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Freies Blatt · 1895-09-22 · 181 (22.9.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
181 (22.9.1895)
Date
1895-09-22
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Freies Blatt. iiivtigni Pfauen l'tocftcn gar oft nur gemeine gebratene Gänse, und diese waren ja gerade auf einer jüdischen Tafel zu Hause. Warum sollte auch Rembrandt keine GanS in einen Pfau verkleiden? Perkleideie er doch sich, seine Familienmitglieder, Freunde und Modelle soriwährend in ganz abentcncrlicher Weise zu intimen Zwecken morgenlaudisch, zu dtsentlichen abendländisch. . Lein ganzes HauS war eine atodelbudc voll solche» Krams. Auch dies hat seine guten Gründe. Rembrandt lebte in der Zeit der ucueii Toleranz: AriuiniuS in Leyden batte erst vor Kurzem, seit lt>14 etwa, die Hexenproecsse und Juden- Verfolgungen abgeichaitt. Tie Juden waren »uli auch i» ihrer Tracht nicht mehr beschränkt und gaben sich dieser neuesten Freiheit mit Wonne bin. Tie gingen einher wie niederländische Gdcllcnte; Rcmbraudt matte sich' sogar mit einer gewisie» Porlicbe geharnischt und bis an die Zähne bemannet, bald als Ritter, bald als Falkonicr, Fahnenträger, za als ungarischen Magnaten und leibhaftigen „3o» biesli". Audi seinen Pater, der aus dem Bilde van Iti.SO mit dem im Brasil gesehenen Siahlkopf so recht „alttcstamentlich" auSsicht, malte er dann gelegentlich als Ritter mit glänzendem HalSberg. Seine Zeitgenossen wurde», daran nicht irre und auch die alten Kataloge nicht. Oft ecnicht sebr bezeichnend, daß ein Barträt dieses bravcü Alien 1 ■*.’>*1 lauge Zeit alo der „jüdische Bbilosaph Philo" durch d:: Beireichuisse ging? lind Roulaud Saveiy stach sein Porträt in Olieutal'.'ireuder Fassung unter dem Titel „Mabomcd". Om Alter von lauiu 20 Jahren, nach Art der orientalischen Trüvbeilaten, batte dreier l ochü ebrcuwcrthe Mann bereits eine ebenso wackere ,'vu:: aeuoi!".uen. Rembrandl bat seine Mutter immerfort >z.-.::alt. u'.-ist mit der Bibel vor sich, oft orientalisch gekleidet, sogar . m;t d'".n Turban uui de» Kops, aber auch geradezu jüdisch, z. B. a.c 'cuber koaeuannte „Brorheiiu Anna" -Oldenburg', deren Haare, liech d. B-'di'.eibuug eines bernteuen Schildcrcrs, „wie bei einer?>nd e ' unter einer N^.ßeu .Haube verborgen Und". Tic Unter* fuilinuo,.'» '>c:chlex Pcorarn s über Rembraudt's Pater ergeben, um ''ein, eine bochü merkwürdige -Tliati'ache Bisher galt er als Mi:...:, und »tau kennt auch alles dazu '-Gehörige genau. Allein i^erard Tmco's- Bilde ..Ter Zabnreißer" im Louvre steckt ein neues V.w't aui «s'erard Tmvwar ein Schüler Rembrandt's und hat den Bat., 'eines Lebreicalo Zabnreißer dargettellt. Tic Pvrträtmäßigkeit tü u«>> .'ireit! är und auerkauut. Wäs läge da näher als zu mnthuiaüeu, daß der alte,Rembrandl einer der jüdischen Aerzte in Amsterdam z.we'eu 'et? «Sine Bemerkung in Arent ran Buchet'» piet»ri-»-" vielleicht dieses Vicht verstärken. Bau Büchel äußert sich unter And:-, m' rtler de» ausstrebeuden Rcmbraudt: ->I--I!t<uis e-tiuni! ■ f - muntitis tiriauch der Sohn eines Lendciier Müllers trttd an'lbnlicht. Molitor >— der Mahlende) bedeutet nun freilich 'ür gewöhnlich Müller. Allein in dem willkürlichen Latein jener Zeit ivar es ganz gut auch 'ür i,:-.!.