Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 183 (6.10.1895)
- Date
- 1895-10-06
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 183. .frei*» Blatt. Seite 3. geschworenen Feinde der Gesellschaft wird. Dieser durchgefallene Student * verdient eine ordentliche Lektion. Der Gerichtshof wird ihm schon j zeigen, daß Demonstrationen wie diejenige, die er im Palais Rothj schild versuchte, nicht ungestraft bleibe» können!" Der antisemitische { Anarchist wurde vüm Gerichtshöfe zu drei Jahre» Gefängniß ‘ iiub ju hundert Francs Geldbuße verurtheilt. Bouteilhe nahm das Urtheil ruhig hin und ließ stch ohne Widerstreben und Demonstration abführen. —i. | (Bis übers Grab hinaus.) Aus Petersburg wird n»s ge-! schrieben: Daß daö russische Ministerium de« Inner» auch gegenüber! de» tobten Juden eine feindselige Politik betreibt, dürste im AuSlandc; völlig unbekannt sei». Und doch ist eö so. Bekanntlich ist eS ' Juden nicht gestattet, Grund und Boden zu erwerbe». Dieses Berbot! dehnte daS Ministerium des Innern auch dahin aus, daß eS den in Dörfern „gesetzlich" lebenden Inden nicht gestaltet sei, Grund und Boden für einen jüdischen Friedhof zu erwerben. Dadurch schuf man j eine^ Sachlage, die auch viele Ständeverwaltungen als inhuman und ungerecht bezeichne». Die Dorfjuden, sind angesichts dieses Verbotes ' gezwungen, ihre Todten nach der.benachbarten Stadt zur Beerdigung; zu führen, und in Rußland ist es ja keine Seltenheit, daß dieses oder j jenes Torf von einer Stadt oft hundert Werst entfernt ist. Abgesehen . von den moralischen und materiellen" Sorgen, die den Torsjuden! dadurch erwachsen, ist diese Maßregel auch in sanitärer Hinsicht höchst verwerflich. Denn oftmals wird ein an einer ansteckenden Krankheit verstorbener Jude durch viele Dörfer bis zur nächsten Stadt geführt, und wie leicht kann daS die Ausbreitung einer Epidemie bewirken, j Die Gonverneinentsverwaltung, von P oltawa hat nun beim Minij ftcrium deS Innern und beim Senate eindringliche Vorstellungen darüber gemacht »nd um Erlaubniß gebeten, der Anlegung von! jüdischen Friedhöfen in den von Juden bewohnten Dörfer» kein Hinderniß entgegenzusetze». Tie Entscheidung deS Herrn Durnowo ist bis zur Stunde noch nicht erfolgt. (Ein'vcrhängnißvollcs Projekt.) Aus Warschau schreibt man unS: Wie der halbamt.liche „WarschawSkij Dnewnik" meldet, ist im Generalgubernium im Weichselgebiete ei» Project ausgearbeitet worden, wonach sämmtliche im Rordwestgebiete liegende Städtchen in Dörfer verwandelt werde» sollen. Die Anregung zu diesem Projekte ging vom . Wilnaer 'Geiieralgouveriienr iSrschewSkij aus, der die Durchführung dieses Planes im Juteresie der Bauernschaft als tvüuschenS-'; werth erklärte. Durch diese Verfügung würden aber die Juden hart betroffen werden, denn mit der Verwandlung der Städtchen in Dörfer ■ verlieren sie daS Wohnrecht in letztere» und würden somit gezwungen, \ ihre alten Wohnplätze zu verlasie». ES ist somit begreiflich, daß die Meldung des „WarschawSkij Dnewnik" unter den in den Städtchen i 'deS' RordwestgebieteS lebenden Juden große Bestürzung hervorgerusen l at. AuS guter Quelle verlautet jedoch, daß' Graf S ch u w a l o w,! der Ehef im Weichselgebiete, die Durchführung dieses Projektes erst! dann zu befürworten geneigt wäre, wen» die Jude», welche nunmehr in de» Städtchen leben, keinen Schaden von der Umwandlung derselben in Dörfer davonlrage», d. h. wenn sie auch i» den Dörfern belassen würden. Aus antisemitischen Vereinen und!)er- ' . sannnlunaen. (.Hut Landlagswahl in Währing-Töbliiig-Diillii.) Für da» Landtag», luaildat