismus ausgewachsen und ergraut sind und denen Niemand, nicht einmal der famose Mechaniker Schneider in der schönen Kaiscrstadt an der Donau, itbcüiiiij}' c Vicbe zu de» Juden vorwcrfeu könnte. Sic wehren sich bloß ihrer Haut. Aber dies erhöht nur de» Werth ihrer Erkcnntniß, daß gerade die Judcnaus ' Weisungen die ökonomische Vage der Provinz sehr verschlechtert 'haben. Die Denkschrift besagt: „Angesichts der landwirthschaftlichen Krise, welche wir gcgcnwäuig durchmachcn und deren Hanplursache in dem steten Fallen der Gctrcidcprcisc zu suchen ist, übt die Beschränkung dcS EontingenIS der Gctrcidchündlcr und die daraus sich ergebende Verminderung der Nachfrage nach unseren landwirlhschaftlichcn Producte», die hauptsächlich auf de» Eisenbahnstationen lagern, wohin die Polizei, den jüdischen Gctrcidchändlcr» jedweden Antritt verbietet, einen vcrhängnißvollcn Einfluß auf die Interessen der landwirthschaftlichcn Bevölkerung der ganzen Provinz. Bei de» herrschenden äußerst niedrige» Gclrcidcprciscn einer- und bei der immer steigenden Theucrung von Arbeitskräften andererseits sind die Gewinne der Landwirthc in den letzten Jahren bis auf ein Minimnm gesunken. Aber selbst dieser minimalen Gewinne sind wir durch W Verschwinden der soliden Eoncurrcnz der jüdischen Getrcidehändlcr, die von der Polizei aus allen Eisenbahnstationen und anderen Ortschaften unerbittlich auSgcwiesen wurden, ebenfalls beraubt worden. Durch diese Sachlage sind wir gezwungen, unsere landwirthschaftlichen Producte weit unter den herrschenden Preisen auf anderen Absatzplützcn, woselbst den Juden der Zutritt gestattet und die Eoncurrc»; durch nichts beschränkt ist, zn verkaufe». Eine solche Ordnung der Dinge, welche die Krise, die wir eben durchznmachc» habe», vertieft und verschärft, versetzt uns in eine völlige Abhängigkeit von der Willkür und dem Gutdünken der in den einzelne» Ortschaften bcsindlichcn Händler, welche ihre vortheil hafte Lage dazu benütze», um nach Belieben die Gclrcidcprcisc sestznsctzcn. Und somit sind wir zu der Ucbcrzcngung, welche auf' E>- sahrung beruht, gelangt, daß die Anwesenheit der jüdischen Getreide Händler ans allen Eisenbahnstationen und in allen anderen Orlschanc» des Gebietes im Interesse der einheimischen landwirthschaftlichen Be völkcruiig im höchsten Maße nützlich' und bcgchrcnSwerlh ist. Auf -Grund des hier Angeführten beehre» >vir uns, die Bezirks-Stände Verwaltung, der doch die Fürsorge um die Bedürfnisse der landwirthschaftlichcn Bevölkerung des Gebietes obliegt, zu bitten, Sc. Erccllenz de» Herrn Gouverneur von Tanricn aufzufordcru, wenigstens während! der sogenannten Getrcidcsaison den jüdischen Gclrcidchänd'.cr», Kauflenlcn, Bevollmächtigten, Beamte» und anderen Angestellten den Ansen»,alt in den Ortschaften: Scitlcr, Kolai, Dschanka, Knrstiia», Kemctschi, Bijok, O »lar:e. zu gestatten." Diese Denkschrift habe» unter Andere» folgende Persönlichkeiten unterfertigt: der AdclSmarschall des Kreises Gchcimrath Koraschaiskij, der LandgerichtSprästdenl Sach nowskij, der Ständcvorstehcr Tolstoi, die Ehrcnrichlcr Rüstig, Knsinin, Schreiber, Korschanow und Werner. Zahlreiche Torsgcincindc» und Marktfleekc» haben ihre Zustimmung znm Inhalte der Ausführungen