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Freies Blatt · 1895-10-13 · 184 (13.10.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
184 (13.10.1895)
Date
1895-10-13
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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1' 1 u t t. Nr. 18t. feiltet lei '.Vi ittfl;uv .Leitung derselben. Quacksalber und Eharlatanc erfreuen sich oft ciucS ftarkcn Zulaufes, aber die Anziehungskraft der Markt'chreicr pflegt nicht lange anzuhaltcn. Tie antisemitischen Bäume werden auch nicht in den Himmel wachsen. Wien ist nun zu einem Versuchsfeld ihrer Theorien geworden: die deutsch-fortschrittlich Gesinnten außerhalb der Rcichshauplstadl können mir einiger Seelenruhe nunmehr zusehcn, wie sich die buntzusammcugewurfelten Äutiliberalen dorr vertragen, und welche volle beglückende Arbeit' sie .leinen werden, iro >'ie die Herrschaft heute.unbestritten in den Händen haben." Cluliillluilg vcs L'inkcrholler - Tcilkmals in Brünn. Am 's. d M. wurde in Brünn daö aus Beiträgen der dortige» deutschen Bürgerschaft dem verstorbenen Bürgermeister und ReichsralhSabgeordnctc» ^'iinrv B.'i n k.er holler errichtete Tcnkmal enthüllt. Ter gegenwärtige' Bürgermeister Tr. üriner v. Wicser widmete seinem Borgäriger eine überaus warm empfundene Gedenkrede, in welcher er sagte: „Sein Tcnkmal möge Jedem von uns ein ernster Mahner sein, leterreit — in guten und bösen Tagen — treu zu bleiben sich selbst, treu zu bleiben 'eiiicm Bolkc: cs möge uns mahnen, das Baterland und in demselben unsere HeimalSstadt zu lieben: cs möge »ns endlich mahnen, -ni den hehren, weltbewegenden Ideen des euliurelle» und geinigen ,<orisäwillcs der Mcnichh>.il festzuhalten und nicht zu verzagen, wenn die Wege jener zeitweilig thalabwärtS — ich will nicht sagen, " nach rückwärts - führen!" Tre GuthüllungSfcier und ein aus Anlaß derselben veranNalteres Testbantell, bei welchem auch die Wiener Porgange gestreift wurden, waren entschiedene Kundgebungen für den is°.'d.in'en der -rreideit und des Fortschrittes. Zcllstciliaö. Bon einem iu der Nähe von Laibach wohnhaften Mrtglrede der Aristokratie, Graten V. iu K, erhält das „Wiener Tagblait" vom >>. d Mfolgend: Mitiheilring über ein höchst zeitgemäßes Grledniß rebnä, älgeaeno»! Am r.'. d M. inbr ich »ur dem Perionenzugs Wie»— Iciffl von rl'iarbrng nach varbach und war recht erfreut, einige Stationen hinter rtlarburg mich im i£ouv>- zweilcr 2lasse allein zu befinden. In einer kleineren?ia:ion. bereu Namen ich nicht weiß, stiegen;wei Herren in das Coups, die nur nicht lekapin sind. die ich aber an ihrer Sprache als Wiener erkannte und die ich am cb-üen als gigerlmäßig angczogenc Pülcher gualinciren würde. Ich bin kein Irre.ind von Rectebekaiinlicbatteii und x^ignorirle die Herren gänzlich, iveiß auch nicht, »in was sich ihre lehr lebhafte 'chwaches lilebör benve. Plötzlich richtete einer d .insinich. die >ch in Folge meines Gehörfehlers licht verstand; und als ich dies dem Herrn tagte, >evlen nch die beiden Herren, die bisher an der entgegengescvien Seite des Coups weilten, kkiapp an meine Seile und mir vis-ü-vis und der eine ichrie mir in die Thren: „Hier stinkt es nach Juden!" Aus diev Apoürophe konnte ich natürlich nichts erwidern, drehte dem Herrn den Nucken zu und mb zum Fenster hinaus, worauf mein Vis-a-vis mich anbrüllt«: „Hmi Wunder — der Berwalluiigsralh ist jüdisch, die Bediensteten sind Juden und die Pattagiere stnd auch meistens Juden!" Ich glaube, der liebenswürdige Heir meinte damit die Südbahn. Ich blieb natürlich in meiner jedenfalls mehr re-'reirte» als höflichen Stellung: dies schien den Herren jedoch nicht recht zu patten. :.'»