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Freies Blatt · 1895-09-22 · 181 (22.9.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
181 (22.9.1895)
Date
1895-09-22
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 181. Frei», dieses Versehen Hiemil richligznstclleii und die an Sie ergangene Einladung ausS Enlschiedenste z» widerrufen. Da Sie durch Ihren letzten röencralversaimn lungdbeschliiß, mit welchem Sie gegen einen „rein deutschen Verein" Stellung genoinme». überhaupt da» Recht verwirkt habe», »och unter die denvchcn Vereine gezählt z» werden, bitte» wir Sie, unS i» Zukunft mit Einladungen und Briesen;u verschonen, da wir dieselben nicht annehmen würden. Wir bitte» Euer Woblgebore», dies zur ttnmtiiig zu nchine», und bemerken, dag wir uns die Verösseutlichung dieses Schreibens Vorbehalte». Für de» Tenlschvolklichen Turnverein der Sprechwart: Carl ltzrnnert. Um den Ton diese« Schreibens in seiner ganzen Bedeutung zu würdigen, sei hiemit constatirt, daS Earl Grünert, ein lUjährigcr junger Akann, als Bolonlür in der hiesigen städtischen Sparkasse angcstcllt ist, dessen Directoriunr der also angerenipellc- Tr. v. Schönfcld als Bürgerineistcr angchört. Dieses Schreiben hatte znnächst die Wirkung, daß Tr. v. Schönfcld zur Vermeidung einer Eollisioir zwischen seiner Stellung als Blirgerineister und als Sprcchwart des Tcntschcn Tnrnvcrcines diese letztgenannte Stelle nicdcrlcgle. Sodann wurde aber der deutsch.volkliche" Jüngling Earl G r ü »e r t von der Sparkasse, dcsten Tizector er so ilnpcrtincnt beschimpft halte, sofort entlassen. Darüber schlägt nun die-Wiener antiseinilischc Presse, als über eine» Act unerhörter Bcrgcwaltigung, Zeter und Mordio, sic feiert Earlchcn Grünert als „Mann" und nationalen Helden und prophezeit Saa; einen „Kampf bis aufs Messer, wie Um Juda noch nicht gesehen hat". Bange machen gilt aber nicht. Tic Saazer sollcn nur energisch die antisemitische Bcrhctzung im Keime anSlrc'tcn, ohne falschen 1'iberaliSmuS, dann werden sie von dein Unglück verschont bleiben, daS Wien nun in Folge seiner mangelnden Energie und Entschiedenheit betrosscn hat und au den Rand des RuinS führt. Sero medicimi poratiir. pobebonos.soiv>’s 2\edx'nfd?aft5bericbt. lOriginal Minhcilnng deS „Freien Blattes") Petersburg. Mitte September. Alljährlich überreicht Gcheimrath Constantin Petrowitsch Pobe- - donoszew, der allmächtige Obcrprocuror deS Heiligen Synod, dein Ezar einen Rechenschaftsbericht, in welchem er die Vage der orlhodorcn Kirche sowie jene anderer Eonfcssionen im Ezarcnreichc eingehend schildert. TaS charakteristische Merkmal dieser Rechenschaftsberichte jedoch ist, daß Pobcdonoözcw nicht so sehr die religiöse wie die socialpolitische Seite jeder nicht orthodoxen Eonfcssion ii» Reiche hervorkehrt, in» a«kf diese Weise den Ezar ans den Einfluß dieser Eonscssioncn ans die rechtgläubigen Orthodoxen ansinerksam zu mache». Eö ist somit selbstverständlich, daß die RcchcnschastSbcrichle in erster Reihe die Politik der Regierung gegenüber den Anhängern der nichtorthodoxen Eonfcssionen im Reiche in erheblicher Weise bceinflnsien. Ilyd thatsächlich war und ist die Berfolgung der Andersgläubige» in Rußland, der wir seit mehr als einem Jahrzehnt znsche», ein Product der PobedonoSzew'schcn Rechenschaftsberichte. Aber keine nichtorthodoxe Eonfcssion