Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 185 (20.10.1895)
- Date
- 1895-10-20
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 4 Freie» Blatt. Nr. 185. lichkkik ist doch nach dieser Seite hin am meisten geschehen. Denn im Grunde ist der Kampf bis jetzt ein Kampf des. kleinen ManneS und der mittteren Stände gegen die Großmächte de« Gelbe« und seiner Herren und Sklaven geuu-ni. Ter sociale Zug der Zeit ist eben stärker al» alle Thätigkeit und 'Ilebenabstcht der Einzelnen. In politischer Hinsicht ist vorerst noch nicht viel erreicht und doch mehr, al« die rührigsten Mitarbeiter vielleicht selber meinen. Religio« betrachtet, war öS ein Rückschritt, al» die Christlich-Socialen ihren Namen opferten und dar Wort amiliberal auf ihre Fahne schrieben. Politisch ist aber damit ein nicht zu unter'chävender Schritt geschehen. Za selbst nach der religiösen und socialen Seite bin kann Vas von Bortheil werde». TieMehrzahl der Kämpfenden bestebt ja azi« lolcken, die im Herze» liberal sind. Indem - > e sich unter die Fahne der AntiliberaliSmu« reihten, baben iie f i dt derart coinpromittirt, daß sie zum landläufigen Liberalismus schandenhalber nicht mehr zurück-! e b r e n können. Entweder müssen sie Christen werden, und kann werden sie im Verlaufe der Zeit hoffentlich auch noch kirchlich gesinnte Kaiboi'ten werden, vorausgesetzt, daß die Christen und Katholiken ihre Schuldigkeit ibun. oder eö bildet sich durch iie eine reinlicheScheidung d e r Parteien au» in Conservative undRadicale, und da» , st auch gut. Für den Augenblick müssen fit wenigsten« in reiiiiscken Tin gen de in Liberalismus zu Leibe gehen, ü > da« i ft ichon keine Kleinigkeit. Sb und inwieweit der Beweguiig auch eine kemokrati'che Richtung innewchnr, läßt sich bisher noch nicht genau pesriinmen. So weit der fpcciclt in anti^.-miticis vom Baticane gern als Autorität gehörte l'. Weiß. Es ist benierkenSwerlh, daß man in ullramontqnen Kreisen bereits gan; offen den Antisemitismus bloß .:!S Mittel erklärt, durch welches sich liberale Männer compromittircn ’oilcn, ■ nin hinteiher in der Verzweiflung der Apostasie entweder der Kirche oder dem RadicalismuS zu verfallen, lieber das Gefährliche dieses Sinei.» ffir den Fall, daß die Mehrzahl der so „Compromittirten" nicht der Kirche, sondern dem Radicalismus zuströmen sollte, enthält der Artikel des scharssehendeu Pfaffen nichts, und doch muß er selbst zugeben,- daß wenigstens heule die Mehrzahl der unter der Flagge des Anki'emitisniuS Kämpfenden schon einem der Kirche sehr bedrohlichen RadicalisinnS huldigt. Sehr erbaut dürfen die Männer des „Volksblailes" und der „Schneider-Tchlesinger-Partei" über ihre "Charakteristik 'eikens des römischen Priesters nicht, fein. TaS genannte Blatt hilft sich indeß über jede Debatte mit P. Weiß durch deu Hinweis darauf hinweg, daß derselbe — „Judenstümmliiig" sei. Spitzer-Weimar, Mar Anton X'ö w und Tr. Porz er können sich leider dem P. Weiß gegenüber des gleichen billigen ÄrgnmenteS ebensowenig bedienen wie Paulus Meyer und Aaron BrimanuS. Cllbosicnfrrihcit. Ter verantrvortliche Redakteur der Zeitschrift „Mir vereinter Kraft", Herr Adolf Swoboda, hatte sich am 15.d.M. vor den Geschwornen wegen Beleidigung des katholischen CleruS zu verantworten. Tie Anklage betraf einen gegen die antisemitische Partei g.richleleien Artikel mit der Ausschrifk: „Ein Iudenstämmling als Än'ührer der antisemitischen Freischaar", in welchem eS hieß: „Wir wollen uns hier mit diesem von Pfaffengeldern erhaltenen ehrlosen Gcffndcl nicht länger besaffen", und weiter: „Bester den AuSnahmSznsiaud früher, bevor das regierungslüsterne und regierungsfeindliche i>ik.eri:alionale Psaffengesindel gesiegt hat, als später, wenn wir schon Kneäite der Pfaffen sind; diese ehrlosen Bolksverräther und Schufte s.