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Freies Blatt · 1895-09-15 · 180 (15.9.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
180 (15.9.1895)
Date
1895-09-15
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 180. * Frei», sic ihre Lage vcrbrffern, wenn sie nur SchumanN'S Borträge höre» und sich seine Recepte merken wollten. Ja, diese undankbaren Rheinländer werden, wie wir fürchten, cs noch so weit bringen, daß die paar edlen Antiseinitenführcr, dcS Kampfemüde, die Flinte in- Korn werfen und sich ein dankbareres Feld für ihre Thätigkeit suchen. Mit mehr Glück als Schumann gaflirtc der Anlifemitengeneral Licbermann v. Sonnenberg dieser Tage in unserer Schwesterprovin; Wrstphalcn. Wir gebrauchen hier aber da-Wort Glück im materiellen Sinne, denn von einem moralischen Erfolge kann auch hier nicht gesprochen werde», eher vom Gegenthcil. In Soest verrichtete dieser GeschäftSpolitikcr par exeellenoe bestellte Arbeit. Dort ist der Bund der Landwirthe mit dem abtrünnigen Genosien Schulze-Henne nicht zufrieden, und so wurde der vielseitige Licbermann als moderner Bileam gerufen, um gegen den in Ungnade gefallenen nationalliberalen Reichstagsabgeordneten zu wüihcn. Die Herren Bündler, die. die Reclaiuetrommel für diese Bersaiiimlnng macker schlugen, sorgten auch für den nöthigcn Beifall — darauf haben sich ja unsere Herren Agrarier stets glänzend verstanden. Ob sich aber Herr Schulze-Henne trotz dieser Versammlung bequemen wird, ihren Lieblingswunsch zu erfüllen und sein Mandat niederzulcgcn, das scheint noch immer sehr fraglich. Hat der schneidige Redner in Soest sein eigentliches Gebiet, die Judcnhetzc, nur gestreift, so war er in Münster wieder auf der Höhe antiscinitischcr Vornehmheit. Er feierte hier den letzten antiseinilischen Sieg in Waldcck-Pyrmont als das größte Ereigniß der Zeit, prophezeite seiner Partei eine große Zukunft und warf noch feinem alten System mit hochtrabenden Phrasen um sich. Aber die katholischen Hörer waren einsichtig genug, die antisemitische Heuchelei, hinter der die nackte Intoleranz steckt, zu merken und dem unverfrorenen Redner sein Verhalten in der Jcsuitenfrage vorzuwerfen. Die Wcstphalen haben harte Köpfe und vermögen die antisemitische Logik, daß Theorie und Praxis, Wort und Thal gesonderte Dinge sind, die miteinander nichts gemein haben, nicht zu capircn. In der DiScussion ging eS daher lebhaft zu, und ein Herr Rieth, seines Zeichens Bildhauer, sagte, dem „Westphälischen Mercur" zufolge: „Obgleich Herr ».Licbermann i» einer früheren Versammlung sein Wort verpfändet habe, für die Aushebung des JesuitengesctzeS zu stimmen, habe er bei dev Abstimmung zweimal gefehlt und das drittemal gegen die Aushebung gestimmt." Wer aber glaubt, Herr Liebermann v. Sonnenberg sei durch diesen Vorwurf, der an Deutlichkeit nichtzu wünschen übrig läßt, irgend wie in Verlegenheit gerathen, der kennt unsere antisemitischen Virtuosen schlecht. Herr Licbermann ist.ein gewandter Kämpfer, er weiß sich zu helfen und seine Unschuld zu beweisen. Man nuzß sich nämlich diesen merkwürdigen Teutonen so denken, daß zwei Seelen in seiner Brust wohnen. Als Mensch — so bewies er schlagend — ist er ein warmer ^Freund aller GeisteSfreihcit und steht der Aufhebung dcS JcfuitengcsetzeS sympathisch gegenüber; als armer Parteimann aber ist er leider gezwungen, seine Partei nicht bloßzustellen, und er muß daher mit schwerem Herzen gegen die vexlangte Abschaffung dieser Jesuitenbestimmungen sein Veto abgebcn. Das ist eine sehr intereffantc dualistische Philosophie, die uns Manches im Leben und Handeln dieses antisemitischen Barden erklärt. Wahrscheinlich wird cS sich mit der judenfcindlichcn Gesinnung dieses edlen Herrn ebenso verhalten. Als Mensch ist er ein Freund der Toleranz und Humanität und gönnt den Juden vom Herzen alle Freiheiten, als antisemitischer Parteimann aber ist er leider gezwungen^ gegen Juden und Judenthum zu hetzen, um seine Partei nicht bloßzustellen. EinS ist uns nur noch im Wesen dieses elastischen „Denkers" nicht ganz klar, ob er nämlich sein Leiborgan, die „Antisemitische Correspondenz", als Mensch oder als Parteimann inspirirt. Denn daS famose Blatt buhlt bald in allerhand süßlichen Redensarten um die Gunst der Katholjken, bald aber schmäht eS auf die katholischen