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Freies Blatt · 1895-10-06 · 183 (6.10.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
183 (6.10.1895)
Date
1895-10-06
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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,f r 11 f s Blatt. Seite 4;">d) bin Christ und freisinnig, und eben darum hatte ich li» dvvveltcS Intcresic, zu erfahren, waS denn eigentlich a» der Lache Wahrefei, den» der Ton dieses Briefes erregte nicht nur hier in Laaz, sondern viel mehr noch in Kaaden eine geradezu beispiellose Aufregung. Ich pflegte deshalb authentische Rachforschnnge», welche zn dem bestininiten Resultate führten, daß Hcrniann Heller, ein in Kaaden wegen persönlicher Eigenschaften nicht besonders beliebter Ge- . tchästsman», dcli Brief nicht nur nicht geschrieben,. sondern von demselben auch »och nach dcsien Erscheinen gar keine Ahnung hatte. Tas Lchrittstück ist nämlich nach bekannter antisemitischer Manier erzeugt worden, denn ein Brief genau desselben Inhalts erschien bereits im vorigen Jahre, ebenfalls einen Tag nach dem jüdischen „VersöhnungStestc", in Höchst lei Frankfurt ä. M. und winde dort aus Concurrenzueid einem Juden, dem Inhaber des „Süddeutschen Waarenbauses", unterschoben. Aber auch dieser Brief soll schon nachgcbildct worden sein, und zwar einem antisemitischen Machwerke, das man den Gründern der ..Zllinneo Israt-iite" unterschob. Lie sehen also, daß es sich hier um ein ganz niederträchtiges antisemitisches Manöver bandelt, und daß sich die Leute hiezu eine Persönlichkeit heräuSsuchtcil, ivclche obnclnn mißliebig ist, und durch deren Wahl die Lache eine größere Wahrscheinlichkeit bekam. Tie seine» Herren haben ihr Ziel auch thcilweisc erreicht, da in Kaaden, besonders unter den niederen Schichten der Bevölkerung, eine Erregung platzgegriffcn Kat, die man für unmöglich gehalten hätte, und welche jeden Augenblick zu einer Erplosion zu führen drohte, '.'loch beute ball die ereessive Stimmung in Kaaden an, genährt durch die Sbätigkeit fremder,-hichcrgcsendcter antisemitischer Agitatoren. Tagegen muß hervorgehoben werde», daß der Bürgermeister Tr. Reif »nb d.neir Ltcllvertrctcr Stadtralh Tr. Kling er Alles aufbieten, UNI die Gemülher zu beruhigen und jedem Epceß vorzubcugcn. Heller bat bereits die nöthigcn Schritte bei der Staatsanwaltschaft in Brür eingeleitet, und werde ich Ihnen, sobald von dieser Seite etwas vorgekebri wild, nähere Mittheilung hierüber erstatten. Einstweilen genügt es. die Setfenrlichkeit anfmerksam gemacht zu haben, wie man hier im intelligentesten Viertel Tcutsch-BöhiucnS darauf hinarbeitet, um jeden Breis einen Indcnseandal zu erzielen und so einen Boden für weitere Agiialioncn bei den bevorstehenden Landtagswahlen zu gewinnen. Milllslttwtchscl.' TaS provisorische Ministerium Kielmansegg 'rat, wie am 2. Sciobcr amtlich bckanntgcgeben wurde, zurück, und das Eabiner Badcni übernahm desinitiv die RegierungSgcschäfle. TaS n, ue Ministeiiuiil besteht aus folgenden Mitgliedern: Graf Easimir Vadeni, Ministerpräsident und Minister des Innern; FZM. Graf - Zeno W e I ie r S be i in b, LandeSveriheidigungSministcr; Tr. Leon Ritter r Vilius-ii, Finanzminister: Paul Freiherr v. Gautsch, Untcr- : :chi'sniinister^: Hugo Freiherr G la uz v. Eicha, HandelSministcr; G>a' Johann '.'ievomuk (>>lciSpach, Iustizminister; Graf- Johann! Ved bur Wichcln, Ackcrbauininislcr. Graf Kielmansegg übcrsied.lt wieder in das Statihalkereigebäude und übcrnimnit