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Freies Blatt · 1895-10-20 · 185 (20.10.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
185 (20.10.1895)
Date
1895-10-20
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Nr. 185. Seite 8. .freies WörtDen corhcr alS einem Manne spricht, der sich um seinen König .verdient gemacht hat. Tie Anmerkung nun wird Herrn Tr. Stumme ,m Freien Blakte"' als ankiscmitisch tendenziös vorgeworfen. Mir - liegt das Buch vor, ich habe das ganze Märchen genau gelesen. Und wen» ich nun auch dem Slritifer im „Freien Blatte" beistimme, daß die Anmerkung de? Herrn Tr. Stumme völlig unbegründet ist, daß nach dem ganzen Gang der Märchcncrzählung nichts ihr Berechtigung verleibt, so kann ich doch hinter diesen recht harmlosen paar Zeilen nichts Antisemitisches wittern. Ich sch« in ihnen vielmehr die Verirrung eines Gclebrtcn, der, seinem Stoff ganz hingegeben, möglichst viel, hier zu viel, zu denen Jnterprctirung beizutragcn sich bemüht, obnc dabei im Entferntesten an einen Effect seiner Glosie auf daS Parteitreiben heS öffentlichen Lebens zu denken. In der Thal war Herr Tr. Stumme durch die Auslegung seiner Anmerkung und durch die ganze Art, wie man ihn behandelte, aufs Peinlichste überrascht. Er erklärte einem Freunde gegenüber, daß ihm irgendwelche rendenziöt'e Absicht f e r n g c l e g e n sei, d a ß i h m ü b e r h a u p t antisemitische Gesinnung und B e st r e b u n g ganz f r e m d ■ fei. Es märe auch wirklich thöricht, wenn ein Semit ist Antisemit sein wollte. Ich kann Sie versichern, daß in sämmtlichen Märchen des Tr. Stumme trotz sorgfältiger Prüfung nicht eine Spur von Antisemitismus zu findxn wäre, wohl aber noch manche andere naive, '.vunderliche Randbemerkung. 8. Ackcrbanlninisltr Jermolow über die jüdischen Ackerbau coloilirn. Aus Petersburg schreibt man uns: Seinerzeit haben wir dem ..Freien Blaue" mikgctheilt, daß der rufstschc Ackerbauminiftcr I c i in olow, ein aufgeklärter und humaner Staatsmann, eine dreigliedrige Eoinmission nach den jüdischen Ackcrbaucotonicn in den '■ "'rnvernements (St) et ton und Iekaterinoslam entsendet hat, ' um die Gerüchte über den schlechten Stand der Colonie, welche vom Ministerium des Innern auSgingen, auf ihre Stichhältigkeit zu prüfen. Ter Rechenschaftsbericht der Commission über ihre Inspectionsreise bar nicht nur die Gerüchte schlagend widerlegt, sondern auch den b.übenden Zustand der Colonie dzirch ziffermäßige Taten bewiesen.; Tie jütischen Eolonisien haben nunmehr an Geheimralh Jermolow ein neueS Genich gerichtet, in welchem ne um Ausschließung der Colonien aus dein Rcnort des Ministeriums deS Innern und um Zutheilung an das landwiribschaftliche Tevarrcment des Ackcrbauminisleriums baren. 'Tiefe Bitte, welche die jüdischen Colonisten schon unzähligemale erfolglos rsrgebracht haben, soll nunmehr, wie die „Nowojc Wremja" meldet, in - Erfüllung geben. Geheimralh Jermolow hat die Uebernahme der indischen Ackerbaueolonien in sein Renort erwirkt, so daß aut dieselben nunmehr das für alle Aekerbaucolouien im Reiche geltende Gesetz ausgedehnt wird Tadurch werden die jüdischen Ackerbaueolonien von einer Reche von Beschränkungeu und Ausnahmsgesetzcn befreit, welche das Miulsierium des Innern geschaffen halte. Abgesehen davon, wird jetzt ' den iüdi'chcn Colonisten das Recht, Grund und Boden beim Aerar und bei privaten Personen zu pachten, rückhaltlos eingerüumt werden. Tie Woblchak dieserIlliaßnabme für die jüdischen Colonisten ist äugen-! ’diemlid):. aber eS ist jetzt auch ofsiciell dargethan, daß die jüdischen Ackerbaueolonien sich in einem blühenden. Zustand befinden, sonst würde G.