Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 184 (13.10.1895)
- Date
- 1895-10-13
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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-- ntr / ZI r. 184 Freie» (Autistin im Conflict mit de» Ltrafgcjcycil.) Ter anliscmitische Wucherer Sedlatzet aus Breslau» der wegen ungehrucrlichcr Bewucherung von Schülern steckbrieflich verfolgt war, ivuzde auf Beschluß des Schweizer BundcSgerichtcS iu Zürich verhaftet und an das . Breslauer Uutcrsu chungsgcsä ngniß ausgcliefert. (Gegenwärtig sindcu die Beruehiuuugc» der bewucherten Schüler statt. Ter Staatsanwaltschaft fiiib an 400 derartige Bcwuchcrungsfällc Scdlatzck'S bekannt. — Ein Hauptagitator der schlesische» Antisemiten, Schmicdcincistcr Bausch, ist in Jauer als Spitzbube entlarvt worden. Er hatte bei Einkäufen, die er mit Vorliebe bei einem Führer der Freisinnigen machte, Verschiedenes heimlich »litgchen heißen, was die von der Polizei vorgenommcne Haussuchung zu -Tage förderte. — TaS Reichsgericht in; Leipzig verwarf die Revision des Kaufmannes Earl P a a s ch, wrlchkr am l.7. Mai in Berlin wegen Beleidigung v Schelling's, Tr. Kahser's, des LegationSrathcS v. Eichhorn und des Auswärtigen Amtes zu fünfzehn Monaten Gesang» iß verurthcilt worden war. (Ein Act bcr Eicrechtigkcit.) Aus Petersburg wird uns geschrieben: Der Petersburger dirigirende Senat hat dieser Tage eine Verfügung getroffen, welche die Witwen und Waisen von Juden, die im Staatsdienste standen, von den über sie seinerzeit verhängten grausamen Beschränkungen befreit- Bis 1886 hatten die Witwen und Waisen solcher Juden das Recht der unbeschränkten Ansicdlung im ganzen Reiche, wobei ihnen gleichzeitig gestattet war, Grund und Boden auf dem flachen Lande sowie Immobilien in den Städten zu erwerben. Mit dem Jahre 1886 trat aber eine Wendung zu ihren Ungnnst^n ein. Tas Ministerium des Innern verfügte nämlich, daß die Witwen und Waisen der in Frage stehenden Juden das freie Wohnrecht, welches sie bei Lebzeiten ihrer Ehegatten, respectivc Väter besaßen, nach dem Tode derselben nicht mehr genieße» dürfen und somit der Ausweisung in das NiedcrlasiungSgcbict unterliegen. Ter Petersburger Senat hat nun den Stand der Tinge vor 1886 wicderhsrgcstcllt. a. -Lose Gedanken. D i e V a in a - P a r l e i. I» alten .Kinderbüchern lesen wir: „Der Löwe, brüllt, der Wals heult/das Lama ,'pucki . . ." Je»t müßte er heißen: „In »euerer Zeit ipuckl auch der Antisemit." Der Geist fehlt. * Cft hört inan von Geister», die spuken. In Antiseniitenvcrsaininlniigeil wird auch viel gespuckt, aber der Geist fehlt stets dabei. Feigheitund M u t b. Tie „Linzer Montag» Post" vom 7. Lclobcr bespricht die Cfncifte Anaire voin 6. August, mißbilligt zwar da» Borgehen der Lfficiere, siehe aber in der Nichtannahme der Forderung seitens de» Advocate» Tr. Rosenscld eine Feigheit. Al» ob nicht mehr Muth dazu gehören würde, auf dem Boden de» Gesetzes zu verbleiben und da» Duell abzulehnen! „I u d e n b l ä t t e r." Wer die Juden in Schutz nimmt^ ist nicht blofe ein Gegner des Antiieinilismu», er ist auch rin Schützer der Gesetze, ein Berlhridiger der Staatsordnung, ein warnender Prophet, welchem die Zukunft feine» Vaterlandes am Herzen liegt und damit auch ein größerer