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Freies Blatt · 1895-09-22 · 181 (22.9.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
181 (22.9.1895)
Date
1895-09-22
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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ZTt. 181. Freie» Blatt. Seite!'. sachliche Wahrheit sucht. UebcranS lehrreich ist schon der Katalog bc« | Rem brandl'schcn Lcbcnöwcrkcs. Wem muß cs nicht ausfallcn, daß da nicht weniger als 41 Bilder ans dein alle» Testament Vorkommen? Und cS sind ihrer noch weit mehr, allein viele gehen falsch gedeutet unter unrichtigem Rainen, wie die bcrühnite „Tariere" in der Eremitage, welche früher richtig „Sara" geheißen hatund diese biblische Tarne darstcllt, btc' ihren geliebten Tobias erwartet, über man zähle einmal die vielen berühmten „Rabbiner" Rembrandt's, in deren Gruppe aber noch viele andere bärtige Gestalten gehören, die nur als Gelehrte, Philosophen »nd Eremiten bezeichnet sind. Ter „Rabbiner" des Herzogs von Tevonshire in EhaiSworth kan» sich am wenigste» verleugnen, denn er sitzt im Tempel und hinter ihm ragt eine/ Säule, um die sich eine Schlange windet, natürlich wieder von rechts nach links. Man vergesse nicht, daß Rcmbrandt selbst zur Zeit seiner Blütbc in der Amsterdamer Jndcnstadt wohnte; in der Juden-Brccstraat stand sein HauS, und der portugiesische Jude Salvador Rodrigne war sein Rachbar. 2\ü/f fand er alle die „krnminnasigcn" Modelle für seine vielen alte» Leute, unter denen die Geldwechsler anffallcnd häufig sind. Tic „Gcldwägcr" sind eine seiner Spceialitäkc»; sclbsi den hol ländischem Schotznieistcr llytcnbogacrd contcrfeitc er als Gcldwägcr zwischen Gcldsäckc» ab, ja in TrcSdcn gibt cS sogar eine „Gcldwägcrin", und unter den radirten Landschastcn ist eine der schönsten das „Landgut dcS GcldwägcrS". Es hat gewiß seine» Grund, daß schon zwei seiner ersten Bilder (1027) ein „Geldwechsler" und „Samson und Tc'lila" sind. Rach de» alten Juden seiner Rachbarschaft malte er auch viele christliche Heilige; so ist der herrliche' „Apostel PanlnS" in Wien einer der schönsten sogenannte» „Rabbiner" von ehemals. Tiefe Rabbinerbildcr nehmen ausfallender weise zu, als der Künstler durch den Tod seiner geliebte» Gattin tief gebeugt ist Offenbar sucht er i» solchen Zeiten der Prüfung geistlichen Trost und bezahlt ihn durch Porträts. AuS jener Zeit 1104;')) stammt der berühmte Rabbi der Berliner Galerie, der auch von sciiicn Schülern oft gemalt wurde. Auch eines seiner besten Sypagogenbilder (1048) ist in solcher GeinnthSstunmung gemalt. Tamit steht cS wohl auch im Zusammenhänge, daß er mit dem vorrückcndcn Alter sozusagen immer „jüdischer" wird, als zöge ihn etwas wie Reue änS der Ehristlichtest zum verlassenen Ursprung zurück. Merkwürdig genug, daß ein Künstler von so glänzendem Rainen, der zu den Berühmtheiten seines Wohnortes gehörte, keinerlei Bcrkchr mit den christlichen Geistesgrößen des damaligen Amsterdam pflegte. Tagcgcn waren zwei Inden seine besten Freunde, die er anch wiederholt gemalt und radirt hat. Ter eine war der Rabbi Menaffc den Israel, dessen weißer Barl und schwarzes'Barett in der Petersburger Eremitage sich weithin anmcldcn. Er stand fast in gleichem Alter mit Rcmbrandt, und sie waren als Rachbarn viel beieinander. Es ist gewiß eine höchst aufsallcndc Thalsachc, daß das einzige Buch, welches Rcmbrandt jemals illnstrirt hat, Rabbi Mcnasic'S ,.I.a I'icdia «lonoKi" war;. er illustrirte es, obgleich er den ihcosophischcn