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Freies Blatt · 1895-10-27 · 186 (27.10.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
186 (27.10.1895)
Date
1895-10-27
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Nr. 186. rette 2 Freie, Blatt. fr:» /vchlcr begangen, den Antisemitismus sozusagen mit Haut und Haare», in seiner ganzen erbärmlichen Gemeinheit ans die Bühne zu bringen, lind dadurch den künstlerischen Charakter seines Stückes vollfländig erschlagen. Tic Behörde that noch ein UcbrigcS, indem sie — essenbar! ans zarter Rücksicht für unsere jüdischen Mitbürger — aus dem Stücke das Wort „Jud" ausmerztc, wodurch der Sache obendrein noch die Spitze abgebrochen wurde. Der Mißerfolg Wimmer's mit den „Wiener Feiertagen" scheint unsere heimischen Tramatiker von weiteren Bersnchcn niil diesem dankbaren Thema abgcschreckt zu baden '.•Iiiii bat ein Berliner und ein Meister des Bolksstückcs obendrein, VÄrrouge, den Bcriuch mit .Pastor Brose" erneuert, und wir , türsen wobl lagen: mit glänzendem Erfolge. Pastor Broie ist ein Geistlicher vom guten, alten Schlag, ei» Mann, der ganz in seinem Berus als Sceienhirt ausgeht, ein Mensch obnc Härten und Kanten, fromm ebne Zelotismus, kein politisch Viberalcr, aber doch aufgeklärt, freisinnig und duldsam genug, um der von Muckern und reichen Junker» geschürten Bewegung gegen den voliii'chen Freisinn lies aut den Grund zu sehen und ihr voll Ekel den 'Kücken tu kelireu weiter ninß der gute Mann an seinem eigenen irlei'ch und Bltil, an seinem Sobnc Hermann, einen ganz besonders prächtig ausgewachsenen Tvpns dieser selben Geistcsrichlnng betäuiv'en. Ter .Candidal' der Theologie Hermann Brote denkt nicht da:an. wie >'e:n ehrwürdiger Bater ans einem elenden Torfe zu vcri;ni!r;i und '.belang den Bauern das Evangelium der,.Viebe zu pred:a.n. Krai.ke zu trösten. Hadernde zn versöhnen, einen sorgsamen Air: 'ar d:c kleinlichen Veiten kleiner Seelen abzngcbcn. Er will nach herühmte» Mustern böbcr hinauf, er bat als moderner Mensch Bcdu.'n.ne >u:d Talente, die ihm zur Befriedigung dieser Bcdürsiiisie rerb.l'eü Ter geistliche Stand ist ihmnicht wie seinem"Bater H.-.rel'sbcrnf n»d Selbstrweck, sondern Mittel zum Zivcck. Er weiß, dast I u:e nach geistlichen' Agitatoren, welche die Kanzel in den Ticnst einer b aden Clwnenvolikik zn stellen geneigt sind, große Rachtrage ist, und er ist-bereit, «ich gur r» verwerthen. Mit glanzenden (ilaben des >^e:st s und weltmännischen Formen ansgcstattct, wird er bald einer de: i'.nistb.'tubelkcii Kreuzprediger gegen die Freisinnigen und Juden in den Bersammlnngen des Buntes der Vanhwiribe und eure von den l ochadeligcn Tivoli Venren gesuchte, gehätschelte lind umichmcichcltc P 'eiou Einer dic'cr Agrarier, Baron Zcllendors, hat ihn als Erzieher < Hinter in »ein Schloß ausgenommen und will ihn für große' T tilge ro: bereiten. Hermann träumt von einem Mandate, von einer Ilniverstiärspro'ess»'.-, vielleicht denkt er, Hoiprediger zu werde», so eine A:i Stecker Sr ist der vollendete TvpnS des begabten, aber hcrznnd ac!N!i!i:Io>'cn, wenn es sein muß, auch schamlosen SircbcrS, den wir la :u 'einen verschiedensten Iiiearnationen seit der anti'cinilischcn A.:.r nur zu oik und zn gut kennen gelernt haben. Hermanns Mutter, e::ie gute, aber herrlich einfältige Frau, sicht natürlich nach Muttcrart : e-n aüed.'m u.chlS oder versiebt die'Tinge wenigstens nicht bester- und stchwe.gi im Entrücken über die Triumphe HermännchenS, während dem alt.» »chlichren Pastor vor der l»'onühnlichkcir seines Sohnes cinigcrn:aßen lange ist Tas Vob, welches der tresflich gezeichnete Agrarier Baron .