Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 181 (22.9.1895)
- Date
- 1895-09-22
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 181. Seil« 4 Freie» geklagte gcichrien und niit dem Rufe: „Hoch Lueger!" die Scheibe migefdilagen. Der Richter erkannte den Angeklagten für schuldig und vernriheillc ihn zu drei Tagen Arrests. Am selben Tage hatte sich ei« Gesinnungsgenosse Markowitzki's, der Gemischtwaarenhäudler Joses Urs chic, vor dem Bezirksgerichte Alsergrund zu vcranlworlcu. Urschic bezog von dem Kaufmann Ignaz Schön gut 'Waarcn, die £r nicht bezahlen wollte. Als ihn Schöngul durch einen Kommis mahlten ließ, nannte er den Schuldner unter Drohungen einen Sauju^eii.. Schöngut klagte wegen Ehrcnbcleidigung, war aber bei der Bei Handlung geneigt, dem Beleidiger zu verzeihen, woferne sich derselbe entschuldige. Ter Richter legtc,cS dem Angeklagten nahe, Abbitte zu leisten. Urschie verweigerte dicS in überlauten Worten und stieß in schreiendem Tone neue- Beleidigungen auS. Vergebens mahnte ihn der Richter wiederholt zur Mäßigung, worauf der Angeklagte replicirte: „DaS weiß ich schon, daß unsereins bei Gericht kein Recht findet!" Ter Richter verhängte hierauf über Urschic ivege» dieser Aeußcrnng eine 24stündigc T rSc) plinarstrafc. Tcr Beruriheilre wurde nun noch frecher nndsrief dem Richter zu: .. T aS ist eine Gemeinheit!" Sofort wurde die DiSciplinarstrafc auf 4"> Stunden erhöht und die Justizwache Herbeigeholt, die den Angeklagten absührte. Der Richter wollte hierauf die Vcr- . Handlung vcltagen, doch erklärte Schöngut, die Anklage fallen zu lasi'en Urschic.wurde dann in seiner Abwesenheit von der Ehrende I c i d i g u u g sreig cs p r o ch en , (killt rrilstr Bcriltlllnuillg.) Am 14. d. M. fand die Beeidigung deisi ncucrwählten Bürgermeisters von Troppau, Dr. RochowanSki, durch den VandeSpräsidenlen Grafen Coudenksiove statt. Der genannte hohe staatliche Functioiiär hielt bei diesem Anlasic an Dr R ochowanSki eine Ansprache, die im Zusammenhalte mit dem notorisch vei hetzenden nnd irrcdcnlillischcu Charakter jener Partei, welcher der neue Biirgermcistcr seine Wahl verdankt, eine ganz besondere Be deniung erhielt. Graf Eoudenhove betonte, »ichtS würde die Entwilklung TropvauS, die Zufriedenheit aller Einwohner und die mgtcricllc — Vage ui:t Wohlfahrt der Bürger mehr fördern und allfcitige freudige Zustimmung bei der ganzen Bevölkerung finden, als wenn cs der Einsicht deS Bürgermeisters, seiner ruhigen und beruhigenden Auffasiung der bestehenden Verhältnisse und seiner ausglcicheuden, vermittelnde» Thäiigkeit gelänge, wenn auch nicht die volle Einmüthigkeit unter den Stadtbewohner-», so docks wenigstens einen solchen Zustand herbei rn rühren. in welchem die Achtung auch vor dem Gegner alS oberster Grundsatz gelten und das ge- .lchästlichc und gesellige Vcbcn von dem Einflüsse nnd der B c l b i i t c r u n g d c S P a rt ei z w i st e S f r c i g c h a l t c n würde. Weiterbetonte der VandeSpräsident, daß Dr. Rochow an Ski in seiner Eigenschaft als Bürgermeister die B e r r r l i ch k u n g übernimmt, durch sein Beispiel nnd 4 eine E i n sl u ß n a h ni e die. loyale, .patriotische nnd d v >i a st i >' ch c Gesinnung der Bevölkerung w a ch; u e r h a l t c n, i u b c I e b c n u n d z u st ä r k e n