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Freies Blatt · 1895-09-15 · 180 (15.9.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
180 (15.9.1895)
Date
1895-09-15
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 180. i freies Blatt. i. Seite 5. Provinzial-Schulcollegium vor längerer Zeit eingeleilet hat in Folge der Nachricht, daß durch einen Rector eine jüdische Lehrerin auShilfvweise in einer Schule veranlaßt worden sei, christlichen Bindern während einiger Stunden Unterricht in der biblischen (beschichte zu ertheilen. Die Schnldepuiation hat beschlosien, gegen diese Verfügung bei dem CultuSminister Bosse Beschwerde ju erheben. Die „Freisinnige Zeitung" bemerkt dazu: „Es ist kaum anzunehmen, daß daS Provinzial-Schulcollegium in einer so grundsätzlichcri Frage Stellung genommen hat ohne vorheriges Einvernehmen mit dem Ministerium. Es ist unseres Wissens daS erstemal, daß dem Unterricht in der (beschichte, der Literaturgeschichte und im deutschen Aussah ein derart specisisch confessioneller Charakter beigelegt wird." (Ist „Zlldc" ciuc Beleidigung?" Der Dresdener Gerichtshof entschied sich jüngst dahin, daß daS Wort „Jude", in einer gewissen Berbindung und Bedeutung gebraucht, eine Ehrenbelcidignng involvirc. Ein Jude in Dresden, Herr Tr. Sachs, brachte eine st läge gegen einen Ingenieur, Herrn Ai ros, mit der Beschuldigung, ihn öffentlich beschimpft zu haben, ein. Beide Herren waren Mitglieder eines Bicycleclubs, besten Obmann Her r Ai ros durch einige Zeit war. Bei der letzten Wahl wurde jedoch über Hu hinweggeschrilten, und er bemerkte deshalb zu anderen Mitgliedern des Elubs, daßt „Sachs, der Jnde" ausgestoßen werden solle, da er nur aus Interesse dem .Vereine diene. Herr Mros dachte, daß dies nicht als eine offentlicijo Beleidigung angesehen werden könnte. Ruderer Ansicht war aber daS Schöffengericht, welches ihn;n einer Geld st r a f e v o n -10 M a r k v : rnrtheiltc. Airos appellirte an das Landesgericht, jedoch ohne. Erfolg, da der Ausdruck „Sachs, der Jude" in dieser Verbindung eine Beschimpsnng sei. s^cr Richter beuierlte, daß die jüdische Reli gio'n vom' Staate an erkannt sei, und daß ihrö Bekenner dieselben Rechte und Anspruch ans denselben staatlichen Schutz haben wie' Bürger anderer E v »- fessionen. Es war kjar, daß Herr Mros Dr. Sachs in .den Augen der Mitbürger herabsetzen wollte, indem er ihn: „Der Jude" nannte, und aus diesem Grunde wurde daS iirlheil des niederen (Gerichtshofes bestätigt. (Tic Jndculfttzc in Bäder». I Ein recht' empsehlenswerthes Bad muß die Ostsecstation Cranz sein. Die antisemitische „Deutsche West wa cht" i» Aachen erhielt nämlich ro:i dort von einem O'c sinnniigSgeiiosteii eine Postkarte mit solgendem „poetischen" Erguß : Wenn'in-Cranz die Jndeniveiber Sich mit idren bieten Veibcni Sinrzen in die salz'ge Fluih: Tann gedeiht die Flunder gm. ES wäre sehr zu .wünschen,- daß die gedruckten „Führer", Baedeker u. s. w. bei den Badeorten stets den Vermerk machte», ob das Bad antisemitisch sei oder nicht. Wir glauben, nur wenige Bäder würden um eine solche Auszeichiiung geizen, wie sie jüngst dem Bade Bor!uni passirte. In dem Führer durch daS „königliche Seebad Rorderil.-»", 37. Jahrgang (Verlag von Herni. BraamS, l*!>.'•), heißt es nämlich Seite ldi(> bei der Beschreibung von Bornim: „Israeliten ist ei» Aiiostiig dahin nicht aiiznraiheu, da sich der weitaus größte Dbeil der Bevölkerung und der Stanimgüste in einem ÄntisemitiSnius 'gefällt, der sich manchmal in geradezu roher Weife äußert."