-pellende-:'' dem Wirken Hermanns zollt, ist nicht geeignet, Pastor Bro'e trenndlicher für seinen Sohn zn stilnmen, n»d just in e: >:r Stimmung muß er von einem ganz gelinden Schurkenstreich erde!l Hermann verübt. Er hakte sich hinter dem Rücken seiner S ter:: mit einem Mädchen verlobt, das eie für reich gehalten, und itiin. da sich dl.'e Voraus'cvnng nach dem plötzlichen Tode der Mutter ' :::'g l-eraussteilte, hak er sie vertanen, wie man ein gelesenes Blich rnr S^'.i-' legt Znm Glücke muß der alte, tiefgebeugte Pastor Brose!t:el>i auch er'abt-en, was als furchtbarer Verdacht an dem Herzen der r erlassenen B:au! nagt, daß Hermann eigentlich mir ihrer Mutter '.:: r l.b.»si»i'ugen Tame. durch zärtlichere Bande verknüpft war und '. ansgehalte» wurde, während sie, Grctchen, den Beiden bloß - - Ri aiwr dienen innßre. Was Pastor Brose aus dem.privaten Veben '-.u.s Solmcs erfährt, reicht bin, den arinen Mann aus alle» Himnieln väterlich.» Hokfiiung zu reißen; mit der würdevollsten Srlbstvznng bitter, be'chwöri er Hcrinann, andere Wege zu gehen, ' zeistl-chen Berufes zn gedenken und sein Glück statt in äußeren : - : und lnstiaen Tagen in der eigenen Brust zu suche» Als el. der hoffnungsvolle Sohn dem greisen Manne ebldn.chl am:- Borle»'nug über die „politisch-n und socialen Bc- : n - v rge", zieht er dem Bater mit kühler Ronchalance u c .;■• : n ' "'» .»erneut V-.be» weg und zeigt ihm eine vor- ' : : . : : uich'-ul dadivgesp'ertrErislenz. Woran der alte Mann ^'.,'.i!Ntl. und- Zarrge'ühl auch nur zu denken sich kaum das ' li* .iuläuilite. das legt der crbarmungS- und rücksichtslose, frühreife Biv.'-ch: :v:l der ruhigen Hand eines Anatomen bloß. Tics ist gewiß d e Enlmtnatlc.isvunkr der dramatischen Entwicklung Man hat es wohl schon heraus, worin die Stärke dieses Stückes liegt. Ter AiitiscmitiSnins ist überall und nirgends. Ungenannt geht er durch daS ganze Stück in der Figur dieses »icistcrhaft gezeichneten Vertreters einer. intcUigcntcii, aber frühreifen, Herz- und gemüthlosen, im Uebergenuffe vorzeitig angefaulten Jugend, die vom redlichen Streben längst zum scrupclloscn Strcbcrthui». übergegangcn ist. L'Arronge hat uns den gesellschaftlichen, den familiären und persön lichcn Riedcrschlag dieser, gcmcinhin Aniisemitismus genannten GeistcSrichtung gezeigt, den politischen AnlisemitiSiiiuS hat er vor dem Theater gelasicn. dkur hinter den Eonlisien spielt sich „beim rothen Schien" eine antisemitische Versammlung ab, bei welcher cS in Folge einer aufreizenden Rede Hermanns zu einer regelrechten Keilerei kam. -Ein armer jüdischer Hausircr, welcher als einziger anwesender Vertreter des „auSbeutcnden und capitalistischen Jndenthums" nur knapp einer ordentlichen Prügclsuppe entrann, erscheint ans der Bühne, und auch die Gegner können nicht behaupten, daß L'Arrongc in dieser Figur eine LKrhcrrlichnng des Jndenthums angestrcbt und erreicht hätte. Versucht doch Sam ans der Bühne ein ganz kleines Attentat auf die schwache,; Rechenkünste der Fra» Pastorin; aber als der Hausircr ein