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Freies Blatt · 1895-09-22 · 181 (22.9.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
181 (22.9.1895)
Date
1895-09-22
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Freie» Blatt. Nr. 181. tu nn-uluni er „gewisse" politische Agitationen der rigorosesten Buickuung der Ltaatsnnmaltschaft empfahl. Aufrichtig gesagt, i::;o eriniierlc' dieser Erlaß a» ein Ereigniß des Jahres 1843. - •.'Uc' nämlich die Wogen der Revolution den Höhepunkt erreicht I,alten, die Demokratie durch die Erfolge der Mailage i» übermüitiigster Siegessliniinung war, der Kaiser Wieit verlassen hatte, nachdem die Presse seit einem Vierleijahre in vollster Anarchie sich defunden balle, da schrill die Regierung daran, etwas zu 1h»n, wgs sie seit dem ersten Revolulionsiagc unterlassen halte: sic gad ein -- Preßgesctz. Ganz Wien lachte über dieses gewiß gutgemeinte Preß,stsey. Darnach gehalten hat sich Keiner. Wir zweifeln nict'l an denn redlichen Wollen der Staatsorgane, den Erlaß des Veiiers des Justizministeriums auch auszufichrcn. Aber auch der Herr Oberstaatsanwalt ist ein Mensch, der nicht überall sein kann, und um alle Ansichreilnngen der Antisemiten zu controliren hätte das Eorps der Aussichlsorganc um das Zehnfache vermehrt werden —-müssen. Diese Ausschreitungen haben eben bereits nicht nur „die t^renzen des Erlaubten", wie es in dem erwähnten Erlasse heißt, sonder» auch ..Die Grenzen der Eontrolirbarkcit" überschritten. Dr. l'ueger konnte deshalb in einer lausendköpngen Wählcrveriammlung ganz ruhig erklären, „der Ehrist, der liberal wähle, sei dein Henker verfallen", ohne eine Strafuntersuchung fürchten zu r,:i:"\ii, d:e auch wirklich biS beute nickt erfolgt ist. . T ao a!''a in die Borgeschichte des anlisemitischeii Wahlsieges. Heule wied aeernlel, was man schon lange gesäcl. Man wollte die liberale Panei zertrümmern, In Wien wenigstens steht inan rer dun Erfolge. Wer hal's'gctkan? Wer ist die Schuld an dem;'uu',l!uli. das Wien damit betrifft? «ui pra.lest is tWit. Ist das -.der '.lich waln? Wird cs auch de» moralischen Mitschuldigen and llilnt’ciii niipci!? Zertrümmern sie nicht mit den liberalen zl.gleich die einrigen Berlheid'ger des geordnelcii Staatsbetriebes, d.r Berfanuing, und haben sie bereits einen Borgcichmack, welcher Ail tu Eleitieine sein werden, welche die Viberalen ablosen? Fürirahr., die Ejericalen und dentalen und jene Regierungen, welche ihre» Einslitsteruiigeii folge», sind schlecht beralhcli, indem sie _ lu ule den anü'ein Nischen Ziegern freundlich zuläckcln. Aber was kümmen das uns? Wir stehen jetzt für »nS da und. lastui Jedui >cll'.e Geschäfte selbst besorgen. Dian kann unscrctwcgcn ..ach mit dein »wist der Revolution spielen, nur um uns;>: schrecken. Lebaden erleide» werden darunter ganz andere Faeiorcn als wir.' «!.i!:"••■ -i. if i.