de» BeziikeS Währing Töbling'Tull» candidirlen die deutsch-national sich gederdendeu Antisemiten de» Bezirksausschuß (8 u t l m a u », die Ehristlich- Socialen dagegen de» Freuitd Lueger'S, den ämterreiche» Steiner. Zn Folge dessen eiilspan» sich eine recht nette Eonlroverse zwischen den beiden mnisemitische» Fractiouen über Aeinlerbäusung. Herrn Steiner weide von de» Gönne,'» Gultmann's vorgeworsen, er sei bereits ReichSraihSabgeordneler von der Landstraße, ferner Gemeittderalh und präsumtiver Sladlralh. Eine derartige Ae »iterhäüfling sei, ganz abgesehen von der Frage persönlicher Eignung, Tüchtigkeit rc., ganz unhaltbar »nd geradezu verwerflich. Tagege» verlheidigte» die Ehristlich-Sociale» die Landidalur Slesner'S mit einem schönen Ezentpel aus dem Lager der „llnversälschten". Herr T ö tz, stthrte» sie an, ist I. ReichSraihSabgeordneler, 2. Laudlogsabgeordneter, 3. Bürgerineisler, 4 Bezirksstraße»- alisschuß-Lbinänn, 5. BeziikSschulraihr-Dbinann, 6. Enratorininsmitglied der niederösterreichische» LandeS-Hypoihekenbank, Beisitzer deS EnratoriumS für die Raisieisen-Easien und 8. Perira»ensina»tt für die tArnndsleuerregulieung. Tie meiste» dieser Aemter seien nicht schlecht dolir«. Auch an Herrn Dötz werde die Aemterhättsung zu keiner Tugend, »nd die „llnverfälschien" habe» deshalb nicht das mindeste Recht. Herrn Steiner Aemterbä»s>,nq vorznwerfen. Tie Giößeu beider ainisemitlschen Fraktionen, füge» »vir hinzu, haben Überhaupt nicht das Recht z» gegenseitige» Vorwürfen, sie sipd einander voUkoinine» würdig (Herr Gullmann scheint übrigen» nachträglich zur Erkenntniß gelangt zu sein, daß er gar leine Aussicht liäite, zu re»ssiren: den» er sieht sich nun - mehr veranlaßt, feine Caudidatur, vo» der wochenlang die Rede war, rundweg abznleugnen ) l Für 1111b gegen Stöcker.) Ter Hosprediger a T. hat von dem Partei rathe der Eonservativen in.Berlin eine Ehreneiklärung erhalte» und wird auch alS Rachsolger H a in », e r fl c i n« sür da» ReichstagSmauvat de» westphälischeu Wahlkreises Herford candidirt. Tagege» macht sich aber ei» starker Widerspruch gellend. So hat Freiherr ».Plettenberg, der Führer der rheinischen Eonservativen, eine scharfe Erkärnng verössentlich«, i» welcher die Jnlrigueu Siöcker'S -gegen den Fürste» Bismarck ans das Entschiedenste verdainml werde» Ferner erklärt der konservative „Rordverein" i» Berlin, daß er ans daS Höchste über die Ehrenerklärung de« ParteiratheS überrascht sei, und da» Berhallen Siöcker'S mißbillige. Auch Prosrsior Brecher nahm öfsentlich Slellnng gegen Siöcker. Bezeichnend ist schließlich der lluistaud, daß i» dem Städtchen Zörbig bei Halle, wo Stöcker demuächü predigen will, der .'iirchenchor' seine Theilnahme a» Sei» Gottesdienste die>eS Tages abgelehnl hat. (Die wahren Anarchisten.) I» eine Berliner Aniisemilenversanimlnng, welche dieser Tage staltsand, sprachen B o d e ck, Böcke I, A h l w a r d l und ein Wiener, welcher auf den Raine» Huber hört. Ter Letztere und der Er- Rector gaben ihrer Freude Uber de» Ausfall der Gemeind.raihsivahlen in Wie», den großen Sieg der Wiener Ehiistlich Sociale», Ausdruck. Tie christlichsocialen Anführer Berlins wurde» dagegen von Böckel als die wahren Annrchisten gebrandinarkl. Er führte auS, wie durch unser (d. i. der deutschen Anwemüen > ganze» politisches Leben ei » Zug der Heuchelei, de» P-h a r > i ä.e rth »in S » n d d e r p e r s ö n l i ch e n G e h ä l f i g k e i t gehe. Man belanipie nicht daS Prögrami» einer politischen Partei, sonder» die Persönlichkeiten, ivelche ihre Idee» verfechte». Sache gegen Sache, aber nicht Persönlichkeit