paar Augenblicke später mit einfacher Rührung erzählt, wie sein einziger auf den französischen Schlachtfeldern znm Tode verwundeter Sohn »och mit slammcndcn Blicken die Botschaft von der Aufrichtung eines großen, einigen, deutschen Reiches anhörte, »m dann sei» Haupt zur ewigen Rnhe zu neigen, und wie Sam dann traurig hinzusctzt, fein v Kind wäre wohl nicht so selig gestorben, hätte cs gewußt, daß man seinem greisen Vater einst das Hcimatsrccht in diesem einigen Tcutschland streitig machen werde da ging durch das Haus ein Sturm des Beifalls über diesen selbst aus dam Munde eines, »linderwcrthigen Vertretersdes Jndenthums überzeugenden Protest gegen den AntiscmitiSinnS. Tie Handlung des Stückes endet ebenso einfach, wie sic geschürzt ist: Hcrinann erlebt einen HinauSwnrf durch seinen politischen Gönner Baron Zcllendorf, weil er cs gewagt, zn dcffcn Tochter emporznblickcn und der armen Baroneffc den Kopf zu verrücken. In der darob etwas hcrabgcmindcrtcn Stimmung, welche durch den Ansgang der obbenannten Versammlung »och perschärst wurde, will Hermann zu Grctchen zurückkehren, ninsomehr, als dies dör einzige Weg ist, sich nun wenigstens das väterliche Hans wieder zu erschließen und als in greifbarer Ferne doch auch ein materieller Erfolg ans dieser Verbindung winkt. Allein Gretchen lehnt die. ihr zum zweitenmale gebotene Hand Hermanns ebenso höstich als entschieden ab und reicht die ihre einem anderen kreuzbraven Manne, der Arm in Arm mit seinem Vater als originelles Rebenpaar durch das Stück gewandert. Ter Tichtcr hat wenig Rafsinement auf die Jntriguc und alle seine Kunst auf die Charaktere verwendet, die mit meisterhafter Schärfe und Raturwahrhcit gezeichnet erscheine». Bei der Art und Weise, wie sich V'Arronge den. AntisemitismnS zurcchtgclegt, nämlich als psychologisches Problem, konnte dies nicht anders sein, und reichliche Unterstützung fand er hierin bei den Künstlern dcS Tcntschcn VolkstheatcrS. 'Allerdings hatten sowohl Tichtcr als Schauspieler an Modelle» zu Ratnrstudieli keine Roth. e. v. /.. Der russische Adel zu Gunstell der Duden. lTriginal Miliheilnng des „Freien Blattes".) Petersburg, Mitte Lctobcr. Während die Häuptlinge der hiesigen Judenfeinde gerade in der jüngsten Zeit das Märchen von der angeblichen Schädlichkeit der Juden.i» ökonomischer Hinsicht ansfrischen, während jeder Tag mene Maßnahmen gegen die Juden bringt, während die Rcgierungsbcanitcn, die hohe» wie die niedrigen, alle nur erdenklichen Kniffe an - wenden, um die russischen Unterthanen mosaischer Confessio» als Schädlinge darzustelle», erhebt sich eine mächtige und autoritative Stimme zu Gunsten der Juden, welche die Insinuationen der Judenfeinde in unzweideutiger Weise zurückweist und unzweifelhaft nicht ohne Einfluß auf die Eindämmung der Ausfälle gegen die Jude» bleiben durfte. Es ist dies der russische Adel von Pcrekop, welcher gegen die Zeitströmung den Mnth hatte, in einer durch die Stände verwaltung dieses Gebietes dem Gouverneur von Taurien überreichten Tcnkschrist die ökonomische p'age der Provinz in Folge der Inden» answcisungen grau in Grau zu schildern und für die Aufhebung der gegen die Juden verfügten RiedcrlassnngSbeschränkung energisch einzutreten. Tie Ausführungen der Tcnkschrist sind mit Rücksicht auf

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