unter schwierigen Verhältnissen seinen früheren Posten als Chef der niederösterreichischen Landesregierung. TaS neue Ministerium und der Statkbalker nulsien schon in den nächsten Tagen über ihre Stellung ano, esich:s der durch die Wiener Gtmcindcwahlen geschaffenen Situation -chln'sig werken liberale Führer über Die Wiener Wahlergebnisse.) Im .Pest! u'!.'" werden über Unterredungen eines seiner Correspondcnten mit n.dreien Füllern der deutsch fortschrittlichen Partei in Wien folgende i'-it:l;a!iiiiqcn gemacht: Tr. Albert Richter constalirte, die Minos ::at der Vtbsralcn im Gcmcindcrathe sei eine so geringe, daß sie ganz nnrerinogend ist. Tie liberalen im Gemeinderalhe niüsscn mit den - alen iin Parlament sich darüber verständigen, was zu geschehen . .ile. Ei liesir, die Vibcralcn des ALcichSralheS werden nun nicht mehr . daß das Parlament in den Geilittuden wurzelt, und daß : W-l l dahin aus den Gemeinden seinen Ursprung ninimt. In ihrem e. d bn:"'e könne die weitere Entwicklung keineswegs den Conscrst --der» nur den radicalen Social-Temokraten nützen. Es Mi Einlösung der Wahlreform-Versprechungen folgen, iv;-:f.: die Stimmen d.s „kleinen Mannes" noch vermehren wird. Tic R an 'chlicß. die Harmonie der verschiedenartigen Interessen aus. Ans die ,'frage, waS den Umschwung herbeigcführt habe,, antwortete!r. Richter: ..Plener ist der Schuldige, ihm haben wir vertraut. Als er einst mit einhelliger Zustimmung der Partei in das selige o.rliüor.dminjsterium eintrat, wurde shm unter .Anderem auf die Leste gebunden, die Bezüge der Beamten zu erhöhen. Theilweise ger^ab etwas, aber in gehässiger Weise. Dadurch haben wir den '.weiten Wähltet ve:. in den die Beamten gehören, verloren. Er hätte Nr. 188 vor und nach seiner M>n>stee>chusl ganz anders Vorgehen müssen. Das mache ich ihm ganz offen zum Vorwurf." Auf eine weitere Frage antwort'te Dr. Richter: „Der Shstemwechsel wird nicht nur unserer Stadt, sondern auch dem Reiche,' dem ungarischen Staate und daher auch den gemeinsamen Angelegenheiten zum Schaden gereiche». Tic Folgen der im ganzen Reiche zum System erhobenen Reaktion wäre» die clericale Herrschaft mit verschärfter Censur und confessioncller Schule, die Auflösung dcS Ausgleiches mit Ungarn, das Anfhören - uns-res BündniffeS mit Italien. Tic Partei Luegcr'S begnügt sich nicht mit dem Siege in Wien. Tiefer ist nur der Hebel für größere Dinge, und hinter Lueger stehen sehr hohe und einflußreiche Persönlichkeiten^ Lueger ist nur der Schauspieler, hinter den Coulisien steht ein anderer Regisseur. Ter Wiener Sieg der Reaction ist das Vorspiel eines große» Kampfes. Vorläufig wird nur Wien materiell und geistig davon getroffen. Heule genießt der Liberale nicht einmal mehr den Schutz dcS Gesetzes in demselben. Maße wie der Antisemit. Was immer indcffcn geschehe:: möge, wir werden bis zum letzten Athcmzugc männlich für den Liberalismus kämpfen." — Dr. Max Mcngcr führte die Entstehung der Reaction auf den Grafen Taaff: zurück und sagte: „T>c Regierung Taaffe'S hat im ganzen Reiche, namentlich aber in der Hauptstadt Unzufriedenheit erzeugt. Taafse leitete den Haß künstlich in ein anderes Bett und lenkt: densctben auf die Inden. So entstand bei der, Eonnivcnz der Regierung eine gehässige Partei, »velchcr die Verfolgung der Inden frcigegcbc» wurde. Achnlich hat die »achsolgendc Regierung gehandelt, und heute steht Lueger siegreich da. Er und seine Genossen siegten mit Hilfe 1. der Clcricalcn, dieser religiösen Jacobiner, gegen