Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 182 (29.9.1895)
- Date
- 1895-09-29
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Freie» Blatt. Seite-' 3 Nr. 182 war'? Ihr etwa entsage»'? Aber dazu war ich denn dvch zu jung." : Er wählte daher ein audcrcS Mittel, mit sich jener idealen Vorstellung! möglichst zu nähern, welche er sich von den Pflichtciz eines Professors 1 gebildet hatte. Während seines Aufenthaltes in, AuSlandc hatte er sich! zur Genüge davon überzeuge» können, dag die wissenschaftliche 'Wahri heit bei weitem nicht der Hauptzweck selbst berühmter Musiker und | Chirurgen ist, daß in berühmten klinischen Anstalten gar oft Maß > regeln zur Verhüttung, nicht zur Enthüllung dcS wirklichen Thal- > bcstandcS getroffen werde». Allenthalben ivar das Strebe» bemerkbar, - seine Waare von der vortheilhaslestcn Seile zu zeigen. Dies wäre 1 indeß noch nicht so schlimm gewesen Aber gleichzeitig damit trachtete man auch, seine schlechte und »lindcrwerthigc Waare der die wissen ichaftlichc Wahrheit suchenden Jugend als gute yi verlause» In, j Gegensätze dazu machte Pirogoiv eö sich, gleich bci Antritt seiner Vehr i lhäligkcit zur festen Regel, nichts vor seinen Schülern zu verberge»,! nnerbörie Frechheit betrachten, das; inan zwi'chen ■ ihren mocatiich.-n Eigenschaften und denjenigen des semitischen „abgelebten Geich!ech:es" einen Pergleich zu ziehen wagt. Pan dem ' Mnlhc der Wabrheit beseelt, gibt er leinen VandSlenle» zu bedenken: „Bei der Perwandlnng dieser -Lchulc darf ich mir nicht das geringste P»rdienst znichreibeu, denn was ich that, beschränkte sich auf einige Peränderungen tut Programme des Unterrichte/, für die ich die lVenelnuignng Lee Regierung auswirtie. Ich habe daher ,das volle Recht, novarteiiich. Las zn loben, was z» verlchweigen unrecht gewesen wäre R»r eines rechne ich mir als Pertienll an, als Wolilthat, die iel> den arnren lüdiichen viudern erwiesen: nämlich, daß ich zu der Anstellung d.s prenßrlchew Unler siiancn Herrn Pr. Goldenblnnr an Lic-er Schal.- beigelrageu bäbe. lind ihm gehört nächst de» ansgetlärten.P.-rstelrern L.-r Schule von rechfsirege» ylle Ehre »nd^alles Perdienst i'n-r Unuvandlnng Jedoch würden weder er »ocl; die Porsteher iinstande gerveb r, -sein, das Wer! und „wenn auch nicht sofort, so doch nachher und ohne Zögern jeden : von ihm begangenen Fehler vor ihnen zu enthüllen, möge er nun in r der Diagnose'oder in der Äranthcitsbchandlung liegen". | Indem er also der Wahrheit und nur der Wahrheit dient, betenni er sich als aufrichtige» Anhänger der Vehre des Heilands; sein Gl.anbc ' reicht jedoch nur biö hichcr und nicht weiter. Das Wesen des Ehristcn lhttinS ist ihm die in EhristuS nnd feinem Evangelium verlörperte Höhe nnd Reinheit des sittlichen Gefühls und Vebcns, welche nicht von dieser Welt ist. Ans der Bergpredigt haben ganze Jahrhunderte der Finsterniß, der Vcidenschaslen und wahnwitzigen Perblcndnngen teinen einzigen Flecken zurückgelassc»: Blut und Schmutz, mit welche» die Welt so oft die ideale Heiligkeit und Reinheit der von Ehristns verkündeten Vehre zu entweihen gesucht hat, sind in Strömen ans die Entweiher selbst zurückgeslossen, Irn vollsten Einklänge mit dieser Werthschätzung dtr von dem Heiland »achdrücklichst. gepredigten all umfassendrn Viebe bricht Pirogoiv in die Silage ans: „Eines aber ichcint mir nnvcrcindar mit dem Geist der '.'ehre Ehristi, nämlich der ToctrinariSinnS nnd Dogmatismus. Ratürlich mußte die Srirchc als ine Gemeinschaft der