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Freies Blatt · 1895-10-20 · 185 (20.10.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
185 (20.10.1895)
Date
1895-10-20
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 185. f Frei», beitem aus ihren eigenen Reihen zusammengesetzt wäre. Etwa ein Drittel oder Viertel der Arbeiter Berlins hatten bei den Wahlen für uns gestimmt. Unsere Aussichten schienen glänzend; aber Fürst Bismarck trat uns entgegen, und da er fürchtete, daß die protestantische Kirche;» stark werden und ihm ebenso 'viel zu schassen machen würde wie die katholische, goß er kaltes Master aus unsere Bewegung und erstickte sie." Und was hatte damals BiSmarck, respective die „Hamburger Nachrichten", Stöcker zu erwidern? Eassirte man mit Stolz den Borwucf ein, eine Bewegung erstickt zu haben, welche vom Standpunkte der Realpolitik ein Minister nie ernst nehm.'n könne? O nein, daS Sprachrohr BiSmarck'S zieh Stöcker eines „unbegreiflichen JrrthumS". Die Agitation der Stöcker-Partei, sagten die „Hamburger Nachrichten", sei durch den früheren Reichskanzler niemals gehindert worden, „vielmehr hat derselbe ihre Wahlerfolge mit Freude gesehen. Wie wäre dies auch anders möglich gewesen, da die Stöcker'sche Partei der Social-Demokratie feindlich gegenübertrat." Es ist um der historischen Gerechtigkeit willen nöthig und gut, heute an diese vor nahezu vier Jahren stattgefundene Polemik BiSmarck'S gegen Stöcker zu er inner», damit sich das öffentliche Uriheil nicht einseitig gegen den einen Bater der deutschen Antisemiterei wende; auch BiSmarck gehört zu den Bätern dieser sauberen Bewegung, und wenn er sie auch heute als Ausfluß der politischen Unreife hinstellt, so bleibt doch die Thatsache aufrecht, daß er sich einst sehr gerne mit dieser Unreife gegen einen stärkeren Gegner seiner Politik verband. DaS Doppelspiel BiSmarck'S ist aber das Charakteristische bet antisemitischen Taktik, in welcher die Anderen ja nur seine Schüler und Nachahmer sind. —uk— lTic LandtagSwahl in der Inneren Ltadt.) Die a», 14. d. M in dem ersten Wiener Bezirke vorgenommene Ersatzwahl eines LandtagSabgeordneten endete mit dem Siege der liberalen Partei. Bon 6108 Wahlberechtigten sind 4160, das sind 68'1 Percent, an der Urne erschienen, eS wurden jedoch nux 4131 Stimmzettel als giltig erklärt. Hievon entfielen 2567 Stimmen auf benliberalen Candidaten, Herrn Anton Picker, der somit gewählt erscheint. Der antisemitische Candidat Dr. Joses Neumayr vereinigte 1420 Stimmen auf sich. Die Wahl verlief im Großen und Ganze» ruhig/ Nur ein antisemitischer Agitator, ein Agent Namens Alois Fleisch Hacker, wurde, als er zu Feindseligkeiten gegen die Inden aufreizte, in Haft genommen. Während der Wahlbewegung war eS daS Bemühen der von den Clericalen unterstützten Antisemiten, daS liberale Lager zu spalten. Als Doktor Schneeberger seine Candidatnr anmeldete, Liefen sie mit scheinbarer Entrüstung auS: „Aha! Die Inden trauen fetzt nicht einmal mehr 'den liberalen, tvcnn diese Christen sind!" 'Nachher aber begleiteten sie die Aufstellung Picke r'S als liberalen Candidaten mit der auf die Aufwiegelung der Juden berechneten Glosse: „Sogar in der Inneren Stadt trauen sich die Liberalen nicht, mit einem jüdischen Mandatswerber zu komme»!" Gleichzeitig wurden von antisemitischer Seite Fälschungen verübt, und „Rundschreiben" angeblicher jüdischer Wähler forderten zur Stimmenabgabe für Dr. Schneeberger auf. Alle diese Umtriebe erwiesen sich jedoch als vergeblich. Der „Freisinnigen" vom Schlage Billing's, welche durch eine „unabhängige Stellung" den Antisemiten Borschub leisten, gibt es erfreulicherweise nur wenige. Mit dem Wahlresultate ist nicht nur die reactionäre, sondern auch, freilich ans anderen Gründen, die social-demokratische Presie sehr unzufrieden. (!'