■.Die liberale Partei »rag dabei vielleicht in Bruche gehen, der Geist der Freiheit,' der Rechtsgleichheit und Brüderlich!, il Hai schon ärgere .Anstürme überdauert. Tie che ein, mag Zdrbicäie», Löae dm cdeiin ,'loib, T «ü.isi lebt in uns Alten — — ^lntiK'initifdx'5 aus" Deutfd?böbmcn. . Cu.»nat i'tiiibcitiuig des „Freien Vtatlks'.i li . . I.l IN Deul'chböhmen regt sich der AiitisciuitisniuS. In Biliu, eine ui Siädlckim am Fuße des Mittelgebirges, wird seit Jahren schon Ziv.'chen Anli'eniiren und liberalen-ciu erbitterter Kamps geführt. Trotz d.r ttamHl ysten Anstrengungen eines antisemitischen Blüttcheus, Lliuiaiuiig zu machen. bleibt die intelligentere Bevölkerung, meist auS wohl-! .liHiikvii Hhudw.rkern, "Hnndbesitzern :c. bcstchcud, noch dein Fort- '.chi.tt treu ,i,!!d avt die Zumulbiingcn der Aiitiseiuitcnführer zurück. Ilm nun bchier di. Geschärte der Antisemiten besorgen zu können, be- ,..d.ii. B.iuz Zdenko Vobkowitz sich einen Apostel aus Wien und tau're demisibetz eine Druckerei, richtete in einem ihm gehörigen Hause Bi.ttttrl.iz-e eine Zeilungsredaetion ein und unterstützte de» anti- ’ :::'u .-ii Rttdaeieur nach allen Leiten. Die liberale Vertretung der \ Ivil'd nun fleißig ongcbellr; Alles, was.freisinnig heißt, wird .-?.n Apest-ln der Dummheit in den Koth gezerrt, und die liberalen '. u. im Z'.indiage und rsieichSrache werden auf eine Weise in der des Voltes herabzuwürdigcn versucht, die aller Beschreibung cho'ü lich und manchmal die Wendungen, die der Haupthetzer v":-. End n. ei» ehemaliger Buchdruckercisactor, der mit Mühe and ar -.'»amen richtig schreiben kann, in seinen Ausführungen uuu.mk L a er, m.r 'einen Herrn und Meister, den Prinzen Lobtowitz, g .tt z ge'inu: .zu '.hallen, doch auch gebührend gegen die Juden los- -oebeii muß, y sucht er jedes hervorragende Ercigniß als antisemitische E.inn.zenschast mnzuslcllcn, während wieder andere ganz harmlose Vorkommnisse von ihm ausgebaukcht und dann als jüdische Verbrechen den staunenden Rsi-rn geboten werden. Um sich die breiten Masten deS Volkes zu erringen, versucht die antiliberale Elaque neuester Zeit die socialistischcn Arbeiterverbindungen zu gewinnen und unter der Flagge „deS wahren DeulschthumS" in Kreisen deutscher Vereine Propaganda zu machen. Die Bevölkerung ist jedoch viel zu intelligent, um dem Apostel der Dummheit auf den Leim zu gehen, und so hat denn der Antisemitismus in Bilin bisher wenig Erfolge zu verzeichnen. Ein hervorragendes Versuchsfeld für die Antisemiten ist E g c r. Am 9., 1<>. und 11. September fanden dort die.Wahlen in den Gemeinderalh - statt. Jni letzten Augenblick entfalteten wider alles Erwarten die Antisemiten eine sehr lebhafte Agitation. Ihr Angriff galt besonders dem zweiten Wahlkörpcr, welcher seit jeher der hart umstrittenste ist. Die Bevölkerung ließ sich aber nicht irre machen und wählte die ihr von der fortschrittlichen Partei vorgeschlagcnen Candidatcu mit einer Einmüthigkcit, welche ihrem gesunden Sinne ein ebenso gutes Zcugniß auSstellt, als sie für die Antisemiten ein Fingerzeig sein kau», auf ihre weiteren Aspirationen, welche jetzt auf die 1'andtagswahl gerichtet sind, keine großen Hoffnungen zu setzen. Natürlich spielten auch in diesem Wahlkampfe die von den Wiener Antisemiten geübten Kampfmittel, Schmähungen der Gegner, anonyme Eirculäre :c. ihre Rolle. Trotzdeni blieben die Antisemiten in sehr bedeutender Minderheit und brachten nicht nur keinen Eandidatcn durch, sondern verloren vielmehr jenen Eandidatcn, welcher bisher dem Gcmeindcralhc angchörtc und der durch sein zu offenkundiges Hand-in-Handgehcn mit den Leitern deS Antisemitismus seinen Sitz im Gemeinderathe cinbüßte. Sämnitliche JO Mitglieder des GemcindcauSschustcs sind nun der fortschrittlichen Partei znznzählcn. Bon den Ersatzmännern gehören zwei dem