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Freies Blatt · 1895-10-13 · 184 (13.10.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
184 (13.10.1895)
Date
1895-10-13
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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.freit« Blatt. Nr. 184 5eift Ü sunt. Wie fiolcman v. TiSza in Ungarn, könnte Graf Mafimir Badeni mit Einem Schlage dem Antisemitenspuk in O-ster reich den Garaus machen. Das Bewußtsein der eigenen Schwache dürfte cs sei», welches das e.n.isemilische Lager in dem neuen Ministerpräsidenten einen um so gefährlicheren Feind erblicken läßt, .als cs ihm allem Anscheine nach die Fähigkeit und die, Macht zutraut, die seinen Plänen hinderlichen Faclorcn rück sickuslos;u beseitige» und jederzeit vor; 'gehen, wie ein guter österreichischer Patriot und energischer Staatsmann Vorgehen muß, um gesetzwidrige und gemeinschädliche Bestrclmngeu zu vereiteln. -Die Meinung, welche offenbar die Antisemiten vom Grafen Badeni habe», ger.icht ihm wahrlich noch mehr zur Ehre als die Ovationen, deren Gegenstand er in Krakau und Lemberg war, und wir können ' nur wünschen, daß die neue Regierung durch ihr Thu» und Lasse» diese schmeichelhaft« Meinung der Antisemiten rechtfertige. ttt Quid nunc? an das „Freie 'Statt".>■- „Im Soiuiucr 1**4 sah ich in der Nähe von Wien eine Eaval- ,ade gegen den Schloßgarteu eines Herrn N. ansprciigcu. Die Reiter ver'diwanden im Barke. Ta ich wußte, derselbe sei geschlossen, ertundigte ich mich, und da bicß eS, man habe den Herren wohl bedeutet, der Garten sei stets geschlossen, aber sie seien doch unbekümmert weiter geritten. Als mir nach JO Minuten den oberen Theil des ParkeS erreichte»,.' fanden wir eine mit Schloß versehene Bretterthür ningcrinen, durch welche die Herren, ins Freie gelangt waren. An d:e>e Anairc aus dem Jahre l*64 mußte ich denken, als ich in den Leitungen las, daß jene- Ssn.icre, welche am <i. August einen Paüanlcn in der Kürntiierstraße insultirlen, wie eS scheint, hiesür nicht weiter zur Verantwortung gezogen, ja zur Ehrenbeleidiguiigsklagc gegen den Pcrlheidiger des Jnsullirtcii zugelasscn wurden. Es scheint, daß schon 1*64 bei einzelnen Herren der Eavalleric die Ansicht geberr'chk habe, cs jei nicht beachteuswerth, wenn ein Jude einen Schloßgarte» besitzt, wenigstens wurde das in der Bevölkerung jenes Ortes io gedeutet und sogar mit gewisiem Behagen ausgesprochen. ES bekam al'o die Mißachtung des Eiuiriilsverboles schon vor'11 Jahren einen demonstrativen Ebarakter. Noch demonstrativer gegen die Inden war das Aniircten der Smeiere in der Asfairc des Herrn Munk am, 's August I*L:'> Ich will einen Fall erzähle», wie ein Herr in Paris sich in ähnlidja Lage benommen hat. Es war im Jahre 1676. Ei» Arbeiter tauule an einen eleganten Mann in der Rne Biviennc. Ei» S.'-rpyaiit \ eilte dem Mann« nach, doch der feine Herr bat, keinen S.auda! z» machen mit den Worten: .l.ui-s--r->... e'.-st uu mul .!-t.->-»-l^.iuu!>- .iistinnurs -1» ru .-t me <lit. nn»t.