-»ris Mablzabn, Backenzahn > zu verwende!' an d er pbilolee i'izeudcu Humoristik rau damals konnte der Tatdann b.deuten: „Ter Sobu eines Meisters Backenzahn aus Lei den", d b. eines Zabnarzres. -.Richter Morary kennt leider den i d itivbeu F.iuiilieunanieii „v. Maltzan" nicht, der ihm ein unichätzba.es Äue.legcn geben kennte. Ist diese Boraustetzttng richtig, dann ''tch auch io Manches in Reiubrandt's Werk. Cfene Zweifel i vt er Pater als chirurgischer Övljilfe gedient, wohl auch! s ldün.in: a eretict baten. Jedensalls befchäsiigte er sich viel mit | Anatom::: dt: k rübuiteu „Anatomien", Sceirsaalseeiren, die er malte, j st cd elassiiche -Zeuguine dafür. Kanu es Wunder »chmen, daß T: Tulo '.in Auatviuiebild bei keinem Anderen als bei ihm bc ü .tt? Td.: daß Rcmbrandt die arcundschait jüdischer Aerzte und ■ tabbalf'tt'ch ourir euder Rabbis suchte? Turchmüstcit man seine! Studteu'elätter, '0 erstaunt man über die Menge elender Krüppel, die « :-. in:: Sn'l lind Lladel dargestellt bat. Wo in aller Welt »ahm er ' :Tatnntlitng von BreNba'ten jeder Art her? Seine Patienten f. '!•: :;:v:vn »ein llnt:r seinen weibliche» Aeistudien gibt cS d: tt.tt unter die'er Porausscyniig denkbar sind, da einerseits . . l Mod -,le schwer zu haben waren und andererseits so abnorm j ß :. Mo. tue'von einem Künstler schwerlich gewählt worden wäre». wassersüchtige, einarmige, bucklige, gichtlwüchtige Leut« tttttttela nch tu buntem Gewirr auch auf dem berühmten „Hundcrt- - ii io tt11.1 ti", cas den „krankenhcilcndcii GhristuS" darstellt; cS sind t 'ua,'»'chetnl..ch laut,-, aruie jüdische Patienten aus der Amsterdamer - Jnd.nstadi. sie den ärztlich.u Ratb durch Modellstchen vergalten. « Tacwate so großen Zügen der Gedankcngang Richter Morary'S. che: 'ttti.-ru ckcichte-.'iuble kann, wie »tan zngeben wird, der bisherige - •ii:;t:l tiit.M ganz unb gar nicht bestehen, Gr begnügt sich aber nicht mit C . iioniHnation wohlkritisirtcr THatsachen, sondern saßt die Frage : und) tont Standpunkte des „elhnograplnichen Kunstpsycholageil" ins! Auge. G. widmet z. B. . ein eigenes CSapitet dem Helldunkel des ' Nr. 181 Meisters und weist dessen „national-jüdischen" Ursprung ausführlich nach. „Dieses Helldunkel," sagt er, „ist nichts Anderes als der höchste ästhetische Ausdruck, die Jdcalisiruug jenes Dunkels, in dem die Borfahre» dcS unvergleichlichen Meisters fünfzig Generationen hindurch mauipulirt oder, um eine bekannte Redensart zu gebrauchen: jenes Trüben, in dem sie gefischt haben." Rembraudt hat dieses „Trübe" geläutert, veredelt, verklärt, aber »och immer fischt er -arm wie alle seine Altvardereu, und was er herauSholt, ist eitel Gold und Edclgcstcin. Dies kann ebenso gut wörtlich gelten. Rcmbrandt war der größte Schmnckmaler aller Zeiten, er hatte die altcrcrbke Passion des Geschmeides. Gr kaufte cs überallher zusammen und überhäufte damit seine kleine, üppige, in Sammt und Broeak erstickende Saskia, wie alle Orientalen cö thun. Gin genialer Trödlergeist hat sich hier in höchste Kunst umgesctzk. Und »uu sehe »lau dazu den merkwürdigen Gegensatz, der allerdings im Judcuvierkel zu begreifen sein wird: das Inventar seines Nachlasses führt ganz ausfallend wenig Leib- und Tischwäsche auf. Bei den echten christlichen Holländern war gerade dies bekanntlich die Hauptsache, ja der Stolz ihrer Franc»; im Hause Rembrandt's trug man reiche Sberklcidcr und ärmliches