üeintraih Jermolow, der die Wahrheit höher denn Alles stellt, die Billen der jüdischen Colonisten nicht erfüllt haben. u. Tie Tbcilnabmr Der JuDcn an Der Ausstellung i» 4tischue- LtowfloroD. Aus Petersburg wird uns ferner geschrieben: Wie Pneu milgelheilt wurde, haben die Handelskammer und die Kauf- :::a.nifckid.ft von R l s ch n e - R o w g o r o d in einer Versammlung beschlösse::, die Juden zur Theilnadme an der 18'ZZ in Nischne-'Nowgarod zu eröffnenden allrufstfchen Ausstellung zuzulaffen. Ter Beschluß wurde damit motivirt, daß die Kaufmannschaft von der Redlichkeit ' und von dem günstigen Einstuß der Juden auf Handel und Industrie ) überzeugt fei. Ta jedoch die Frage von der'Zulassung der Juden zur; Ausstellung nur com Ministerium des Innern entschieden werden kennte, sendete die Handelskammer den bezüglichen Beschluß an u T u r n o w o, mit der Bitte, er wolle denselben bestätigen. Tas M:.ststerium des Innern befragte daS Finanzministerium um deffen ng über die Nützlichkeit der Juden für die Ausstellung, worauf Antwort erfolgte, daß das Finanzrestort gegen die Zulassung von .U:: n v.chts;in;utsenben habe. Erst auf Grund dieses Gutachtens gen.biv.ig'e Herr Turnowo den Beschluß der Nischne-Nowgoroder j Hande.skrnimer und verfügte, wie die „Nowoje Wremja" meldet, daß i den ndi'chen Ausstellern alle Rechte, welche christliche Aussteller bei ''•3:11, nnzeräumt werden fallen. a. ] itr Atodr kann gehen.> Aus Charkow wird uns geschrieben: Iufowka, >enl Cenlrum der Metallindustrie Südrußlands, wurden die Juden im Aufträge des Czars Alerander II. angesiedclt, un: die damals noch junge Industrie des Tongebietes zu fördern. Ta Blatt. daS Tongebiet als außerhalb des jüdischen Riedcrlasiungsgebiets liegend den Juden versperrt war, so wurde damals auf Ansuchen der christlichen Fabrikanten die Zulassung von Juden zum Aufenthalte im Tongebiete gestattet. Was aus Jusowka seit der Ansiedlung der Juden daselbst geworden ist, daS kan» jeder ehrliche Rusie bezeugen. DaS kleine Nest, wo früher nckr wenige Fabriken ein kümmerliches Dasein fristeten, entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einem gewaltigen Handels¬ und Jndnstriecentrum, welches ganz Rußland mit seinen Fabricaten versieht Und Alles dies hat Jusowka nur den Juden zu verdanken, die mit Mühe und großen Geldopfern diesen Aufschwung herbeiführten. 'Nunmehr kommt der Dank vom heiligen Rußland. Wie die ofsiciellen „Charkowskija Wjedomosti" melden, hat die Ständevcrwaltung von B a ch m u t, deren Competcn; Jusowka untersteht, an die maßgebenden Behörden vfnciell das Ansuchen um Ausweisung aller in Jusowka lebenden Juden gestellt. Die Gubernialvcrwaltung hat diesem Ansuchen ihre Zustimmung bereits crtheilt, und jetzt bedarf es nur noch der Bestätigung deS Ministeriums des Innern, um Gesetzeskraft zu erlange». Bes der bekannten antijüdischen Gesinnung des Herrn Turnowo unterliegt cs wohl keinem Zweifel, daß er diese Bestätigung ertheilen werde, und so können die Juden von Jusowka gewärtigen, daß für sie bald die Stunde der Ausweisung schlagen werde. Der Mohr hat seine Schuldigkeit gcthan, der Mohr kann gehen. 