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Freies Blatt · 1895-10-06 · 183 (6.10.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
183 (6.10.1895)
Date
1895-10-06
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Am 26. September sollte nun vor dem Strafrichter dieses Bezirksgerichtes dieser erste Exceß der heurigen Wahlcampagne sein gerichtliches Nachspiel haben und waren anch die bctheiligtcn Personen sowie zahlreiche Zeugen bei Gericht erschienen. Tie Verhandlung konnte jedoch nicht statifinden, da daS Landesgericht die Acte.« requirirte, um;u untersuchen, ob hier nicht eine schwerer verpönte Handlung vorticge. ES erhielte» bereits mehrere Zeugen Vorladungen zum Untersuchungsrichter. (Zum Falle Munk.) Jene Osficiere, welch« im August die Gebrüder Munk in später Nachtstunde in der Kärntnerstraße attaquirt batten, strengten gegen Herrn MarcuS Munk und Herrn Dr. Victor Rosen seid eine EhrenbelcidigungSklage an, weil sie in der von dem Letzteren dem KricgSministerium überreichten Beschwerde der Feigheit geziehen wurden. Am 3. d. M. fand die bezirkSgcrichtliche Verhandlung statt. Herr MarcuS Munk, der auf die Abfassung der Eingabe keinen Einfluß nahm, wurde freigesprochen. Dagegen wurde Dr. Rosenfeld, welcher auch im Laufe der Verhandlung den von ihm wider die erwäbnkeu Sfsicicre erhobenen Vorwurf aufrecht hielt, zu einer Geldstrafe von HX) st. vcrurtheilt. Zn der Begründung des Urtheihs sagte der Richter, daß den Beschimpfungen, welchebei jener nächtlichen Scene gefallen sind, eine bestimmte Tendenz nicht unterschoben werden tonne, das; sie wohl als tadelnSwcrth, aber keinesfalls als Feigheit erscheinen mögen Alltisklllitischt (yftcbciltcil.) AuS Weidlings» wird berichtet: Sonntag den 2'?. September, Abends, theilteu einige Passanten dem biesigcn SichcrbeitSwachnianne Franz Horak mit, daß auf dem Rromenadewege beim Wicuslusse zwei Radfahrer die Spaziergänger belästigten und beschimpften und statt auf der Straße auf dem sehr schmalen Promcnadcwege sich mit ihren Rädern tummelten. Der Wachmann begab sich dahin und ersuchte die beiden Radfahrer in l öslichem Tone, de» Prouienadcwcg zu verlassen und sich auf hie Straße zu begeben. Erbost sprangen die Fahrer von ihren Rädern und be'chimpstcn den Wachmann sowie die Spaziergänger, wobei sie sortwäbreiid die "Worte „Judenbubeu, Jude» knechte" gebrauchten. Der Wachmann forderte sie nun auf, ihm zum Bürgermcisteramte zur Äusweisleislung zu folgen, was sie jedoch verweigerten. Ter eine Rad- 'ghrcr war io excessiv, doß er sein Rad mit beiden Händen faßte und ea nach dem Wachmanne schleuderte, ohne ihn jedoch zu treffen. Das Rad ging dabei in Trümmer, Als aber die Radfahrer bemerkte», daß non alle» Seiten die Bevölkerung hcrbcieilte, machtet! sic sich aus dem Staube Der Wachmann eilte zum Bahnhofe und traf dort die beiden Radfahrer, welche mit dem Zuge nach Wien fahren wollten. Mit' Hilfe' zweier Gendarmen gelang cS, die Exccdcnten in die StatioüS-!an;lei;u bringen. Daselbst beschimpften die Beiden nicht nur die Sicherbeiisorgane, sondern anch das Bahnpersonal und beschwerten sich, daß sic in einer solchen „Schmutzhüttc" dieser „Judenbagage" ibr Nationale abgeben sollte». Als ihnen von den Gendarmen gedroht wurde, daß ne, falls sie sich nicht legitimircn, verhaftet und dem Berirksgcrichie PurkcrSdorf eingeliefert würden, standen sie endlich Red: ui.d Antwort. Derjenige, welcher sein Rad. nach dem Wach-- manne gc'chleuddrt halte, ist ein Schuhmachcrmeistcr und der Andere .ui Bäckermeister aus Wien. Gegen Beide wurde die Anzeige bei dem BerirkSgcrichle PurkerSdorf erstattet. Par nohllr fratrum. Cut