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Freies Blatt · 1895-09-15 · 180 (15.9.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
180 (15.9.1895)
Date
1895-09-15
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Nr. 180. Seile 4. ___ Freie, __ frotircn und der ehrliche '>!amt des Herausgebers in den Kolh gezogen werden.- war dir Parole. .Ging cs trotzdem mit der zweiten Druckerei auch nicht so schnell, ebensowenig mit der Gründung eines Eoncurreiizl'IaiteS. so begann man doch sofort damit, daß man mir alle Arbeiten, welche ich für die Gemeinde seit länger denn siebzehn Jahren üaglos geliefert, entzog und in eine auswärtige Buchdruckcrci gab, nicht gedenkend, wie tief traurig cS ist, einem Bürger, welcher durch __ länger denn achtzehn Lahre rastlos gearbeitet, um seinem Geschäfte einen geachteten Namen zu machen, und einem ziemlich hohen Steuerzalilcr das^-Brot entziehe» zu wollen. Was Gemeinheit und niedrige Teiikiingswcise scitber ersinnen können, ich habe es Alles erfahren i'clbsi ron Mebreren, die ihre in früheren Jahren geschriebenen DankcSlutcfc nrch bei mir Nachlesen können . — WaS nur möglich ist, einem Menschen die ihm sehr lieb gewordene zweite Heimat zu verleiden, ist ge'cheli.'», und so strebe ich -denn aus diese» und den weiter unten angegebenen E'lüiidcii„ mein Hab und Gut hier zu veräußern, um mich andernorts niederzulasien, wo ich wenigstens ruhig und chilich .meinen Gc'chänen naäigchen kann, ohne in meiner Ehre besudelt und in meinem Eriyerbe geschädigt zu werden.- DaS Borgehcn der Mödlinger Gemcindcvertretnng bietet einen sanften Borgeschmack der Art und Wci'e. wie auch unsere Wiener Antisemiten — falls sie eines Tages an-S Rnter kämen — das „christliche Gewerberette» würden. Mntbolifrittnn in Piibrniil.) Am 10. Scptenrber fand in 1-i 11’i a;n die Hauvtvcrsammlung dcS Katholikentages statt, welcher tie Häuvter des elerieal-fendalen Adels beiwohnten. Allein obwohl alle ekredner einen üreng rcactionären und christlich socialen Anstrich batten, kam eS dock auch zu einer oinziellen Bexurtheilung des AntiienlilisiunS Der Präsident dcS Katholikentages, Prinz Ferdinand V n b! o w i tz, erklärte nämbich in seiner ErössiiungSaiisprache: WaS eie Kirche : or'chreibe, darin innsse man einig Vorgehen, sonst aber solle > re.ie ,>reibei: berr'chcn, und cs solle Alle die wahre christliche Viere b e i c e l c n , welche weder einen Unterschied in fi': >2 e n ' e s' io n, noch in d^r politischen Gesinnung, n r ch in d e i Nationalität k e n n t. „Diese christliche Gesinnung," fil'iiii; V.'l kowitz „niuß unS selbst im Kampfe beseelen und wir in.!!''.a nn-.' ron derselben überall leiten lassen.- XoMIc j»a»‘ lratruin.) Der social demokratische „VorwärtSin 'B.Uiii bat großes Aufsehen erregt, -indem er , eine Reihe von .Haiuni.i'':eia Briefen" verössentlichte, welche aus die Taktik und Nloial der Tivsli-Lentc grelle Lichter warten. Die pii-en lle resistanee bildete abii ui streitig ein Brief des Ez HofprcdigerS Stöcker, des -Baiers der deutschen Anrisemiterci, der zugleich die Königstrcuc der Junker ur.d Mucker wie ihren AntiscniikisinnS charaklcrisirt. Der fatnose Brief. Slöckcr'S lautet: rnb-.r H.iinmi-, nein. Heule morgens war ich in Ihrem Bureau, um Jlu.vr Virt zu machen und mich inscriiiiieil zu lassen, tiropatichek e.i>! L:e einige Artikel, welche das ich»öde Lpiel von Bismarck und Ge "!.-">n mil?- in .lauer an'deckcn, nir zeikgeiniiß hielten. Tarf ich Ihnen dagegen me-ne Ainchanuitgen über das. was ich iur richtig batte darlegen? Ich glaube, daß IN- .'