Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 183 (6.10.1895)
- Date
- 1895-10-06
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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.freie* Blatt. Nr. 183 reite itiriftlid) fein, weil die Cultur, die Civilisatio» und das Recht, denen der SiaatSgedunke geweiht ist, interconfessionelle Güter der gis.iinnilen Ration sind.. Warum soll also in diesem Staate der Bürger jüdischen Glaubens nicht als Lehrer, Richter, Ofsicicr oder Berwaltnngöbeamler seinen Posten ausfüllcn und dem Batcrlande »übliche Dienste leisten können? Unterrichtet man denn Mathematik, Geographie und Physik nach christlichen oder jüdischen Principien? spricht denn der Richter nach all- oder neutestamentlichen Lehren Reckil? Warum also sott der Staat die Religion des Candidaten in Betracht ziehen? Was gehl das religiöse Bekenntniß des Bürgers, das doch schließlich Herzenssache ist, die Regierung an? — Das und Fragen, die einem Jeden einfallen, auf die man aber in Deutschland schwerlich eine ruhige, von der Vernunft dictirte Antwort erhallen wird, Ja, das sind Dinge, die man nicht mehr erwähnen darf, ohne trivial zu scheinen, weil sie so alt und einfach sind wie jede Wahrheit. Allein in so crasser Weise ist der Verletzung der Verfassung noch nie ans Tageslicht getreten wie in der Berliner Schulangelcgcnheil. Wenn die Provinzialschulverwaltung öffentlich den Grundsatz aussvricht, daß die jüdische» Lehrer und Lehrerinnen aus den Berliner Volksschulen stets verbannt werden sollen, so in der Moment gekommen, wo jeder Freund der Freiheit und «Gerechtigkeit seinen Protest gegen dieses Attentat auf die Vcrianniig laut erheben muß. Es handelt sich hier nicht um die Sache der Juden. sondern »in die Sache des Rechtes, um die ,Aufrecht htllnng des Prineips der Gleichheit, der ersten Voranssctznng einer iede» modernen Staalsverfassung. Wenn eine jüdische Lehrerin christlichen Religionsunterricht rr lh.ill Inn, so ist das ein grober Fehler, den Ricmand billigen wird. Wird aber d ei'er Fehler, den nicht die jüdische Lehrerin, sondern der christliche Schulrector gemacht Hai, dazu ausgebeutel, :::« die indischen Lehrer und Lehrerinnen grundsätzlich von den Voiks'chnlen zurnckzuweiscn, so ist das eine Ungerechtigkeit, die den einpören inuß. Gewiß muß man es jeder Verw iltung übe? lanen. diejenigen Beamten zu wählen, die sie für die geeignelsleii hall, aber dieses üi cht darf nie dazu benützt werden, grundsätzliche Bestimmungen zu trest'en, die der Verfassung und dem Rechts ge'nhl widerivrechen. Man mag über die Vortheile der Siinultan- 'chule denken, wie man will, solange aber die Berliner Volksschulen keinen eontessionelle» Charakter tragen, wird man so gerecht sein müssen, jüdische, Lehrer und Lehrerinnen im entsprechenden Pireenlsttz.' anzustcllen, zumal Berlin 34«!'.' jüdische >tinder aus den «''enieindeschulen zählt. Wir wollen hone», daß die Stadt Berlin ihre» Charakter als liberale S'adt retten und die Sache der Gerechtigkeit mit aller Energie beim Eullusministeriuin durchführen wird. Den anlisemitischen Bestrebungen aber kann kein schlechteres Zeugniß aus gestellt werden als durch die Thatjache, 'daß ihre Wünsche nur auf den Ruinen der Staalsverfassung, auf den Trümmern der Veriiiin'i u d der Sittlichkeit erreicht werden können. Kul»iu<. ^\Cv*bt und (Gerechtigkeit. ,; i; 4>'> — das;ü nach dein für Wie» so beschämenden Äusd.r tfeir indelaihswahlcn das künftige Stärkeverhältniß der :. i ■ .1L s :ait'.ühu<» lind der sortschrittlichen Partei. Es ist dies das .imq.telitc Verbäliiiiß, wie eS nach der ersten Wahl in den Gemeinde- , ui::> '"'roß Wiens bestand; damals cntsciideke die Bevölkerung '.'2 .rotr'ch'.!rtsiu.ri!u;r und nur tsi Antiseniiten in die Wiener Sladtr.-.tretuna. Äug.'stchts .iiiis^solchen Um'chwungeS fragt man sich billig: Ja. ualat denn diese liberale Partei eigentlich gcthan, daß sie auf inn.ll rem Volke Wiens verfehmt und fällengelaffen wird? Und Nie :.'-i:s: Was bat denn-das Sammeliuriui» von schwarzen Eleri- U ikeuloncn, Antisemiten schlechtweg und Tschechen Großes geeaü nch iiun aui einmal die VolkSgnnst in solchem Maße zui .- TAntwort ist verblüffend einfach: Die heute in beiNj W::st ll:e '.'