!! der eine, der neben mir laß, fragte mich plötzlich: „N e i s e u Sie n 2 .t_ I e r u > a i e ni?" iroraur der zweite bemerkte: „N a l ü r l i ch, von T a r n o p o! »ach Jerusalem zur G e m e i n d e r a h s w a b l!" Jetzt crü iru.de ich cs inne. daß mich die geistreichen Mitpaffagiere, weil ich eine enras mebr als normale Aale besitze, welchen Fehler ich übrigens mit Sr. T nichlaucht dem Prinzen Alois Liechtenstein ibeile, für einen Juden hielten, und .ich tat die zwei Herren zwar lehr entschieden, aber auch ebenso höflich, mich im: idien zeitgemäßen''Bemerkungtn nicht zu molestiren, was keine andere Wirkung baue, als daß der eine mir wieder zulchrie: „Wenn ein Saujud' von einem Chriüen angesprochen wird, so muß er sich dies zur Ehre anrechnen." I: wurde ich endlich des Haders müde,, öffnete die Coupethür und erklärte de» Herren crierqitch, daß ich den Ersten, der mich mit seinen anlisemilischen Tiraden r: u'ligcn wiirte, bei der Eouxelhür binauswerfen werde. Tie beiden Urarier r.:en zwar die Thür zu schließen, da ich aber meinen rechten Fuß da- .biclr — worüber meine Hühneraugen nicht eben entzückt waren — ge , es J iurm*t Auch ihr Ruten nach dem'Conducleur blieb erfolglos, und d i> ,’.-r stc sich endlich damit, sich auf ihre zuerst occupirlen Plätze zu be- Z.r ' .,u ori aus iiber „jüdiiche Unverschämtheit" zu raionniren. In i• :r ive oeidcu .r'u.gerianer ausstiegeu, übergab ich ihnen meine starte mit d-r Bit:,', ln- Betchn erde gegen mich bei der Bahnverwaltung oder bei Gericht auzurriiigen, wcnn ne glauben sollten, von mir in ihrer persönlichen Sicherheit b.'s.obr wciLe» zu sein. Und nun bätke ich die Bitte an di« löbliche Redaction :ur Berm-icung derartiger Intermezzos, die sich, wie ich fürchte, häufig wiederholen dar'ien, bei den Babnduteclionen anzuregen, daß analog den Damen- und 'Nichrrauckeccouv-- icdem Zuge auch einige Coup«« speciell für „Juden, Juden-! l'bercne und Iudcnknechte" einget'challet werden, damit die?. T. Herren Anli-Vi soiiversaiion drehte, da ich ein r Herren einige Worte direct semiten durch Permiichuiig mit Nichlarier», lespective mit „Iudenknechten" nicht in ihien „heiligste» Gefühlen" gekränkt werden Mir ausgezeichneter Hochachtung Gras L. (Amtliche Abwehr von Bcrlenmduilgcn.) Der „Reichsanzeiger" veröffentlichte am d. M. folgende Erklärung: i Unter Bczugnahine ans eine» Ende Juni d. I. in der Zeitschrift „Ti' | Zukunft" enthaltene» Angriff aufden Biccpräsidenteii deS StaatsministeiiiimS.; Staaisniinister v Bötticher, hat nelierdingS die „Tciitichc Tageszeitung" wiederholt Xlage darüber geführt, daß leitende .Hreife der Corrnplio» verdächtigt j würden, sind haß der Boten für Gerüchte schlimmer Art dadurch vorbcreilel > iej. paß sich höchste Siaalsbeamie öffentliche Borwllrfe gegen ihre Lanieikeit l und Nechllichkeit ruhig hätte» gefallen laffe». Ans Bera»laff»»g des Sraaks-; Ministers v. Bötticher sind die thalsächliche» Borgänge, welche zu de» gegen ihn ■ gerichteten Angriffen Anlaß gegeben haben können, schon früher amtlich'fest! gestellt worden. Tiefe Thaisachen sind seinerzeit ihrem volle» Umfange »ach I durch den StaatSminister v. Bötticher selbst zur a. h. stcniilniß Sr. Majestät des Kaisers und Königs gebracht worden. Auch sind die Schrtttt, welche gegen biete verleumderischen Gerüchte etwa zu lhiin seien, wiederholt im Schoße des SlaalSministeriiims erwogen worden. Tas Ergebniß dieser Erwägungen war, daß eS im vorliegende» Falle der Würde eines SlaatSininisterS nicht entspreche, gegen solche versteckte Berdächliguiigen im Wege der gerichtlichen Klage vorzugehen. Mit ganz vereinzelten Ausnahmen hat auch die gefammte Preffe aller Parteien jene Angriffe theilS mit Stillschweigen übergangen, lheils mit Verachtung zurückgewieie». 