Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 183 (6.10.1895)
- Date
- 1895-10-06
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 183. Seite 3 Freie» Skat« I ch: DaS nennt man dann Manteldrcherci. Wenn eS wirklich so wäre, daß derjenige Beamte „oben" übel angeschricben ist. der liberal geblieben auS Ucberzeugung, daS wäre ja gegen die Verfassung, gegen alle Grundsätze moderner Staatskunst. Er: Die Chefs und Collegen aber, die sind eine Großmacht. Ich: Die Chefs, möglich, im Uebcreifcr; aber der Erlaß KielmanScgg'S ist doch auch die Stimme der Negierung? Er: Der Erlaß hat gerade die ganze Beschccrung zur Folge gehabt, Opposition. I ch: Hören Sie, Verchrtester, ich kann Ihren Schlüsse»' da nicht folgen. Der Erlaß warnte nur vor extremen Richtungen. Wäre dieser Erlaß nicht liberal gedacht, den Beamten eben die Würde zu wahren, sie über die revolutionäre Bewegung zu stellen, so wäre ich auch sein Gegner. Aber, weil er der Verfassung entspricht-wurde er denn aus Widerspenstigkeit nicht befolgt? E r: Nein, nein! Nennen wir cS eine Kinderkrankheit des jungen Nachwuchses: wir Aeltercn sind ja liberal. I ch: Man heilt eine Monomanie allerdings nicht durch Erlässe, aber gerade früher sagten Sie, man könne „seine Ansichten wechseln, wenn man reifer wird", und jetzt ist'S wieder eine „Kinderkrankheit des jungen Nachwuchses"? Sie sehen, daß Sie, mitten im Getriebe, sich selbst nicht klar sind. Eineaber ist gewiß, und das werden Sie mir nicht ableugnen können, daß eS wenigstens höchst bedauerlich, wenn nicht verwerflich sei, daß der Schwur auf die StaatSgrundgcsctze bei so vielen Beamten so wenig Eindruck hinterlassc» hat, indem sie mit einer Partei gehen, welche diese Gesetze verhöhnt. Er: Sie sind unabhängig, Sie können sich nicht hincindenkcn in die Zwangslage eines Beamten. | Ich: Das soll also sagen, daß die Regierung doch eine solche Haltung billigt? Sir sagen Ihrer Regierung sehr viel BöseS »ach; eine Regierung kann niemals verlangen, daß Staatsdiener an der Zerstörung der Ordnung Mitarbeiten. Eine große politische Jntrigue wäre das. Warum hätte sie denn nicht den Muth, die StaatSgrundgcsctzc aufzuhebcn? Die Beamten danken der liberalen Verfassung ihr Wahlrecht, sic haben auf die Grundgesetze geschworen, und man muß, mag man cs drehen wie man will, doch zugeben, daß nicht die Beamten und Lehrer dazu da seien, um große innere Umwälzungen zu unterstützen. Aber das Zuschautragcn der freien Wahl mit offenen Zetteln war doch die höchste Sclavcrci, ein Eidbrnch aus Augendienern in Uniform, eine ofsicicllc Verhöhnung der Grundgesetze. Ist eS so oder nicht? E r: Herr! DaS geht denn doch zu weit! DaS lasse ich auf unscvrm Stande nicht sitzen! Ich: Beruhigen Sie sich. Wir wollen ruhig diScutircn, Ist eS nicht doch so? Mit dem Strome schwimm»« ist auch eine Art Bestechlichkeit. Ein Richter sollte nie auf politische oder sociale Rücksichten hören. Ich kann cS nicht glauben, daß die Regierung von ihren Beamten, ihren Lehrern verlangte, die revolutionäre Bewegung zu fördern, welche die Grundlagen des bestehendes Staates erschüttert. Aber ein höherer (nicht veröffentlichter) „Erlaß" scheint in der Luft \ii liegen, nämlich: „Die