der Denkschrift ausgesprochen, und in einer außerordentlichen Sitzung der Bczirks-Ständcvcrwallnug unter Vorsitz dcS im Gebiete allvcrchrtcn Generals Nikolai Karakaich wurde der einstimmige Beschluß gefaßt, die Tcnkichrift mit einer Befürwortung > unverzüglich dem Gouverneur zn überreichen. Dies geschah, und hiebei wurde die" Denkschrift von dem Präsidenten der Stünde verwaltung dcS Gouvernements, dem berühmte» sudrussischen Volkswirlhe Pawel Jwanowitsch Schtschliwzcw, persönlich unterstützt. Ter taurischc Gouverneur, erdrückt von den Beweisen allgemeiner Unzusricdcnheil über die JndcnauSweisnngcn und deren veihängnißvollc Folgen für die ökonomische Lage deS Gebietes, schenkte der Denkschrift deS Adels Beachtung und ordnete djc unbeschränkte Zulassung von. jüdischen Gctreidehändlcrn für doS ganze Gebiet an. Jeder Eon, nicntar, den man dieser Thatsache hinzusügen wollte, wäre über flüssig. Die Fürbitte dcS russischen Adels zn Gunsten der Juden spricht deutlich genug für sich selbst. Vertreter stolzer AdclSgeschlechtcr des EzarcnrcichcS bitten inständigst »in Rückberufnng der ausgewiesencn Juden, damit dieselbe» angesichts der traurigen Lage der Landwirth schüft Abhilfe schaffen. Einer schlagenderen Widerlegung der Legende von der angeblichen ökonomischen Schädlichkeit der Inden bedarf cö | wahrhaftig nicht. _ Argus. 8l«tt. Seite 3 Ein Rückblick nu| dit Gtiiitiiivtrüklitzwühlc». l Von einem Mitt glicdc der fortschrittlichen Varlei wird uns geschrieben: Eö wird gewiß von össcntlichc» Interesse sein, zu crialiren, ivelche Faeioten, abgesehen von de» großdn sociälpoliiischen Momenten, für de» antiscinilischen Ausfall der letzten GemcinderathSwahlen maßgeblich iparcn. Vor Allem, wie wählten die einzelne» BcrusSelanen? I» dieser Hinsicht geschieht vielfach besonders den Lehrer» großes Unrecht. In fast sämmtlichen Bcziikcn mit alleiniger Ausnahme des X\T. und XVII. Bezirkes wählte bei- V ehre r st and in seiner großen Mehrheit liberal. Die Abtrünnige» waren zumeist Anslntsslehrer, die sich dem Wahne hingebcn, cS werden ihnen unter einem Regime Lueger soiorl die gebratene» Taube» in den Mund fliege». Von den Staatsbeamten wählten die Post und Polizcibeamtcn Vis zu '.'0 Pereenl antisemitisch: desgleichen auch die Ministcrralbcamtc», während der höhere Richtcr- Itand liberal stimmte;! ebenso twtcii die LandcSbcamlcn in il,rer großen Mehrheit für die fortschrittlichen Eandidate» ein. Tie Hausherren waren in ihrer Majorität im antilibcrale» Vager zn finde».- Tie Angehörigen des Handwerker- und GcwerbeftandeS, von Letzteren insbesondere die Gastwinhe, folgten fast ausnahmslos den Lockrufen Luegcr'S, während ein »amhastcr The» der Fabrikanten und größeren GeichästSlcnte der liberalen Sache treu blieb Was die Wablaetion selbst belrisst, so. muß zugcstande» werden, daß die Trgamiakion .bei d.» Äntiscinilcn eine merklich bessere war wie bei der loriichriltlichen Partei, ^»gestanden muß auch werten, daß die Antiliberalcri schon - - Monate vor der cigeniltchcn Wahleainpagne mir der Aue-sübrnng ilweö FeldzugsplaneS begannen, während cs bei den Liberale» erst in-den letzten Woche» elwaS lebendiger wurde. Am Wabltage selbst.war die Leitung in einzelnen Bezirken von Seite des