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Freies Blatt · 1895-10-13 · 184 (13.10.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
184 (13.10.1895)
Date
1895-10-13
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 181 .freie» S I a t *. Seite 3 Natur der Sache begründet. Die Juden sind cS, die vom Fortschritt der Eultur und VolkSausklärung Vieles zu erwarten, vom Rückschritt und von der geistigen Umnachtung BielcS zu befürchten haben. Sie sind die Minorität im Staate, und sic stehen einer fanatischen Majorität gegenüber. Ihre Waffen sind die Wahrheit und die. Gerechtigkeit, Dinge, die in einer Zeit, wo die Macht und nicht das Recht das Sccpter schwingt, gegenüber der Rohheit des GcinüthcS und der Verwirrung des Geistes nicht viel bedeuten. Und — waS nicht übersehen werden darf — die politischen Parteien allein werden nicht helfen können, wen» die ganze gebildete Bevölkerung ihnen nicht zur Seite steht. Manche Parteien haben nicht die Macht, die »nisten aber auch nicht einmal den guten Wille», sie in ihrem Rechte zu schützen. Worüber sollen auch die Juden, klagen'? Sie haben ja-die volle Gleichheit in der Staatsvcrfasiung verbürgt erhalten, und das nimmt sich auf dem Papier sehr stolz auS. Daß diese Rechte praktisch nichts bedeuten und daß die Regierung, die berufene Cchirmerin des Rechtes, selbst gegen den Geist der Bcrfaffung handelt, ja) du lieber Gott, wer kan» und will die Verantwortung dafür übernehmen? Wir haben hier nicht die offenen Antisemiten im Auge, die wir an und für sich für völlig ungefährlich halte». Die paar antisemitischen Schreier in den Parlamenten Deutschlands und O.stcrreichs gereiche» den Völkern nicht gerade zur Zierde, sind aber ohne jegliche Bedeutung für die Gestaltung der inneren Vcrhällnisse. Die Vergangenheit dieser Helden ist meistens eine solche, daß sie nicht zu viel Vertraue» cinflößcn könne», und jeder einsichtige Mann weiß, was er von diesen Revolvcrpolitikcrn zu halten, hat. Aber der Schwerpunkt des Antisemitismus liegt nicht in der antisemitischen Partei selbst. Nicht die antisemitische Partei, sondern die antisemitische Gesinnung des Volkes ist der schlimmste Feind, und' daß diese immer mehr um sich greift und sich jeden Tag crasscr zeigt, das kann Jeder beobachten, der nicht die Politik des Vogels Strauß treiben will. Tic conservativc Junker- und Muckerparici, der famose Bund der La>rdwirthe, die Mittelstands- und Handwrrkerparteic», waS sind sic im Grunde anders, als reactionüre, judcnfcindlichc Gesellschaften'? Aber auch mit diesem weitgezogcnen Kreise ist der Antisemitismus noch nicht begrenzt, er zeigt sich seit einigen Jahren auch in der nationalliberalen Partei, freilich in versteckter, aber darum nicht minder gefährlicher Form. Und dieser Proccß der Ansteckung ist »och nicht vollendet und nimmt immer größere Dimensionen an. Die Phrase von den sogenannten Philosemit.n ist eine bittere Ironie, denn von den angeblichen judcnsrcundlichen Parteien haben die Juden in Wahrheit oft nur den Nutze», daß man sie für die Fehler dieser Parteien verantwortlich macht und sie fremde Sünden sühnen läßt. Es gibt heute in Deutschland und Oesterreich nur wenige Philosemiten, denn der Idealismus ist im Eonrsc stets gefallen, und die Politik ist jetzt zu einer Komödie degradirt worden. Wir verlangen auch von keiner Partei und keinem Mann unbedingten