zweitägiger Verhandlung wurde iorige Woche vor dem Kreisals Schwurgerichte Krems über eine Elnenbeleidigungsklage beralhen, welche Schöuerer's Faktotum, Franz A r u o > ch t, gegen zehn Laiidbürgermcister angestrengt hatte, die in einer Ehrenerklärung für Ernst Vcrgani behaupteten, sie hätten Vertrauen zu seiner Ärnoscht's Wahrheitsliebe. Die Angeklagten bemerlren, daß ste nur ihrem Vertrauen zu Vergani Ausdruck gaben und sich vor weiteren Belästigungen durch Zusendung einer Flugschriit Ärnoscht's unter dem Titel: „Bergauf, der Ehrenbürger von Müvldarf" 'ckützeu wollten. Diese Flugschrift enthält die Beschuldigegen Ernst Vergani, er habe sich während. seiner Thätigkeit - Bürgermeister von Mühldorf Unregelmäßigkeiten in der Gcbahrung :. e n .t^emeindegelderii zu Schulden kommen lassen. Ten Vorsitz o. . t V::! andlung führte Landcsgerichlsrath Kirchhammer, die l.:l!age vertrat Dr. Ritter v. Mühlwerth, mit der Bere .uua ter zebn Angeklagten war der Wiener Advocat Dr. Carl >e:u Maner betraut. Der Verlauf der Verhandlung, welcher zahletche Wiener Antisemiten beiwohnten,' war im Wesentlichen folgender: T er vc'.rait.ä.vr Aruoichr gibt eine Darstellung seiner einstigen Thätig- L im ..Teut'cho» Vattsblan". tit stand bei diesem Blatte von Mitte 18i>0 >“■ tl'iine m Penveutung. Bon Februar bi« Ende Juni 1891 war er nur -'>! Muaroeiter de« Blaue«, da»,, trat er ganz au«, und zwar, wie er t im tet, vollkommen freiwillig. Er sagte hierüber: Ich mußte unter den Ber- Nr. 183. hältniffen, welche beim „Deutschen Bolkrblatt" herrschten, anstrebeu, daß meine Stellung die eine« Externisten werde, weil Bergani von dem internen Mitarbeiter Unmögliches verlangte. Ta eS dem Blatte sehr schlecht ging, stand mir gar keine Hilfskraft zur Seite, und ich mußte alle Erkundigungen, welche außerhalb der Redaction* einzuziehe» waren, selbst besorge». Herr Vergani forderte jedoch trotzdem von mir, daß ich wie ei» Diurnist die Amtsstunden absitzeu müsse. Auch ein anderer Umstand machte mir die Stellung al« internes Redactionsmitglied de« „Deutschen Volksblatte«" unleidlich. Im iviai 1891 brach der Kampf zwischen Schönerer und Vergani au«, der von Letzterem mit so unschönen Mitteln geführt wurde, daß ich es mit ineiner Ehre nicht mehr vereinbar fand, für da« Blatt z» arbeiten. Ich trat gänzlich au« und legte auch meine Stelle al« Schriftführer de« „Volkswirthschaftlichen Vereine«", dessen Obmann Vergani ist, nieder. Die Angabe Vergani'«, daß er mich wegen „Faulheit" entlassen mußte, ist vollkommen unrichtig. Für meine ungeheure Anstrengung hat mir Vergani eine Remuneration allerdings versprochen, aber sein Versprechen selbstverständlich nicht gehalten. Ich muß übrigen« bemerke», doß während der ganzen Zeit meine« Engagemenls beim „Deutschen Volk« blatt" der Gehalt nur zweimal pünktlich auSgezahlt wurde. >— D r. Maste r, der Beriheidiger der Angeklagten: Ich bitte, Herr Präsident, solche Bemerkungen nicht zuzulaffeu. Die Gagenauszahlungen beim „Dentschen Volkrblalt" gehören doch nicht iu den Rahmeu der Zeugenaussage de« Herrn Arnoscht. — Dr. von Mühlwerth: Ah, da muß ich schon bitte», da« gehört wohl zu den Gründen, au« welchen sich Herr Arnoscht bewogen fühlen mußte, nicht mehr itn Verbände de« „Deutschen Volksblatte«" zu bleiben! — Arnoscht (erregt sortfahreud): Vergani hat die Cassen auSgeleert uud ist für seine Wahl agilire» gefahren, während seine Arbeiter nicht auf Brot hatten und oft ohne Kreuzer Geld dastaudeu. Ich erinnere mich, ihn einmal, e« war au einem Samstag, sehr dringlich um ein paar Gulden von meinem Gehalte gebeten zu habe», weil ich ganz blank war. Da warf sich