Niederlegung der Liberalen!" Dieser Zweck heiligt alle Mittel, auch die Verachtung deS BeamteneidcS. Man ist in gewissen Kreise» »in sein Seelenheil sehr besorgt, und jetzt heucheln alle Streber christliche Tendenzen, denn diese Parole ist gegeben. KielmanScgg'S Erlaß ist ein muthiger Protest gegen den JesuitiSmnS, der sich auf die moralische Feigheit stützt. E.S ist natürlich Geschmackssache, wie man sich zu solchen Verhältnissen stellen will. Eines aber ist sicher, daß man jetzt schon in jenen Kreisen über daS Bündniß, welches die christlichen Conservativcn mit den extremen Deutsch- Nationalen und den revolutionären Antisemiten eingingcn, bestürzt ist! Man wünschte das Uebcrgcwicht der Conservativcn ohne diese Zuthat; doch die Geister, die man rief-cS ist die alte Geschichte vom Zauberlehrling! Die Zuspeise, welche daS ganze Treiben dem Volke mundgerecht machen sollte (Antisemitismus, Hebung der Gewerbe rc.), wird zur „pieoe de rdsistanee“, und daS ganze Schauspiel heißt „Verrechnet"! Er: Die Juden scheinen Ihnen ganz besonders ans Herz geivachsen zu sein. Ich: Wie jeder Märtyrer, auch der christliche, wie der Nihilist, der in Sibirien für seine Ueberzcugung duldet, das Mitgefühl erwecken muß. Mir ist eS lieber, von verfolgten Juden als Menschenfreund angesehen zu werden, als von solchen „Christen", wie die christlich-socialen Scandalmacher, als einer der „Ihrigen" bezeichnet zu werden. E r: Ich begreife Sie .nicht. Sehen Sie doch: der Jude will nicht arbeite»; kein Nagel bei der Weltausstellung 1873 wurde von einem Juden eingcschlagen! Kein Jude kann etwas! Er ist auch nirgends Ackerbauer und überall verachtet, wo er etwas unternimmt. Ich: Aber Herr, man hat^sic ja früher nicht arbeite» lassen: der Druck war ja ein bnspielloicr! Jhrc'Antwort ist eine großartige Leistung, und darum bloß rechtfertigen Sie den Antiscmikisinuö? Also Sie wissen nichts von den Leistungen jüdischer Aerzte schön tut arabischen Spanien, also vor mehr als 4<X1 Jahren, Sie winen nichts von den zahllosen Künstlern (Musikern, Schauspielern :e >, welche jüdischer Abkunft sind, Sic wissen nichts von de» Staatsmänner» jüdischer Abstammung, von Hockschullehrern, von VolkSbildncrn? Hinter Jedermann suchet Ihr den Jichen, wie einer etwas kann und leistete, ist er kem Jude! Welche Logik! Keine Ackerbauer? Schauet nach Galizien und Rußland! Und überall verachtet? Freilich im „civilisirten" Oesterreich und im „Culturkainpf"-rculschla»b istcs bald so weit gekommen, wie im finsteren Rußland, aber im Orient? Der ruhig denkende und nicht wie gcwisie Christen verrohte Türke von Salonichi vertraut dem Spaniolen sein Geld ohne Bestätigung an, wenn er verreist. Der Oricntreiscndc F. Kanitz konnte Manches erzählen von der Achtung, welche die Juden bei de» Türkcu genießen, während Armenier und Griechen der, übelsten Ruf haben. In Amerika ist der Jude sehr, geschätzt, derselbe Jude, der l-ier vcrtridbcu wird. Entschuldigen Sic, aber wenn Einer etwas behauptet, muß er es auch - ordentlich, begründen. Wenn Sie sich schon an die geistige Plebs weg werfen, so betäuben Sie die bessere Stimme in snfx nicht mit Un Wahrheiten, welche man Ihnen auftischt. Es ist ja verkehren, mit wem