in Rußland hat Gehciinrath Pobcdonoszcw in diesen Schriftstücken so staatsgcführlich und gcmcinschüdlich hinznstcllcn gesucht, .wie die jüdische. Ein jeder seiner RcchcnschaslSbcrichtc, welche dem verstorbenen Ezar Alexander III. unterbreitet wurden, zog neue Beschränknngcn und AnSnahmsgesetzc gegen die Inden nach sich. Tic Ausweisung der Juden auS den Dörfer» war nur die Folge eines 'Rechenschaftsberichtes, in welchem der allgewaltige Obcrprocnror des Heiligen Synod den Aufenthalt der Inden in den Dörfern als für die bäuerliche Bevölkerung dcinoralisircnd bezcichncte. Ebenso ist die Richtzulasinng von Jüdinnen zum Studium der Medici» iü dem neuen mcdicinischcn Institute für Frauen auf die Einflüsie Pobcdonoszcw's zurückzusührcn. Aber »och niemals hat Gehciinrath PobedonoSzew die russischen Unterthane» inosaischcr Eonfcssion vor dem Ezarcnthronc so anzuschwärzen gesucht wie in seinem jüngsten Rechenschaftsberichte, dem ersten, welcher dem neuen Ezar RikolauS II. unterbreitet worden ist. Blinder Haß spricht aus jeder Zeile des. Berichtes, soferne er die Juden betrifft, und man gewinnt daraus die Ilcbcrzcugnng, daß PobedonoSzew diesmal alle Mittel in Bewegung fetzen will, um den neuen unerfahrenen Herrscher Rußlands gegen feine jüdischen Untcrlhancn cinzunchinen. Wir werde» später sehen, ob die von PobedonoSzew gegen die Juden erhobenen Anschuldigungen auf Wahrheit beruhen, aber für den Czaren sind die^Worte seines ersten Rathgcbcrs maß- und ausschlaggebend, und deshalb hat der diesjährige Rechenschaftsbericht des bigotten PobedonoSzew unter den Juden in Rußland die größte Bestürzung hcrvorgerufcn. Tenn es unterliegt keinem Zweifel, daß, wenn sogar an allerhöchster Stelle die VI-««. Se»s_3 Absicht vorhanden wäre, die Berfolgung der Inden einigermaßen zu mildern, diese Absicht durch den 'Rechenschaslsberichl durchkreuzt werden würde. I» dein Berichte) welche» der „Zerkownyi Wlcstnik", daS Organ des Heiligen Snnod und deS russischen ElcruS, pnblicirt" lesen wir Folgendes: „Ter schädliche Einfluß der Inden tritt am deutlichsten zu Tage in Bezug ans die 'Religiosität jener rechtgläubigen Russen, welche bei den Juden im Dienste flehen. Minderjährige, die bei Inden einige Jahre im Dienste standen, vergesse» ihre rechtgläubige Religion völlig. Aber auch bei Erwachsenen werden die religiösen Ueberzeugunge» durch den Einflnß der Inden erschüttert. An Samstage» »nd Sonntage» sind die im Dienste bei Juden stellende» O/thodoxen der Möglichkeit beraubt, die Kirche zu besuchen : an Samstag,rr. nicht, weil sie im Handel und in den Brannlweinduden die Juden ersetz:» müssen, welche ihre Feiertage streng ' halten: an Sonntagen nicht, weil die Juden an diesen Sagen, die gewöhnlich Marktlage sind, auf die Hilfe ihrer Dienstboten besonders angewiesen sind, und ist es den orlhodoxen Bediensteten streng verboten, an So»», und Feiertagen zur Messe zu geben, unter Androhung von Strafen oder Sieilenverlnst. Auf diese Weise höre» die Orthodoxe», die in ein jüdisches Hans gcralhen sind, ans, die GoiteShün'cr zu besuchen, entwöhnen sich ovm Anblick der Heiligenbilder und vernachlässigen ilye Feiertage' und alle kirchliche» Gebräuche.