“ Es war — wenigstens' nach uMercr Nieinnng — ein politischer Fehler, daß Herr Munk in 'ciium Faud^ schon zur Klage schritt, denn das Resultat.war leider rorausrusehen und der Fall noch immer fein so in die Augen springender, daß v er auch die allgemeine Entrüstung der Ossiciellcn betvorgernfen hatte Wir intchken, daß durch den fast sicher vorausrn'eltenden Ausgang der ganzen Äsfaire einem noch eclatanteren Falle, der >a leider nicht ausbleibcn dürste, die Spitze abgebrochen und er s.:ne» Wirkungen voraus -abgeschwächt wurde. Tiplomaiischer wäre s al>'o gewesen, diesmal die Sache auf sich beruhen zu lasten, nicht etwa, weil' Herr MMP nicht im Rechte gewesen wäre, sich zu beschweren, sondern weil der Eiuzelsall noch nicht genügte, um neben deu Wahlvorgängen Einblick in den ganzen bodenlosen Abgrund der L-e>iritruug tu gewähren, von welcher die sogenannten „privilegirten L lande" insgesammt immer mehr ergriffen werden. Mit der ganzen Farbe sind sie »och nicht da, dicsciiigcn, welche, L uu.Throne nahestehend, für die Beachtung der Gesetze cinzntrctcn : .‘iT'Uditet mären Mit den angefaullcn Ideen von Wiederkehr der «''! .tte Wirthichatt, der llutcrdrückung der Juden", sollen sie heraus! diu;■! Wahlurne haben wir zwar schon etwas von jenem Fieber gesehen, d:' ü: tiiidniittelt. Wir misten, die eonscrvalive Richtung hat eine Art , u Bv'.ni.'tdeir über die Geister gebreitet, und der Besitz der staatSia.a.i.tdKn R'dne scheint nicht mehr die erste Grundlage dcS Staates '.u sei»: die Personen der Srdnnng schützen leider nicht mehr in allen Janen de» Wehrlosen. Selb» solche, welche bisher im Kampfe an unserer S-.ne ftauben, lasten sich schon vom Strome mitreißen, schwenken allmälig ■*ii> '.'lber, cs iü noch nicht genug; wir wollen nod) warten und mehr Farbe '.Heu. lluier gesetzlicher Standpunkt wird auch schon mitleidig belächelt, als wollte man sagen: .Armer Jllusionsmensch, glaubst du noch an d .s Alunienmärchen von den garanlirte» StaatSbürgerrechtcn? Alles noch nicht genug, ast and) schon Alles krank, vom Gifte der Epidemie des HaffeS ergriffen, ist auch der Lehrerstand der Volksschule angefault vom Antisemitismus, nimmt auch die christliche Geistlichkeit, obwohl Einzelne »lülhvoü den Raccnhaß bekämpfen, nicht so Stellung, wie es sich gebühren würde. Nicht genug! Früher hieß cs: „Mangel an Religiosität ist die Ursache der Verrohung. “ Wenn aber von den Kanzeln Haß gepredigt wird, wenn zu unserem Staunen Prediger des ChrlstenthumS ein Büuduiß mit den verwilderten Mcnschenhaffern scksticßcn, statt die rohe Meute zu bekehren, sic für Partcizwccke benützen, wo soll da Klarheit herkommc»? Der Antisemitismus hat den römisch-katholischen Stempel, soll er and) noch einen ossiciellen Regicrungsstempel bekommen? Alles nod) nid)t genug! Die maßlose Eintönigkeit der modernen Geistesrichtnng hat die „privilegirten Kasten" gelähmt. Einem WiffcnSdurstigen wird cs heute schon schwer, mit solchen arisch-christlichen Poseurs ein Wort zu reden, denn überall schlägt die ätzende Säure des „Juden hinaus!" durch. Jude» ohne Unterschied! Wer geistige Anregung sucht, wird sich gar bald zurückziche» müffen oder, was »och bester ist, diegebildeten jüdischen Kreise mehr, frcquentircn, als dies bisher geschah, denn weder aristokratische, nod) burcaukratischc Gesellschaften, weder der Priesterstand, noch auch der schützende Wchrstand sind mehr frei vom Gifte des JndenhaffcS. Wer den geisttödtenden Gesprächen der von dem Fieber erfaßten privilegirten Stände heute entgehe» will, suche eben Kreise, wo das „Juden