Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 185 (20.10.1895)
- Date
- 1895-10-20
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 185. Freie» Blatt. „Eist nur eine Betäubung," sagte er, „ein starker OhnmachtS, anfall, herbeigeführt durch starke seelische Erschütterungen oder durch heftigen Schreck ..." „Und wird sie genesen?“ unterbrach ihn der König, indci» er sein Auge mit banger Frage aus das Angesicht des Arztes richtete. „ES ist keine Gefahr für das Leben vorhanden," entgegnete der Heilkünstler, „aber die strengste Ruhe thut nolh, da die Kranke durch irgendwelches Seelenleid geschwächt erscheint. Doch jetzt gestattet, gnädigster König, daß ich mein Erscheinen an Eurem Hofe rechtfertige, da ich in Euren Augen Verwunderung darüber sehe. Ich befand mich gerade auf dem Heimwege von einem Kranken, als. mir königliche Diener in den Weg liefen, in deren Miene» sich höchste Angst auSprägte. Da, dachte ich, muß ein Unglück geschehen sein, und rasch entschloß ich mich zu fragen und »öihigcnfallS meine Hilfe an« zubieten. Die Diener iiikincS königlichen Herrn , berichteten mir, daß hier im Schlöffe Jemand schwer erkrankt sei, daß sie auSgcsandt waren, Aerztc zu holen, diese hätten sich geweigert zu koininen," hier stockte er, „weil der Bischof Euch in Bann gclhan hat So eilte ich denn hieher, was ich zu verzeihen bitte. „Ich danke Euch," sprach der König mit gepreßter Stimme, „und ich will Euch den Dienst, den Ihr mir heute erwiesen, reichlich lohnen." „Verzeiht, Herr König," gab der Arzt zur Antwort, sein Auge frei und offen in des- Königs Antlitz senkend, „vergebt, wen» ich dafür keinen Lohn begehre. Ihr wäret unS Juden stets ei» gütiger Herr, und wenn wir in anderen Ländern um unseres Glaubens willen verfolgt und verhöhnt, wurden, so hat. uitS Euer Land stets gastlich ausgenommen, und wir durften unter Eurer weisen Regierung ungehindert dem Glauben unserer Väter treu bleiben. Darum, Herr König, sind wir Juden Euch treu ergeben, und wenn cS in den Kirchen verboten ist, für Euer Wohl zu .beten, so senden apc fromme» Juden täglich und stündlich heiße Gebete zu Jchovah empor, auf daß er Euch segne und beschütze!" Vor dem Geiste BoleSlawS erschien in diesem Augenblicke gleichfalls die Gestalt eines Juden, aber wie ganz anders hatte jener ge sprachen. Dieser da, vor ihm, lobte seine weise Regierung und segnete sein Haupt, und jenex Andere, der hatte ihm geflucht und alle Quälen der Hölle auf sein Haupt herabgesleht — und da tauchte plötzlich der Gedanke in ihm auf, ob sich der Fluch dcS fanatische'» Juden nicht am Ende schon erfülle. War er nicht geächtet, und mieden ihn, den König, nicht schon die Menschen, ja sogar seine bezahlten Diener, seine Aerzte verweigerten ihm hen Gehorsam. Er aber wollte ihnen zeigen, was eS hieße, sich gegen seine Macht aufzulchnen: knechten wollte er sie und unterdrücken, diese räudigen Hunde, die das gewagt! Oh, er würde sich keineswegs von der Kirche unterdrücke» lasse», die ja jetzt ihre Macht auSdehnte über alle Mächtigen und vor Fürsten iticht zurückschreckte und auch nicht vor Kaisern und Königen. Der Arzt war noch einmal an die Kranke hingetrelen, und jetzt wendete er sich zum Gehen. «Sic schläft," berichtete