Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 183 (6.10.1895)
- Date
- 1895-10-06
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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5citc l'_\ i S r c i e berief, das Wort Gottes zu verkünden de» Gläubig.-n, mir die Macht verlieh, zu binden nnd zu lösen. In diesem Bertranc» untersage ich nun zur Ehre und zum Schutze deiner Kirche ini Namen des all' mächtigen, dreieinigcn Gottes, krast deiner Bollmacht dem König der Poe», BoleSlaw, der sich mit' unerhörtem Hochmuth gegen deine Kirche erhoben hat, die Regierung deS ganzen PolcnreicheS, löse alle Christen von der Verpflichtung deS Eides, den sie ihm geleistet haben oder noch leisten werden, nnd nntcrscge hicmit Jedermann, ihm als König zu dienen, daß, wer die Würde deiner Kirche herabsctzt, selbst die Würde, die er besitzt, verliere, lind weil er alS Ehrist weder gehorchen wollte, »och zu dem -Herrn, den er verlassen hatte, zurück kehrte, indem er die Mahnungen, die ich — dn bist mein Zeuge — nur um seines Heiles willen an ihn ergehen ließ, verachtete, deshalb 'schlinge ich um-ihn in deinem Rainen die Bande deS Fluches. , lind ich spreche im Berrrauen aus dich diesen Ban» ans, auf daß alle Bölker wissen nnd erkennen sollen, daß du bist Petrus und auf deinen Fellen der Sohn des lebendigen (Lottes seine Kirche gebaut hat und die Pforten der Hölle sie nicht überwältige» werden. Lcrflucht soll er sein und seine Helfer! Bcrflucht seine Waffen nnd Pferde! Er soll lein inil Kain, dem Brudermörder, und Judas, dem Berräthcr, und mir Dalhan und Abcram, die lebendig zur Hölle gefahren sind. Sv wie jetzt diele Vichtcr verlöschen vor euerem Angesicht, so verlösche leine Freude vor dem Angesichte der heiligen Engel, falls er nicht vor feinem Tode Genuglknung leiste nnd Buße thue! Solches verkünde ich im Raine» Gottes, des Paters, des Sohnes und des heiligen Geistes, Amen!" Ter Bilchol hakte geendet. Siele, lantlolc Stille folgte seinen Worten, nnd mit dem Erlöschen seiner Stimme zugleich verlöschten alle'sichrer und ninhüllten den weilen Raum und die gläubige Menge mit den Schauern der Finstcrniß <Foitsit.»»,g folg«., Ein Wiener- „Aber Alter, naS. hast denn'/ D11 rcd'st nir, du dcul'st nir, 's kninml ma grad' vur, als ob's dir d' Red' verschlag'» hält'." Also apgltrovliirte die trotz ihrer sechzig Jahre noch, imincr ricgcllame Frau Cordula Bröslma» r ihren (''allen, den mehrfach verstockten Hausherrn und Knopffabrikanien S.bastian Bröslmayer. „Mein (''oll, . Eordcrl, ma is halt a nir immer aiitg'l.gt zum D ilchkarir'n." Iran Eordulä nraß ihren Mann init einem.scharfen Blick und s sagte kopslchütielnd: „I laß inir'S nir nehma, dir is was übers '.'eberl g'laus'n Sir'gehl waS im Kopf h'riim, nöt war, Sebastian, i Hab s derraltz'n?" „I bitt' di, laß' ma an Ruah," brunimle BröSl»iai)er. ,,'Ra, na, na, nur nil so gach, der gnädige Herr wird mi ani ..End' dy nir gar ticsin!" rief die alle Uran, trat aber sofort auf ihren Mann zu, ’d:laitg einen Arm n..i scincu Hals und blickte ihm liebevoll in die Augen. „Geh', Ältcrl, wpr wird denn gar so springgifli 'ein," re.ivics sie-fault. „Schau, dös fchad'l ja deiner G'sundhcit. Du könnt'st ma kränk wer'», ani End' gar stcrb'n, und was-lhül' denn nacher r, ohne nicin' liab'n,. giiat'», herzigen Mannerl." Sie letzten'Worte brachte die gute Frau nur mehr stoßweise ans der Kehle: sic haue den Kov« auf die Schulter ihres Mannes gelegt nnd schluchzte b.fiig ' ..Wrst d'"i!ii.glci zum Flenen aushör'n, du -— dn windveldrahte Shianen'chleuß'n," polterte der Alte: „willst mi no yerzagler machen, als i eh' schon bin!" - ‘ ..'Jia, na!" rief rasch leine Krau, hob den Kops und sah ihm mit ibiäneiiden Äugen lächelnd ins Gesicht. „Aber nir wahr, jetzt sagst nni s. irarum tu.heut' gar lo rramhapert bist?" Herr Blöslmaiier löste sich lauft ans den Armen seiner' Frau nnd dn:chniaß eiisigemale das Zimmer. niil langen Schritten. Plötzlich '.gackle er .ine Sch'.veiikling Uild schrie seiner, dicht vor ihm erschrocken e.'