Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 183 (6.10.1895)
- Date
- 1895-10-06
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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.freies Blatt. Nr. 1><3 diese ochtcnSwcrthc Classc, die mir ihrer persönlichen Unzufriedenheit ^ÄnSdruck geben wollte, reaktionär und antisemitisch ist. Nachdem man die Juden jahtelang straflos vasolgc» durfle, winde die Anschauung ganz allgemein, dost sich die Reaction auf sehr mächtige Faktoren stützen könne. Tie Leichtgläubigkeit der Menge, die durch die Einverleibung der Vororte zum . Stimmrechte getan len Elassc», welche die großstädtische» Verhältnisse mit fremde» Augen betrachteten, die (Gewissenlosigkeit der Agitation — sie alle trugen dazu bei, damit die Reaction in der Stadl Grillparzer's obsiege. Tic Verbindung der Teulsch Nationalen mit-de» hyprrloyalcn Clcricalc» beweist nur, ans welch heterogenen Elementen jene Partei besteht, welche Lueger lürzlich .mein Volk von Wie»' nannte. Die Frage, wie cS um die Elericalc» stehe, ist augenblicklich die intercssa.'tcste Im Abgcordnctcnhanse forderte Graf Hohenwart de» Prinzen Liechtenstein encrgljch ans, eine» anderen Platz, z» wühlen. Domherr K l n u sprach sich gleichfalls im Namen der Katholiken gegen die sogenannten Christlich Sociale» aus. Wir gedenken noch der letzten niedcröstcrrcichischcn Katholikenversaminlung, ans welcher sehr ehrenwerihc» .(iirchcnfiirsteil besondere Rolle» zugcdacht waren. Jetzt, während der 'Wahlen, cuisallcte der niedere Elcrus eine unglaubliche Agitation, und in den entfernteren Vororte» beispielsweise hat ein Professor der Moralthcologie in Anwesenheit einer großen Zuhörerschaft höchst sonderbare Ansichten über den Begriff de« Privatcigcnthuins entwickelt. ES scheint somit/ alö ob in diesem Lager verschiedene Strömungen wirksam wäre». Tic Anhänger der eine» Richtung billigen die Bervegung und deren Methode, erwarten von derselben einen Aufschwung des religiösen Lebcns und die Abschaffung der freien Schule. Tie Anhänger der anderen billigen die Bewegung, vcrrrrlheilcn aber baut Methode, freue» sich jedoch trotzdem der Kastanien, die von Anderen ans dem Frner geholt werde». Tic dritlc kleine Gruppe, welche staatsmünnischc Einsicht besitzt, sieht allerdings rin, daß diese Bcrvegnng das Wasser auf die Mühle der Feinde jeder inoralische» und politischen Ordnung treibt." Tic Frage nach der Lage der Regierung bcanlworlctc Professor Sneß in folgender Weise: „Ich bin kein Prophet und kann darüber nur wenig sagen. Einige Blätter meinen, man müßte im Gemcinderaihc ein Eompromiß anstreben. Ich würde dagegen energisch protcstircn, denn rS gibt Gegensätze, die durch kein Eompromiß überbrückt werden können. Andere Blätter wieder reden davon, daß cs nach solchen Erfahrungen nothwendig wäre, die Auto nomie Wiens cinzuschränkc».. Ich für nicineii Thcil konnte selbst nach de» jüngsten Erfahrungen einem solchen Vörichlzgc nicht zustimmcn, den» die gegenwärtige Lage kann nicht so lange danenr, daß dieser Vorschlag Berechtigung hätte. Man betont in Oesterreich sehr häufig, lie Regierung müsse über den Parteien stehen, aber es gibt Grundgesetze, deren Einhaltung sich keine Regierung entziehe» kann. Darauf achtete ma» bei u»S nicht, und so konnte cS geschehen, daß unter dem Walte» der sogcnanntcn parteilosen Regierung die Radicalcn sich am wohlstcn fühlte» nnd daß sie unter jener Regierung, die ihre Besiegung versprach, die Einflußreichsten waren. Eö