PhilofemitismuS, denn daS würde Vertretung fpceifisch jüdischer Jnlcrcssen bedeuten, und das wäre ebenso unrecht wie die antiscmitischc» Forderungen. Was wir stets verlangen und verlangen »lüsten, das ist der Schutz des Rechtes auch dann^ wenn cö sich um eine» Juden handelt. Das ist eigentlich selbstverständlich, selbstverständlich vom menschlichen und rechtlichen Standpunkt, selbstverständlich im Sinne des Gesetzes und der Moral, und doch würde die sogenannte „ Juden - frage" nicht mehr ezistiren, wenn die Parteien im Staate diesen Standpunkt wahre» würden. Daran gebricht cS aber »och sehr stark. Denn auch solche Politiker, die sonst ehrlich und gerecht denken, nehme» den Juden gegenüber oft einen Standpunkt ein, der nur durch die Verworrenheit unserer politischen Zustände .zu erklären ist. Daran wurden wir dieser Tage wieder einmal durch die elastische Haltung der „Kölnischen Zeitung" in der „Judenfrage" erinnert. Dieses rheinische Weltblatt, daS als edles Vorbild deutsch-nationaler Gesinnung und civilisatorischer Vornehmheit gelten will, beliebt nämlich zur Abwechslung feinen SalonantiseinitiSmnS zu documcntiren. Die politische Bahn, die diese Zeitung eingcschlagen hat, ist eine so schwierige und dornenvolle, daß viel Geschick und »och mehr Charakterlosigkeit dazu gehört, um sie beherrschen zu können. Die »ationalliberale Partei in Deutschland, in der einst der unvergeßliche Dr. LaSkcr mit seinem edlen Idealismus die Leitung hatte, ist heute zur Regierungspartei saus piirase geworden, und sic erkaufte die Regicrungsfähigkeit durch das Verleugnen aller Grundsätze dcS Liberalismus. Sic ist heute die Partei der Unmöglichkeiten und Jnconfcguenzen, sie sagt zu Allem, waS die Regierung will» Ja und Amen und erwartet nur als Gegenleistung von der Regierung Schutz gegen die bösen Socjal Demokraten, die die Millionen der guten Herren „rauben" könnten. Nun muß die „Kölnische Zeitung" dieser "schiefen Stellung ihrer Partei Rechnung tragen. Sie soll es dem Herrn Professor Haste, }>cr auf Grund cincS anliscmitischcn Gelrl- »istcS in den Reichstag gewählt worden ist, rcck>t machen, und soll wieder den jüdischen Eommcrcirnräthen, deren Lieblingslretüre sic bildet lind die Tausende in die Partcirassc fliesen laste», gefällig sei». Dieser hohen Aufgabe cülledigt sich die vornehme lö'.nische Dame mit seltener.Grazie. Ach, cs ist so leicht Allcn gerecht zu werde», wenn man daraus verzichtet, der Wahrheit die Ehre z» gebe», wenn man sich den überflüssigen LuruS von Prinripicn abgewöhnt hat. Die „Kölnische Zeiiung" bringt also abwechselnd' olle vierzehn Tage einen Artikel gegen die Inden und gegen die Anliscinilen. Dadurch bekundet sic ihre „Unparlcilichlcil", »nd mehr kan» man ja nicht vcrlangcn. Jetzt scheint diese Wetterfahne am Rhein ihre antisemitische Periode zu habe». I» mm». Berichte anS Wie» spricht diese sich liberal nennende Zcitnug vom „internationalen Großjudenthum". Man staunt unwillkürlich über diesen ielliamcn Ausdruck und glaubt, die gute „Staatsbürger Zeitung" oder Bergani's Organ vor fickt;» haben. Scho» das Wort ist dir antisemitischen Terininologic ent- »omii c». Wer ist Großjudc und wer Kleinjudc'? Wie denkt man sich diese »»»'tische Organisation dcS Judenthnuis'? Das 'wäre eine würdige Prcisaufgabc für de» defignirtc» neuen Bürgermeister von Wien. Die Sache ist also ei» sprachlicher Urksin». Geweint