hinaus!" unmöglich ist, dieses häßliche, widrige Straßealied verstummt. Alle Intelligenz suche ihren Knotenpunkt in den hochgebildeten jüdischen Zirkeln, wo sie ja stets ein Asyl gefunden hat. Möge» Andere mit der Verwilderung sich brüste», mit de» Feinden der Ordnung pactire»; wer sei» geistiges Leben, seine Bildung liebt, ziehe sich allmälig zurück von den privilegirten Kaste». . Als letzte Hoffnung bleibt unS der Richterstand. Der hat sich in Sestcrrcich stets wacker gehalten; er bleibe politischen Strömungen unzugänglich, stehe über den Parteien, und wir erwarten mit Zuversicht von dem charaktervollen Manne, welcher eben das Justizportefeuille übernahm, und von seinen Eollegen nachdrückliche Befferung der Zustände. Wahrung der Bürgerrechte, Achtung für die Gleichberechtigung der Staatsbürger, wie die Grundgesetze dieselbe vorschrciben. Die heutige Lage ist kein Resultat einer natürlichen Bewegung, sie ist die Folge einer künstlich aufgezogenen politischen Mißgeburt, deren Anwachsen »ur de» Erzeugern Furd>t einjagcn darf. Wien, wird regiert von Solchen, welche niemals imstande sein werden, in das Räderwerk der StaatSmaschine mit Vernunft und llcberlcgung einzugreifcn, denn sie sagen sich loS von den geistigen Stützen des Verfaffungsstaatcs. J>-f. Der moderne CalnmCibaalbmus. t-Zuschrift an das „Freie Blau".» . Köln, 8. Oetober Daß aud) Weltanschauungen und politische Richtungen wie Moden wechseln und im Laufe der Geschichte oft spontan einander ablösc», das ist eine Erscheinung, die nur den Eintagspolitiker überraschen kann. Uns dünkt, der Eulturhistorikcr der Zukunft wird unserem ganzen Parteigctricbe »ur smuptomatische Bedeutung zumefsen. Unsere politisckse» Parteien dürften ihm alle ein wenig corrumpirt und komödienhaft Vorkommen. Er wird erst Phrase und Wahrheit sondern, all die trüben Schatten, die uns umgebe», absorbiren müssen,'um sich ein klares Bild unserer Zeit entwerfen zu können. Der ernste Denker, der sich frei vo» parteipolitischer Einseitigkeit weiß, gewöhnt sich daher leidst daran, die politischen Zeitkrankheiten mit einem gcwiffcn Fatalismus hinzunehmen. Was aber den wahren Menschenfreund bc trüben muß, das ist die Erkcnntniß, daß alle Richtungen der Neuzeit, die sicks des Beifalles der großen Menge am meisten zn erfreuen haben, in ihrem Endziel darauf hinauslaufen, die Idee der Mensch lichkcit in eine Elassenjacke zu zwängen und die Bürger deS Staates nicht in vcrsdsicdeuc GeisteSströmungc», sondern in Jnteressenpartcicn zu spalte», in denen der bittere, unvrrsöhnlidse Kampf ums Dasein die Triebfeder aller Handlungen ist. Alle politischen Bestrebungen trete» heute zurück vor der social-u Frage, die die Elemcntarkräfte entfesselt und alle Gemüther beherrscht. Da gibt eS keine Rücksicht und keine Achtung, eS ist der verzweifelte Kampf Aller gegen Alle. Was jedem Gebildeten »och vor einigen Jahren heilig war, daS wird heute oft verhöhnt und verspottet, und mancher Mann steht innerhalb seines Volkes, ja innerhalb seiner eigenen Partei vereinsamt mit seinen Idealen und kann sich . in seine Zeit nicht mehr hincinsindeii. Daß die Judenschaft in dieser heillose» Zerfahrenheit, in diesem Chaos vo» Meinungen und Jntcreffen '«nt meiste» leidet, ist in der

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