er dem fragenden Blicke dcS Königs, „und eS ist ein wohlthuendcr Schlaf, aus dem die Jungfrau gestärkt wieder erwachen wird. Nehmt mir nicht übel, Herr König, wen» ich vorhin so frei geredet, aber in unser Aller Herzen lebt ein Gefühl heißer Liebe und Dankbarkeit für Euch, und," setzte er fort, „denkt unser! Wenn Ihr einst Freunde bcnöthigt, so sucht sic bei de» Juden." „Kommt wieder," sagte der König, „vielleicht bedarf die Kranke noch Eurer Hilfe. Und nennt mir Euren Ramen." „Man nennt mich Barüch Manaffe, und jedes Kind kennt meine Wohnung," gab der Arzt zur Antwort, indem er, sich tief vor dem König verneigend, zur Thüre hinausging. * * * Das waren böse Tage, die jetzt über Krakau hercinbrachc», und wie ein düsterer Nebel lag eS auf den Gemüthern; gebeugt von der schweren Last, die auf ihnen ruhte, irrten die Bewohner KrakauS durch die Straßen. Aller Handel stockte und alle Lebensfreude war aus den Mauern der Stadt getvichen, die jetzt einem ungeheuere» Todtenacker glich; und wahrlich, auf einen Friedhof konnte man sich versetzt glauben, wenn man diese Menschen sah, die wesenlosen Schemen gleich an einander vorbeigingen, ohne auch nur einen Gruß zu wechseln; denn das Grüßen auf der Straße war in der Stadt, in welcher ein Geächteter lebte, verboten, sowie jede Lustbarkeit und jedes Fest untersagtwar. Und wer hätte auch in solch schwerer Zeit Sinn und Lust gehabt, an eine Festlichkeit zu denken; war doch auch die Taufe der Neugeborenen untersagt und nur auf dringendes Bitten der Eltern gestattet; die Trauungen, wenn Jemand in dieser bedrängten Zeit ans Seite 9? Heiraten dachte, mußten auf dem Gottesacker vottzogcu werden, und was daö Entsetzlichste war und die Gcinülhcr mit grauenvollem Entsetzen lähmte, die Tobten dursten nicht bestattet werde» Und die Leichen, die man doch in den Häusern nicht lassen konnte, lagen oft tagelang auf den Straßen oder im freien Felde, Täglich erschollen um die drille Stunde alle Glocken der Stadt zum Zeichen, auf daß die Gläubigen /init dem Angesicht zur Erde fallen und de» Heiland um Frieden und Erlösung a»S dieser Nöth ■ bitten. ■ ' Tie Messe wurde »ur insgeheim und bei erschlossenen Kirchen thüre» gelesen, die Heiligenbilderherabgcnoinmcn und die Altäre entblößt, ebenso durste man keine Fleischspeisen genießen nnd sich nicht Haar nnd Bart schcercn laffcn, Einer dem Anderen keinen FriedcnSkuß geben, und man mußte sich jeder Freude und jedes Genusses berauben, bis der Geächtete Buße thue nnd der bciligcn Kirche gehorsam sei. . König BolcSlaw wehrte sich wie ein Verzweifelter, nnd in diesen Tage» schwerer Pein und Besorgniß trat sonnenklar die ganze Heldenhaftigkeit seines EharaklcrS hervor, und die wenigen «betreuen, die zu ihm hielten, mußten staunend den Mnth und die Stärke seiner sieghaften Persönlichkeit erkennen und bewundern. Leider aber waren der (streuen wenige nnd itv- ,-salil eine zu geringe, um de» Kampf anfznnchnie» mit cinenl io mächtigen Gegner, wie cS die Kirche war, nnd BolcSlaw mußte cS nur zu bald ein sehen, daß er unterliegen müsse, fall« ihm nicht eine unerwaricle Hilfe würde, und ans diese hasste er.; - Täglich hoffte er aus die Rückkehr seines Bruders WtadiSlaw Hermann, den er »ach