antisemitischen 2ager an. Während aber der Antisemitismus so in einer seiner größten Heimstätten einem offenkundigen Verfall zuzugehen scheint, reckt er sich anderwärts in Tcutschböhmc» in höchst bedrohlicher Weise empor und gefährdet das Dcutfchthum an seinen cmpsindlichsten Positionen. Großes Aufsehen erregte cs vor einiger Zeit, als der verdiente langjährige Rcichsraths abgcordncte für die Städte Saaz, Postelberg, Brüx, Tr. W. Pichler, sein Mandat nicderlcgte, weil der antisemitische „dentschnationale" Verein in Brüx und ein gesinnungSvcrwandter Kreis in Saaz an dem parlamentarischen Vorgehen des betreffenden Abgeordneten in einer Weise Kritik übten, die uns ja von den Wiener Vorbildern der Herren Herold und Consortcn mehr als genügend bekannt ist. Wie treu die deutschböhmischen 'Gesinnungsgenossen Wolfs und Jros auch in Saaz Antiscmitenark wahren, beweist übrigens eine Scaudalgcschichtc, die sich fast gleichzeitig mit der Mandatsnicdcrlcgung Pichlcr's in Saaz ereignete. Dem dortigen seit 20 Jahren bestehenden Deutschen Turnverein, der mehr älS dreihundert Mitglieder aus allen Bcvölkcrungs- . kreisen der Stadt zählt und an dessen Spitze seit fünfzehn Jahren Bürgermeister Tr. v. Schönfcld als Sprcchwart stand — ein Verein, der. zur Zeit der ärgsten nationalen Bcdrängniß allezeit stramm in Wort und Thal für das bedrohte Dcutschthum cingestanden — war daran gelegen, daß die von ihm stets hochgchallcncn dcutschlibcralcn Priucipicu in demsclbc» auch in Zukunft erhalten bleiben. Er nahm deshalb, durch das Vorgehen der antisemitischen Hetzer in anderen Orten gawitzigt, in seiner a<I lioe cinberufcucn- Generalversammlung vom 31. August d. I., um nicht selbst daS Harakwi an sich vollziehen zu müssen, in seine Bcrcinssatzungen einige - Bcstinunungcn aui, durch welche der Eharaktcr des Vereines für künftige Zeiten gewahrt bleiben sollte sowie er weiter den durch frei willige Spenden seiner Mitglieder ausgebrachten Turnhallenbaufonds von mehr als 20.000 fl. sich dadurch zu sichern bemüht war, daß er, ui» gegen jede Majorisirung geschützt zu sein, die Verwaltung dieses Fonds dem Verein als solchem entzog und einem besonderen, ans verläßlichen Männern bestehenden eilfglicderigen Euratorium, von denen acht auf 1'ebensdauer gewählt sind, übertrug. An diesen dcut scheu Turnverein hatte der vor einiger Zeit von antisemitischer Seite ins 9ebcn gerufene „Deutsch-volklichc Turnverein in Saaz", welcher „am 22 des HcrbstmonatcS des Jahres 2008" — oder deutsch geredet am - 22. September d. I. — sein Gründungsfest abhaltcn will, eine Einladung zur Thcilnahme gerichtet. Die llcbcrraschung des Deutschen -Turnvereines über diese unerwartete Einladung sollte jedoch nur von kurzer Tauer sein, denn bald darauf richtete der „Deutsch volkliche" Turnverein an den Deutschen Turnverein zu Händen seines Sprcchwartes', Bürgermeister Dr. v. Sch ö n feld, ein Schreiben, welches seines charakteristischen ToncS wegen hier vollständig Platz finden möge: Aus einem unliebsamen Versehen ging leider auch Ihnen eine Einladung zu unserem ÄrUndiingSsesie zu. Schuld an diesem höchst bedauerlichen Vorfälle trügt einzig und allein ein junges Mitglied, welcher in seiner Unersahrenheil auch Ihren Verein sür eine» deutsche» hielt. Wir sehen uns daher genölhigt,

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