Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 180 (15.9.1895)
- Date
- 1895-09-15
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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- Odesa 1× ep/1000834
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feite 'i Freies Behörden Maßnahmen ergreifen, um die Neuansiedlung von Juden i» de» Grenzortschaften;u Hintertreiben." Graf Schuwalow, der biiiiiane Generälgouverneur von Warschau, hat durch seine Fürbitte;n (^»nüen der Juden vielen Unglücklichen ihre Existenz wieder gegeben. Vcibcr sind in Rußland nicht viele Männer wie Graf Schuwalow '.TThanden. n. Ein Mllsttrinstitllt.) Aus Odessa wird uns geschrieben: Der Stadtrath von Odeffa hat deschlosien, anläßlich der Thronbesteigung des EzarS stiicolauS II. eine Handwerkercolonie zu gründen, welche die Ausbildung elternloser, orthodoxer Kinder zu Handwerkern fördern soll. Der Stadtrath setzte behufs Ausarbeitung der Statuten der Eolonie eine Eoininifsion ein, welche «gleichzeitig beauftragt wurde, die in Odessa bereits bestehenden Handwerkercolonien zu besichtigen. Tie Commission hat nun ft)« Jnfpicirungsniifsion beendigt und dem Stadtralhe den Borschlag gemacht, die geplante Handwerkereolonie für E h r ist e n ki n d e r nach dem Muster der in Odessa bestehenden jüdischen Handwerkercolonie zu errichten. Der Borschlag wird mit folgender interesianten Einleitung begründet: „Die jüdische Handwerkercolonie in Odeffa steht auf der Höhe ihrer Aufgabe. Die jüdischen Kinder, welche in der Eolonie ein Handwerk erlernen, erhalten auch llnterricht in vielen anderen nützlichen Vedrgegenttänden, welche den jüdischen Handwerker mit einer gewissen Intelligenz ausrüsten. Die Eonimission glaubt ihrer Aufgabe an, betten gerecht zu werden, wenn sie die jüdische Handwerkercolonie als Mnster für die von der Stadt Odeffa geplante Eolonie wärmstencmi’fiehlt." Und doch bestehen in Odeffa zwei nichtjüdische Handwetkercolonien, die von der Eonimission ebenfalls besichtigt, aber der Erwähnung nicht würdig befunden wurden! iWaS lagen unsere Eiferer gegen die „ Schacherjnden" dazu? A. d. Red.» >\ eine Rümcilsfrribtit. i Man schreibt UNS ans Petersburg : Wie die ossiciellen „PetersburgSkija Wjedomosti" melden, hat das Ministerium deS Innern die Krön Rabbiner im Reiche beauftragt, lünflighin die neugeborenen jüdischen Kinder nur mit »ein jüdischen Rainen zn benennen. Dadurch sind die Verordnungen des Departeiiieiits für ausländische Eonfessionen vom 11». Mär; und vom 30 Jiini!>'.»!, wonach den Juden gestattet wurde, ihre neugeborenen Kinder auch mit russisch-nationalen Namen chenennen zu dürfen, rückgängig gemacht worden. Eharakteristisch an der Sache ist, daß das Ministerium des Innern kürzlich die Rabbiner i>n Reiche befragt hat, ob die ino'aische Vctjrc den Juden gestatte, sich Ehristennamen beizulegen. Die Rabbiner beantworteten die Frage dahin, daß cs nach der mosaischen i'efire dein Inden freistehe, seine Kinder nach Belieben zu neiinen. Trotz dieser Antwort hat das Ministerium des Innern die oberwähnte Verfügung getroffen. Ein jüdi'cher Arzt, dem es unlängst rerweigeri wurde, seiner neugeborenen Tochter den Namen Olga zu geben, hat unter Berufung auf die Verordnungen des Departements »ür fremde Eulie an den Senat eine Beschwerde