sind damit 'offenbar die reichen Inden, diese^ seien also nach der Ansicht der „Köluijchc» Zeitung" international, d..h. sie wurzeln mit ihrem Denken und Fühlen nicht im Staate, sic gehen nicht mit ihren LandcSkindcr», sondern mit ihren StainmeSgcuoiscn. Es durfte de» Gelehrten der „Kölnischen Zeitung" schwer fallen, die'es Ariom durch logische Gründe oder gar duich Thalsachen zu beweise», trotzdem eö so alt ist wie alle Vornrthcile und Aberglaube». Eher würde cö richtig sein, daß daS Capital seinem Wesen »ach international ist und daß seine Träger, mögen sie wohnen, wo sic wollen, zu ciuander halte». DaS aber würde daS mächtigste Organ der-Großindustrie schwerlich zugcbeu wollen, denn das würde ihm A'oii feinen mit patriotischen Orden brcciivtcu Gönnern kaum verziehen werdem Aber die Inden so alle paar Woche» einmal abzukanzcln, um dem rechts stehenden Parlciflügel die moderne Tapferkeit zu beweise», tos darf man sich schon eher gestatten. Wir aber l.ädcn leine besondere Hochachtung sür eine solche Taktik, die mchr schlau als würdig ist,' und wir sind der Meinung, daß ein solcher Salonantisemilisinns mehr schadet als alle Brand' reden der anliseuiitischc» Eatilinarier. Wir vermögen darin teinc Vornchmheit zu erblicken, daß man sich./telS in gewundenen Redens arten bewegt, ans denen man Ja und Rein heranslejen kann. Farbe bekenne»! Das ist dio Parole des ehrlichen Politikers, wer das nicht thut, der dient feinen eigenen Interessen, aber keiner hohen- Idee. Eonscgucnz des Denkens und Tüchtigkeit der Gesinnung sind die Hauplpostulate einer der Ansklärung dienende» Zeitung. Eniiveker ist man wirklich liberal, dann laste man die Religion und die 'Ab staminuug auS dem Spiele und betrachte Jeden a>s guten Burger, der seine Pflicht gegen de» Staat und seine: Institutionen erfüllt, oder-aber man lege das in allcn Farben .schillernde Mäntelchen ab und zeige sich in seiner wahren antisemitischen Gestalt, lins ist ei» offener, chrlichcr Gegner noch immer smnpaihischer als ein böslicher, nach allen Seiten hin gefälliger „nationallibcraler" Hintertreppe» Politiker. . Wahrlich, man kann den jüdische» Bürger durch Nichts io sehr kränken, als wenn man ihn trotz aller edlen Bestrebungen -im Tienste" der Menschheit und des Staates 'herablassend als Bjiiger zweiter Elaste betrachtet. Die sogenannten gutgcuieinten zarten Winke dieses Philvscinitcn sind schmachvoller als die Schmähungen der Radau- Helden. Der Liberalismus könnte da akisrust» : Gott schütze mich vor diesen Freunden, vor de» Feinden will ich mich selbst schlitzen! besetz und Millkur. lOriginal Mitlheiinng deö „Freien Blatter"» Petersburg, .'>. Oeiober. Die Legion von Beschränkungen und AuSnahmSgesctzen, die in Rußland gegen die Inden bestehen, findet in der PrariS," Dank der Willkür der Behörden, eine Anwendung, welche den Druck dieser AuS uahmsgcseye noch vermehrt'. Die Behörde» haben die ohnedies völlig rechtlosen Juden mit einem "Netze von willkürliche» Verfügungen, Vorschriften und Erlässen ninsponnen, welches das Leben der Juden zu einer fortgesetzter! Tortur »lacht. Sogar die ,,Erleichterungen", welche die jüngsten Ukase des EzarS NieolanS U. den Jude» gewährt haben, verwandeln sich in den Händen der localen Behörden in Bedrückungen schlimmster Art. Zwei Fälle aber willkürlicher Judenverfolgung hat

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