.siebenden Iran -inS (Besicht: ..Ta >lnd' mnaß aus'm Haus!" „Was -— der Kob:,?" , „Ja, "der Kohn: i letrv3 jetzt kan Jud'n mehr im Haus, und dann s er überhaupt no den Zins fürs letzte Picrtel lchuldi." jfrau Bröslinancr maß ihren Mann mit einem ernsten Blicke und. ' lragte dann, jedes Wort fest betonend: " „Is das dein Ernst?" , Sreili - zum Sväßmqchc» bin i nil aufg'legl!" „AI''o der Kohn lchenirt di auf amal, der Kohn, der scho zwauntdreißig Jahr' in unserni Haus wohnt, der stets chrli und punlili i sein' Zins zahlt hat und »ur durch sei schwere Kranlheit dösmal in, s Rückstand blieb'n is — der soll kündigt wer'»? D'rauß wird nix,! verstanden!" Krau Cordula stcmmtc die Arme in die Hüften und sah ihren! Man» herausfordernd an.! Bröslmayer stieg die Zornröthe ins (Ncsicht.! „Ra, war »il übel, dö Keckheit! Ja, wer iS denn der Hausherr, du oder i?" „Du, dn!" rief rasch Frau Cordula, „aber drcinz'rcd'ii Hab' i do a Bißerl waS, denn wann du der Hausherr bist, so bin i die Hausfrau, nnd als solche frag i di: WaS schcnirt denn di auf amal der Jnd'?" Diese energisch, gestellte Frage brachte BiöSlmaycr sichtlich in Bcr- \ legenheit, und nachdem seine Frau eine Weile auf die Antwort gcivaitet hatte, fuhr sic fort: „Mir scheint, du maßt cS selber »it, oder willst cs nit wiss'n, weilst du di vor mir schämst. Aber i kann ma's scho denk'», woher der Wind wahr." Herr Bröslmaycr warf sich mißniulhig in de» großen altvätcrischcn Z'chustnhl und murrte: „Geh'. in d' Kuchl nnd laß ma an Ruah." '„Jnstainenlnöt!" schrie die alle Frau erbost.- „Anßa inuaß 'S, warilui dem Kohn kündigt wer'» soll, früher geh' i nit, und wann a 's Rlrnbrati verbrennt!" Wüthend erhob sich Bröslmaycr von feinem Sitze. - „Ra, wannst's durchaus wissen ivillst, so will ich dir's kur; und bündig sagen: Jetzt san mir Christ n am llruder, nnd es iS ja mögli, daß i heut'Pdcr nliirg'n Gemcinderath oder Bezirksausschuß wcrd' —" „Ra und weiter?" '' 4 „Weiler nir, als daß ma mir nahcg'legt hat, daß für an christ? lichcn Hausherrn nöt paßt, wann a Jnd' in sein' Hans wohnt." „So, das hat ma dir »ahcg'lcgl? Schau, schau, ich hält' mir cwi nit tramc» last'», daß mei Mann gav so a Tappschädl iS." „Alte —!" BiöSlinaycr crhob drohend die geballte Faust. „Ra — hau' ma halt glei ani awcr — öS Antisemiten scid'S ja glei da mil'n Znhau'n, dös ivisi'n ma eh. Droh'» thnat er mir mit da Faust, mir - der Cordula BröSlmayr, gcbornc Krüglhnbcr — na, daß i so waS darlcb'n muaß — 0 mei Gott, mei Gott, jetzt is d' höchste Zeit, daß d' mi zu dir iiinimst!" Heftig schluchzend warf sich Frau Cördula aufs Sofa. „Ro. da hak maS, di^ Thräncnfchlcuß'n iö scho wieder offen. Himinellandonkrenzsixelcinciit, hölst nir auf. Alle, oder i geh' fuitf; und kn in m mei sieb tag »it mehr Ham!" Herr Biöslniaycr nahm Hut und Stock und wollte sich rasch cntferncu. Bevor er »och die Dhürc erreicht Halle, war seine Frau schon ncbcii ihm. „Da bleibst, dn elendiges MannSacbild," rief Frau Cordula und nahm dem sich nnr wenig strünbeuden BröSlmay.r Hut uiid Stock ab. „Ro, so bleib' i halt da," brumiiite er. ging zum Fenster und trommelke mit den Fingern auf die GlaStafcln. Da eilönicn plötzlich Clavicitöne durch dzc offene Dhürc auS dem "Rebenzimincr, und eine sanfte Mädchcnstiininc sang: Mensche», Meiischcn san ma Alle, Fehler hat a Jeder gnua, * Alle können ja nit gleich'sein,?aliegt!cho 10 i» der Raine. * „Hörst unser Dini?" fragte Frau Cordula mit weicher Stiinme. „McnschFi faxt mir Alle, die nur a anzigcr Gott im Himiucl crschasten hat. Und is Hit da Jud' a a Mensch wie die Christen, wie die Heiden, Düiken und Crowaten? Schau, Altert," sagte sie mit herzlichem Tone, indem sie zu ihrem Gatten trat und beide Arme uni scincu Hals schlang, „du mußt nir so herzlos und gefühllos sei» wie so viele Menschen letzt, die sich Christen nennen, dabei aber im höchsten Grad' nnchristli sei». Dn bist a alt's, cchl's Wiener Kind, Her; und G'müth hat dir da liebe Gott scho in d' Wiag'n g'lcgr, nnd jetzt auf amal, mil'n ewige» Schnee am Dacherl, willst du daS <Mbok der christlichen Rächstenlieb' mit Füß'n treten? l!aß s' rcd'n. die roh'» bös'» Z'cul', dös sa» kane Wiener, am allerwenigsten aber wahre Christ'», dö mach'» dem Wienerthum nur a Schand, aber du, der du dci i'ebiag stets als wahrer Christ g'l.bt hast, der mitg'holf'n hat, der Wicucistadt den Ruf der G'muthlichk'it. und Herzlichkeit zu verschaff''n, du willst ans amal a paar versoffenen WirthShauSbrüdern zu Viab bei Christcnlhnm, dci Wicnerthum verleugnen und an armen, braven Menschen auf d'Straß'n setz'n, bloß weil er a Jud' iS? Ra. »a, das kann mei guter, lieber, braver Sebastian nit thu». Gelt, Allerl?"