Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 182 (29.9.1895)
- Date
- 1895-09-29
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 182 Freier 1? 1 a 11. Herren Bauaufsehcr zu beauftragen, Juden als Arbeiter oder als , llntcrnchlucr beim Bau der sibirischen Bahn nicht zu verwenden." j Durch diese erzwungene Ncrfügung sind abcrni/lö einige hundert - Jude» brotlos gemacht worden. (.(VicfclJ lind Willkür.) Man schreibt uns aus Odessa. Bekanntlich wurde vom russischen Finanzministciium die Bersiignng gctioffen, daß die in Odcsia bestehende Handelsakademie, welche durch die. Mittel der in Odessa lebenden Juden und Christen erhalten wird, bei der Aufnahme von jüdische» Schülern ein gewisses peicentucllcs Bcrhältniß bezüglich der christlichen Schüler beobachten müsse. Doch wurde bcstimint, daß im Falle die Zahl der christlichen Spüler nicht complct sein sollte, die vacanten Plätze jüdischen Schülern zufallcn dürften. Thatsüchlich wird aber diese Bestininiltpg durch die Willkür des pädagogischen RakhcS der Handelsakademie zunichte gemacht. In diesem Schuljahre sind in der Handelsakademie mehr als 40 Plätze vacanl,.und doch wurden die jüdijchcn Schüler, welche sich um diese Plätze bewarben, sämmtlich zurückgcwiescn Ter Tireelor der Akademie hat zwar die Besetzung der vacanten Plätze durch jüdische Schüler befürwortet, der pädagogische Rath der Akademie jedoch wies die jüdischen Bewerber zurück. Die Ellern nnd Bormündcr dieser Zuvückgcwiesencn haben a» den Finanzininistcr eine Bittschrift gerichtet, in welcher sie auf die Bcrlctzung des Gesetzes durch den pädagogischen Rath Hinweisen »nd um Zulassung ihrer jiindcr, beziehungsweise Mündel bitten. Aber wenn auch Herr Witte der Beschwerde der Inden Gehör schenkt, gelangen die jüdischen Schüler dennoch in diesem Jahre nicht mehr in die Akademie. Bei uns kann eben nie das Gesetz gegen die Willkür anfkoinmen! Scho» gar nicht, wenn cö sich bloß um — Juden handelt. (Tic stirdc eines russischen Erzbischoss,) Man schreibt uns aus .Kiew: Ter russische Erzbischof Nikolai weilte dieser Tage in seiner Baterstadt N o w o m i r g o r o d, einem im Gouvernement .Kiew liegende» und größtcnthcils von,Juden bewohnten Orte. Erzbischof Rikolai besuchte die dortige jüdische Synagoge, wo ihm vonden Juden die fünf Bücher Moses in hebräischer Sprache als Geschenk überreicht wurden. Bei dieser Gelegenheit hielt der Erzbischof eine bedeutsame Rehe, die das weitestgehende Interesse verdient. Er sagte: „Ich danke Ihne» Allen für das gute Andenken, das Sie mir bewahrt haben, noch' mehr aber danke ich für die mir in diesem GollcShause erivicscue Ehre. Gerne »khine ich das mir dargebrachte Geschenk entgegen. Dieses Buch ist ebenso den E h'r i st c n heilig w i e den Juden. WaS mich persönlich betrifft, so kan» ich mit reinem Gewissen sagen, daß ich von den hiesigen sowie von anderen Juden, denen ich in mein cm i.'ebcn begegnet war. nur Sympathisches gesehen habe. Einigen dieser Juden, besonders meinen Schulcollcgcn aus dem Gymnasium zu Slatopol, bewahre ich noch jetzt meine besten Erinncrnnge». Zu meinem tiefsten Bedauern t hei len nicht alle meine Eo n n a t i o n a l c n diese ine ine Ansicht; im Gegentheilc, cS gibt in Rußland und auch im Auslände viele Heute, die den Juden keine -Sympathien cnchegcubringcn und Ansichten bekunden, welche nicht ivünschcnswerth sind. Aus der Tiefe meiner Seele wünsche ich Ihnen Allen Glück und Wohlfahrt und hege die Hossnung, daß das Bolk Israel, wie der Apostel Petrus sagte, nicht auf immer von Gott verlassen sei» wird. Oh, gebe Gott, daß diese Zeit bald anbrcchc!" 