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Freies Blatt · 1895-10-06 · 183 (6.10.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
183 (6.10.1895)
Date
1895-10-06
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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reite 13. Nr. 183. Freies Uebcnuältigt von den herzinnigen Worte» seiner Fra», ries Bröclniayer: „Alte, dn hast Recht, der And' soll bleib'n und ini kann da Lueger mit samnit'n Liechtenstein Vncklkrax'n trag'», denn i jch's ein." Und wieder Hub die Mädchenstiinine an: / . Mensche», Menschen ian ma *111, Rebler hot a Zeder gnua. Alte können ja »il gleich üin TaS liegt scho io in d v Oiotm- ' A II. i Ein ^Steuer Dülning. A Wahrinnnd ist neben Engen Dühring vielleicht das abschreckendste Beispiel für die geistige Berheernng, welche der AntisemitisniuS selbst in anfänglich g»t veranlagten und gut geschulte» Köpscn anznrichlen vermag. Wahnnund soll nicht ohne Betdienst ans dem (Gebiete der arabischen Vezigraphie sein: da kam dem Mann aber plötzlich, man weiß nicht wie, der Gedanke, er müsse auch' auf dem Gebiete des Anii- ' semiliSmns, auf diesem modernen Felde der Ehren etwas bedeuten, Und siehe da, er machte in Eulturgcschichte, vermnthlich deshalb, weil er hievon am wenigsten, versteht und in Folge dessen am meisten eisinden kann. Doch einige Proben hievon später! Wahrinnnd wurde also Antisemit, d. h. er begann jenen 'mörderischen Kampf mit der Vogif und der Kiitik, der Wahrheit' und Aufrichtigkeit, in dem auch noch bedeutendere Veiitc als er, wir nennen nur Zöllner, Dühring u. A, geistig vollkommen zugrunde gegangen sind, seither empfindet der Mann jedes Jahr mindestens einmal das Berlangen, sich vor aller Welt bis in den Hals hinein zu blamiren, und eS hieße ihm wirklich ein Unrecht thun, wollte man nicht für die inöglichste Pnblieatio» dieser Blamage sorgen. Hiezu bietet nnS Wahrmund soeben in zwei, Feuilletons der „Ostdeutschen Rundschau" einen willkommenen Ablaß/ WaS Herr Wahrinnnd in diese» beiden Artikeln beweise» will, ist, daß der Antisemitismus schon mehrere tausend Jahre alt ist, eigentlich beweist er aber nur, daß eS schon vor einigen tausend Jahre» Böller gab, welche die Juden haßten. Run ließe» sich einige recht stattliche Foliobünde mit Aussprüchen von Vertretern aller Volker und aller Seiten sammeln, in welchen der Deutsche geradezu als Auswnrf der Menschheit erscheint.. Ja, eS ist sogar, so viel mir bekannt, eine der * artig geschmackvolle Anthologie schon gemacht worden. Ich weiß nicht, ob Herr Wahrmund sie kennt. Wenn man ihn aber fragte, was a»S diesen dentschfeindlichen Aenßerungen folge, so würde sein Gehirn offenbar ganz normal sunctioniren und er daraus die einzig richtige Antwort geben. Wie.der angegriffene Theil aber der Jude ist^ schnappt etwas im Denkapparat um, und die Vogif ist pi-r.liitt» A»S de» Bedrückungen, welche die Deutschen in Rußland erleide», folgt, daß die Rusie» Barbaren sind, die gleichen Bedrückungen aber, die die Inden in demselben Rußland zu erdulde» haben, beweisen nur die Schlechtigkeit der Juden. Das ist eben die antisemitische Vogif, und Wahrinnnd bringt ihr seinen Tribut, indem er die Drangsale, welche die Israeliten int alten Egypten auSziistehen hatte», alS Beweis für die angestammte Schlechtigkeit der Semiten überhaupt auSsptelt. Dabei vergißt Wahrinund, daß