. Weiß über die atitiseinitischen Parteien in Wien.) Der bekannte?. Albert Maria Weiß, der als por-mna gratissima im Batican gilt, hat bereits ror einiger Zeit in der Linzer „Theologischpraktischen Monatsschrift" einen in der öffentlichen Meinung vielbesprochenen Artikel über die antisemitische Bewegung in Wien verösientlicht. Derselbe schrieb dieser Tage einen weiteren Artikel zu diesem Gegenstände in der „Kölnischen BolkSzeitung", ■ der als Erläuterung, wie man sich in den intelligenteren ultramontanen Kreisen die Wiener Bewegung zurecht legt, allgemeines Interesse hat. 1'. Weiß analysirt die unter dem Sammelnamen „Antisemiten in Wien" cournrenden Parteien folgendermaßen: Man muß an der Bewegung, wie sie für den Augenblick in Lesterreich, das heißt vornehmlich in Wien anstritt, drei Seiten nnterscheike», eine religiöse, «ine sociale und eine politische. Man muß aber auch drei Bestandtheile in der jetzt lo siegreich vordringenden Masse der Bevölkerung nntericheiden: Christlich-Sociale, Antisemiten und Deutschnationale. Tie Christlich-Socialen haben unzweifelhast daS Verdienst, die' Bewegung in Fluß gebracht zu habe». Sie bilde» aber keineswegs die Mehrzahl in der Strömniig. Vielleicht sind sie numerisch nicht einmal ein Drittel der ganzen nun flüssig gewordenen Masse. Sie selber zerfallen wieder i» zwei Schattirnngen. Die kleinere Hälfte bilden die kirchlich G e¬ Blatt. Seile 3 s i »n t e ii, der Giern», dem eS wirtlich Ernst mit dem Bestreben ist, der ' Kirche Freiheit und Einfluß aus daS Volt zu erobern, und viele teuer ileiueu Angestellten,. deren ruhiges, beioubeiS vflichtireueS Weien dem allen Wienerlhlu» den betanule» solide», liebenswürdigen Charakter ankgeprägl Hai. Die ' größere Hälfte bildet d a S t > e i » e Wiener B ü r g e r t h u m, daS der Kirche nie Feind war, aber sich auch nicht unmäßig für da» praktische kirchliche Lebe» erhitzte. Jetzt grüßen diese Männer aus der Straße jeden Geistlichen mit - großer Freundlichkeit und koninien auch schon zu besonderen Gelegenheiten mehr als früher zur Kirche. Sicherlich wird mit der Jett auch die regelmäßige Er-, siillung der christlichen Pflichten unter ihnen Fortschritte mache». Jedenfalls kann inan diesem Bestandtheile mit Vertrauen entgegenkomnien. Das Gros der Bewegung und die eigentlich treibende Kraft in ihr bilden die A »tis e in i t e n. Antisemitisch sind natürlich mehr oder minder alle Mitglieder der Bewegung und noch gar viele, die sich ihr nicht anSdrncklich anschtießen — denn wer ist nicht in Wien im Herzen, wenn auch nicht gerade antisemitisch, so doch antijüdisch gestimmt? Aber die eigenttiche Partei der Antisemiten besteht auS drei Elementen i Die Einen sind die um ihr sociales Dasein ringende» kleinen Leute, die vom Großkapital so beispiellos mißhandelt Und zurüelgedrängt werken. Das Großkapital und die in seinem Dienste stehende Prr>>e ist aber in Wien ganz überwiegend jüdisch. Somit sind die Leute durch den Kampf um ihre lkristenz fast unwillkürlich zu Antisemiten gemacht worden. Sie za/iic—Clli'"« bildet da» ungesähr 10 000 Plan» ftaite, wie eine ge'chwmme Phat mr am marschirende Publicum de» „Deutschen VotkSbtatt"; dir mittlere Beamtenschaft und die Lehrerschaft, alio die Bourgeois-Intelligenz D > e i e G *. a; ■’ e i ii natj> rlich im Grunde des.Herzens durchaus l i b e r a i n » d l ä in p s I gegen da» I n d e n t h u in mit Waffen, die e m G b > >t? n thui» s e l b st den Ga rau S machen müßten. Das Alte J.'t.ii,tritt z B. ist ihnen wie den allzu Gnostikern ein wahre» Tettselrwerl, ohne denen Vernichtung an eine Ausrottung deS