Patriot als Jene, welche, die von den Liberalen eroberte Preßfreiheit mißbrauchend, mit ihrem Geiser Alles besudeln, waS nicht.; „conscrvativ" ist. TaS Wort „Judenblatt" hat nur bei Antisemiten einen bösen Klang, „Antisemitenblott" aber hat eine» solchen in der ganzen gebildeten Welt. Ueber die Conservative». Ouseivare heißt erhallen. Wa« die modernen Conservatwen, diese lress. . lichen Couservalore» de» Staates, puooto Staat»erhal(ung leisten, das gehl ins Unendliche. Sie opfern sich, die Guten, indem sie den Pöbel zu sich Heraufziehen, wohl um ihn — zu bilden (?), indem sie den Lehrern goldene Berge verspreche», mit sie wieder, wie einst, zn Psarrerknechie» zu machen, zu Meßnern, und den Beamten vorsagcn, daß der Jude die Schuld an ihrem kleinen Gehalte' trägt, während doch Kanonen und Bajonneite allein das Frieden«, budgel verschlinge» und die Gehalte verkleinern. , Tadel und Mitleid. f Die Wiener Wahlcampagne, diese» Stück österreichischer Geschichte auS dem Jahre 1895, ist ei» Schandfleck, den» unser Wien wird im AuSlande nicht mehr getadelt, nur noch bemitleidet. AergereS kann einer Großstadt, die eben ihren Aufschwung und ihr Anwachsen weilhin verkündet hat, nicht geschehen: getadelt werde» Gegner, bemitleidet aber Bettler und GeisteSarme. Blau. 2hi5 autifcmttifdvu UVrciiicu und 1\t famntliuKson. Ahlwaidt in Wie». i .in anlist-iniii-chcii ,*i:1’(i wird die V-raiistatlnng eines großen LiegeSieneS aus Anlaß des Ausganges der lei.-ten Gemeinde raihsivahlen gevlaut. Zu dieieur Feste -e-Nen ..irest-innngsgei ois-n" . au» der ganzen Monarchie in Wien ctinreise». -,,l->i , lidi-M-mi-Ai- Aniiieinueu sind eingelade» worden und werte» sicher ennauei. llui.-r Andeien wird auch Herr Ahlwardk nach Wieii koiiiiuen: er ivar, .irie nach ,-iinneiliäi -ein-inird, ichou vor vier Jahreil hier und benübie -einen Aininbaii. »-.» in, Treber-Saal auf der Lantslraßc einige -Amiinlnierungsre:»» an die Wiener Antisemiten zn l-alteu. iEiiic Atlsragc.i Man schreibt m:--; Belannin.i, ist es IN den deni-ch »atioualen Vereinen Säumig, daß iet<S neu einlrerende '.'riiglied die ^ellärn»:, abgibt, eiirenS k-in Jude zu >e»>»nd zweitens, in t-rni,!» n ie ii-.-.inei laiiienten Bc>ir>a»dlicha>tSverdälii»ß mit .luden zu stehen. We-2 . ir e r lind seine Löhne, Abkömmlinge des Lchmiil Leb -lob», ven e . T-tlarnnq de sreit werden. iallS sic eiuein denuch „alionalen Beie-.ne l-•:-.- n gi>Wic Lueger'die Baucrii bearbeitet.> Levie» Sonuiag -rrach ,.-r i» eii-.er Beriaiiiinlnng zu P u r g st a-I l. Aächtein er gegen die d.'liu-e -a-i,i.-,nde Vertretung, welche eine o'stcieUe Begrüßung der Wiener Aiilüemilen il'lehnie.' voleniisirt und versicheii Hane, baß man „uns do>b nichl 'onbringri, i-.-erde", hetzte er gegen Ungar,,, und sagte ans die Palnlarrgulirnng an-pi>lei>:: „S.-Hen Sie sich doch den Adler ans ton alten Geld an, wie der >,-» ist und wstinageijener aus dein heutigen Geld! Sehen Sie.' „leine lieben Herren Banen-, das haben Sie Alles den Ungarn zn verdanken- Södaiin -prach Lueger von der Börse und leistete folgende Arastiäve: „Sehen Sie, w ein Börienlud zahl,' d.