-.len eS büßen." Ter Angeklagte gestand zu, diesen mit )l. v. K. ocicichucten Auüatz als verantwortlicher Redactenr gelesen zu Habens sedoch. daß er mit den Ausdrücken „Psaffengesindel" u. s. wo keineswegs den Elerus, sondern nur, jene Geistlichen gemeint habe, welche die cunisemiiiiche Bewegung unterstützen und schüren. Rach dem Schluffe deS Beweisverfahrens führte Staatsanwalt Hawlath aus, daß er die Angriffe gegen die Antisemiten nicht incriminirt habe, er.i’oM gegen dieselben hier das erdenklich Stärkste gesagt wurde. Er i::i dem Standpunkte ausgegangen, daß auch die antisemitische Pa::?! nicht immer mit feiner Klinge gekämpft habe, also ihr auch; .u mir dem Knüttel — natürlich bildlich genommen — ge» .. :et werken könne. Er habe auch Rücksicht darauf nehmen müsten, . Partei, welcher sich der Angeklagte gewidmet habe, sich in der . . '. tl. ec, und daß ihr die nothwendige Ellbogen- '1 ahrl werden müsse. Allein nicht bloß die Äntiu ' ' :r .''.Iniuvi'l worden, sondern diese Schmähungen kehren 1 :‘.i au.P ’ * cie Geistlichkeit Weil vier bis fünf oder auch sechs °' '!! der o.!lt!?em:lischen Bewegung eine Rolle spielen,*) habe - -ati).: :Homano“ fbejiffert" die Zahl dieser Geistlichen höher . i.t, tan e gdiistlich Socialen in Sesterreich sich der Unterstützung und?'■ g- -fiten Theiles des CleruS erfreuen. man nicht das Recht, gegen den CleruS in dieser Weise zu sprechen. ES sei jedoch nicht richtig; daß der Artikel nur einen Theil deS CletuS im Auge habe, derselbe wende sich gegen die gesammte katholische Geistlichkeit. Der Bertheidiger Dr. Leopold Mandl erwiderte, der incriminirte Artikel habe ansschließlich jene Geistlichen angegriffen, welche, statt Moral und Frieden zu predigen, die Menge zu Zwietracht und Kampf anfeuern. Man trete, wenn man die Geistlichen charakterisire, welche die antisemitische Hetze unterstützen, dem CleruS nicht nahe, denn solche einzelne Geistliche bilden nicht eine Institution der katholischen Kirche. Die Jury werde gewiß den incriminirte« Artikel mit demselben Maße messen, wie sie eS bei den Gegnern schon oft gethan hat. Die Geschwornen haben wiederholt durch ihr Brrdict zu erkennen gegeben, daß in einem solchen Kampfe scharfe Worte nicht genau genommen werden dürfen. Was in den einen Fällen gerecht war, müsse eS auch in den anderen sein; was in den einen Fällen erlaubt war, könne in den anderen nicht verwehrt sein. Die Schuldfrage wurde von fünf Geschwornen bejaht, von sieben verneint. Auf Grund dieses BerdicteS der Jury wurde der Angeklagte freigesprochen. ' (Bon Stufe zu Stufe.) Ein Gesinnungsgenosse in Ottakring schreibt unS: Wer in Wien sollte sich des famosen Hetzpaters und antiseuiitischen Agitators Dr. Georg Battisti und seiner Streiche nicht erinnern, deren Schauplatz zumeist die ehemaligen Vorortegemeinden Wiens gewesen? Ich habe dcm „Freien Blatte" vor circa Jahresfrist mehrere Zuschriften zugesandt, in