Unterzeug. «Ter Herr .Friedensrichter übersieht dabei, daß Rcmbrandt zu SaSkiaS Lebzeiten sehr wohlhabend, bei seinem Tode aber ein vollkommener Habenichts war, dessen Sber- und Unterkleider sich in gleich jämmerlichem Zustande befanden.) Ten Werth dcS Geldes habe Rcmbraudt wohl gekannt, und es sei gewiß tief begründet, daß er die Scene malte, wo der reuige JudaS dem Hohenpriester das Geld znrückbringt: diese Secnc müsse ihm als die besondere Tragik in Judas Jscharioth's Leben erschienen sein. An den oft erwähnten Gei; Rembrandt's glaubt er nicht, allein ebensowenig au dessen PcrschwcndungSsncht. Gr war einfach ei» unsolider Geschäftsmann, der schließlich Bankerott machen mußte. Daß er den Borstaud der Bankcrottkammcr, de» alten Haaruug, nnd auch »och den jungen Haaruug und de» Sccrctär der Kammer obendrein porträtirtc, um sic sich günstig zu stimmen, oder daß er dem widcistrebendc» Sccrctär dcS Prinzen von Uranien wegen der prinzlichc» BcstcUungcu durchaus ein 10 Fuß hohes und 8 Fuß breites Bild verehren wollte, liegt ganz in der Ratur solcher Leute. ' Das sind, wenn man will, verschämte BcstcchnngSvcrsiichc. ,Dic Juden," sagt Richtet Morary, „sind vorzügliäpc GcschästSlcnkc; wen» aber einmal einer ein schlechter Geschäftsmann ist, dann ist er es auch so sehr, daß ihn darin kein Ghrist und kein Türke erreicht." Und einer dieser unglaublich schlechten Geschäftsleute sei Rembrandt gewesen. „Ungeschickt bis zum Schein der Unehrlichkcit." Literatur. Aiitiseniitennatli in Wir». Bexirbilder aus dem Amiseuütcnlager. Bo» einem chriulichen Wiener. Wien. B»i Selbstverläge des Bersaffers. Truck von 'S „Insel, Wien, X., Himbergerstraße 2. Wiener >iale»üer für Siasl und Land für sa» ^»ahr 18%. Herausgegebeu von 31. <8. v. Su11iier. Wien. Soeben erschienen. „t'ionnitr." Zeil'ckirift für volkswirlhichainichcii und sillliäikii Fortschritt, für Schulwesen, Hygiene und Medüiualresorm. Berlin, XI. Jahrgang. Tie eben crichieneiie kliuiiimer 17 vom 7. Seplember hat folgende» aubalt: Sonnenstich und Hip'chlag. Bon Th. S eelin ann, Halle w. S. — Zinn V. inleinalionalcil Congieß zur Bekäuipsuiig des Mißbrauchs geistiger i8cträuke. Ban E. Brausewetter. — Einfuhr von 3iahriingsinittelii au-s den Tiope». Bon Tr. A. v. Eye. — Warum Tr. W. Gebhardt sammt seiner Ausstellung für Sport, Spiel und Tnrncii ans dem allen Reichsiagsgebändc (jmittirt wurde? — Beriammluug des Eomii.'-s der Ausstellung für Sport, Spiel und Turnen. — Aussiellniigsgegenstgnde. — Kleinere Millheilungeu. — Bücherli'ch. „Indische Universal Bibliothek. Brag, Druck und Verlag von Jacob B. Bravdcis., Jeder Baud ist für A» Pfennige — 12 kr. einzeln käuflich. Bisher sind folgende Bändchen erschieueu: Ar. 1. Tie schöne Hani'jrerin. Erzählung von Eduard Kulte. -Ar. 2—ll. Geheime Wege.»Erzählung von Leo Her;berg Fränkel- 3kr. 1. Jüdische Enltn r>'lizzen. Bon Tr. Adolf Kohut. ' )lt. ft. Genrebilder aus dem jüdischen Familienleben. Bon Jda Barber. 3ir. «! 7 Ein Blick in die indische Literatur. Bon Gustav karpeleS. Ar. 8. Sippurim. Sammlung jüdischer Bolkssagen, Erzählungen, Mythen, Ehioniken, Tenkwürdigkeilen und Biographie» berühmter Judo» aller -Jahrhunderte, besonders deS MitlelalterS. 1. Bändchen. Briefkasten. D—f. Zu spät eingelangt, kommt nächste Nummer. Besten Dank.

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