Inhalt gar nicht verstand, so daß er in der Thal nur verworrene, ja unverständliche Bilder zustande brachte. Ter andere jüdische Freund war der portugiesische Arzt Ephraim Bonns (ursprünglich Bncno), der anch sein Hausarzt gewesen zu sein scheint. Und in dieses Eapitcl schlagen endlich seine zahlreichen Bilder, die seit jeher unter dem'Rainen „Tie Jndenbranl" gehen. Sic sind säinintlich bewunderungswürdige Meisterwerke, wie lischt minder die Radirnngen der sogenannte» großen nutz kleinen Jndenbrant. Roch in seinem spätesten Alter fühlte er dgS Bcdürfiiiß, eine Judenbrant, die soundsovielte, zu malen. TaS Wichtigste au den ersten dieser Bilder ist freilich, daß sic Rembrandt's eigene Braut Saskia darstcllcn. Tic weltberühmte „Judenbrant" der Galerie Liechtenstein, im rothcn, goldgestickte» Mantel, ist 1002 gemalt und das bcstcrhaltenc Saskia-Bild dieser Zeit. Kann cS ei» Zufall sein, daß der Künstler, als er seine leidenschaftlich geliebte Braut zum crstcnnialc und im größten Staat malte, sic als Judenbrant, d h. als Braut des „Juden" Rcmbrandt, hinstclltc? Zwei Jahre später'entstand die Petersburger-„Judenbrant", wiederum änss Reichste geschmückt »nd mit Blumen bekränzt; imnier SaSkia als Judenbrant! „Wahrlich," ruft Richter Myrary aus, „diese Bilder sind ei» offenes GlaubenSbckenntniß!" Taß Saskia v. Ilylcnburgh eine Jüdin gewesen, scheint dem Bcr fasser ausgemacht. (Er vergißt dabei hcrvörzuhcben, daß eine ihrer Schwestern Hiskia hieß, wie einer der allen Könige von Juda.') Bei der damaligen Verwirrung der amtlichen Register war jede Unklarheit und Ungcnanigkcit möglich. Tie Biographen verzeichnen ganz genau, daß Rcmbrandt und SaSkia am 22. Juni 1004 erst auf dem Rathhause vereinigt und dann in ihrer Pfarrkirche durch dei'i Pfarrer. Rudolf HermanSz Luinger getraut wurden. Es ist schriftlich und amtlich aufbcwahrt. „Schade nur, daß cö nicht wahr ist!" ruft Richter Morary ans. Ter beste Beweis dagegen ist jene reizende Silbcrstit'izcichnung in Berlin, welche die jangc Frau Saskia darstcllt »nd folgende Unterschrift von des Künstlers Hand lj.it; «Ties ist nach meiner jungen Fran gemacht, dasie 21 Jahre alt war, den dritten Tag als wir getrau» waren. Te» * Jnnins JO.'ii! " Kein Mensch hat noch de» Schalle» eines Verdachtes hinsichtlich dieses Bildcö und dieser Schritt zu äußern gewagt. Wie reimt sich das nun mit jene», angeblichen 22. Juni 1' 01 / Ein liebender Gatte, der drei Tage nach seiner Trauung Jahr und Tag derselben nicht'mehr an-, zugcbcn, ja nicht einmal mehr ausznrechne» weiß, müßte doch blödsinnig sein. In der That stecken säininilickp R.embrandt Biographen - rcliungsloS in dieser Klemme fest; keiner weis; das-Räthsel zu erkläre». »lichter Morary kan» dies auch nicht, aber er glaubt der» Gatte» rnchr als dem Kirchcnbnche, wy seiner Ansicht nach -eine Schcincintragnng stairacfundcn habe» kan». Rach Saskias Tode lebte Rcmbrandt bekanntlich mit seiner treuen Wirlh'ch.cklerin Hsndrickw SiofselS, einer Person von seltener Treue, welche die Bar'elrnng seines späteren Lebens wurde. Tiefe wilde Ehe wurde als Seandal betrachtet und im Jahrcr 1 *’>.”>-4 war Hendrickje soga;;e> das Eon sistoriuin geladen, das ihr diescrhalb einen strenger» V.r g-.rb und ihr das rleccht zur Eoinmunion nahm. Warum, fragt steichlcr Morary, diese strenge» Maß»/ Solche Verhältnisse waren ja nicht selten in Amsterdam. Ciumlv.