2lus antisemitischen Vereinen und 1?ersammlungen. tThutS die »traft der Argumkiile oder Geld, Bier »nd Wri»?, llmer großem Andrauge des PublicumS fand am 18. und lt». September vor. dem Schwurgerichte in K r e in S eine Berhandlnng ftalt, in weicher Georg Schönerer als Kläger wider den Pfarrer Johann Herzog anstrat. Ten Gegenstand der »ilage bildete eine in der „Kremier Zeitung" vom 12. Mai d. I. abgedrnckle Corresponden; an« L o i b e n, dem Amtssitze des- PiarrerS Herzog, von diesem versaßt »nd eingesendet. Der Inhalt derielben soll laut Anklage den Kläger unehrenhaster Handlungen i»i Sinne des § 488 St. G. Bl. zeihe». Ter zur Verlesung gelangte Aussatz ist ein Bericht über eine Beriammlung des „Bundes deutscher tzandwirthe in der Ostmark", denen Gründer und „gewählter Ehrenvolstand" Schönerer ist. In diesem Berichte heißt es, der Autor sei bis nun der Meinung gewesen, die .Wahrheit müsse durch sich selbst siegen, doch sei er eine« Anderen belehrt worden: Mit Freibier und Geld könne man bedeutend nachbelsen! Sogar an Kinder seien bei der betresfenden Bersammlnng Geschenke bis zu zehn Kreuzern vertheilt worden, diesmal »och in österreichischer Währung, und e« seien damit recht liebevolle pädagogische Ermahnungen verbunden worden. Um an Bier und Wein Anlheil zu l>ab>-u. branäne man nur an' gegebenes Eommando „Hoch Schönerer!" zu ruken re. Ce beißt in -bei .Anlmge'.lnisl „Hiedurch werde ich i Schönerer > in inciner (»Ino iviUt't. da behaupte! wird, daß iJi iiTdit du ft) die M«»ft der Argumente, sondern durch Geld, Bier und Wein die bäner liche Bevölteznng snr meine polnsiche Bkeinnng zu geiviiine» suche. Ein Mann vom Bildungsgrade des Angekiagie» muß wisse», daß dies mir politische,' Corruplion gleichbedeutend sei." In inbreeiiver Böziehnng lö.ine der Angeklagte nur Schöuercr geniciul baden, d, dessen 'Name und der Ans,-»' „-Hoch Schönerer!" in, Artikel »oifoini»? und ein anderer N-edner in d-r Beriaurmluilg. iu der außer Schönerer nur S ch a in b e r g e r sprach, nicht gemeint lein löun'e, da ein einfacher Bauer nicht die Mnirl bestve. „eine mehihnnderilövsige Bersaniinluiig mit Geld, Bier nnd Wein zu regalircn". Piarrer Herzog gab zu, den incriminirlen Artikel versaßt »nd ziin, Trinke be'ördert zu baben, toet, biell er sich aus znei Gründen kslr nichtschuldig. , Fürs Eine habe er nicht Sehönercr gcnicint, den er gar nicht tenne, ,a er wundere sich darüber, daß sich gerade Schönerer dnich den Artikel beleidigt fühle: >ürs Zwei-e teble der objeetwe Tbalbestand und die beleidigende Ahsichi. Tie Geßluvornei, verneinte»»-gemäß, den Aussührunge» de? Bcrtbeidigcr» Tr. Biipovae die Schuldsrage m:t elf gegen eine Siimnie, woraus B'arrcr -He r; o g ' r e ige > v r o -ch e», Sctiöndre'r tn die nicht n »b «de ine „ de n »tonen verurtbeilt n-nide. iBon der lcNtcn Sedanseicr.) Erst nallitiägliä, taiiß-u rillige i,Herenaine. Tetails über den Berlauf der bereits stereolnp -gewordenen S,d,u-e,er — die ja znmcisl einen sehr starlen anti'cinitüchcn Bciges^iinach lälie - ,z» F r a » k e n st e i n in Sailcsien sprach Ahlwardi die Jieüre'e .-„»le sich dabei gelassen den großen Sab: „Ter deutsche G,--.,»d'.-.»ct-' betrage 22 Milliarde», wovon.2l -Milliarden de» Inden geboren" -JJi.-.