und auch dafür; u s o r g c n, daß insbesondere unter der Jugend Üiebe und Hinge b u n g >'ü r Kaiser und Vaterland und Anhänglichkeit an Sc st erreich geweckt und belebt werden. Graf Coudcnhove gab der Hosniuilg Ausdruck, daß der Bürgermeister freudig und nnrcldrrilcn in diesem Sinne wirke» und auckh stets bestrebt sein weide, vilichtgemäß und mit allem Nachdrucke Bcstreluiigen enrgcgenzutretcn, welche andere Ziele verfolgen. Bla» bringt diese nicht -mißzudcutende und auch von den Antiscinilcn vollkommen richtig verstandene Ansprache mit verschiedenen anderen von der Regierung wider die deutsch-national-antiscmitische Jrrcdcnta in Schlesien und deren Srgan, die „Deutsche Wehr", lliiiernommcncn Schritten in Zusammenhang. Gegen die antisemitische Kundgebung des Grazer Gemeinderatlics. Mit Rücksicht aus den 'bekannten Beschluß des Grazer Gcineiuderaihes haben sich auch die Prager israelitischen Tuchhändlcr uyd Confeciionäre dem in Wien, Brünn und Reichenberg beichlostenen a. 'i»,iiil'aincn Vorgehen der dortigen Tuchhändler und Confectionäre ingcrciht nnd sich unter Ehrenwort vcrpstichtct, die Verbindung mit t :i’ f'': .r.ci- Fabrikanten insolange abzudrcchen, alS der erwähnte Gemeine.'riü'Sbei'chluß besteht und qchalrdhabt wird. Glcickidril, Freiheit, Brüderlichkeit.) Bei der am 15. Scptember erfolgten ErölsnungSfeier der Universität Budapest hielt der Xccjit der rhiloiophischen Facultät P o n o r - T ewrew k eine höchst b. drni'ame Rede, in der er betönkc, man kenne in der Aula ke. nen Uuterschied der Geburt, der Confession oder der 'Nationalität. Tie Ideen der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit leien nirgends so verkörpert als in der Republik der Wissenschaft. 'Nur Talent und treue Pflichterfüllung stellen den Einen über Statt. den Anderen. Diese Worte wurden von den Studenten mit lautem Beifall bejubelt. Wird zur Nachahmung an der Wiener Ilniversität wärmstcnS empfohlen. (Evangelische Worte.) Der Jahresbericht des Bischofs des evangelischen KircheirsprengclS an der Theiß, Zelcn ka, befaßt sich hauptsächlich mit der Durchführung der kirch »politischen Gesetze und enthält u. A. folgende schwungvolle Stelle: „Wir, die freien Kinder der freien Kirche und untereinander gleich, sehen mit offenen Augen aus die neuen Ereignisse. Wir erwarten mit einer gcwistcn Selbstbefriedigung und höheren Hoffiiung die Folgen derselben. Wir erblicke» in den Geschehnificn den vom Staate im Staate errungenen Triznnph deS erobernden Geistes der ewigen Wahrheit, Freiheit und Vicbe, und dnstatl geängstigt zu sein, crwartsn wir eine lebenSkiäftigere, günstigere Gestaltung der Vcrhältnisie unserer Kirche, iiidcm sich dieser tausendjährige Staat jetzt entschloß, durch diese neuen Gesetze die brüderlichen Bande zu schützen und zu befestige», welche ohne Unterschied der Sprache, der C o n f c s s i o n und d c S S t a in in c S nur eine Vaterlandsliebe kennen." (Ter Fall Hamilicrsttin.) Nun hat auch der famose Ex-Machcr dcr „Krcuzzeitung", der «ückevant-Führer der Tivolileute und wackere Kämpe wider die jüdische Corruption in dcr bewußten Bricfangclegcnhcit gesprochen und in ciiicm aüs SistranS in Tirol gerichteten Schreiben an die — „Neue Freie Presse" die Authcnticität des famosen Slöckcr-BricfeS einfach geleugnet. Hammerstei» will