welchen die Laufbahn dieses „hochwürdigen" Herrn zur Genüge gekennzeichnet wurde. Von Stufe zu Stufe ging's seither mit dem Manne, der den Priesterrock trug, bergab. Einstmals ein gesuchter Redner und Agitator in antisemitischen Kreisen, sank der Mann, den crasser Leichtsinn bis zu dem gewöhnlichsten Zechpreller trieb, immer tiefer, bis ihm das Consistorium die Berechtigung benahm, Religionsunterricht zu ertheilen und Messen zu lesen. Die Ottakringer waren durch den Abgang Battisti's, der ihren Kindern Religionsunterricht ertheilte, keineswegs unangenehm berührt. Mit Spott und Schande zog Dr. Battisti aus seinen Wirkungsstätten, in Massenquartieren trieb er sich herum, mit Schande mußte er die elendesten Spelunken verlassen, in denen er schmutzige Schulden contrahirte. Als ihm in dieser Lage eine ältere Wittfrau mitleidig Unterstand gewährte, da glaubte Battisti einen Haltepunkt auf der schiefen Bahn gefunden zu haben. Doch nicht allzu lange währte dies Zusammenleben. Auch dieses Haus mußte Battisti verlassen, und wieder stand er da, ohne Obdach, ohne Unterhalt.' Und so beschloß er — zu betteln. Ia, ein gan; gewöhnlicher Bettler ist der ehemalige Katechet von Ottakring geworden, ein Bettler, der, von HauS zu Haus gehend, sich ein Almosen erbettelt. In den letzten Wochen hat sich diese gewesene antisemitische Größe den Bezirk Döbling vornehmlich zum Betteln auSersehen, und wenn ihm Jemand, gerührt von seinem Aussehen, einen Kreuzer als Almosen in die bittende Hand drückt, da dankt der ehemalige Hetzcaplan mit einem kläglichen „Vergelt's Gott!" (Eine historische Rückerimierung.) Man schreibt UNS: Zu der unter dem Titel „Eine historische Nückerinnerung" in der letzten Nummer ieS „Freien Blattes" gebrachten historischen Notiz erlaube ich mir Folgendes hinzuzufügen: Fünf Jahre nach der Wiederaufnahme der Juden in Böhmen, im Jahre 1753, lebten in Böhmen 5383 jüdische Familien, und zwar in Prag 1144 und auf dem Lande 423'.*, nämlich tut Bunzlauer Rayon 278, im Chrudimer 151, im Königgrätzer 400, im Czaslauer 351, im Kaurzimer 480, im Bechiner 285, im Prachiner 354, im Pilsener 553, im Saazer 403, im Leitmeritzer 340, im. Rakonitzer 271 und im Braunauer 253 Familien. Den Juden in Mähren, welche bei der Austreibung ihrer Glaubensgenossen aus Böhmen im Jahre 1744 mit dem bloßen Schrecken davongekommen waren, wurden die sogenannten „verbotenen Orte" verwehrt und der Eintritt in Brünn und Olmütz untersagt. Auf ein Gesuch der Juden, diese Städte besuchen zu dürfey, rescribirte die Kaiserin Maria Theresia: „Bleibt bei meiner Resolution, daß keiner in Olmütz noch Brünn hineingelassen auch sogar in deren Vorstädten nicht zu wohnen gestattet." In Mähren lebten im Jahre 1753 -5442 jüdische Familien, und zwar waren sie folgendermaßen vertheilt: Austerlitz 103, Aussee 65, BoSkowitz 276, Butschowitz 67, Buchlitz 20, Bisen; 137, Bottelan 11, Eisgrub 18, Eibenschitz 147, Etwa nowitz 24, Gaya 70, Göding 140, Gewitsch 79, Harth 14, Hohen plotz 148, Holleschau 249, Jamnitz 53, Jritz 13, Kremsier 115. Koste! 64, Kanitz 101, Kromau 58, Kojetein 108, Koritschan 38, Leipnik 195, Loschrtz 79, Lundenburg 42, Lomnitz 39, Meseritsch 85. MiSlitz 97, Marschitz 11, Nikolsburg 192, Neu-RauSnitz 220, Ostrau 87, Pirnitz 39, Prerau 43, Pohrlitz 114, PieSling 24 Proßnitz 357, Pücklitz 4, Straßnitz 88, Schaffa 78, Teltsch 9,,