gegen Persönlich keil, so soll der politische stanlps geführt werden. Böckel kam dann au' H a in in e r ft e i » und Stöcker zu sprechen. ES siele ihm nicht ein, die ganze konservative Partei' sür diese „beiden Tunkelmänner" verantworllich zu machen, aber ihre politische stainpflSwelse sei tnpisch sür die ganze Partei. tZm Rachsatze lhat also Böckel daS, wovon er im Vordersätze >ägte, daß eS ihm nicht einsalle, »nd erklärte da» Gebahren der' Hammersleiii »nd Siöcker als „typisch" für die ganze Partei der Tivoli-Brüder.) Rach einem längeren Geschimpfe über die ihm persönlich sehr verhaßte» „beiden Dunkelmänner" fuhr hieraus der, Äkeduer fort: Tiefe Unehrlichkeit, diese Hiniertreppenpolitik sei ei» Streb» schaden unseres p o l i t i s ch e ». L e b e n S. Hinweg mit der Persönlichkeit ans dem politischen Lebe»! Tie Politik müsse ein .stampf der Geister sein. I e tz t s e i d i e P o l i t i k nur ein g r o ß e r S u »i p f. i n d e in n n r Schmutzfinken sich b e h a g l i ch s ü h l e n k ö n n e n. Und iva» iolle auS nnserein politische» Leben werden, wenn jeder gebildete Mann sich auS Ekel vor dem Treiben der H a in »i e r st e i n , Stöcker und -Genosse» scheu von der Politik zurückzieht. IW wahren Anarchisten 6 i e wahren U in st ürzler seien die Ha in m e r ft e i ir, die Stocke, Ta« deutsche. Volk müsse sich au» dieser Politik der'Verlenindung befreie». Rur im freien stämpse der Geistersei ei» gesundes, freiheitliches,,politische« Leben möglich. Wacker Böckel! ~ (UebcraU dieselben.) Tie Radau Brüder sind überall dieselben. Ter Mechaniker Schneider niniint keinen Anstand, seine» Zuhürein zn erzählen daß „man Ehristeulinder stehle", »in sie einige Zeit hindurch bet liberalen Blätter» als Austräger zu verwenden und da»» — „rituell abznlchlachl.'n". Ahlwardt speculirt ebenfalls auf die Tummheit, nnd über die Art, wie er i» st o l b e r g - st ö S l i n für den geisteskranke» Paasch die Agitation betrieben hat, wird nachträglich inilgelheikt: Mi^ einem mächtigen stnnitel bewasinet, geht Ahswardt über Land, gefolgt von 'einem getreuen Schröder, der-eine gehennnißvolle Mappe unter dem Arme trägt. An» dem. Felde ist ein Landinann mil Pflügen beschäftigt. Ahlwardt tritt an ihn heran. „Wieviel Morgen haben Sie, meiil lieber Freunde" fragt er de» steistnjen, Landbauer. „Zehn Morgen," sagte dieser. „Wie, nur zehn Morgen'-" erwidert Ahlwardt und zieht die Brane» in die Höhe, „da? ist doch viel zu wenig, Sie Müssen mehr habe». Wie heißen Sie denn'?' Ter Bauer zuckt die Achsel» und nennt' seine» Rainen. Ahlwaidl wendet sich;n seinem Adjutanten rlnd sagt mit ge wichtiger, feierlicher Miene: „Schröder, noliren Sie, der Man» innß »och zehn Morgen haben." Schröder nolirt. „'Wieviel Siübe habe» Sie'?' fährt Ahlwardt dann zu frage» fort. „Eine Sinh", versetzt der Man». „Wie, nur eine stuh'? TaS ist »»erhört! Schröder, notire» Sie, der Maiul muß »och zwei stütze haben." Schröder nolirt ab/rmalS. Der Bauer sieht eistaunt drein und fragt, wie denn der freigebige Wunderman» ihm so reichliche Bescheerilng verschaffe» wolle. Rlln kommt Ahlwardt zur Sache. „Sehen Sie, »»ein Lieber," sagt er, „ich bi» der Ahlwardt, »nd wenn Sie jetzt bei der Wahl meine» Freund Paasch wählen, dann werde» wir eS durchsetzen, daß alle Inden au« dem Lände gejagt werde» und ihr Geld coufiScirt wird. Tan» sind wir reich genug, um allen kleinen Leuten aushelfe» zu können, und daß Sie zu Ihrem Rechte kommen, dafür werde, ich lcho>> sorge» Aber Sie inüsseii Paalch wählen " Aller ding» findet Ahlwardt unter den pretißijcheii Bauern nicht so viele Leicht-