21us antisemitischen Vereinen und Versammlungen. (Vom »klitn Gemeindcrath.» Ter neu erwäblie, ii? seiner Mehrheit antifemitifcfie Wemeinteratf) von Wien dürüe noch in den letzten Tagen des Tciober oder Anfangs November zu seiner ersten Sivung einberusen werden, in welcher man sofort zur Wahl des Bürgermeisters schreiten, wird, lieber das Arbeitsprogramm dieser' vorwiegend anliieinilischen Versammlung liegen bis jetzt wenig Mittheilungen vor. Zn erüer Linie düislen die Antisemiten, wohl eine Revision deS GemeindestatulS sorciren. Unter den vielen Lchlagworien der antisemiiischen Partei figuriet seit Jahren daS Geschimpfe auf de» Lladiraih. Die wurde derselbe im Gemeinderalhe heruntergemacht, und wie erst in den Versammlungen! Ter Grund war einfach der: Man halte' den Antifeiniteii, tun nicht im Sladtralhe dieselbe jede Arbeit hemmende Vielrednerei zu haben ivie im Gemeinderalhe, nicht die gewünschten sieben oder acht, sondern nur zwei oder drei Mandate angeboten, was alS zu wenig befunde» wurde. Alfa fort mit dem Stadtrathe! Man rechnete auch bereits der Bevölkerung vor, daß mit dessen Aushebung viel Geld gespart würde, denn 22 X 3000 st. Ott OOO fl. Wenn nun auch diese Summe bei dem 10 Millionen.Budget nicht schwer ins Gewicht fällt, so bat >a der Gemeinderath doch He Pflicht, mit den Steuergelderu zu fparen. Zst'S denn aber dem Lueger wirklich gar so sehr lim daS Sparen zu chun'? Mit Nichten. Es sind ganz, andere Gründe, welche ib» veranlassen, dem Stadlrathe so feindlich gesinnt zu sein. Man weiß das aus seinem eigenen Munde. Lueger äußerte sich einmal ganz offen, daß es ihm nicht einfalle, seine Partei durch den St a nt p f ,1 in d i e S t a d t r a t h S m a n d a t e in ähnlicher Weife zerfahren zu mache n, wie es angeblich in der liberalen Partei geschehen sein soll. Nicht 22, wildern Zeder foll an der Krippe stehen und etwas haben. Lueger will niimlich, falls er die Aushebung deS Stadtrather dnrchzusetzen vermag, die alte SectionS- und. Eommissionswirthschaft von ehedem wieder Herstellen, nur mit dem Unterschiede, daß Präsenzmarke» cingesührt werden wie bei den VerwaltuilgSräthen, io daß es also stall 22 bezahlter Stadträthe 135 bezahtte SectionS- und Commissionsmitglieder geben wird, während früher die betreffenden Stellen als Ehrenstelle» betrachtet wurden und ohne Vergütung blieben. So sieht er mit der Erfvarniß bei der Aufhebung des StadtratheS aus. Welche» die Folgen Meter „Ersparnis;" für die Administration feilt werden, ist aber eine andere Frage. Mit der Vergrößerung Wiens ist auch die Last der Geschäfte gewachsen, und darunter ' sind gar viele, Pie einer sofortigen Erledigung bedürsen. Tas kann nur durch eine permanente Einrichtung ersolge», wie eS der Stadtrath ist. .Tazu kommt noch, daß die Verwaltung durch die Entscheidung zufälliger Majoritäten, wie sie in solchen Sectionen sich zusammen finden, nothwendig leiden müßte. Wir glauben auch gar nicht, daß die Regierung ihre Einwilligung dazu geben wird, daß der Stadtrath beseitigt werde, weil er eben eine Nothwendigkeit geworden ist, und dann steht der Majorität des GemeinderathkS eine harte Probe aus die Selbstlosigkeit jedes Einzelnen bevor. OMuth'S Nachfolger im Landtage.) Zum Nachfolger Muth's im Landtage wurde im Wahlbezirke HernalS-Tulln - Klosterneuburg der Zimmer, maler Steiner gewählt, derselbe, welcher Töbling im Gemeinderathe und die Landstraße im ReichSrathe vertritt. Held Lueger, deflen 51. Geburtstag den Antiiemiten nun wieder einmal Anlaß gab, an einer demonstcativen kirchlichen Feier und nachher an einem opulenten Festmahl theilzunehmen, dürfte dem von zahlreichen strebsamen Genoflen beneideten Steiner auch einen Bice-Bürgermeister-

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