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Freies Blatt · 1895-10-20 · 185 (20.10.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
185 (20.10.1895)
Date
1895-10-20
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Frei»» Blatt. feite 2 Nr. 185 Ingcndgrnppe stark zurück, waS auf das dort weit verbreitete Zweikiiidersnsteiil zurückzuführen ist, und in den Colonialländern (Bereinigte Staaten von Nordamerika, australische Colonien) ist die Altersgruppe besonders schwach vertreten, welche Thatsache durch die starke Einwanderung, an der überwiegend arbeitskräftige Personen theilnehmen, bedingt wird. Beide Fälle bedeuten natürlich' eine Entlastung der productiven Gruppe. Wir wollen uns nun etwas eingehender mit dem Altersaufbau der Bevölkerung Oesterreichs und im Spcciellcn seiner jüdischen Bevölkerung beschäftigen. In Oesterreich stehen nach der letzten Volkszählung^! 2UM IV” von ic kwo Personen der gesammtcn israelinscber bis la ... . Bevölkerung . 259 Sl rrorneinon 279*37 11—20 . . . . 225 01 21—30 . . . . .100 31 170 73 31—40 . . . .... 12897 122 22 41—50 . . . . .... 100 45 93 19 51—00. . .... 7901 02 37 01—70 . . . . . . . . 48 30 ■ 32 75 lil-i-i- 7<> . .... 2171 KJ’7(5 Wcnn wir nun annchmen. daß sich die productive Gruppe aus de::i.'n:g.'n Individuen zm'ammc»stcUt, welche zwischen dem 20. und V benoi.ibre sieben was wohl im Großen und Ganzen;»- .:d 'ein wird so finden wir, daß von je 10(>0 Personen der nnuderelkernng 474 77 productiv sind und diese demnach außer >'..!>st'„och .72.V2') Individuen zu erhalten babcn, während von e 11 »• > i Iilaciilen nur 448 .71 crwcrbslhälig sind, letztere deshalb ’;di und außerdem 140 Individuell mit IlnkerhaltSmitteln versorgen niunen Tic productive Gruppe ist also bei den Israeliten uni 26 20 7kleiner als bei der gesammtcn Bevölkerung und natürlich deinent'piecbent stärker belastet. Tie Ursache dieser Erscheinung liegt vo'.iiigswciie in dem notorischen Kindel rcichthum der Israeliten. - Ecwäre 'elbstrcdend nicht gestattet, hieraus ohncwcitcrS den Schluß eil zielien. daß in Oesterreich die Lebenshaltung der Israeliten durch 'ckmiiilrch eine niedrigere sei als die der übrigen Bevölkerung. Tiefe Ecnclnsion würde nur dann berechtigt sein, wenn erwiesen wäre, daß die Einkoinmenverbältniffe der Israeliten die verhüllnißmäßig unzünstigereu'seien, wofür oder wogegen sich aber bei dem heutigen Stande der Statistik keine Beweise erbringen lasicn. Die Wahrscheinlichkeit 'piichi aUerdings dafür, wenn man einerseits der Schilderungen ent- 'et-lich.-n Elends sich erinnert, das auf den zgalizischcn Juden lastet, lind andererseits in Betracht zieht, daß von sünimtlichen in Oesterreich lebenden Juden. 07 .7 Perccnl auf Gakizien entfalle». Taß sich auch in den übrigen Klonlündcrn — besonders in Nicdcröstcrreich mit 11 Percent der Iiraelilcii — viele Juden (besonders Hausirer) niide», deren Einkommen ein minimales ist, lehrt die tägliche Ersabriing, trotzdem die- Antisemiten in gewohntem Apriorismus alle Inden für Millionäre rrklärcli. Immerhin wird man, wie schon cr- >rablit. über die Berhültnißmäßigkeit des Einkommens der Juden zur .