Glänbigc» schon in den ersten Zeilen des EhristenlhnnlS entstehen; die tsleincinschgst der Gläubigen, die Harmonie und Einheit der Anschauungc» aber mußte einigen, rvaS vom obligaiorischcn Dogma noch weit entfernt ist.D nrch dieses wird ein Glaube, dem die völlige Freiheit dcS (Gewissens zngrnndc liegt, nämlich das Bewußtsein der Wahrheit im Ideal der Sclbstausopscrnng ans Viebe und Glaube» an die alluinsassendc Viebe Gottes, allniÄig znni obli gatorischc», '.schabloncirhastcn und äußerliche». . Dieser obligatorische Eharaktcr..... mußte dazu beitragen, das reine Ideal d.s neuen "siaubcnS zu verzerren und die allcrungchcuerlichstcn Seelen nnd Ketzereien sowie Fälschnngcn der llcbcvlicf-*vnugcn und schriftlichen Doenincnie u. s. w. hervorzubringe». Die Freiheit des Gewissens trat :» den Hinlcrgrnnd, an die Stelle des ticsgefühltcn Glanbciisidcalö und dcS freien Fluges, der die Annäherung an dasselbe ersehnenden Seele traten symbolische Ecrcnionicn, Mysterien, die eine so bedeutende -trolle im Polytheismus gespielt hatten, nnd dem Achnliches Schließlich lai» cs dahin, .daß statt des unerrcichlich hohe» Ideals, welches dazu . bestinrnit war, das Akotiv aller nnsercr Handlungen und sittlichen Bestrebungen zu werde», alle diese kirchlichen <''ebiatid)e und Eere niouic» in den Pordergrnnd traten. . An Stelle der deniülhigc», der göttlichen (ssiiadc und liebevolle» Vehrc erschienen die nnsehlbaien selbstherrlichen Päpste und hochmüthigcn Patriarchen, welche ihre Zeit niit Streitigkeiten darüber zubrachkcn, wem von ihnen der Porrang gebühre. Znwcilcn habe ich mir beim Anblick unserer Prälaten gedacht,! wie ich mich wohl vor mir selber und vor Ehristnö schämen müßte, j wenn. man mich zum Bischof machen sollte: cS wäre mir unmöglich, ' zu vergessen, daß cS gerade die -Hohenpriester dcS SynedrionS waren, > die über Vcben'nnd Tod desjenigen gerichtet, der seinen AuSerwählten das Reich Gottes versprochen hat. Und jene Schristgclehucn, wider die er sich so scharf ausgesprochen, waren das etwa -nicht Dogmatiker'?" Als Eurator des Odessacr VehrbczirkeS halte Pirogow sslelegeiiheil, die Talmnd-Dhora-Schnlc in Odessa zu besuchen, nnd er legte die s^eftthle, mit denen er sic verließ, in Rr. V«! des „Sdefsacr Boten" vom Jahre l85>8 nieder. ES erfüllte ihn mit Bewniidcrnng, daß sich in der genannten Schule — in welcher noch vor einem Jahre die armen jüdischen Waise» ungewaschen, ungekämmt nnd in Vnmpe» gekleidet erschiene» nnd vom Morgen bis znm Abend unter der Znchtruthc ihrer Vchrer gedrillt" worden waren, mit einförmig singender Stimme in cinern verdorbenen deutschen Jargon die Thora zu übersetzen — dank einiger aufgeklärten Wohlthäter ein glänzender Umschwung sowohl in formeller als auch i» fachlicher Beziehung vollzogen, daß sie sich im Vaufc von neun Monaten ans einem „Ehcdcr" in eine regelrechte Schule verwandelt hatte. Dies: Thatsache cinpfichlt er Jenen zur eindringlichen Würdigung, welche darüber entrüstet thun nnd cS alS eine der llnkgestaltiing io reich nnd mit solchem E->o!ge kn>.cki;n'etzen, wen» nicht die geiamniie jüdische «Gemeinde ans fvabebasr berzl:ci;. W.iie ihre Tyeilnahme an diesem Werte der Men'chenliebe bcjhärigt Hi::,- '.'.ü'a» kan» nicht -gering die erleuchtete Barmherzigkeit rr:: E:- -. r .-.s:g-en, mit welchen» die l^euicinde sich dickes Werkes a:->,-e::o,:u:i-:: Släunenswtlrdigc Fortschritte der Schüler, eine gänzlich. P.nag' ihrer VebenSw-i'e, sogar ihres t^esichtsansdcuct.-s, in n -.