! : r; hui Fürst B. den Siai'er vollkommen eingenonimcii bat, ganz besonders in Bei!:.: ei >' d.iS Carkiii. das nun einmal Bismarck 'iir die Grundlage seiner Politik -.-i!.'emein a>oße» Ereignsß annebt. Will man dagegen die B.'lchen I.-i r : m Walder'ee Bei'aminlung anS'vielen, und zwar mit mehr enia-'r "'e.'-.iii.berneUuiig von B. und dem jiaüer, io verliert man das '.w mi." een '.'einer,n Ich böiie ncch gestern, daß er ganz für die E: n iiven in. Was mau nun meiiieS EraäileuS tbun kann und I'l 'F:! .e: deS: Prineipiell wichtige Fragen wie die Juden« ge., -.''in'-nenm. .s-arnack, ReichstagSwadl im iechnen Wahlkreise, die gewiß mit .ii'-nii FiaS,c .er .uiri iocial temckralischen Elemente schließt, muß man, olne B-;:i nennen, in der aller>chär'tten Weihe benüven, um d n: .>.a " e r den Eindruck zu machen, daß er in dieser Ängelegeut b eratbeii in. und ibni den Lchluß auf B. überlassen. L-> ni .räo rings ui» das politische Eenirum, 'rekpective das EarlcU? .i :: :!' '-ii anzünoen und sie hell an'lob er» lassen, den : Mi . ' n iJ rrorttiiiiSmiiS in die Flammen werten und dadurch die Page ''ä-t. - Bkerkt der Aai er, daß mau zwilchen ihm und B. Zwietracht säe» bdi mau iiui zurück. Nährt mau in Tiugeii, wo. er iustiiicliv - -. Leite siebt, seine Unzufriedenheit, so stärkt man ihn .- ■' ."'i .. ln vc-.tt'i-.iiäi zu reizen. Er bat kürzlich gesagt: Lechs Monate - B. r-.schnaufe» laue», dann regiere ich selbst. B. selbst hat - i n nicht in der Hand behält. Wir müssen also, ohne - .-.-I -..i dich v-ebulsam sein., Herzlichste Grüße Ihr getreuer T! B. i -st ohne Dalum, stamnit abercrsichllich aus der erste» Äiisauaszcit der Reg'.ung des jetzigen Kaisers. Interessant ist in rdinsslbiu ilicht weniger die reizende Jnlriguantenrolle, welche die Erb- Slatt Pächter von Moral, Gottesfurcht und Königstreuc hier zwischen dem' Kaiser und seinem. Berather, dem von den Antiseniitcn verhimmelten Bismarck, spielen, als die Meinung Stöcker's, der Kaiser stände in der Judenfrage „instinctiv" auf Seite der Stöcker und Consorten. Stöcker steckte nach der von den^, Aufsehen Europas begleiteten Publication seines Briefes anfangs dhii Kopf in den Sand und sucht sich jetzt mit der verdächtigen Ausflucht zu behelfen, Nieniand würde seine „politische Privatcorrespondenzgerne veröffentlicht sehen. Nach unserer „politischen Privatmeiiiungist das aber eine sehr macchiavellistischc Auffassung der politischen Taktik, die sich im Munde eines Muckers recht sonderlich auSnimmt. Herr v. Hammer stein/ der sich noch immer nach der einen Bcrsiou in Tirol, nach der anderen in England, wieder nach einer anderen int freien Amerika „auf Urlaub" befindet, und gegen den dieser Tage ei» Steckbrief erlassen werden soll, muckst nicht zu der Enthüllung des „Borwärts". Ja man bezcichnctc ihn sogar als den Veranlasser der Publication des famosen Briefes. Diese Meinung dürfte jedoch der Begründung entbehren. Tic „Kölnische Zeitung" .erinnert bei diesem Anlasse an die Vorgänge mit dem Pensionsfonds der „Kreuzzcitung",. welche seinerzeit das ComitideS Blattes zu einer genancti Buchführung der „Krenzzcilung" vcranlaßtcn. . Danach hatte sich herausgcstcllt, daß ein Betrag von 13 000 Mark — der durch Sammlitiigcu aufgebrachte Stöcker-Fonds vom Jahre 1887 — nicht buchmäßig belegt war. Als Herr v. Hammerstein um Aufklärung gebeten wurde, machte er die Überraschende Mittheilnng, dieser Fonds sei von einem alten, vcrdiciitcn, inzwischen