glauben machen, „daß, soweit seine Erinnerung reicht, Stöcker niemals einen dcr Veröffentlichung des .Vorwärts' entsprechenden Brief an ihn gerichtet habe". Charakteristisch für die Verlogenheit dieses typische» AntiscmitcnhäuptlingS ist, daß Stöcker selbst, als der weitaus schwerer durch den Brief Eompromitlirtc, dcstcn Authcnticität zugibt und sich bloß durch jesuitische VcrdrehungSkunststücke rciuzuwaschcn sucht. Währcnddcficn ''kommen immer Neue Schwindeleien Hammtrstein'S an das Tageslicht. Die „Kölnische Zcitiing" erzählt, Hammerstei» habe sich mit Hüuscrspecnlatioiicn beschäftigt und einen Gebändecopiplex in dcr Zimmcrstraßc mit dcr Absicht gekauft, diesen dcr „Krcuzzeitung" alS Geschäftshaus' wieder zu verkaufen; bei dieser Gelegenheit habe er eine Anleihe von lOO.000 Mark bei dem Grafen Wälder sec gemacht. Graf Waldersec sei zuerst dcr Ansicht gewesen, daß er. dieses Geld dcr „Krenzzeilung" geliehen habe und nicht dem Herrn v. Hammcrstcin. AlS ihm später darüber Bedenken kamen, habe sich hcrauSgcstellt„ daß ihm alS Schuldner nicht die „Kreuzzeitung", sondern Hammcrstcin gcgciiübcrstaud, und damit sei dcr Verlust des Geldes besiegelt gewesen. Ter „Volks-Zeitung" zufolge hat der würdige Antiscmilenchcf Wechsel im Betrage, von 200.000 Mark auf den Namen deS Grafen Fin kcn stc i n gefälscht und in Umlauf gesetzt. Nach einem anderen Berichte wieder heißt cS, daß Hammcrstcill auch bei dem Abschlusic von Papierlieferungcn eine U.rkund enfälschung begangen habe. Alles dicS vcranlaßtc denn doch endlich das Comitcder „Krcuzzeitung", die Angelegenheit der Staatsanwaltschaft zu übergeben und an der Spitze des Blattes folgende Erklärung zu veröffentlichen : Xai Comite hat am 4. Juli den Freiherr» v. Ha in merstei n von seiner SlcUung als Lhcfredacleur dcr „ttreuzzeitiing" inSpendirt. Seildem habe» sich Thalsacheii herausgesielll. die uns geiiölhigl haben, alle Be ziehuiigeil zu», FreiherrN v?Hamiiiersieiii definitiv z» löse» „nd.d'ie Angelegeiiheit der königliche» Staatsanwaltschaft zu übergebe» Berlin, 1-'!. September 1S!»5. Wie die „Frankfurter Zeitung" meldet, werde sich dcr Staats anwalt mit Hammerstein nicht nur lvcgcn dieser, sonder» auch noch wegen einiger anderer Vergehe», auch wegen solcher zu beschäftigen haben, durch die er die Folgen seines Verhältnisses zu einer Geliebte» zu vernichten versuchte. Die Immunität schützt den wackeren Anticorrnptionisten von gräflichem Geblüte nicht mehr, da er bereits, wie die „Kreuzzeitung" meldet, seine Mandate für den Reichstag und das preußische Abgeordnetenhaus unterm 11. September nicdcrgelcgt hat. iMönchsweishcit im sechzehnten Jahrhundert.) Ich habe einmal, erzählt Conrad Hcrcsbach in seiner Schrift: „I>e lauriibus graecamm literannu". einen Mönch in dcr Kirche gegen die Sprachen eisern gehört. „Ta ist," sagt? er, „eine neue Sprache erfunden worden, sie heißt die griechische. Hütet euch vor derselben! Sie ist'S, 4>ie all die Ketzerei gebiert. In dieser Sprache gibt cS ein Buch, daS Hin und wieder angetroffen wird, es heißt: ,Das neue Testament'. Jetzt entsteht wieder eine andere Sprache, die .hebräische', wer dieselbe lernt, wird ein Jude!" Ist cS nicht, als ob unsere Antisemiten sich dies wackere Mönchlein auS dem sechzehnten Jahrhundert zum Muster