Ungarn gesandt hatte um Hilf-- zum .König LadiSlauS, nnd je mehr sich der Bewohner van Krakau Groll und Bctiübniß bemächtigte, desto heißer enlehtc der stolze König, daß ihm Beistand werde und Errettung ans einem so schinäblichcn Fache. Aber die Tage verstrichen, und die Hilfe kain nicht Bange Per zweiflung ergriff die Herzen seiner Umgebung, des streuen Wladiwoj, sowie des seinem Könige in alter Verehrung anhängenden Kanzler« und deS biederen Recke», de« Grafen Jaramir von Podee. als sie -den täglich wachsenden Unmurh de«.Volke« nnd die liämikche Schadenfreude der abgefallencn Edle» sahen, .und nur der König allein stand aus- ' recht und trotzte dem silm umringenden Sturm. Und wenn hie und da Lea oder der Kanzler ciuc leise Andeutung wagten, trotzdem ihnen dies selbst da« Herz zerreißen mochte, von einer Annäherung dcS Königs an die Kirche, da erfaßte ihn grimmer Wulh, -und er schwur hoch und heilig, nicht »achzngebcn und nicht zu ruhe» und zu rasten, bis er gerächt sein nnd der stolze Stanislaus sich vor ihm gcdcmüthigl haben werde. Und seine Augen glühten in edler Begeisterung, nnd in feurigen, beredten Woxten schilderte er seinen (getreuen ihren endlichen Sieg und seinen Triumph! „Ihr werdet sehen," sagte er zu seiner Umgebung, „der Pfaffe wird am Ende doch nachgcbcn müssen: laßt nur erst WladiSlaw Her mann an der Spitze eines großen HcercS von Ungarn heimkchren, und dann werdet ihr sehen, ob cS mir nicht gelingen wird, wieder, die Oberherrschaft zu erlangen über den trotzige» Stanislaus und ihn. zur Lossprechung zu zwingen!" Wohl schüttelten die Getreuen ungläubig ihr Haupt, wenn sie den thcuren König io siegcSfroh sahen, sic selbst aber halten in diese» schweren Tage» jedwede 'Hoffnung verloren, daß ihnen Erlösung ivekte aus dem unerträglichen Joche, und daß die Schmach hinwegg.'nommen werde von dem Haupte ihres Herrn nnd.Königs: aber sic verschlossen ihre Hoffnungslosigkeit tief in ihr Inneres, um den ohnedies idiiucr Geprüften nicht vollend« zu enlmuthigcn und ihir nicht ' ~ ’>.'i'Vtiiiig«* strahlcS zu berauben, der ihn belebte: wenn sie aber m, K. nig vcr - ließen und allein waren mit ihrem Leid,, dann brach der ganze zurückgedäninilc Jammer los, den sie im Herzen trüge», und sie lehnten-» sich mit lazitcr Klage auf gegen das «beschick, das einem solchen Manne, wie BolcSlaw cS war, ein solch 'chwercS Los befchitden. _ „'Ihr sollt eS sehen," sulir der König fori, indem er mehr mit sich selbst denn zu seinen Vasallen sprach, „die Welt nennt mich den Kühnen, wahrlich, ich will der Well zeigen, daß ich mit Recht diesen stolzen Name» trage! Ich will nicht, daß man von mir sage: Seht, dieser BolcSlaw, welcher sich der Kühne nannte, hat sich doch erniedrigt vor einem schwachen Pfaffen und hat Buße gethan nnd sich gekrümmt nnd. gewunden gleich einem getretenen Wurm. Nein! Kommende Geschlechter sollen meinen 'Namen mit Bewunderung auSsprccheu, und nicht der leiseste Makel haste an dem Ruhme meines 'Namens. Und fern sei cS von mir, meinem Lande die Schmach anzuthu», daß cs hieße: Der König hat gekniet und um Gnade gesteht wie König Heinrich vor Papst Gregor nnd der Grasin Mathilde. 'Nein! Und ich will den Bischof zwinge», mir zu gehorchen, und,"