JndeniinwejeiiS nicht zu denken fei. Ter Hauptgrund ihrer Haltung ist die Berstimmung über die unerträgliche Be günstiguiig der Juden azif allen Gebieten. Wenn es aber a ii f teil Ernst an käme, dann wäre e» sehr die Frage, o b b e i i h tt m die Abneigung gegen d i e P f a s f e n nicht ü bei d e ii I u d e nhaß siegen würbe. DaS Wort christlich bedeutet bei ihnen weiter nicht» als den Gegensatz gegen daS Judenthum. Wie man sieht, ist d'.estr AiitisemitiSinuS eine sociale Erscheinung. Tenn selbst die dritte Glatte,-die Park ei Schneider-Schlesinger, die in e h r so d e r m i u d e r d e n b r u I al e n R a c e n - A » t i s e m i t i S m u S betreibt, niiifliit ihre Hauptargumente vom geschäftlichen, also socialen KesichtSpuiilte. Dabei verrennt sie st.h sreilich mitunter in e i n e stk o h h e i t u n d M a ß l o s i g k e i t, mir der j „ e V erst ä n d i g u n g unmöglich i st, und hält j e d e n - f n r einen Juden, der nicht durch Tick u n d D ü » u m i t i h r g e lxt. Die Deutsch nationalen endlich sind wesentlich eine potili'che Partei. Auch sie zerfallen in Zwei Lager. Die Mehrzahl ist mit den Deuttchlibkralen nur deshalb littzufrieden, weil ihnen diese politisch zu wenig entschieden und con>e,zitent aus ,reten. Sie sind alio Feinde der landläufigen politischen Liberalismus und darum auch des vulgären Judenthums, nicht weil sie deui. Liberalismus eiwagt haben, sondern weil ihnen dieser zu halb und zu zahnt austritt.. Augenscheinlich liegt in ihnen ein Kern zur Bildung jener Partei, die man anderSwo mit Radikalismus bezeichnet. DaS gilt begreiflicherweise ganz besondere von der zweiten Richtung im Schoße dieser Partei, die den Radikalismus selbst am 1 daS religiöse Gebiet auSdehnt und eben deshalb io seinvselig gegen -da» Juden thum ist, weil sie diese» für den , Erfinder und den zähesten Schutz der stieligion ansieht. Rur durch den Sturz des Judenthums, meint sie, könne die stieligion gestürzt werde», und wenn' diese gestürzt iei, könne man die reine, i„iabha„'<: v Moral der Arier, die Ethik der Griechen und den BuddhiSnins zum Stc.tbringen. Daß diese beiden N i ch t u » g e n den c r a s s e st e n stk >.. e n Antisemitismus predigen u n d einen w a h r h a-< ■ •' e : a vergüt ternden (Cult mit beut-' unvergleichlichen.? «g - n d sinn der Arier treiben, versiebt sich von selbst. Demgemaü ist kln' Berständniß der ganzen Bewegung nicht schwer zu erreichen. In religio'er Hinsicht ist ganz e n I s ch i e d e n e i n B o r st o ß i n z n e r k e n „ e ». Ich sage Vorstoß Mehr läßt sich vorerst noch nicht behaupten Ld die>'er Vorstoß zu einem Fortschritt führen werde, muß sich noch zeigen Die Bewegung Katsich .— nach dieser Seite hin — da durch geschadet, d a ß s i e n m der eben geschilderten, e I w a « z iv e i f e l h a 11 e n B >> n d ech g e n o i! e n schast willen d a S W »I t christlich-gar zu sehr l i e b g e w o n n e n und die Worte kirchlich und katholisch fast als e, n H i,i d e i - n i ß für den Erfolg de» Augenblickes a » g e i e K e n hat. Was sie damit erreicht, hat, daS zeigt sich in der Thatiache, daß sie uir die Wahlen sogar da« Wort christlich social preiSgeben und durch da» Wort antiliberal ersetzen mußte. Trotzdem ist zu hosseit, daß, .wenn jetzt der christliche und kirchliche ’ Standpunkt entschieden eingenommen wird, ein bedeutender Atzsichwung de» religiösen Geiste» und Leben« eintreten kann. In s o c i a l e r H i » i i ch t i si vorlänsig der größte Erfolg erzielt worden. Zwar hat -fie Bewegung bisher, ihrem Namen zum Trotz, merkwürdigerweise vor lauter Politik gerade die sociale Frage <tm meisten vernachlässigt. Allein in Wirs-

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