bedarf daher dcr größten Vorsicht, wenn wir die Iahte Hindi» ch aufgchänsten Fehler gulmachcn wollen, »nd wenn wir gewisse Versptechungen, so beispicleiveise die Wahlrcform, eiulösen werde». Im Augenblicke stchcn wir vorder Erncncrnng des Ausgleichs. Die liberale Partei wird mit dcr sür Ungar» cmpsundcnen Achtung und Freundschaft, aber auch mit voller Wahrnehmung der österreichischen Jntcrcsscn in diese . B,rhandlnngen cintrctcn." — Tr. Alfred Stern ließ sich nach einer allgkincincn Auseinandersetzung also vernehmen: »BiS um die Mitte der Achtzigcrjahrc wurde daS Wort .Jude' im Gemeinderathe niemals in gehässigem Liunc gebraucht. Endlich »ahm die Regierung den Antisemitismus unter ihre Protection, um durch denselben die libcialc Partei zu sprengen. Lueger, der damals de» Grasen Taasse heftig angriff, bczeichnctc denselben kürzlich als de» bedeutendsten Staatsmann^ den Oesterreich seit vielen-Jahren hatte Ich spreche nicht von einzelnen Personen, aber so viel kan» ich sage», daß wiederholt Versuche gemacht wurden, die Juden den Liberalen abwendig zu »rachen nnd sür die Regierung dcö Grasen Taasse zu gewinne», wogegen ihnen als Eompciisation in Aussicht gestellt wurde, diiß die Regierung in diesem Falle energische Maßregeln gegen de» AntiscmitiSnruS ergreifen werde. Ich lönnie Ihnen hierüber sehr inlcressante und pikante Geschichten erzählen. Gering o» dem, wir halten treu zu den Liberalen, welche die StaalSgrundgcsctze gcschassen haben. Tic liberale Partei hat rvührcnd der letzten Jahre nuscre Anhänglichkeit nicht in dcmsclbcn Maße honorirt. Es kostete nicht geringe Mühe, sic hie nnd da zu einer Kundgebung zu vermögen, die, da sie nur selten erfolgte, rvirkungSloS bljcb. In theoretischen Plincipicnfragcn aber hat die Partei allezeit ihre Pflicht getha» " Tr Ster» schilderte sodann recht drastrjch die Lage des Jndenlhlimö in Wien »nd sagte »ntcr Anderem: Sritr f>. »Ta sprechen die Leute von dem Zusammenhalten da- Inden, von jüdisck>cn Finanzkönigc». Tic vornchmstc» Banken und Verkehrsinstitüte haben durch die grundsätzliche Ausschließung der Inden erreicht, daß heute ihr Personal antisemitisch ist, obgleich sürstlich^rciche Hände, von dcnc»^ häufig die Rede ist. dies hätte» verhindern körlncn. In die Ocsterreichrsch-llngarische Bank, deren Gouvcrncnr ein libc-, ralcr Ungar ist, wird kein Jude aufgenoinmcn. Einem Einzigen ist cS durch große Protcc)io» gelungen. . . Ter anlisemirisätc Gemeinde ralh wird »nS viel UeblcS zufügen. Gegen RcchkSvcrlctznngc» werden wir die Hilfe des Gesetzes anrufen. Die liberale Minderheit. wird unS in der Zurückweisung der Bcschiinpfnngcir und Verletzungen behilflich sei». Viele unter ünS werde» .sich, was ich völlkomuic» billige, gesellschaftlich zurttckziehc». Wir werde» bei össcntlichcn Unterhaltnuge» nicht erscheine», werden Eoncertc, Rennen, den Prater, meiden. Es wird sich keine jüdische Tarne sinderr-, die al« Lad» Palroneß aus einem Balle erscheint. Wenn die Bewegung andauert, so ist es gewiß, daß manche wohlhabende Juden auswandern werden Wir blicken nt» düsterer Sorge in die Zukunft." (LiU“m>r Interview Hl.) Vucgev leidet am- Größenwah», erleidet — um nicht, zu sage» am Eäsarenwahnsinn - am Tieiaioren wähnsinn. Er fühlt, »ach seinen eigenen Worten', die Auge» »aller Völker des Erdballes" auf sich gerichtet, er vermeint seinen Willen nicht bloß dem Volke Wiens — das er bereits „sein Volk" nennt — aufcrlegcn zu können, er sicht schon die Throne sich vor tl)tfr