-. weil Hcndrickje mit einem Inden lebte. .Und dies fei jedenr.r.is .rn-.l, die , natürliche Erklärung, warum er denn Hendrickje. die er \ buch schätzte, die auch fo brav, treu, wilib'chanlich und ihm nnenw,j-u.ch war, trotz alledem nicht heiratete. Ais Jude!onn:e er dieü'-ht „Ich fordere alle Rcnibvandt<-Kcnuer an», mir einen ander.;-., vii>. irgendwie möglichen Grund zu sagen!" ruft Beorar» ans. Richter Morary nntcrsnchl nun ant's (sienaucste de» Tijvns ckkem brandt'S und seiner von ilmi-so oft gemalten Eltern. Tie Seil'!! porträtS .Reukbrandt'S zeigen außerordentliche Abweichungen Beau darf wohl sagen, . daß keines ihn gibt, wie er war Tie nnlnsten (um 4029) darf man wohl geradezu „Ve.rchristl:chnngSvcrstiche" nennen Er versuchte cs ans j de Weise, de» orienlali'chen Tnpns'los zu werden. 1028 zieht er cS vor, breit und viereckig anszuiehen > Eastel >: 1029 sucht er daS Gegcnihcil »nd zieht lein Gericht unglaublich in die Länge - (Haag); 103t* versucht er cs . mit Häßlichkeit, er zeichnet sich mit ossei.cm Munde ». dgl. Tie Ra'e gibt iln» be sondcrc 'Mühe. Vater und Skuller hatten gebogene Rasen, was in den Profilbildnissc» dcnllich genug wird: sich selbst nialie der Sohn mit Vorliebe Slulpnasen, Stumpsnasen,' ja Zwiebeina'.'». Wer kennt sie nicht? Er macht eigene Vorstudien dazu, z. B. in Radirnngen wie „Rcmbrandt mit bcr stächen Mütze" n »'. s Meist ist er an» fallend schlecht rasirt, da damals noch viele A»istcrd>tiner Inden statt des SchecrincsterS daS sogenannte „Anrnm" berichten, »ni sich den Bart wcgznätz». I» zahlreichen Radir-ungcn und älteren Selbrldern ist dies leicht zu erkennen. Eharaktcristiich ist es, daß er die Arme o>: zu kurz inacht, Z; B. auch beim Evhraim Bonus, und dns'rrird ve.; LRancheni dem „jüdischen TnpuS" .zngeschricbe»; et llberlrng 'aber da Eigenheit selbst auf PorträtS von Ehristen. z. B. anr den a'.t a Haarung, de» „großen Eoppenol", den Jan Lulina und Ave re Ebenso muß man sich wundern, -daß ein Meister wie Remi.. der. Alles wie kein Zn/eitcr machen konnte, erst gegen -End. 'eines Lebens dahin gelangte, ein leidliches Pferd zusaniinenzirbrinr. '.'koch im Porträt Tnrcnne's ist cS clen-d. Er war also t in 1-' .e.-Ienner, jedenfalls kein Reiter, wie alle seine Slainmdsgcns's.-n Anch dein Schweine stand er fremd gegenüber. Er, .der Alles, w..s et iah. in dämonischem Trange malen und zeichnen Innßle, ha: nur drei oder vier Blätter mit Tarstcllnngen von Schweinen hinter lasten. Tickes Thier lag, wie daS Pferd, nicht in seiner Tradition. Erst im Jahre 1049 kommt ein radirtes Blatt mit einem Schweine vor. Augen schcinlich halte er in seiner Judenstadt keine Gelegenheit, das Tbier zu slndircn. TieS muß sich auch ans seinem Tische bemerklich gemacht haben. Ter alte Honbraken schreibt über ihn: „Er lebte »ehr einfach, und wenn er an der Arbeit war, begnügte er sich mit einem Stück Käse oder einem Häring und Brot." Also nicht etwa niir Schenken, Speck oder Wurst, obgleich doch die Schweineinetzgerei in Holland, wie die Bildet! von Bronwer, Teniers :e zeigen, in tl^ril>us, »taub Kein Wunder, daß im Louvre ein geöffnetes Rind von Reinbraudt hängt, aber kein geöffnetes Schwein, wie ' cs seine LandSleruc mit Vorliebe gemalt haben. Ans dem berühmten TrcSdener Bilde, wo Rcmbrandt, seine festlich gekleidete SaSkia ans dem Schoße, mit ihr trinkt und lacht, ist daö Hanplstück deS wohlgedeckte» Tischesnicht etwa kin schön dressirter Schivcinskopf, sondern cirr Pfau in volle:» Gefieder. Aber, wie tue datnaligen Satiriker rügten, in diesen liest-

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