das Idiom, welches die Egypter sprachen, selbst ein semitisches war, nnd daß auch inanthropologischer Beziehung die chamitische» Egypter nicht ganz frei von semitische» Einschlägen waren^ so daß von einem Antisemitismus in diesem Falle nicht gut die Rede sein kann. > Ein weiterer Beweis für die Verworfenheit der semitischen Rare, nnd für das hohe Alter des dadurch angeblich bedingten AntisemitiSinus ist nach Wahrmund eine Stelle ans TaeituS. "Run verhielt es sich mit den Römern unt kein Haar anders als mit den Egyptern, ihre Feindschaft gegen die Juden? war Alles eher in dieser Welt als r das, was man heute Antisemitismus nennt. Zudem weiß jeder leidlich' gebildete Octavaner, daß TaeituS, obwohl vielleicht der größte und schärfste GeschichtSphysiolog aller Zeiten, nichts weniger als ein Muster gewissenhafter Kritik ist, was just aus der von Wahrmund citirten Stelle hervorgeht, die von thatsächlichen Unrichtigkeiten geradezu strotzt. Allein der sogenannte Antisemitismus der Egypter und des Taeitns sind ja alte antisemitische Repertoirestücke, nnd Herr Wahrmnnd hat diese Belle'itäten sicherlich nur wieder aut'gefrischt, unt seinen eigenen mageren Ideen eine feuilletonistische Folie zu geben. Diese eigenen Entdeckungen über die Niedertracht der semitischen Ra« sind nun allerdings haarsträubend. Wahrinnnd hat nämlich herauSgefundest, daß die semitischen Böller des Alterthums durchgehends eine Religion von großer Unmoralität und Grausamkeit besaßen. Als Beweis hiefür eitirt er die Tempelprostitution bei den Phönikern und dje Menschen B l a 11. Opfer in verschiedenen semitischen Religionen ES ist jürwahr kaum glaublich, auf welche Absurditäten ein im Glaubens' oder Rationalitätenbaß verrannter Geist zn verfallen imstande ist. Weit die alten Phöniker ihre Astaroth auf unsläthige und nn züchtige Wsise verehrten, müsse» Spinoza nnd Moses Mendelssohn gleichfalls uninoratisch sein? Das; eS überhaupt eine bodenlose Lächerlichkeit ist, unsere Begriffe von Ri oral als Maßstab an primitive Bei hültnisie anzülegen, weiß ein Eiilturhistoriier vom Ealiber Wahrniniid'ö natürlich nicht; und' daß die Inden alle übtigen Semiten just'wegen deren niedrigerer Religioncbegrisfs geradezu verachteten, wie etwas Unreines flohen, daß die Jüden vielleicht eben wegen ihrer geläuterten religiösen Anschauungen alle anderen semitischen Völker überlebten, das verschweigt natürlich deS Gelehrten Ehrlichkeit. Toch sehen wir von all dem ab. Wi: kann ma» sich de» Anschein eines EnltnrhistorikerS geben und bei helllichtem Tage behaupten, solche.Erscheinungen wie die Tempel- Prostitution seien eine Speciulitäl der semitische» Rare? Man braucht ja n cht'gerade tiefe enltnrhistorifche Studien gemacht zu haben, um , z» wisse», daß die religiöse Prostitution anch in;, hellenische» Bacchusdienst ruid in den römischen Saturn.rlien, vorkam. Hätte Herr Wahr mitnd, dieser Wiener Dilhring, auch nur einige. Zeit aut das Studium des, primitiven VölkerlebenS verwandt, er würde da npch ans, ganz andere Dinge gestoßen sei», auf die gastliche Prostitution, d.en Frauentausch nnd Borg n. dgl. mehr, was, noch weit über die pikante» Tempelbrüuche der Phöniker geht. 