-Zeit ei» lliiansechibarcö llril)cil nicht abgeben lönncn. Thatsache bleibt aber ledentalls, daß die österreichischen Israeliten wenigstens bezüglich der Aliersgliedernng wirthschaftlich ungünstiger situirt sind als die Ge'ammtbevölkcrung. Robert Drill. ^töckcr und Bisrnarck. Ter ehrenwcrlhe Stöcker fand sich neulich bewogen, einen Brief ui vcrösrcntlichen, den er im Jahre 1880 an den Kaiser Wilhelm 1. gerichtet halte. In dem Briefe, welchen nun die Stöcker'sche „Deutsche Evangelische Kirchcnzeilung" mittheilte, heißt es: „Durch die Zeitungen g-ebr gegenwärtig die beiliegende Notiz. Der .Börsen-Couricr', das e lueuistc Blatt Berlins, vielleicht Europas, hat dieselbe offenbar nach Ii Iiheilungen des Herrn v. Blcichröder zuerst veröffentlicht. Das unt.vnvare Bestreben dieser indiScrcten Publication ging dahin. Eure .’.Vv ü.u als Gegner der gegen die Anmaßungen des Zudenthuuls ' . . .ui: :?:: k-'Ut'cken Bestrebungen darzustellcn. Dem gegenüber erscheint '' u::t als Pflicht, den Thalbestand dieses Kampfes, an dem auch ii r.-.I.nlich beibeiugk bin, gegen Mißdeutungen zu sichern.' Ich a.nrf ans das Schmerzlichste betroffen sein,, wenn Eure Majestät di.-'e g a n unerhörte jüdische Angrine endlich erfolgte Reaction mißbilsigien." Stöcker bcrust sich auf Treitzschke's Wort: „Die Juden sind nn'-r Unglück," und fährt fort: „In der That sind sie, soweit sie das \> Sie I'sserv nnd eiunommen aus H. Rauchberg's „Tie Bevölkerung Teslerreichs", Wien 1895. von mir angegriffene Judenthum repräsentiren, daS schwerste Hindcrniß einer sittlich-religiösen Erneuerung deS deutschen Volkes." WaS Stöcker hierauf aber vorbringt, sind nichts als Citatc aus dem „Börsen- Couricr" und der „Frankfurter Zeitung" unbedeutender Art, ferner die Klage gegen Blcichröder, daß er in der Fastenzeit einen Ball gebe, an dem die Hofgesellschaft theilnehmc, und über die Aufführung von Paul Lindau's „Gräfin Lea" im königlichen Hoftheatcr, während dieses Stück in Wien abgelchnt worden fei, weil darin eine jüdische Emporkömmlingin den christlich-germanischen Adel mit Füßen trete. Von Herrn v. Blcichröder habe er „in harmlosester Weise" gesagt, dieser besitze mehr Geld als alle Evangelische» zusammen. Der Brief schließt: „Sollte Eure Majestät diesen nothwcndigen GcisteSkampf, den ich nach dem Uriheile aller conservativen Stimmen bisher mit größter Mäßigung geführt, mißbilligen, so würde ich an der Rettung meines geliebten Volkes freilich noch immer nicht verzweifeln, aber ich würde mit tiefstem Schmerze erfahren, daß ich Kirche und Christcnthum, Kaiser und Reich gegen ihre Feinde nicht offen vertheidigen darf." Stöcker will auf diese» Brief eine Antwort deS Kaisers am 2l>. Tccember 18>80 erhalten haben. Es wäre gewiß interessant, den Wortlaut derselben zu erfahren. Stöcker gibt ihn jedoch nicht bekannt, vielleicht aus Angst, daß eine IndiScretion oder gär eine „kleine Corrcctur" ihm den Verlust des Hofpredigcrtitels, womit er schon officiös bedroht wurde, bringen könnte und ihn dann auch die ihm noch immer gewogene» Tivolibrüdcr fallen lasicn müßten. Untcrdesien wird Stöcker von einem'-dem Fürsten Bismarck nahestehenden Blatte mit folgender, „historischer Richtigstellung" abgefertigt: „Ta den Juden in der preußische» Verfasinng eine AnsnahmSstellung nicht zugewicstn ist, so ist, wenn man sic nicht umbringen oder zur Auswanderung zwingen will wie 'die Hugenotte» und die Salzburger Protestanten, kein