Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 181 (22.9.1895)
- Date
- 1895-09-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Aboiuiemkiltspreis. j* tt r Qesterreich-Ungarn: Ganzjährig.5 Kronen (fl. 2.50) Halbjährig.3 Kronen (fl. 1.50) >%ßr dagefaminte Ausland: Ganzjährig.fi Mark Halbjährig . . . .3 Mart 50 Pf. Einzelne Nummern 6 tr. Unfrankirle Briefe werden nicht angenommen. Organ zur ^lbwohr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntagc. Jfirbiictiou imb Admiuistratio»: / I. Leilerstiitte 10. Inserate werdcn mit 20 Heller ao fr ) für die vier-, mal gespaltene Nonparcillezeile berechnet. Kleiner Anzeiger das Wort 4 Heller (3 kr.). Au'nahme von Inseraten in unserer Administration sowie im Annoncenbureau M. l uteS. l. Wollzeile ft. Nummer 181. Wie», 22. September 1895. IV. Jahrgang. - Quis fecit? Tie Hauptschlacht ist zwar nach nicht geschlagen, aber der Krieg ist dennoch verloren. Die freisinnige Partei hat im dritten Wahlkörpcr nicht ein Mandat erhalten, sie ist selbst in der City und in der Lcopoldstadt, wo sie für unüberwindlich gegolten hatte, auss Haupt geschlagen worden, und da mau für den zweiten Wahltag nach dieser moralischen -schlappe kaum mehr auf einen sieg rechnen kan», so dürfte bereits mit der ersten Schlacht-die ganze Campagne entschieden sein. Jene merkwürdige Compilation von reactionäre» und revolutionär,n, nationalen und internationalen, gebildeten und ungebildete», aler immer gegen Freiheit, Rechtsgleichheit und Ordnung gerichteten Clementen, die man antiscmitlsche Partei nennt, hat gesiegt; sie wurde von dem süßen Pöbel in Lumpen und Seidenkleidern mit der Mission betraut, Wien zu einem Bersuchöfeld für die extremsten duicaku Aspirationen zu machen, die Autonomie ml absurd um zu führen und auf den Hund;n bringe», Gewerbcfleiß und Handelsgeist.zu erorvsseln und so das Reich in seinem Herzpunkie za treffen. Denn daß die Bürger Wiens nur für diesen Zweck ihre Stimme in die Urne geworfen, das kann heute kein,m Zweifel mehr unterliegen; kriechen doch die lichtscheuen Clemente, Heren Geschäftsführer bloß die Antisemiten sind, jetzt schon ganz ungeschcut an die Oberfläche und verkünden selbst, welche stunde für Wie» geschlagen hat. Der Crsle, der an die Redaction eines clcrical-antiseinitischcn Blattcö ei» Glückwunsch'.elegranun zum Wahlsiege des „kleinen Mannes" schickte, war der clericale Heißsporn Cbenhoch. Welches Interesse hat er am Wiener Kleingewerbe und am Gedeihen der Stadl Wien? DaS Organ des Bischofs von Lin; jubelt, anS „Ma-nar Allam", dem Sprachrohr des Grafen Zichh, tönt ein Panegyrikus auf die siegreichen Antjsemitcn, das Prager Organ dcS CardinalS Schönborn gesteht unumwunden ein, daß ihm dör sieg der Antisemiten angenehm sei, obwohl er durch eine Berbindung von allerlei soeial-revolntionärcn Clementen errungen wurde, und cs rälh heute schon dem Dr. Lueger, diese Clemente, nun, da sie ehre stimme hergegeben, wenn sie als Fordernde erscheinen, einfach von sich zu schütteln; und ähnlich, wenn auch verblümter klingt es aus dem „Laterland". Ja, bildet sich vielleicht ein Mensch mit fünf gesunden Sinnen ein, daß der hohe Clerus den Sieg der Antisemiten bejubelt, weil jetzt jeder antisemitische Schneider, der über der Kannegießerci sein Gewerbe vergißt, täglich ein Huhn im Topfe haben wird? „Mutter, wat jehcn Ihnen die grienen Beeme an?" Diese Leute wissen sich nicht vor Freude zu fassen, ganz einfach, wul das stärkste Bollwerk des Freisinns im Reiche gefallen ist, gefallen unter den Streichen des Lolkeö selbst. Des Volkes? Nein: ein prode-st — ,is leeit. Cö wird der Tag komme», wo das Bolk wieder sehend werden wird, und wo eS mit seinen Berführern i»S Gericht gehen wird, und es wird sie nach dem alten Rechtspruche schon zu erkennen wissen. Dann wird aber der jetzige Gewinn in sein furchtbarstes Gegentheil Umschläge», und es wird heißen: qui fjjcit, ei nocet. - Das gilt