! (Tiiö Urthcil eines alten Antisemiten.: Ein „aller Antifeniil" weissagt den Untergang der antisemitischen Parteien in einer eben erschienenen Broschüre, deze» Inhalt beweist, daß sie vo-n einem Manne herrührt, der mit der Geschichte der antifcmitifchen Bewegung und ihrer Führer völlig vertrant ist. Tie Führer nennt der Verfasser mir Ausnahme weniger Idealisten, die ihr Fell zu Markte tragen, ctreber und Krippenreiter, die mit Hilfe der Politik ein vergnügliches Leben führen wollen. Wer weder schwindelt, noch ehrgeizige Streberpläne oder egoistische GcschästSzwecke verfolgt, der ist ein Verräther an der „heiligen" Sache dos Antisemitismus und des „prodnetiven Mittelstandes", lieber die hetzerische Agitation der Aiilisensiten heißt cs in der Broschüre: „Wenn daS keine Agitation ist, die ans der antifensitischen Bewegung eine Vorfrucht der Social-Demokratie machen muß, so wissen wir nicht, was denn sonst, mit dieser .(trink belegt werden soll!" Wenig schmcichelhast ist auch für einzelne Führer der Anlisemiien die in der Broschüre geübte Kritik. 'Jicid, derselben ist z. B. Professor Förster durch den von Berliner Aiilisensiten gespendeten Weihrauch in den Bannkreis des nationalistischen Größenwahns getrieben und irrt in demselben rettungslos umher. In der von ihm gegründeten Zeitung „Frer-Teiilschland" schritt der größte politische Blödiinn mit der 'ernsthaftesten Miene von der Welt einher. Das edle Brüderpaar Ahlwardt-Böcke! hat sich nach'dem antisemitischen Verfasser lediglich zusammengesunden, um das Geschäft,der politischen (trippcnreiterei in Compagnie zu betreiben. „Aber jeder Erfolg dieser Gesellschaft ist ein -JiageL mehr znm Sarge deS aiilisemitischeii ParteiwesenS, und unter den lachenden Erben, die sich in die Früchte des rein anti semitischen ParteitreibenS schließlich iheile» werden, werden die Social demokratie und der Anarchismus dief Ersten und die Vornehmsten sein." Rach diesem scharfen und sichersich berechtigten Urkh.-il endigt der „alte Anlisemit" seine Broschüre mit den Worten: „Der in politische Parteien und Elignen zersplitterte und den Strebergelüsten oder Geschäftsinteressen einzelner.sogenannter .Vollsführer' dienende Anti semiliSmus ist zn einem Schädling in unserem nat-ionaleii Lebe» ge worden." Ter „alte Antisemit" kennt seine Leute. «Propaganda der Dliat.) Anläßlich des letzten Attentates ans das Pariser Hans Rothschild äußerte sich die anlifensilifche »I.il>r>- I'-irol':", es wäre, schrecklich gewesen, wenn Baron Rothschild, der in oolge eines Jagdunfalles das rechte Auge verlor, niin durch eine Ouecksilberbombe das linke eiiigebüßt Halle, wo cr so viele Mine.» dieses wunderbaren Metalls besivt. „Pas berechtige ihn, auf ein anderes Schick:»! zu hoffen." Tiefe Glosse. die wir früher bloß fiir. einen ciiisijchen Witz zu halten geneigt waren, gewinnt jetzt einen ganz anderen Charakter, seit sich die Atlenlalsveisnche aus das, gcuannie Hanö erneut baden. Boo einigen Page» wurde im Hotel Rothschild in-der Rue Lasillr ein Jndividuuili'verhaftet, welches sich vergeblich bemüht hatte, eine Bombe nsilielst der Cigarette zur - Erplosion zu bringen. Die Bombe enthielt eine gefährliche Sprengfüllnng,' der Attentäter, der sich früher als Anarcksist geberde!-', ist Ani.