gerichtet, und man darf mit Recht darauf gespannt sein, wie sich der Senat in dieser Hinsicht aussprechen wird. Ein gciliaßrtffcltcr Priester.) Man schreibt uns aus Warschau: Bekanntlich hat der Erzbischof von Warschau sämmtlichen ihm unterstehenden Tiöcesen untersagt, den Bau von Kirchen oder Wohnhäusern, die für Geistliche bestimmt sind, jüdischen Unternehmern zu übergeben. Ter Vorstand der Eparchie von Wolhynien jedoch schenkte Kt Verfügung des Erzbischofs kein Gehör und fuhr fort, sämmtliche Bauten der Eparchie, welche zn religiösen und geistlichen Zwecken bestimmt, waren, jüdischen Unternehmern zu übergeben sowie jüdische Arbeiter beim Bau zri beschäftigen. Ter Erzbischof von Warschau erfuhr dieser Tage von dem Ungehorsam seines Untergeordneten und oitiite ihn deshalb nach Warschau zur Verantwortung. Ter humane Priester aus Wolhnnien rechtfertigte sein Vorgehen mit folgenden charatteristiichen Worten: „Seit fünfundzwanzig Jahren beschäftige ich Juden beim Bau der Kirchen in der mir anvertrauten Eparchie, und niemals balle ich dies zu bereuen. Mit einer Gewiffenhaftigkeit, die ich bei den orthodoxen Bauunternehmern leider nicht gesunden, führten ">e Juden Meine Aufträge aus. Zudem zahlte ich den Juden weil °. :ü;s've Presie,.als die Orthodoxen von mir verlangten. Tie jüdischen Allen : sind immer fleißig und vor Allem immer nüchtern, waS ich K.t enbodoxen Arbeitern leider nicht behaupten kann." Der Erzbt'chc' rcu Warschau ließ sich jedoch durch diese Rechtfertigung nicht ube-.z.ug.-n und entzog dem Priester die Befugniß zur Ertheilung von Ba:n.::ee>sioneu :n der Eparchie. i-i.it Juden NI Tlllllüscus.! In einer italienischen Monatsschrift wird beuchtet: >i:t L amascuS gibt es etwa 2000 Juden, wovon mehr als, l.Tii', .Handwerker sind. Die meisten sind Baumwollen- und LeidenwAAuch sind die Maurer, Zimmerleute, Färber und Gold- Blatt. ' Nr. 180. arbeitet: vielfach unter ihnen vertreten. Erwähnenswerth ist auch, daß die herrlichen Eiselirarbeiten, welche wir auf den damascenischen Stahlwaaren bewundern, fast ausschließlich von jüdischen Meistern herrühren, welche es darin zu einer außerordentlichen Fertigkeit gebracht haben. Der jüdische Handwerker ist immer fleißig und intelligent. Er arbeitet den ganzen langen Tag, oft noch die halbe Nacht hindurch, um sich redlich durch die Welt zu schlagen. Seine Rastzeit übersteigt nie fünfzehn Minuten. Und dabei verdient er kaum so viel, um mit den Seinen das Leben zu fristen. Gemeinhin bringt er eS täglich auf kaum einen Franc, selten auf anderthalb und fast nie auf zwei Francs. Ja, viele Familien müssen auch mit einem Tagelohn von 50—60 Centesimi auskommen. Mit 200—300 Francs jährlich gilt eS, Wohnungsmiethe, Speise und Trank, Kleidung rc. zu bestreiten, und das in einem Lande, wo die Familien fast durchwegs sehr zahlreich sind. Oft hat so ein armer jüdischer Schuster außer zahlreichen Kindern noch die alten Eltern zu ernähren. Und;S geht, weil es eben gehen muß. stdaturlich arbeitet die Frau mit. Aber daS geschieht nur im eigenen Hause, niemals auswärts. Für daS Nähen eines ganzen Anzuges zahlt man den Frauen oft nur 20 Centesimi. Das gilt besonders von . den Uniformen, die sie für das Militär verfertigen. Erfreulich ist die hohe Sittsamkeit dieser Frauen. ES kommt nie vpr, daß sie