-- einei» Schluß für :>l 00 sl. nur 10 Ir.. Sie aber, ir-enit Sie um 5i n ,st ein Gchösie verkauien, zahlen bei 200 sl. Tie Mehlbvrie, das ist die Hiiäne der Bauern Tort verkansen Sie deir Weizen nur aus den, Bapier. und Sie. die Baueru, müsse» .dabei »fbliiitn- Lueger apvellirle dann an die Laiidbevolserniig. eS eben-o zu inachen ivic die Wiener, „Wenn auch dir Leine sagen." ries er aus. „es stecke» die schwarzen.üniten dahinter', glauben Sie diesen eintach nichts. Hcinc muß jeder Bauer, wenn er anständig iein will, Antisemit lein." Taiuik schloß Lueger, ohne jedoch de» Beifall zu erzielen, den er in 'Wiei>, Taut einer besser orgänisirten Clagne, zu höre» gewohni ist Ter hoch» ürdige Herr S ch e i ch e r, der vorher gesprochen, meinte, die Gemeinde Pnrgstall begebe ein großes Unrecht, wenn sie Lueger al« Friedensstörer dctrachie. Auch Schneider ivar anwesend, beobachtete aber Stillschweigen , «Hammerstkin Stöcker.» Tie ichinutzige Wäsche der beiden antisemitischen SlarS Hammerstei» und Stöcker hält die politischen .Hrei^e Teui-chlaudS noch immer in vobein Alhem. Tie Gerüchte über den verinuiblichen Ansenrhalt H a in m e r st e i »'S wechikl» >n derselbe» bunten Weise wie die -ast täglich neu anstrctendkii Ankündigungeii weiterer EnihüUnngen und Vnblieakionen von Hammerstein-Briesen. Tie Alinoiphärp. in welcher die eheinalige» Parieiire-.inde des durchgebrannten ei-äernnt-Häuptlings alhinen müsse».'ist daher andauernd schwül und unleidlich. Nur einer /plätschert wöhlgeinulh wie das Fischleiu in- Master, Stöcker mit der bronzenen Stirne. Ta« ihm von den Tivoli A::l> semile» ausgestellte Ehrenzeugniß scheint er nn» als eine Art Passipartonk an zusehen, welche« ihn über alle weitere» von anderer Seite erhobenen Ai-.llagen hinwegsührt. Eine« der angesehensteirMitglieder der coni'ervative» Partei. Treter Brecher, Kat dem guten Manne im „Neichsboten" einen ,.b e in , t e n S werthe» Mangel an L f i e » h e i t und W a h rh z-.-. e! , e b e" nachgesagts und von ihm überhaupt in einer Weiie ge'vrochci!, die annicht viel Achtung gegenüber dem Gr-Hosprediger schließen ließ. Stöcker bat indcne», statt Dr. Brecher zu klage», was ihm dieser uahelegte, den Borwns der Verlogen heit ruhig wie. etwas LelbstverständlicheS ans sich sive» lasse» und d.asür in einer Bersamnilung der Berliner Ehristlich-Sorialenein vaar Tage nachher sich so herausfordernd benvinmc», als hätte die önemliche Bkeinung nie ein Fleckchen an dem makellosen Charakter de« verstosteuen Hainnierstem Freunder zn beobachten gehabt. Er sprach sein Bedauern über den „schinachvpll jäMmerlichen Fall Hammersteln" und seine Verwnndernng darüber an«, daß man von einem Fall „Hammerstei,,-Stöcker" spreche: er habe mit Jenem nichts zu thun. Ein gestohlener Privatbrics sei kein geeigneter Gegenstand östentlicher Behänd- Hing; auch,habe er den Brief nicht gesehen, ivisse also nicht, ob nicht etwa» hinzugesügt sei. Te» Entrüstungssturm gegen ihn nannte Stöcker eine K o m ö d i e' u n t e r jüdischer Regie, verwais aber auch da» lendenzic-e Anstiche» der „Kölnische» Zeitung" und der „Hamburger Nachrichten" gegen ihn. Bei den „Hamburger Nachrichten" müßten wie bei ihrem Inspirator Heu wagen von Schmutz und Berleumdung gegen -ihn abgeladen iein. Tie Briesgeschichte habe sei» Ansehen nicht verringert. die Actieii derChristlich-Socialen hätten vielmehr durch die jüngsten Vorgänge eine großeSreigerung imCourse ersah ren. Tie