-. Bei der Beichte der bei. Inden im Dienste stehenden Rechtgläubigen vernehmen die Geistlichen mit Entsetzen die wüthcuden Dästerungcir, welche die Inden gegen daS Ehristenkhnni, den Erlöser und gegen die Gottesmutter ansstoße», und welche durch diese Dienstboten sich unter das Bolk verbreiten können. Die in jüdischen ' Fabriken arbeitenden Ehristen werden von den Inden durch verschiedene Mittel dcmoralisirt; unter Anden», werden' ji: gezwungen, an Feiertage» zu arbeiten. Die Inden haben die Fabriken und Etablissements mit einem Ring von Brannlwcinbndc» ynd Wirlhshüttsern umgeben und locken dahin die Fabriksarbeitcr, welche sich dort einem ausschweifenden l'eben hingcbe», ihr Geld »nd ihre Gesundheit verlieren. Sie verlassen die jüdischen Fabriken als moralische .und physische Krüppel, die zu nichts mehr fähig sind." ■ ' Woher PobedonoSzew diese seine Angaben geschöpft, darüber" schweigt der Bericht. Aber wir sind in der Vage, den'Beweis zu erbringen, daß der Sbcrprocnrör deS Heiligen Synod es mit -der Wahrheit nicht sonderlich ernst nahm, als er dem Ezar Ricolans M. seine Dcnnnciatiön über die Inden in, Reiche unterbreitete. Abgesehen davon, daß der Bericht selbst innere 'Widersprüche.an'weist 'wie z. B. die Thatsache, daß Pobedonoszxw im ersten T heile seines Berichtes darüber Klage führt, daß die bei Inden bedienstete» Srlhodoreii di, Kirche nicht besuchen können, und wenige Zeilen' weiter von den Blasphemie» der Inden gegen das Ehrifrenlhiim' erzählt, welciie die b.ei Inden bedienstete» C rthodoxen bei der Beichte dem Geistliche» zu erzählen wisse»/ ist cS in Rußland Jedermann bekannt, daß die jüdische» Fabriken am Samstag um fünf lllir Abends gesperrt werden, um erst Montag Früh wieder geöffnet zu werden. Wen» die Arbeiter also.die Kirche an Sonntagen nicht besuchen, so ist cö gewiß nicht in Folge dcö ' jüdischen Einflusses. Wer dio jüdischen Fabrik,» zu Moskau einmal besucht, der wird unsere Angabe bestätigen könne», daß in jedem ArbcilSraunie einer jeden Fabrik Heiligenbilder vorhanden und, um de»' orthodoxen Arbeitern die Möglichkeit zu geben, das Früh- sowie daS Bor- und Rachtischgebet z»- verrichten. In der Moskauer Slahlgicßcrcisabrik deS Inden Maltiel besteht eine Schule, 'in welcher die minderjährigen Kinder der orthodoxen Arbeiter Religionsunterricht genießen. Aber bei PobedonoSzew handelte cs sich nicht r»n die Wahrheit: er wollte um jeden Preis die Juden anichzvärzk», »nd dies dürste ihm auch gelungen sein. Die nnhallbare Vage der Inden in Rußland wird durch derlei phantastische Berichte. eben »och »»hallbarcr gemacht. " A rjiu=*. sRllhiillsttr Vucgcr's. Der Anstreicher Joses Marlowitzki war in trunkenem Zustande in die Brannlwcinschänle deS Bernhard V ehncr i» der Brigittenau gekommen und Halle, als ihm mir Rücksicht auf seine Trunkenheit kein Getränk verabreicht wurde, einen e^nisemitischen Exccß iiisecnirt, den er dieser Tage vor dem Slrasr:chlcr des Bezirksgerichtes Vcopoldstadt zu verantworten hatte. Der Angetlagre rcchlferligte, sich damit, er könne sich an die damaligen Borgänge nicht erinnern, da er trunk.e» gewesen sei. Der als Zeuge vernommene Le hu er gab an, der Angeklagte habe sich damals in aarlisciyilischcn Bcschimpsungcn ergangen nnd habe dann eine Scheide der GlaSthür eingeschlagen. Der Zeuge Weinstein erzählte, Markowitzki habe gedroht, „den Juden-Alles zu zertrümmern". „Wart's nur. öS Juden, bis wir ans Ruder kommen," habe der An

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