'Nachdem gleichwohl jetzt der Veriuch gemacht ist, au! dieiclbeii zurückziikomme», erscheint es an der Zeit, diesem Treibe» dadurch ein Ende zu iiiachen, daß die amtlich festgestcllte Grundlosigkeit der erhobenen Vorwürfe öffentlich voni SkaalSministerium bezeugt wird. I» der „Zukunft" vom Juni d. I war gesagt worden: „Weuu es ivahr ist, wie sehr glaubwürdige Zeugen versichern, daß der SlaalSsecreiär i» einer Zeit, wo über den Laiikverkehr bedeutsame Eiiticheidungeii zu treffen waren, von GroßbanquierS Silmnien entiieheii hat, die er nach menschlicher VoraiiSsichl niemals zurückzahlen koiiiue, dann müßte fein Verbleiben im Amte von Allen bedauert werden, die zwiichcn Politik und Lilllichkeit nicht eine treniieiide Schranke errichte» möchten." . Im Jahre 1886 kam es zur amtlichen Kenntniß de» damaligen Präsidenleu der Reichsbank, daß ein dem SlaalSsecreiär des Innern durch Familieiibande nahestehender Vankdirccior an den Rand deS finanzielle» Zusammenbruches gelangt war. Aus die Mittheiluiig davon lehnte der SlaalSsecreiär unverzüglich jede Intervention zu Gunsten des Bankdirectors ab. Indessen gelang e» aiideren Verwandte» des Letzteren, mit Hilfe einiger Freunde seine Schuldenlast zu decken. Zu dieiem Zwecke hat auch StaatSminister v. Bötticher sein gesammteS eigene» Bermögen hergegebe». Bon dem Sachverhalte hat damals der SlaalS« secreiär deS Inneiii dem ihm vorgesetzlen Reichskanzler Mitlheilung gemacht, welcher demnächst die Erstattung der von jenen Freunden hergegebenen Summen herbeigesührl hat. Es ist amtlich festgestelll: 1. daß di« geschilderten Berhandlungen zu einer Zeit stattfanden, in welcher von beabsichtigten Reformen deS Bankwesens überhaupt noch nicht die Rede war; 2. daß Staatsminister v. Bötticher niemals von BanquierS Geld entliehen hat; 3. daß Staatsniiilister v. Bötticher keinerlei Zuwendungen, auch nicljt de» Ersatz der von ihm hergegebenen eigenen Vermögens empfange» Hai. TaS königliche Staatsministerium: Fürst zu H o h e n l.o h e, Fieiherr ».Berlepsch, M i q » e l, Thielen/ Bosse, v. K ö l l e r, Freiherr v. M a r s ch a l l, Freiherr v. Hamme stein, Schönstedt. Tic „Deutsche Tageszeitung", das Lrgan des Bundes der Landwirthe, harte in letzter Zeit die Angriffe der „Zukunft" auf Herrn v. Bötticher wieder aufgewärmt, um einerseits diesen den Agrariern mißliebigen Minister empfindlich zu treffen, andererseits aber, um die Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung von den Fällen des Defraudanten Ha mm erst einend des Ränkeschmiedes S t ö ck c r abzulenken. (Zur Anthropologie.) Wissenschaftlich beglaubigte Nachweisungen in Deutschland geben die überraschende Thatsache/daß nahezu ein Drittel der schulpflichtigen jüdischen Jugend blond ist. Die sorgfältigen Erhebungen, welche seinerzeit über die Farbe der Augen, Haare und Haut in den Schulen Preußen« angestellt wurden, erstreckten sich auf 4,127.766 Individuen, darunter 4,070.92)5 bis 14 Jahre alt. Bon der Gesammtzahl hatten 42 97 Perccnt blaue und 24'31 Percent braune Augen (während in Bayern der Percentsatz 29'5 blaue und 33 5 braune Augen betrug), ferner 72 Percent blonde, 26 Percent braune und nur 121 Peicent schwarze Haare (in Bayern dagegen 54 Percent blonde, 41 Percent braune und 5 Percent schwarze Haare). Noch auffallender ist die Vergleichung der Hautfarbe. Die brünette Hautfärbung findet sich in Preußen nur bei 6 53 Percent, in Bayern bei 15 Percent. Daraus erhellt, daß die dunklen braunen Elemente von Süden her eingedrungen fein müssen. Mit den anthropologischen Kenntnissen der Antisemiten hapert cs nach dieser zuverlässigen Statistik doch bedenklich.

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