nicht von den Ultraniontancn und Feudalen allein. Knapp vor der Wahl schrieb ein Blatt, das gewiß kein vernünftiger Mensch geheimer Sympathien mit dem Liberalismus zeihen wird, die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung", die Wiener antisemitische Bewegung sei eine so trübe, iheilweise von entschieden social-revolutioiiüren Clementen durchsetzte, ihr Pr-ogramm bestehe aus so nnklare», handgreiflich sich widersprechende» oder dem gesunden Menschenverstände unannehmbaren Sätzen, haß a» die Möglichkeit, auf solcher Grundlage positive Verwaltungsarbeii zu leisten, nicht zu denken sei. Und der 'SssieivsuS des Berliner ' CabiuclcS hält es für ausgeschlossen, daß sich eine österreichische Regierung dem ^lntisemitiSmuS gegenüber anders als ablehnend verhalten könnte. In den maßgeblich»» politischen Kreisen Berlins ' ist man sich also vollkommen klar darüber^ das; der sieg des Antisemitismus i.i Wien nicht bloß ein schlag für den Libcra lismus, sondern ein Schlag für die Autorität, ja für die heutige Ordnung dcS Staates überhaupt sei. In denjenigen Kreisen aber, in welchen die Fäden der österreichischen Politik gewoben werden, . bestand leider diese Crkcuntuiß nicht. Durch Jahrzehnte ging alle politische Weisheit gewisser Kreise darauf hinaus, den Liberalismus zu erschlagen, seine Partei zu sprengen, zu deeimircn. DaS Beispiel des „großen" Biömarck wirkte auf den kleinen Taasfe ermunternd': jener hatte durch seine serupel- und rücksichtslose Politik wirklich daS Kunststück fertig gebracht, die freisinnige Partei zu zermalmen; die Abfindung mit den Locial-Dcinokraten, welche an die leer ge wordene Stelle traten, überließ er dann großmüthig Anderen Ga»; ähnlich unser dernialigcr Cinsiedler von Cllischau. Durch eine vollständig serupellosc Wahl der politischen Mittel, unter denen die'künstliche Aufzüchtnng des Antisemitismus eine heivorragendc Stelle cinnahin, gelang es ihm lhatsächsich, die liberale Partei,. diesen einzigen Damm gegen die Machtgelüste dcS Adels und CleruS, zu schwächen. Als cS aber unmöglich geworden war, mit den übrigen Parteien weilerS auch nur die unumgänglichsten BerwalluiigSgejchäfte des Reiches zu besorgen, verschwand er mit - cinci» Knallesfecle von der Bildsläche. indem er noch zu guterletzt im Davonlaufen hinter sich eine Bombe in die liberale Partei warf. D>is Hcroslraleswerk war Tagffe so gut wie Bismarck wenigstenö thcilweise gelungen. Mit den unbolmäß'gcii Cleinenlen, die er bebufS Niederhallung des Liberalismus gezüchtet, sich abzufinden, daS überließ auch er andere». Und thaljächlich sind wir geneigt, AtleS, waS die bisherigen Regierungen dem Anliseniitisinus gegcnüb.r durch Unterlassung und Begehung gesündigtweil weniger der mala lides alS der Schwäche und dem Unvermögen zuzujchreibcu. Ist eS doch ein offenes Geheimniß, daß Fürst Wiudischgräl; und das Coalitionsiuinisteriu!», trotz des oorgesitzien ProgrammeS, alle extremen Clenlente bekämpfe» zu wollen, gegen die Antisemiten nichts unternehmen konnte, weit sich slelS mächtige und einflußreiche Prolecloren dieser Partei fanden, denen just der Antisemitismus als der geeignetste Sturmbock g>gen den Liberalismus schien. Und so kam cS, daß die Antisemiten in Wien eine Agitation entfalten konnte», die wohl, waS Brutalität,"Cyniöiuuö, Verlogenheit und Gemeinheit betrifft, in der Geschichte parlamentarischer Kämpfe einzig dastcht. Ntan blieb keineswegs — bei der Fanatisirung und Bethörung des Bolkcö, bei der Verleuindung des Gegners stehen, man wendete Gewalt an, man drohte mit noch größerer Gewalt, man übte jede erdenkliche Prejsio», und daS ging so durch Monate und Wochen fort, und d»e Organe deS Gesetzes zuckten nicht mit der Wimper dazu. Im letzten Augenblicke, kurz vor der Wahl, alö der Terrorismus bis zur Unerträglichkeit gestiegen war, richtete der Leiter des Justiz, ministcriums einen Crlaß an die Wiener OherstaatSanwalischast,