beugen. Der gute Mann ist einfach verrückt, und ganz dieser lranrige» Geistesverfassung entspricht der Ton, den er neulich dem Tputerviewer des »Pcsti Raplo" gegenüber angeschlagen. Wenn man nicht wüßte, daß Lueger nölhigenfalls auch einer Auswürtcrin i» den önentlichen Bedürfnißanstalten die Hand küßt, »ran löirnle ihn ans dein hoch ' fahrenden Ton, den er dem Pester Journalisten gegenüber angeschlagen, für den stolzeste», unbeugsanistcn, biederster, Eharaktcr Hallen. „Was soll ich Ihnen sagen, ohne Sic zu beleidigen?" Wie ängstlich Luegerbedacht ist, einen Jornnalisten, eine» Liberalen, einen Magnarc» r»chl zu beleidigen. Ans eine Frage des Corrcspondcnlcn, „wie frrfi Lrrcgcr und seine Partei zu Ungarn stellen werden," erwiderte Lueger: „Sehen Sie, jetzt wird sehr bald davon die Rede sein, daß wir den Ans ’ gleich crncucrn. Ich hasse den gegenwärtigen Ausgleich. Tersclbc muß anders erneuert werden." Man sicht, unsere Diagnose trifft lraarschars zu. Ja, glaubt Tr. Lueger wirklich, ^daß der Ausgleich im Wiener Gemeindcralhc bcralhen wird? Oder sollte er der Meinung sei», daß man maßgebende» OrtcS. vor die Wahl gestellt, de» Ausgleich mit Ungarn oder die Freundschaft mit den von Lueger geführten socialrevolntionären Elementen zu schließen, auch nur einen Augenblick zweifeln würde, waS inan zu wählen habe? Lin», wenn-Herrn Lueger heute noch sein Größenwahn hindert, dies zu begreifen, so wird er von dem Gegcnthcile in'kürzester Zeit selbst und am eigenen Leibe Proben zu verkosten bekoinmcn. TaS wird die geistige Krankheit, an der er jetzt ladorirt, beheben. (Auch eine Probe dcr aiitifcittitifdicu WMagilaüo». - Wuseln die Anüseniitc» i» der Wahlcampagne Kirche und Schule rn agilalorrschen Zwecken mißbraucht haben, davon liefert fdlgcnde Tlial.- sache cin.cn drastischen Beweis: In der Tcllgasse in FnnfhauS'befindet sich eine mit OcfscntlichlcitSrccht auSgcstattctc Privat Volksschule, an welcher die sogenannten Schnlbrüdcr den Unterricht .crthcilen. Am Wahltage des zweiten Wahlkörpers richtete mitten im Unterricht einer dcr Schnlbrüdcr eine Ansprache a» die Kinder seiner Clane, in welcher er darauf hinwieS, daß die Christen bereits eine große Schlacht ge wonncn hätte». Heute stehe das C hristenthu mabermals, in einem crr t s ch c i d c » d c n Kampfe mit dcar -Mächten der Finster n iß. und darum sei cs Pflicht der Ki rüder, daß sic nun drei V a t e r unser für den Sieg d e r ck> r i st l i ch c n Sache beten! So mußte der"am Unterrichte theilnehnieirdc neunjährige Sohn des ^gewesenen liberalen Gemeinderaihes ste ö h r >, welcher bekanntlich diesmal im zweiten Wahlkörpcr candidirlc, drei Vaterunser für die -Niederlage seines eigenen - Vaters beten! WaS bat aber auch dcr Sohn eines Lib> raten in einer von Schnlbrüdcr» geleiteten Lehranstalt zu suchen? (Nachklängc zur Wahl.) Am 17. Scplember, dem ersten Wahltage in Wien, wurde dcr Victualicnhändler Jacob Fuchs beirrt Besteige» eines Wagens i» dcr Robert Hamcrlinggasse in Fünfhaus von dem anriscmili scheu Gastwirthc Heinrich Gilhofcr i» gröblichster Weise bc'chtmpil und schließlich sogar mißhandelt. Ter Attaqnirte trug hiebei nicht unerhebliche Verletzungen am Kopfe, Händen und Füßen davon, so daß er jetzt noch an de» Folgen dieses Attentats zu seiden hat und noch immer irz. ärztlicher Behandlung steht. TaS Polizci-Cornniissariak Sechs haus, welches in dieser Angelegenheit die ersten Eihcbungrn pflegte, trat de» Act dun Bezirksgerichte FünfhanS zur Strafhandlung ab.