ä:.:,- -. o , ■- sundheit »nd Frendigleit ans'plichl — Alles das -,» - »ciin Moiiatcn: Der überraschend schnellen Wiede-.g.-bun L . >, Schule stellt er Pas Faclnm gegenüber, daß d:e iclin o: - - -:.u , schulen Im Vaiit-e dieser mini Monate t.inen Schritt vorwr.: " haben. Und er erblickt den Gr»»d l'ithir devri», daß c.e;•:» Philanihroven ihre MilLlhaligleu zerir-tck'iern. ,-ichl in i . .Eräiien -ihre Aniniertiamleii der ' Jugend, rve >he c< 'Znlun': Ir Staat-s in sich birgt, znwenden. „Ans ».»nt!:ch- 'Tradir-sn g.-'u-.:," tährl er fori, „behauptet Maiiitonides, daß das Wort .Se-b»' rr Testament »lit dein Worte .Schüler . gleicht-.s.tuend >e-, nnd ,'e ist c r R-.»»e der jüdischen Etenientäl'chule .Talmud Thora' .Sindimn d. <>üt'etzes bed.itle In de.tt Bewnßl'.'in d.- altlestam-ntitch.-n M'-en>-i--.n fließen al'o die Beg'.i'ie .Schritt und <^e>etz, v/.d Schüler, .-Unterricht nnd Erziehungin eins zniainnici,, und ,>e-.-nl:i.n bildet in meinen Augen d.»' erhabenst-'» Z-a-.z im Ebaratl-er t Inden . ... -'.sicii all ihrer Aul'ängii-.chk il an-'- All>ä mit aä starren Eonservatisinns. lönnen die Inden als . Muster di.»-.».. >vlanan lleberzengtingen habet! soll- Bcil ihc-r nnnl'erwindlich.n Har:- n-äckigtej.l .-ist cs ihnen, Ivo es sich m» U.-beir iig-ang.» handelt, ge-' lniigtn^- die »ng-chenren Abstande aniuilt.-l-en, ivelche bei »ns -den i^gdanlen von! Wort, das Wort von der Tbai ircun>n ... Wenn cs mir nun gelänge, vermittelst tiefer le.ch' chingeiro-.'-'neu >->'eda»!.n, wen» auch nur einen christlichen Wrlckihäier oder nne We>I-l'f>a-,e-.in ■;» yberzeng.ii, daß Alles, was die ii>d:-'.che <'-'etneu.de -'ür die lnestge Talmud Thora gelhan, k--r ViachabnilOtg >v r:b in .' :»-u> Zir-Z-ck wäre r-ollständig erreicht ir-orden." Hub i-lnießt i-ircn B.n:ch: n: i dein At'pell: „Sveis-.'I, ^beneidet die arme» Eleme»:ar'ch:i!e>-, '-t-e:el eure Fraue» zur Beaitssichtrgm.g der. Perkhcilnng nnd 'T.nali'äi dn Svei'en, sorget fi:v die Walil »nd -de» UnlerKarl de-^ V-lne>s. und auch-ihr wertet euer» t^o.denblnin >i,iden. aucheure El-nr-niarnl!-.--- wird sich »e» gestalten wie die itidückie-Talmud Tliora " . Dr B e r » Ia r d <Dcr völlig vou Uligru» iilirr den coiriciiiourlU'i! Fu<'<-<'»-> Anläßlich seines Bcinches ,» laut e :> t»»r r .< 'pr.l.h i:'.: >r:> 1,e .Eöiiig, Malier F r a n; Josef >., de» 'Tnrtrcl.r:- . .z: .-ck,:ni, orientalische» M.udie gegennl erden Wnin'ch .ins, „i»'- t -. c' Eon scs sitz», ohne Iliilerjchied der R .c-ti. i.p.. > l a i. «ich Eins suhle und' zu sa ni >» e » i cb in e! :-e in der' Tr.cnr z n in T h r o ii e, in der V i c b e z u ui g o '»> c io in e n Bc u! ier lande, in de r A ch I n n g d e r e i > c u n d > » d e r E r - sullung der v a t r i o l i' ch e ii P N i >!> I Z irn Cluv rabbiilrr der israelitischen Eullnsgein-.inde. V.'io'Is t^iasner, sagte der >tö»ig: „Mit Dank .eiiipsange >lch Ihre HalSigung nnd Bersich^nng Ihrer Treue. Es dient Mir zur Befriedigung, daß Ihre. G l a n b c » s g e n v s s e ii .auch in d e n Sieben bürg er T heile» Ungarns u n gestört die durch das G r j e tz nnd d n r ch Be e i » e» S ch n v g c j r ch e r l e n ->c c ch l e genießen, und Ich zweifle nicht, daß Sie sich auch.scrnerhnr durch Bezeigniig gcineinnntzigcr Thätiqkenl -sowie selbstloser valr-iolischer Gesühle der Achtung Ihrer Mitbürger lind Meiner rvohlwollenden königliche'» Gnade, ans w/lche alle Meine U n l e r l h a » e n o h n e G l a u b c» s u u t c r 5 ch ied v e ch n e n-' t'ö n »e n, würdig zrige» werden." Auch in der Erwiderung auf die Worte, des