welche die Bischöfe nur lässig auflrate»; 2 der deutsch-nationalen Schöncrianer, die dem RacenantisemitiSmuS huldigen und nach Deutschland gravitiren;!) der vcrrälherischen Liberalen; 4. der Tscheche», unter denen sich die Inngtschcche», zu ihrem Lobe sei cs gesagt, nur widerwillig i» dies Rolle. ,chicktcn; f). dcr Staatsbeamtc», die unzufrieden waren, weil unser gewesener Führer, der nachmalige Minister Plener, tiotz des Trängens unserer Partei die Erhöhung ihrer Bezüge nicht bewerkstelligte. In Bezug ans die künftige Haltung der Liberalen ini Gemeinderalhe sind zwei Ströniungen wahrnehmbar. Ter eine Theil wünscht die Passivität, der andere rüstet zur hcstigsten Opposition. Ich empfehle die letztere.*)" Tic Frage nach den schädlichen Wirkungen des WahlergebnisicS beantwortete Tr. -Mcngcr folgendermaßen: „Sic äußert sich in der sociale» U» Zufriedenheit, in der Verminderung der Production und Consumlion; beide werden in der Zukunft wachsen. Bei den Juden zeigt sich eine günstige Wirkung. Ich kann beweisen, daß seit dem Anwachsen dcS Antisemitismus die Zahl deijenigcn jüdischen jungen Leute, die sich der wirthschaftlichcn Laufbahn widmen, größer ist als die der christ lichcn." - -Prosesior Tr. Eduard Stieß ist der Meinung, daß eine ganze Kette der veischiedenartigstc» Ercignisie zur gegenwärtigen Lage geführt habe. „Ein großer Theil der Wähler empfand," führte er aus, „eine gewisse Enttäuschung und war daher unzufrieden. Namentlich hat -die Regierung des Grafen Taafse aus verschiedenen Gebieten der Politik Versuche begonnen, deren Endergcbniß nach den in anderen Staaten gemachten Eifahrnngcn leicht hätte vorauSgeschcn werden können. ES wurde insbesondere die Anschauung geltend gemacht, daß die Lage der Gewerbe durch die Einführung des Be fähigungsnachweiscS und ähnlicher Institutionen wesentlich gebcsicrt werden könnte. Zahlreiche Vereine verwandelten sich in politisirendc Wahlcoinit'-s, und als der erwartete Segen dcS Gewerbcgefctzes aus blieb, forderte man die Ausdehnung desselben auf die Fabriken. Es wurden sodann ungeschickte Verordnungen über die Sonntagsruhe erlassen. Wenn ein Mensch darüber vernünftig reden wollte, wurde er zugrunde terrorisirt. Achnliche Enttäuschungen haben auch die '•!< amten durchgcmacht. Schon vor Jahren gestand auch die Regierung die Nothwendigkeit einer Aufbcsicrung der Gehalte zu. Sic trat auch ein, aber spät, verzögert, unbefriedigend, thcils an Bcdiuguiigen geknüpft, welche die Bcanitcnschast peinlich berührten. Ich verweise diesbezüglich nur auf die Erhöhung der Perfonentarifc der Slaatsbahncn. Tie antisemitischen Agitatoren nahmen sich der Beamten an. - Sic gelangten durch did Ausbeutung der bekannten Geschichte von der CoalitionSnichte zu der Rolle von Leuten, die gegen die Protection aiikämpfen. All das wurde den Liberalen aufgehalst. Es kann ziffermäßig nachgewiescn werden, daß der Sieg der Reaction lediglich den Bcauiten zu verdanken ist, woraus aber noch lange nicht folgt, daß *) Tr. Menger e»klärte in der „Renen Freie» Presse", daß die Wieder gäbe seiner Ansichten seitens de« „P,sti Raplo" unrichtig sei, so insbesondere leine angebliche» Aeußerimgen über die Clericale» und Deutsch Rationalen. Dir Schönerianer habe er gar nicht erwähnt, ebensowenig, daß sie nach Deutschland gravitiren, auch habe er keine Ansicht über die Taktik ausgesprochen, welche die liberalen Geinemderälhe in Zukunft im Memeinderalhe einznhalten haben.

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