fonschriitlieben Wablconiit'-s eine äußerst laue, während es wieder in manchen Bezirke» viele Agitatoren gab, die von den Liberalen das Geld nahmen,, jedoch nur antisemitische.Wähler zur-Urne sührtcn. Es ist' säst be schümeud, uiitzntheile», daß im X. Bezirke mehrcre Agitatoren in.it den - ihnen zu Wahlzweckcn zur Verfügung gestellten Wagen Landpartien machten und nach Schluß der' Slimincuabgabe mir der Erzälü.ung'- zurückkehrlon, sie haben unermüdlich gearbeitet und .zahlreickie liberale Wähler zur Urne' gebracht . Unter-solchen Umständen und. bei einer derart »rangclliaflc» Organisation war ein Walilcrkolg überhaupt von vornehercin ausgeschlossen. Es wird Sache der sorticheittlicheu Partei, sein, aus diesen Vorkonimnifseu eine ernste Lehre zu riehen und-schon jetzt daran zu gehen, das lose .Gefüge der farlschrilUichen Partei -»estcr zu gestalten, denn man faitu nicht winen,- was die nächste Zukunst lstingt. So lange wie die liberale Partei wird die anii'emmsche gewiß nicht wirthschaftc», da sich ja eri'ahrnügsgemäß leine enrcme Partei lange am "Ruder zu erhallen vermag; deshalb muß mau schon jetzt rüste», um bei einem cveiztnelle» neuen Kampfe bester ra/bereitet zn sein als bei der letzten Wahl. —»— Ans einet' Predigt des S»s>criiitr»vciilt>l?r. Hünsc.' Anläßlich der Eröifnnng der evangelischen Gencral'nnode hielt Super intendenl Dr. Theodor Ha »ne eine Predigt, in welcher er sagte: Was ist ans der Liebe, der christlichen '.'Nächstenliebe, der allgemeinen Menschenliebe geworden? Tie Liebe ist,bc«r größte Schatz eines .edlen GcmülheS, den» also spricht der- Apostel: Nu» aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größeste »Mer ihnen Welchen Werth hat aber wohl die größte Banknote, wenn st: uti: - Schwefelsäure übcrgossen ist, welchen Werlli der spärliche Rest öen, Liebe im Herzen, Nachdem der größte Thcil van den wie Sch:ve>el säure wirkende» Leidenschaften des nationalen, eousest'ioue.len und socialen HasieS zersetzt und zerfressen ist? Ist eS dein: nicht -io weil gckonlmcn, daß Viele vviz. denjenigen, welche noch an d.r allgemeinen Menschenliebe fcsthalten, sich geradezu schüuicn, tie'elb. esteniliät zu bekenncdk? l PtrliafkNIig Schwrilllltlgcn S. > I»/Berlin wurden, nste . wir scinerzcit berichtet haben, wegen.Beleidigung des vtenßncheu Finanz. Ministers ,Dr. Miauet der antisemitische Skribent Ludwig'.August Friedpich S chw cin hage», genannt Schwennhagen, zu einjähriger Gesängnißstrase, sei» College Rndolr Heinrich P l a ck - P o d g o r s k i zn einem Jahre neun Monaten Gefängniß und der Buchhändler - Gustav Adolf Dewald zu drei Monaten 'Gefängniß vcrurlhcili. Schwcinhagen war die .scchsmouakliche Untersuchungshaft in die Strafe eingerechnet tvorde», io daß er noch sechs Monate. Gefängniß abzu büßen gehabt hätte. Er entzog sich aber dem Strafantritte durch die Flucht und wurde seither steckbrieflich verfolgt. Am 22. d. M. Vor- - ipiktagS ist nun Sä>wcinhagen auf Requisition des Berliner Gerichtes in Wien, Jofefstadt, Brcitenfeldcrgatse Nr. 2l\ stiz. Hast genommen - und dem LandcSgerichtc cingeliefert worden. Ei»t wohlvcrdiciltc Absrrtistllllst. Der RcichSrathS- und LandtagSabgcordnete Profcsior Bendel hat zur Abwehr „teutsch-volklichcr"