üemil n,id heißt L'-osi Bontheillc. Er ist zn Men de im Pevar.Iemenl Lozere geboren. S.in Vater war gleich deinjenigen Henin's eliemaliger Conimliliard. So lange fein Vater lebte, befand sich die Familie in guten Verhältnissen: fpater wnrde er von einem seither verstorbenen Geistlicheil linterstntzi. Tiefer wollte, daß L'-on (Geistlicher werde, und auch die Mutter und die Schwestern., welche sromiii sind, wünschte» dies. Wegen schlechter Rotz»- im Lneenin wurde die Idee aber ansgegebcn, und L>'-on wurde Aiecksiiniler.- lFnlept war er ans der Westbahnslation Asni-res als Laiiipist angestelli. Bonibeille . wohnte bei^einer Frau Enraud in Asni.'-res, welche sich erinnert, von ihm antisemitische und an l i c a p i la l i-st i s ch c Aenßerunge» wiederholt gehört zu' haben. Seine Lieblingsleetnre - waren Drumo-Nt's gegen Rotbichild gerichtete Schriften, besonders eitirte er gerne Drnniont's Ltachweis, wie viel Rotlsichsid per Secnnde' zn verz hren bäte. Bei dieser l^eleqenbe:: so.ll er ans.zcrnsen baden: .-. D diese Inden! Man inüßke sie alle ansrollen ". Tie eli.it Cafcrio's pflegte er nichsi gntznlieißn, indem er von Eainok '-igle-: „Der bat cs nicht verdient, der nur kein Ans!enter." Am."» Anglist verließ Bonibeille, nachdem er wegen .Nachlässigkeit.-seine Steil-,- verlöre». Asnn-res und ließ feiner Onartierfran ein Schreiben zurück, worin erste ausfordert, sich mit seinem sicfs-'r für den rückständigen ,-sins bezablt zn machen. Bon A-.-ni>-reS ging er in d e stilie Alontp nnast'e, zu feiner Mutter, die w gen il,rer bescheidene» Wobnnng und auS, .üli'ickstchr für .ihre Töchter den r-'i-koinmenen Solin nicht.anfnebnieii wollte. In dieser Slimmiing robfiibrte Bonll-eille das Attentat i» der Rne Lafitie. Der Brief an die On-arti ig-meiin wird die Bastsfnr die Untersuchung bilde», .o« geirisi.- an Ratbfchild gelangte Drob Miefe gleichfalls v on Bontheille berühren. Ebenso wirdtiefe Untersnchung auch ergeben, ob Botubein. auch der Ab'ender der Briefbonibe ist Einer Aussage der Schiocst.-r L-'-ons zufolge i.-.ibe sich, di.'er auch' mit dein Gedanken geirageiP Depulirter zn w.-.den Auch, dieser Umstand bestätigt, daß Bontheille Anlisemit u>:d »ich! -.'lnarchist war, da letztere betanntlich jede Anib.-ünaln»? an d.r Po, ::k strengstens perhorresciren. Man dars-ai,' die weitere:: Ergtbuine . der Untersuchung neugierig 'ein. l Cinc UiiDcrrufcitC AllSwcilNIIg. > U:">- P.tersbnrgeb CorreP srondcnt schreibt »»s:.Jn dem Artikel „Di- Inden in dm baltischen, Provinzen" vom I. d M babe ich dem „Freien glätte" milgelheilt, - daß die Ausweisling der in einer Eniferunng von fnnfzig Werst von der.Westgrenze lebenden Inden den Rückgang in Ha»de7 n»d Industrie berbeigoflihrt hat, so.daß das Generalgnberninnl von Warfchan sich gezwungen sah, daS Afiiiisterilllil PeS Innern um Einstellnug dieser Aliswei'iinge» zn bitten/ Rnnmebr beeile ich mich, dem „Fdcicn Blatte" Vas soeben pnblieirte Eironlär deS AlinisterS des Innern zNzuschicken, mit welchem die Ausweisungen der Juden aus den Csienz-- wohnorte» eingestellt worden sind. DaS Eircnlär lautet: „Im 'Raulen Sr. Äajestät sördcre ich hieinit die Generalgouvernenre des stkordwesti»id' des Sl'id'westgebieles sowie den (^oilverneur von Vessarabien ans, die Ausweisung der in den in einer E»>tlernnng von' fünfzig Wcrst von der Grenze liegende Städten, Akarkislecken und Dörfern lebenden Jtlden ciliznstellen und tut/ in ihren bisherigen Wohnorten zu belassen, ohne jedoch ihnen zn gestatten, auS ihren jetzigen Wohnonen in andere an der Grenze liegende Städte zu überstedeln. Gleichzeitig sollen die I

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