.ii'clüittliche Partei hat in aller Ruhe und Stille j g-a '.ni--- das Wohl der Stadt, aber sie hat eben -vergcffen, sich ' .ui' e ii Mailt in stellen und ihre Thaten anzupreisen. Die anti- Partei aber hat um so fleißiger die Trompete geblasen; neben l uv «eandalö'en Thäiigkcit im Gemeinderathe fand sie noch Zeit, uuaiisa:':!";ii schimv'e« und zu agitiren, zu verleumden und zu ir.tr ignir-'n, und leider läuft heute die Menge bi» weit hinein in lirene, von denen man ’onH Besseres gewohnt war, Jenen nach, die am meisten schreien Aber noch ein Anderes konimt hinzu. Die Wahlagitation wurde mit einem nachgerade unerhörten Aufwand von TerroriSmuS betrieben. Jede Lüge, und mar sie noch so craß, blieb unwidersprochen, weil Jeder aus der Wählerversammlung hinausgeworfen wurde, der ihr zu widersprechen wagte. Unter der Herrschaft dieses TerroriSmuS, bei dem nicht Meinung gegen Meinung, sondern Brutalität gegen Anständigkeit kämpfte, kamen die Wahlen zustande, und man kann mit Fug und Recht bestreiten, daß sie der richtige Ausdruck des BolkSwillenS sind, nachdeni die Bethätiger dieses Willens in Unkenntniß über die wahre Sachlage gehalten wurden, und zwar mit Absicht. Es ist ein unbestrittenes Verdienst Lucger'S, Zustände in Wien geschaffen zu haben, unter deren Herrschaft nicht mehr durch sachliche DiScussion über verschiedenartige Meinungen die Wahrheit und daS Recht zu Tage gefördert werden, sondern die Kunst der Lungen und der Fäuste daS ausschlaggebende Moment bildet. Die Antisemiten treten also nun die Herrschaft im Rathhause an ff Ihr Führer bemüht sich jetzt in schlauester Weise, sich regierungsfähig zu machen, und seine Organe triefen auf einmal von Betheuerungen der GerechtigkcitSliebe und gefühlvollster Billigkeit. Dieselben Leute, welche einen Prip zu Tode gehetzt, welche ihn »ach einer gesetzmäßig zustande gekommenen Wahl nicht zu Worte kommen ließen — sic sind nun die Gerechten und bieten freiwillig den Liberalen Sitze im Stadtrath und sogar eine Vicebürgermeistcrstelle an. Es wird sich ja noch zeigen, ob dieses Anerbieten ernst zu nehmen ist. Wir halten cs für ein geschickt ausgedachtes Manöver, um vielleicht die noch immer äußerst unbequeme fortschrittliche Minorität zu spalten, und wir möchten sehr davor warnen, auf diesen Leim zu gehen. Man vergeffe nicht, welch klägliche Rolle unsere Parteigenossen ani Triumphwagen Lucger'S spielen würden: man vergeffe vor Allem nicht, daß auch nicht wenig EgoiSmuS in der Einladung liegt — man braucht die fortschrittlichen Arbeitskräfte; sobald man ihrer nicht mehr bedarf, wird man sic hiiiauswerfcn. Denn die Herrschaft Lucger'S im Nachhause wird bei aller Wahrung der Formen eine Dictatur sein und sein müffcn vermöge der ungleichartigen Structur seiner Partei, die nur durch drastische Mittel zusammengehalten werden kann. Und darum wird die Fortschrittspartei gut daran thun, abzuwarten, bis der schon jetzt merkbare ZersetzungSproccß im Lager der jetzigen Mehrheit'Fortschritte macht, sich nichts zit vergeben und keine faulen Compromiffc zu schließen. Die Aufgabe der fortschrittlichen Opposition wird aber neben > klugem Manövriren und stetem Hinweis auf die von Lueger gemachten Versprechungen für die verschiedenen Stände auch darin liegen, immer wieder daran zu erinnern,. daß die großen Arbeiten, die nun unter Lueger'S Regime der Vollendung cntgegengeführt werde», von der FoitschrittSpartei begonnen und unter dem Widerspruche und der hemmenden Scandalmacherei der Lueger-Partei zur Durchführung ge bracht wurde». Sie muß unausgesetzt daran erinnern, daß der Auf schwung, dem Wien nu», nachdem die llcbergaugskrankheiten zu schwinden beginnen, in Folge der Vereinigung niit den Vororten ent gegengeht, daS Werk der liberalen Partei ganz allein ist, daß sic allein die Voraussicht bewiesen hat, daß augenblickliches Mißvergnügen, momentane Nachtheile und Unbequemlichkeiten ohn» Rücksicht auf Unpopularität um einer schönen Zukunft willen überwunden werden niüffen, daß eS craffer Undank war, sie das Werk nicht vollenden z» laisen, das sie unter schweren Mühen begonnen. Recht und Gerechtigkeit verlangen, daß immer und überall verkündet werde: WaS in .45 Jahren in Alt- und Reu-Wien Schönes und Großes geschaffen worden ist — eS ist daS Werk der großen Fortschrittspartei, und eine Frechheit wäre eS, wenn sich dann die nun. ans Ruder gelangenden Herren das Verdienst dafür bcimeffen und die reifenden Früchte ernten wollten. Wir halten übrigens dafür, daß eS nicht allzu lange dauern wird, bis die Bürgerschaft WicnS wieder einsieht, wo für sie gearbeitet und wo bloß für sie geschimpft und randalirt wurdet £tn Gespräch mit einein Beamten. 3cf): Gestatten Sie mir eine Frage: Könne» Sic Ihre College» in Wien und deren Haltung bei den Wahlen durch irgend eine mir glaubwürdige, mich überzeugende Entschuldigung rechtfertigen? E r: Ja, die Beamten sind zuerst Beamte, dann Menschen. I ch: Also zuerst Beamter, dann Mensch? Ich finde, daß die liberale Verfaffung dem Beamten eine edlere Rolle zugcdacht, ein beffereS Los geschaffen, als daS des Sclaven augenblicklicher Strömungen. Wenn Beamte, welche früher liberal wählten, jetzt anders stimme», so sind sie sich selbst untreu geworden 1 E r: Man kann auch seine Ansichten wechseln, wenn man reifer wird, nicht wahr?