'Allein in derlei Tingelt ist Herr W'chimnnd naiv wie ei» nengeboren Kindlein. Hat er.doch auch.die Stirne, das religiöse- Menschenopfer als 'Eigenthümlichkeit der ieutiti scheu Religionen hinzustelle». DaS ist mehr als dumm, »nd eS wäre von nnS albern, eine derartige Behanptnng widerlegen zn wollen. Rnr eines möchte noch angenagelt sein: die Hppokrisie dieser antisemitischen Aftergelehrten; nachdem Wahrinnnd drei Spalten lang ans führlich und im Style Easanova'S über die Tempelprostitution gesprochen, sagt er prüde: „Das sind nur einige kurze Angaben über .die ReligionSbegriffc der Semiten. Die alten Schriftsteller 'erzählen noch mehr. Ans 'Sittlichkeitsgründen müssen wir eS aber verschweigen." Also anS SittlichkeitSgründeu? Dann Hütte sich Herr Wahrinnnd am besten seine beiden Feuilletons geschenkt. In Wahrheit ist diese Prüderei aber nur der Deckmantel für die Unwissenheit, denn w'aS Wahrinnnd noch in den weiteren drei Spalten faselt, ist einfach eine Reeapitulatiou aus dem kleinen EUndely, in der wir ihn nicht weiter stören wollen. Sie thnt ihm Roth. /,. Literatur. 1 Die Wefdiidite des Socialismiis il! Einzeldarstellungen VON li. i'eni ftcitt, E H„gI>, .>! Zlautstu. P. rafargne, Franz Mebring, G. 'tile chanow. Stuttgart, Vertag von Z H. W. Tiev Erster Vaud. 1 .* une . 5ä. Theil. Von teilt großen auf vier Bände berechneten Weite liegt nunmehr, der erste Band, der seinerseits ivieder in zwei >e einen statttichew Band füllende Dheile zerfällt, vollständig vor. Ter erste Theil niniaßt in der Tar stellnng von >t. Ziant.'skü die Zeit von Plato- bis z» den Wiederiäinern, der ziveite, die Periode von Thomas Pcore bis zur sraiizöst'che» Revolution behandelnde Theil. ist eine Eönipagniearbeit, nnd zwar hat >t a n i S I » den großen Utopisten Thomas More. Paul V a s a r g n e die Aiederläniingen der Jesuiten in Paraguar, und Thomas SamraneUä, Ed. L e r n st e i » die rinn . ninnistiichen nnd deniolralifch soeiätistii'chen Ströninngen während der.eng liichen Revolution deS X VII. Jahrhunderts »nd E. Hugo den kranzosischen Soeialisntns im XVII. und XVIII. Jahrhundert und die retigiöie» eoin nninistischen Gemeinde» in Nordamerika behandelt. Di>ür etwas iinisivvche Ursprung-deS Werkes hat indeß dein einheilliüie» Eharalier der,Darstcllu»g kaum einen Eintrag gethan. Wir Haben eS hier eben mit einem Unter nehmen der social demokratischen Partei zn thun, »ich so glänzend anch die Geister sein mögen, welche - von ihr zu diesem großen Werte ausgeboten >v,»rden, dieselbe» Haben sich als Soldaten ihrer Partei gefühlt nnd strenge TiSeiplin gehalten. Das ist ja das -'Weit» dteier Partei:. TiSciplin. Wir zweisel», daß die erste wirthichasitiche Prodnctivgenossenschast im. social demokratiichen .Sinne einen ebensolche» Erfolg haben ivitd wie 'diese social Leinokratische literaiiiche Profuctivgeuossen'chast, den» man wird trotz aller parteiinäßigcn Darstellung, trotz der zahlteichen, oft kleinlichen und sedetzen ganz übcrstüssige» Leitenhiebe auf die „bourgeoise" Geschichtsschreibung, die „Bourgeoisie" u. s. >v. dem Werke oder doch wenigstens dem nun vorliegenden Bande einen uizschätzbaren Werth nicht leicht absprechen können. Dieser Uegt gvr Allem darin, daß die Herren Xautsly nnd Genosse» eine» gewaltigen histori scheu Zeitrani» ans seinen Gehatt an socialistischen Ideen geprüft haben, der für den Loeialhistoriker bislang im Großen und Ganzen eine terra ineo^nitä >r>ar. Tenn f» alle, die bisherige» Schilderetder socialen Bewegniig. die Stein,

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