üjr dieie» Blödsinn im Interesse des Red ne,» und 'einer. Zuhörer legen, daß 'Ahlwardi unter „Jaden" auch alle. Junker vcrst-'bi. Sm». t>.e-e Substikmion gewänne dann das Berhältniß einige,inaßni an :>>-»»,gtei:. — Eine überraschende Nachricht konunl aus dein Lande des ossie^neu Ai.:>. seinitisinus. Tie Ainlshauplinannichasl in T r c s den- N e utst a d : b.,'7^den Antisemiten den von ihnen geplanten Sedan -Fistzug, der »„ich eie Straßen de« Orte» „Weißer ^Hir'ch" gehen tollte, -verboten. Bisher war inan^-aus Sachsen nur geivoluit, von Verboten social demokraliiäier klniznge baren. - -Nach dieser Meldung scheinl nun aber auch den sächsischen Behörden-ein tziä-s darüber ansgegangen zu sei», weß Geistes »Und die bisher von ilnieu io lehr gehällchellen Anliiemileu sind Oder lieg! der Grund der Beistiinnmng in -der schauderhaslen Eoucurre»;, welche die brave» Aiili-einiien bei de» Ansangs Ociober siaiisindeiiden sächsischen Landlagswablcn de» E»»servaliven machen? Es wild bei dieiem Anlasse rorai-ssichtluli zu besligci» »iämp'en ziv.iicheil den Tivoli-Leule» und den reiinp Antisemiten komme». Tie 'aiuisemlijichen Re»'opmer haben bisher in nenn Wahlkreisen, von denen die Mehrzahl bishor eon-eivaiir verlrelcn war, eigene Eandidalcn ausgestellt, und sie spiechen.letzt den Eariell Parteien gegenüber die Trohung ans. daß sie »och in weNcren vierzehn Ätzab! lrciien selbstständig'Vorgehen werde», falls »ich, die'allen EanellvaNeieiOnoch rcchlzeuig zur Einsichl gelangen und eine größere Ai zahl ihrer Eaiididalen algordttiiiigsparlciliche Eandidaten anelkenne». Tic Eonjervativen rürchlen iU’0 die vandlags,vahle» nlon ein Sedan und daher viellcichl ihre Abneigung geaen de» aiilisemilischc» „Sedau Festzug". iAhlwardt in Tlioril.l Am 10. Sepiember gab Al'livardl eine B»! stcllnng in T b o r ii, bei welcher er nicht nur über die vö nng de, :.en. nnd der sogenannten Jndeiiiiage sprach, sondern auch mit 'einen el--ei!:...i.;ei-. I Gönner», de» Tivoli veulen, harl ins Geiichl ging, worüber sich d:- :n Ebern! erscheinende c^useivalive Zeilung biller biklagr. Auch an einem IN inen gei ichi-- lichen Nachspiel zu der Aklivardl-Berjnininlung wird es nnln j schien. Ein erfinderischer Gesinnungsgenosse des großen iste>ch.n:.-.iii::'enl,ien! Ahlwardi, ein Malermeisier ans Ddorn, ließ inilleist eines-Euch-s au> die Trolloiiplanen die Woric „Ahlwardi kommt" aii'drüekeii/!S.ie Bedörde > hat deshalb gegen den M»t»n die Anklage wegen Sackde'-fätigung und groben! Unfugs erhoben. «Tie 'WadrbcitSlicbc eiiies A»liscmiicuhii»pilin>,s. I» c.ner am IN. September in^K > e I abgehaUenen Bolksveis.iinniliing leistete sich der anti. se»iili-che Neichslagsabgeordneie t! jeder »i u n n v. S o u n.e» berg solgende Unwahrheite». Er sagte ivörtlichi „Wie dig Jiitenblätter behaupten, hätten ar» Kriege 1870.71 lü.i»00 Inden lheilgenommen, käran wird wohl eine 0 zu viel sei»; von diesen 1500 alsohätten, >o behaupten die Judenblätier, llo0 das eiserne Kren; erhalten. I ch w e i ß n i ch t, o b d i e Z a h l st i in in i, a b c r unter d en 300 sind 25t» Aerzlc." Zkiern neiß Her,- v. pieberinan» gär nicht, ob die Zahl!>00 richtig ist, aber dänn weiß er doch, daß darunter 25,0 Aerzte seien. Ferner sagte er: „So nnd so viele deutsche Rabbiner haben linker sich e klärt, daß der Talmud für die Juden Geietzeskrail bade." -Herr v. Liebermann iveiß ganz gul, daß die Rabbiiwr das görade Gegemheil erklärt haben, u»d wnßle er eS nicht, io brauchte er nur die am den Tischen liegende „Teulsch-sociale Reform" anzusehen. Unter de» Forderlliigen der Partei »and dort lmter Nr. 10, die Partei verlange „Prüiung der. jüdischen Gcietzesbücher und ihre Berbiiidlichkeil von slaulSwege»". Warum . verlangt denn die Parle, »och beiovderz Prüfung der Betbindlichieit, wenn doch, wie Liebtimann be-