Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 184 (13.10.1895)
- Date
- 1895-10-13
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. I't A rcies halten gegenüber brr Regierung nach der Stellungnahme des Mini-! stcriuniS zu de» nationalen und politischen Gütern, welche die Per- - einigte deutsche Linke verthcidigt, d. i, lediglich nach den Thatcn d/r . Regierung, cinrichlcn. Rach diesen Porschlägen und Ausführnngc» dcS BorstandcS fand cine lebhafte Debatte statt, an welcher sich viele Mit- glicdcr der zahlreich besuchten Bcrsaniinlung bcthciligten, wobei die Redner auch Anlaß nahnicn, sich über die in ihren Wählerschaften herrschenden Stimmungen eingehend auSznsprcchen. Lc'ach Schluß der Debatte sprach der Club in seiner Abstimmung mit Einhelligkeit seine Uebereinstiinnlung mit de» Anschauungen dcS BorstandcS aus, worauf - der Obmann für das zahlreiche Erscheinen dankte und die Sitzung! schloß. (Geldsack und Ideale.) Ein liberaler deutscher Lehrer schreibt unö: Die Beamten und Lehrer Wiens wählten größtcntheilS, so heißt eS, bei den B)iener GcmcindcrathSwahlcn gegen die Liberale»,; gegen dieselben Liberale», welche die Lehrerschaft von der geistigen Knechtschaft befreit haben. AlS Gründe dieses sonderbaren TankbarkcitsaetcS werde» allgemein die pccuniären Ucbclständc, an denen die Lehrer n»d die Beamten laborircu, angegeben. Wird die siegreiche Lncger- Partci imstande sein, die geldlichen .Röthen der Lehrer und der Beamtenschaft zu beheben? Rein und abermals »ein. Die Christlich- Socialen und Deutsch-Rationale» sind außer Stande, nur »ui einen Heller die Gehalte zu erhöhen, wollen sic nicht das Gros ihrer Wählerschaft, daS Alles, nur nicht freundlich gegen die „Angestellten" ist, in Harnisch bringe». Wer sind die Gefoppten? jedenfalls die Lehrer und die Beamten, die um cincS versprochenen Linsengerichtes willen sich mit den reactionärcn Elemente» als Eines Geistes und Herzens erklärt haben. (3d)lüflCl=Jycicr.) Tie Schlögcl Gesellschaft, eine ans Schriftstellern und Künstlern bestehende Tischruude, ließ andern Hanse Rr. 4 in der Fill gradergasse, i» welchem Friedrich Schlüge l durch volle vierzig Fahre gewohnt hatte, eine Gedächtnißtafcl anbringcn. Bei der Enthüllnngsicier am <>. d. M. hielt Tr. Earl v. Thalcr eine treffliche (Gedenk rede, in welcher er u. A. sagte: „Schlögcl war ciu hochbegabter origincster Schriftsteller, ein Autor .-ui n>-iu,ii.-: er tannte Wien und die Wiener wie Wenige und wußte sie mit Treue und Wahrheit, allerdings aber auch mit Schärfe und bcißcndstcin Humor zu schildern. Er liebte Wie», und weil er cS liebte, sagte er ihm die Wahrheit lind tadelte seine. Fehler. Alle Zeit hat er für Humanität und Aufklärung gekämpft, er hat nie geschmeichelt, weder nach Säen noch nach nnten, und wen» er heule leben würde, so würde er die .Hände zusammen schlagen über Manches, was Wien in de» letzten Wochen erlebt hat, und er würde feine Feder in die schärfste Lauge tauchen. Alle Zeit stand er im Kampfe der Geister, und iiunicr stand er auf der Seile der Aufklärung; er kämpfte für Aufklärung und bürgerliche Freiheit, und das soll ihm nie vergessen werden. Wenn er heute von uns gefeiert wird, gilt cS dem Freunde, dem hochbegabte» Schriftsteller, dem Manne von Charakter, von fcstci», nnbeugfaniciu Sinne und Entschlossenheit, der nie seine Feder mißbraucht, der stctö für Recht und Humanität gestritten." Wie der Teufel das Weihwasser, scheut die antiscnnlische Sudelpresse