sich etwa aus bitterer Roth wegwerfen. In keinem der zahlreichen Tingeltangel :c. begegnet man einer Jüdin, und in einem Lande, wo der Müßiggang allgemein geworden, will das etwas sagen. (Chaldiiische Ausgrabungen.) In der ..Revue d'Affyr ologie" berichtet L>'on Henzey über die Ausgrabungen, die.der französische Orientalist de Sarzec im Aufträge der französischen Unterrichtsverwaliung im alten Ehaldäa veranstaltet hat. Das wichtigste Ergebniß dieser Ausgrabungen 'war der Fund von etwa 30.000 Thontäfelehen mit Keilinschriften, die der ältesten Zeit der babylonischen Eultnr, dem Anfänge des vierten Jahrtausends v. Ehr., angehören. Sie stammen aus der alten Stadt Sirgurla (ober Lagasch), welche uns zwar nur aus den Denkmälern bekannt, aber als der Mittelpunkt der ältesten Civilisation zu betrachten ist, wo die Schrift schon um das Jahr 4000 v. Ehr. bekannt und in Gebrauch war. Tie Täfelchen waren in,einem Hügel vergraben, etwa 200 Meter von der - Stelle entfernt, »o sich die ältesten Baudenkmäler der.Könige dieses Landes gefunden' Paben. Sie lagen in fünf bis sechs Reihen über einander aufgeschichtet in engen, gus Luftziegeln erbauten Gängen, welche sich unter einem rechten Winkel schneiden. Ungefähr 5000 von ihnen sind völlig unverletzt, 5000 andere leicht am Rande angestoßen oder sonst beschädigt; von den übrigen sind nur Bruchstücke vorhanden, aber auch von diesen wird sich noch eine große Anzahl wieder Herstellen lasten. Sie enthalten Eontracte, Listen, Inventaraufnahmen, darunter das Inventar der Heerden des alten Königs Gudea, ein Beweis dafür, daß die Viehzucht zu dieser Zeit selbst noch in Babylonien die hauptsächlichste Erwerbsquelle und die Grundlage alles Vermögens bildete. Unter den Thontäfelchen befinden sich zahlreiche Denkmäler von anderer Form, wie Cylinder, abgestumpfte Kegel, Siegel, Statuetten, alle mit Schriftzeichen bedeckt, Manche von ihnen gehören der ersten Periode der babylonischen Geschichte an und stammen aus der Zeit der Hirtenkönige von Siopuola, andere sind etwas späteren Ursprunges und tragen die Namen der Könige, von Ur, Dxiügi, Gamil-Sin, Jbil-Sin. die ihre Herrschaft so weit ausgedehnt hatten. Obgleich, der Inhalt der meisten Täfelchen Gegenstände des bürgerlichen und religiösen Lebens betrifft, so wird auch die Geschichtsforschung nicht ohne Förderung durch diesen Fund bleiben; namentlich die historische Geographie dürfte durch die genauere Bestimmung mancher vorkommender Localitäten eine wesentliche Bereicherung erfahren. Außer den Täfelchen sind noch verschiedene andere wichtige Entdeckungen aus dieser Gegend zu verzeichnen, namentlich zwei Stierköpfe aus sehr alter Zeit, deren Augen mit Perlmutter und Lapis incrustirt sind, der Palast des Urban, des Vorgängers Guedas, und zahlreiche Vasen und Statuetten, die zum Theil ganz unverletzt und mit Inschriften bedeckt sind. Sämmtliche Funde werden im Museum zu Constantinopel Aufstellung finden. 2ius antisemitischen Vereinen und Versammlungen. «Der Wahlkampf.) Ein gelehrter Historiker hat den Ausspruch gethan, daß eine jede Wablbewegung für da« betreffende Gemeinwesen eine acute Krankheit bedeute. Wem die Wahrheit dieser Vergleicher bisher nicht klar war, der wird jetzt darauf schwören, denn Wien liegt in convulsivischen Krämpfen, die öff'ent-