Sic wollen, aber „an deinen Ihr» Sacke, zw Freunden will ich ab, mich Ihnen heutzutage ihn» dich erkennen", und so gestatten Sic mir von nun gegenüber so zu benehmen, wie cS jeder Gebildete sollte. Er: So ist'S ja nicht gemeint gewesen! Aber wan wird >a von den Anderen gleich angcfahre», wen» man nicht Antisemit ist. Sogar mehrere UniversitätSprofessorcn der Provinz jubelten laut, als die / Kunde von den Wahlen des dritten Wahlkörpcrs in Wien la:n. Sieg! Sieg! hieß cS bei diesen hochgebildete» Herren; Ich: Dann sind die Herren eben auch nicht äuf jener Stufe, welche ihnen daS volle Recht gibt, auf die Bewunderung <ciucS wahr- Haft und allseitig gebildeten ManneS Anspruch zu 'machen. Und wollen Sic nach der Freundschaft dieser Leute geizen?' Ihne» genüge die Selb» achtung und Ihre Bescheidenheit, mit welcher Sic Ihr nicht beneidcnsweytheS LoS ertragen: „Zuerst Beamter, dann-Mensch'" Wahrhaftig, ein neues geflügeltes Wort, von dessen Geburt wir vor 35, Jahren nichts ahnten. Lin Schurkenstreich. - (Original Mittheilnng des „Freien Blatter".! Snaz, I. Coti'h-: Wie auS gewissen Vorfällen der letzten Zeit wohl bekannt, ha! auch in unserer friedliebenden Stadt der moderne Giftpilz, Anti semitiSmuS genannt, Boden gefaßt, zuck in einer ganz kurzen Spanne Zeit entwickelten sich hier eine Ortsgruppe des „Bundes der Drillichen in Böhmen", ein „Dcutsch-volklicher Tnrnvcrcin" und die-„Saazer" National-Zeitung", lauter Institutionen zur künstlichen Anszücklung des Racen- und Glaubenshasses »ach bewährte» Mustern. Was letztere betrisst, so bedürfte ich viel Zeit und Papier, um all die Lügengewebe aufzndccken, welche sic in ihren bisher erschiene»-.'» iechs 'Nummern mit und ohne Kunst gesponnen. Rar. einen Fall kann ich hier hervorhebeu, der so recht charakteristisch zeigt, mit welchen Mitteln hier an der Ausbreitung deS Antisemitismus und cv> der Aufreizung . der breiten Volksschichten gearbeitet wird. In 'Nr. f> deS erwähnten SchandblatteS war ein Brief a»S Kaadcn vom 21. September ab gedruckt, den angeblich ein gewisser Hcrmau» Heller an die-Redaction der „National<Zcitung" gerichtet haben sollte. Der Brief lautete wörtlich: Sie haben in Ihrem Blatte vom Donnerstag einen Artikel über imch gebracht und mich sowie meine Glaubensgenosse» geschmäht! Ich warne Sie hiemit, die« nochmals zu lhn», da ich gegen-solche Ehristenhundc abwlul die SlaatShilfe anrufen müßte! Sie Tnnnnköpse! Sehen Sie denn nicht, daß, je mehr Sie »nS schmähen, desto schwerer wir un» a» so einer srechen Bagage rächen? In 50 Jahren seid Ihr unsere Knechte — Ihr werdet imS bedienen und sroh sein, ivenn >vir- Euch trockene Erdapfel vorsepen werden . Es loinini nach unserem Propheten die Zeit, wo alle Andersgläubigen vernichtet weiden,- und die Zeit kommt mit Riesenschritten: da»» werden ivir Euch Hunde ab zahlen, waS Ihr an uns verbrochen habet. Lassen Sie sich Nicht einfallen, über diesen Brief-ein Sterbenswörtchen verlauten zu lassen, sonst werden Sie, Herr Redacteur, aus ossener Straße ermordet! TaS wird Ihr LoS sein. Tie Juden' sind »och muthig genug, um solche Gewaltacte zu strasen, und wehe Ihnen, wenn Sie nicht aushören, Ihre Hetze» sortzusetzen. Merke» Sie sich'»! —