die Worte: Humanität, Ansklärinig, Recht und bürgerliche Freiheit. Sie „verreißt" daher de» Tr. v. Thalcr in ihrer Weise und füllt auch über den tobte» Schlögcl her, dem sie cs als großes Pcrgehcn anrcchnet, daß er der Perungliuipfnng Heinrich Heine'S cntgcgcntrat und überhaupt den Ausschreitungen der anrifcmitischcn Bubokratic keinen Geschmack abzugcwinncn vermochte. «Berurthtiltc (Lxccdrlltcn.) Bor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Leopoldstadt fand am 8. d. M. ei» antiscinilischcr Exccß sein Rachspicl, der sich in jfccr wildlockigcn Zeit der letzten Gcmeinderalhöwahlcn abgespielt halte. Der Möbelhändlcr Samncl Platschik verweigerte die Annahme eines schlecht rcparirtc» TiichcS, worauf der Ucbcrbringer desselben, der beim Tischlcruicistcr Josef Prosoß in Lehre stehende Adolf B e r n h a r d sich in-antisemitischen Bcschiilipsungen der Eheleute Platschik erging, Rasch hatte sich eine nach Hunderten zählende Menschenmenge angcsamnielt. Tic bei einem Canalbau beschäftigten Arbeiter kamen mit ihren Krampen herbei, ihr Rädelsführer Josef Rcugcbaucr harangnirtc die Menge mit den Rnfeit: „Man sollte die Juden nicderhane»!" „Judengcsindcl!" u s. w, als rechtzeitig eine hcrbeigeholtc Pvlizcipatronille erschien, die Reugcbancr und ciiiige andere Crccdcnten arrctirtc. Roch standen zahlreiche Menschen vor dem Geschäfte, als der Möbclhändler Mathias Wahles, ein Rachbar Platschik's, vorübcrkani und inS Geschäft desselben hiucinriefs „Wenn ihr kein Geld habt, kauft nichts!" und „Ter Jude ohrfeigt, aber er zahlt nicht!" ES hatten sich nun in Folge einer. Klage der Eheleute Platschik der Tischlermeister Math'eS Wählet, der Lchrjunge Adolf Bernhard und der Arbeiter Josef Li? ngebancr wegen Ehrcnbeleidigung zu verantworten. Der Richter verurthciltc 33 1 a 11. feite :i. Bernhard; n 4* Stunden ‘.'ln oft? und W ablel zu I ■>. t'l Geld ft v a f c. Licugebaucr war zur Mrliaudluug niclit crscliienen, er ist abwesend „unwissend wo",' wie cs in der vorniärzliäien Polizcjsprachc hieß. Zn anllsculilischcr ^>c4t.' Wie aus Bo; c u gemeldet wird, kam cS dort vor einigen Tagen zu einer recht zeitgemäße» Teinonstration. Eine größere Gefellichaft von Tbcilnehmcrn dcS internationalen Gast wrrtheragcs i» Älicran, die unterwegs auch Bozen berührte, war RachtS auf dem Bahnhose de» rohesten antiieniilischen Insulten einer iliotte von Leuten aus de» unteren PolkSschichlcn auSgesetzt. Man schrie den Hoteliers, unter welchen sich lein einziger Jude befand, zu: „Elende Jude»! Rieder mit den Inden! Geht noch Palästina!" Tic Scene ries peinliches Aussehen und die gerechte. Per nrthcilung seitens der gebildeten Bozener Bevölternng hervor. (Cinc historische Rückeriliiirrillig.'f Bekanntlich wurden laut Erlasses vom 'J'J Tccenibcr 1744 die Jude» Böhmens angewiesen, »ach Perlans von sechs Monaten „das ganze Königreich Böhmen zu rau.men und innerhalb der Grenze» desselben' sich nirgends mehr sindcn - z» lasse»".' 