verstorbenen Beamten der „Krenzzeitungunterschlagen worden, er habe aber mit Rücksicht auf diesen Mann dem Homitü ron dem Geschehenen keine Mittheilung gemacht. Im weiteren Verlaufe der Angelegenheit brachte dann Hammerstein eine schriftliche Erklärung Stöcker's bei, in der sich dieser abgefundcn erklärte. Auf persönliches Befragen weigerte er sich, nähere Mitlheilungen zu machen, da er durch sein Ehrenwort gebundeil sei. Somit wurde Herr v. Hammerstein aus der peinliche» Hage, in die er durch das Verschweigen der Unterschlagung dem Eomitü gegenüber gekommen war, durch das Eingreifen deS- Herr» Stöcker gerettet, und cS scheint nun doch ausgeschlossen, daß er unter solchen IlinsiSnden sich bewogen fühlen könnte, Herr» Stöcker durch die Vcrössentlichung eines diesen in schlimmster Weise bloßstcllendc» Briefes absichtlich hcrauSzufordern. Im Gcgcnthcile, die Herren Stöcker und Hammel stein gehören zusammen und Niemand ' soll sic trennest.' Nobile pur fratnnn. Recht heiter wirkt heute ein Flugblatt aus dem Jahre 1803, in welchem Freiherr v. Hammerstein für das Rcichstagsmandat Halle-Herfort von den Tivoli-Leuten empfohlen wurde. In dem Schriftstück hieß cs: „Seit Jahrzehnten ist der Geist dcS Unglaubens und des Umsturzes in unser Volk durch Wort und Schrift getragen worden. Tie Früchte sind Gottentfrcmdung, Sittenlosigkcil und Zuchtlosigkeit. Dabei kann unser Volk auf die Tauer nicht bestehen. Es gilt die Erneuerung unseres Volkslebens. Hilfe und Rctlung liegen allein in der Durchdringung deS VolkSgeistcs mit dem Geist dcS Christcnthums. "Deshalb muß auch mit aller Eiitschicdcnh e i t der vielfach sich v o r d r ä » g e n d c und zersetzende jüdische Einfluß auf unser Volk bekämpft werden. Ein Mann, der diese Grundsätze vertritt, ist d c r Freiherr v. Hammerstein." ' Dieser typische Antisemit hat mm noch immor das Mandat in Händen und denkt trotz aller Scandalc nicht daran, cs niedcrzulcgen. Man glaubt, er verfolge den Plan, durch die parlamentarische Immunität die ihm drohenden Processc so lange hinauSzuschleppen, bis der Reichstag wieder zusammentritt n»d er ohne dessen Gcilchmigung gerichtlich nicht verfolgt werden kan». Das ist auch sehr wahrscheinlich. Auch von einem Ausschluß Hammcrstein's ans der conservativen Partei hat man bisher »och nichts gehört, und muß cs letztere sich ans diesem Grunde schon gefallen lassen, daß die Thaten v. Hanimerstciu's sowohl als seines Freundes Slöckcr in das Bclastungsconto der Partei geschrieben werden. ((5ill ailtistlllitischkr Lchnlkrlaß.) Wieder hat der bornirtc Judenhaß im Landc der GolteSfnrcht und frommen Sitte auf ofsiciellcm Boden einen Sieg zu verzeichnen, wie er selbst in den Tagen der Zcdlitz'schcii Herrlichkeit unmöglich gewesen wäre. Das Brandipiburg'schc PlovinzialrSchulcollcgium hat eine Verfügung an die städtische Schuldeputalion in Berlin erlassen, welche untersagt, künftighin jüdische Lehrer und Lehrerinnen beim Unterrichte in Geschichte, Literaturgeschichte und deutschen Aufsatz zu verwenden. Zugleich wird verboten, die Zahl der jüdischen Lehrer, und'Lehrerinnen zu vermehrr», sofern nicht die Ertheilnng des jüdischen Religionsunterrichtes dies nöthig macht. Eine solche Nothmcndigkeit sei nur dann anzuerkennc», wenn auf einen jüdischen Lehrer mehr als drei Cursc Religionsunterricht und auf eine jüdische Lehrerin mehr als zwei solcher Curse entfalle». Diese Berfngung bildet dni Abschluß der Verhandlungen, welche das

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