Vergani sehr tragisch in die Brust, zog au« seiner Brieftasche zwei Gulden hervor und rief: „Sehen Sie, mit diesen zwei Gulden muß ich sanunt meiner Familie morgen leben!" Ich mußte allo leer abziehe». Montag, erfuhr ich jedoch, daß der bedauernswerlhe Herr Vergani Sonntag beim Wettrennen eine viel, viel größere Summe verloren habe. — Tr. v. M ü h l w e r t h: Herr Arnoscht, e« wird Ihnen zum Vorivurs gemacht, daß Sie gegen Herrn Vergani Stellung geuoiiiiiien habe», der doch Ihr Brolhetr gewesen sei. Sagen Sie, war-Vergani denn eigentlich Ihr Brotherr'? — Ar nascht: Eigentlich wohl nicht. Ich stand im Dienste der Partei. Vergani war nur der größte Brolnehiiier. (Heiterkeit.) ES wurde hierauf Herr Ernst Vergani vernommen. Präs. Herr Vergani, kenne» Sie Herrn Arnoscht? — Vergani (beide Hände in die Hosentaschen steckend, verächtlich): Leider! — Arnoscht (ansspringeizd): Herr Präsident, ich bitte, mich vor Beleidigungen zu schützen. — Dr. v. M ü h l werlh: Ja, ich. bitte, Herr Präsident! — Präs.: Herr Vergani, keine Beleidi. gung, wenn ich bitten darf! Herr Arnoscht hat Sie auch nicht persönlich angegriffen. — Vergani (seufzend): Hier nicht, aber das hat er schon früher genug getha». (Heiterkeit.) — Vergani gibt nun eine Darstellung der E», gagement« und der Entlassnng Arnoscht'«. Derselbe sei am 7. Juli 18!t0 eingetreten und am 18. Februar 1891 eutlasieu worden. Nur au« Rücksicht ans die arme Familie habe er ihm gestattet, „Zeilen zu schreiben". Er sei jedoch so saul gewesen, daß er im Mai eine MonalSrechniing von nur mehr 4 fl. 89 kr. gehabt habe. — Präs.: Herr Arnoscht sagt auch, er habe nicht bleiben können, weil er Schönerianer sei. — Vergani: Ich muß leider zugebe», daß Schönerer mein größter' Feind geworden ist und mich mit einem Heer von bezahlten Spionen und Agenten umgibt. E« ist so weit gekommen, daß Jeder, den ich au« dienstlichen Rücksichten entlasse» muß, mir droht, er gehe jetzt zu Schönerer tmd werde Enthüllungen machen. Sogar ei» davongejagter Bureaudiener hat mir noch an der Thüre dies« Drohung zugerufen. (Heiterkeit.) So war e« auch bei Herrn Arnoscht; er hat mir auch so eine» Bisses geschrieben, daß er Schönerianer geworden — aber man kennt ja den Pflanz dieser Leute. — Präs.: Wie war e« mit dem Austritte Arnoscht'« aus Ihrem Blatte? — Vergani: Ich habe ihn entlassen. — Arnoscht (erregt ausspringend): Ich bitte, Herr Präsident, schütze» Sie mich! — Der P r ä s i d e n t fährt fort: Herr Arnoscht sagt, daß er auch den Gehalt nicht pünktlich erhalten habe. Ist da« wahr? — Bergani: Ja, weil er immer Vorschüsse »ahm! (Heilerkeit.i — Präs.: Halten Sie Herr» Arnoscht für wahrheitsliebend? — Vergani (auslachend): Wahrheitsliebend? Ich glaube ihm kein Wort! Ec ist ein bezahlter Agent Schönerer'« — da« ist ja allgemein bekannt. Er soll nur einmal mich klagen, nicht die zehn harmlosen Männer, die nichts begangeu. haben, al« daß sie zu mir Vertrauen habe» und nicht zu ihm. Wa« mich betrifft, so mag er über mich sagen und schreiben, wa« er will. Ich habe mir im össenllicheit Leben eine harte Haut angewöhnt. (Gelächter.) — Dr. Mayer stellt nun noch einige Fragen an Vergani, unter anderen anch, ob er den „Turf" liebe. — Vergani erllärt, sehr selten hinunterzugehe» und sehr wenig zu verspielen. — Arnoscht und Vergani werd.nCpteK confroutirt. Bergani weicht übrigen« dem Blicke de« Arnoscht, der sich ihM^egenttberstelli, ängstlich an«. Ter Präsident ermahnt Beide zur Mäßigung. Arnoscht wiederholt nun, Bergani habe ihm schon weniger Gehalt gezahlt, weil er sich bedungen ’ ’A freies 8 l a 11.

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