'Alle,Bemühungen, die'Zn.lnknahinc dieses ErlaneS zu erwirken, schiene» anfangs vergeblich Erfolglos balle der Tb erst Kanzler von Böhmen erklärt: „Hiergegen find iuiut der Prager Judcnschaft verschiedene Wohlhabende und in dcric. Sachen sich nicht, mischende ,_ welche den größten The : des böhmischen >->>imi,>',vii in ihre Hände gebracht. Tiefe bcsördern die bobinischen Landcscrporlanda in fremde Länder und führen dagegen vieles Geld herüber, welchen <'>nnn»-i,-ii Erhaltung nicht allein des Land s, sondern auch Ew. Mas. Jnleresi'e behänget." Ter B:rnlilttnngsvo>schräg. bloß, die ariklcn Juden ausznweiie» und den reichen- Inden den A>i-'e»lhall zu gestalten, blieb indessen nur anfangs wirkungslos, ivnrde aber schließlich, nachdem die Statilzalterei Böhmens in einer anssnlirliche» Eingabe vom f> April 1 7 li> aus die ..iinans'rnechliche Tamilisieanon" hingewiesen, in ivelche Böhmen durch die siriele T rrrchsührn-ig der Auswandernngsordre der Juden gcrathen müßte, dahin nrodrsieiri, daß mittelst Entschließung vom 4. Anglist 174'* den Juden, genaiiei werde, daß sic noch sechs Jahre in Böhnk.n . bleiben, Lurfeil und während dieser Zeit cinzelweise. daS Land räumen iogien, und znzgr-m jedein , Jahre der sechste Thejl derselben. Wieder erklärte die Sianhalierei, inan könne .diese» Modus der Auswanderung dem Ermessen der Inden nicht überlassen, ioeil sonst die reichen so'orl auswandern und die armen zurücklassen würden. Tie siir Jntciiaiigelegenheiien,eilige setzte Couliuission sPhilipp Gras Kollowrath, Frau; Leon. He,irrer, Franz Jgn. Terror, Josek v Ga»,seniels und Wilhelm v Krausenekerstattete am 'März 174" einen Bericht, in welchen: sie sich für . die Wiederaufnahme der Inden aus lllilriärsgründeu ausivrach Bei den christlichen Kanstcuten sei Alles tbencrer, als dieses bei den Inder: der Fall war, so daß auch die Christen die Rücklehr der Inden „an seufzen". Tie böhmischen Stände selbst, an welche die Kaiierin l.irt Geldfordcrungcn für Kriegszwecke hcraniral, erklärte», dieselben nur dann zu bewilligen, „wenn ,°>UO bis 'UM der reichsten und besten jüdischen Familien nnlkr einer Jhro Majestät selbstbeliebigen r.-m,, in die Stadt Prag wieder eingelassen würden, allernraßen dies: riehst denen Landesjudeil nicht nur den ansonstigen 47>. ^heil iitiiM:--!:■ müssen und der arme überseine Kräfte angcsetzle J.iuus eines ThcitS und besonders i» der Collcetirnng der Tomestieabarrlaa.r'. levicrt, andern THeils aber das Land durch die Bczahlnng des'':,:. was. die Judeitschafst demselben »och lestirl, einen tiinstigen :-n. iu.ni: zur richtigen -Einhaltung dessen ru.-stun.l.,i uni erlangen, i, ud.ru auch Jhro k. k. M. :>'-n,ist,> selbstcn einigen nanrhasren ^ng.^ig rerkchant werden könnte". Am Arignst I74> wurde die Ausweisniigsordre der Juden widerrufen.' - Weshalb wir .diele geschichtliche Rdniiniseen; bringen? AuS diesem einfache» CS'rjtnbe: ., Tie gegen da» jüdische Capital polternde» 'Antisemiten können ans' rlir eine ausgiebige Lehre ziehen." lRbgcorüilttcr Z.^BeuVel über Vic Lüge.- In eine», „TaS deutsche Parteiwescn" ' nberschriebencn Leitansr'atze, versaßt vom ReichSrathS- und LaudtagSabgcordncten Josef Bendel, bringt Rr. der „Bohenria" eine leidenschaftslose Besprechung der deutschen Partei- Verhältnisse Oesterreichs, in welcher der Asitiscinitisinns. folgender- - maßen beurthcilt wird: „Tie antifeniilische Partei," schreibt Proscsior Bendel, „bildet heute de» Sanimclpuntt der Mehrheit aller unzufriedenen Elcnicnte, nnd daher erklärt sich ihr rapides Anwachsen. Tre anderen reaktionäre» Parteien leisten eifrig Zutrciberdiensle, denn sie sehen klar ein, daß ans dieser Berwirrung der. Geister und leidenschaftlichen Aufregung ein starker Prosit für die Reaktion überhaupt absallcn muß. Aber die antisemitisch-christlich.sociale Partei ist nur. einigermaßen einig in der Negation, sie bemüht sich, alle gesellschaftlichen Wunde» auf daS Rücksichtsloseste anzutasten nnd auszureißen, aber sie besitzt