Minister in der Lage, amtlich gegen die Juden Stellung z» nehmen, zumal die Verfasinng des Deutschen Reiches die politische Gleichberechtigung aller Bckenntnisie ausdrücklich verbürgt. Was hätte Fürst Bismarck also lhu» solle», um den Beifall deS Herrn Stöcker zu erwerben? Zudem ist dem Letzteren nicht unbekannt, daß Herr v. Blcichröder im Jahre 1.806, als unmittelbar vor dem Kriege der damalige Finanzminister v. Bodclschwingh die Flinte ins Korn warf und König, Heer und Vaterland im Stiche ließ, zuversichtlich seine Karte auf die muihvolle Entschlosscühcit der Bismarck'sche» Politik und bie, Tapferkeit deö preußischen Heeres setzte und die Mittel zum Kriege bcrcitstellcn half. Das hat ihm die hochherzige Dankbarkeit Kaiser Wilhelms I. niemals vergessen. Beim Friedensschlusie mit Frankreich nnd auch bei manchen anderen politischen Anläsien hat Herr v. Blcichiöder dann wiederum sehr wichtige Dienste geleistet, er hat für patriotische Zwecke stets eine offene Hand gehabt, waS unter Anderem auch aus LouiS Schneidcr'S bekanntlich von Kaiser Wilhelm selbst revidirlcn Memoiren ersichtlich — nach dem Allen war cs also in höchstem Grade unpassend, in solcher Weise über Herrn v. Blcichröder an den Kaiser zu-schreiben. Herr Slöckcr war jedenfalls nicht im Unklaren darüber, daß das von ihm getadelte Erscheinen der Hof gescllschaft auf Festlichkeiten im Blcichröder'schen Hause ans dein ausdrücklichen Wunsche des verewigten Monarchen beruhte, der für alle diese Dinge doch wohl mindestens ebenso viel Einsicht, Takt und Verständniß besaß wie der Hofprediger. Daß Fürst Bismarck es oblehnte, Bestrebungen zu unterstützen, die auf die Bildung eines protcstanti>ck>en 'Centrums neben dem katholischen, hinausliefcn, ist ihm in jenen Kreisen niemals vergeben worden. Ties zur historischen Richtigstellung." Von einem Freunde unseres B'.altes erhalten wir zu diesem Gegenstände folgende Zuschrift: In den letzten Tagen machte ein offenbar von FricdrichSruhe auS inspirirtcr Artikel wider die Stöckerei viel von sich reden.4 Das betreffende Schriftstück ist ganz in der apodiktischen, knüppeldicken Weise abgefaßt, die Bismarck stets an ivcndct, wenn es ihm sehr darum zu thun ist, einen unbequemen, den größten deutschen Mann compromittirenden Freund von ehedem abzuschütteln. Stöcker wird auch vielleicht von dem Fußtritt BiSmarck'S ein elendiges Siechthum davontragen, und gewisse national-liberale Kreise herüben nnd drüben können sich freuen, den Säcularmenschcn in einer Pose der tiefsten Geringschätzung für den Antisemitismus zu sehen. Da möchte ich aber die allzu rasch Begeisterten au die Thatsache erinnern, daß Bismarck und Stöcker sich auch schon anders gcgcnübcrgestanden sind. Ich denke natürlich nicht daran, auf die parlamentarische Vergangenheit der Beiden zurückzugreifen. Der Fall war viel einfacher. ES war im Frühjahre 1802. Stöcker hatte damals niit einem Berichterstatter des „New?jorf Herald" eine Unterredung, bei welcher er unter Anderem mit einem schmerzlich vorwurfsvollen Lächeln gegen Bismarck sagte: „Vor zehn Jahren gab eS eine Zeit, als ich davon träumte, die Social-Demokratic durch die Bildung einer großen Reformpartei zu besiegen, welche aus christlich-loyalen Ar-

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