Bürger in einem Tone, der an die selige Zeit deS BiSmarck'schen EulturkampfeS erinnert. In der vorletzten Nummer z. B. wird den Katholiken ganz wie den Juden daS patriotische und nationale Gefühl abgesprochen. Herr Licbermann würde gut thun, wenn er ist Zukunft, um Jrrthümer zu vermeiden, seinem Namen stets den specifischen Charakter hinzufügen würde, damit man genau weiß, ob der gute Mensch oder der böse Politiker in ihm schreibt und spricht. Uns ist eS nur intercffant zu beobachten, daß die in allen Farben schillernde RcligionShetzc der Antisemiten vor keiner Religion Halt macht. Die wirklich religiös fühlenden Männer aller Confessionen mögen daraus ersehen, waS sie von diesem Geiste der Zersetzung und der Unduldsamkeit zu erwarten haben. Fabius. Blatt. Seite 3 (Fahiiknweihtskst der Favoritriicr Liedertafel.» Man schreibt unS: DaS Sonntag den 8. September staltgchable Fest der Fahnenweihe der „Liedertafel" im X. Bezirke hat eine» glänzenden Verlauf genommen. Die Häuser waren prachtvoll mit Fahnen, Reisig :c. . geschmückt und herrschte allüberall eine festliche und freudige Stimmung. DaSEomitö, mit dem ehemaligen Geincindcrathc Zimmermann an der Spitze, kann mit dem Erfolge vollauf zufrieden fein. Allerdings hegte inan die ernsteste Befürchtung, daß am Festtage von Seite der Christlich-Socialen eine Demonstration stattsindcn werde. An Versuchen hat cS allerdings nicht gefehlt, doch dank der Energie dcS BczirkSleiterS wurden die geplanten rohen Ausschreitungen schon in ihrem Keime erstickt. Die Ursache, daß die Christlich Socialen diesem Feste feindlich gegenüberstanden, ist einfach, daß die Favoritcncr Liedertafel ein liberaler Verein ist und, waS eigentlich da« Gräßlichste ist, daß sich unter den 2-t Ehrenjungfraucn auch drei jüdische Jungfrauen befanden. Der ehemalige Gcmeindcrath Tram bau er und der antisemitische Bezirksausschuß Kaffeesieder Pawliczck gaben die Parole aus: dick kirchliche Feier nicht zu stören, jedoch NqchmittagS sich in Massen bcini großen Somnierfestc am Fcstplatze cinznfindc» und daS weitere Festprogramm zu stören. Der BezirkSleitcr ließ die beiden Herren zu sich rufen, crtheilte ihnen eine Verwarnung mit der Drohung, jeder Ausschreitung auf daS Energischeste entgegcnzutrctcn. Daraufhin entfernten sich die beiden Herren ziemlich kleinlaut, und — das Fest konnte ungestört abgchaltcn werden. Wer am Sonntag nach Favorite» kam, die festlich geschmückten Häuser und die jubelnde Menge sah, nnd auf seine Frage, wer denn die Veranstalter dcS Festes seien, die Antwort erhielt: „Die liberale Partei", der mußte wohl zu dem Glauben verleitet werden, daß dir X. Bezirk denn doch nicht so antisemitisch verseucht ist, wie allgemein angenommc» wird. Und dieser Glaube ist dermalen auch kein unberechtigter. DaS rüde Treiben der antisemitischen VolkSvcrhrtzer erregt bereits in diesem Bezirke iu den wcitestcix Kreisen Bedenken, und eS durften bei den kommende» Wahlen diese Bedenken entsprechenden Ausdruck finden: (Wie die Allen siinge», so zwitscherten dir Zungen.) Angesichts der rohen Gewallthätigkeitc», welche sich die anlisemilischen Zeitgenofftn 'von 20 Jahren aufwärts gestatten, angesichts der thierischen Leidenschaft, die sich jetzt an den Alten immer schamloser zeigt,'je lauter und vernehmlicher der Widerspruch von Seite aller besseren Elemente wird — darf man sich nicht wundern, wenn die hoffnungsvolle Jngend es ihren werthen'Herren Eltern nach- und womöglich noch vorzuthun sucht. Tic Falle, wo die verwahrloste antisemitische Jugend eine geradezu bedrohliche Stellung einnimmk, Hansen sich leider täglich. Am letztvergangcncn SamStag etwa um 7 Uhr Abends ging der Krankencassier Gustav Za u n e r aus Klosterneuburg durch die Anastasius Grüngaffe in Währing un.d stellte, einen etwa zwölfjährigen Burschen zur Rede, weil er gegen Paisanttu Steine warf. Da der Bursch den Eassicr beschimpfte, wollte dieser den Knaben arretiren lassen. Diese Absicht mußte er abkr ansgcben, weil mittlerweile über hundert schulpflichtige Kinder ihn umringt und mit Steinen beworfen hatten. Zauner, den die ungc;ogcnen Ran gcn für einen Juden hielten, welcher den Kn-abcn entführen wolle, mußte sich flüchten. Himer ihm her liefen johlend und schreiend die Kinder. In der Währingcistraße angelangt, eilte er auf den Rayonsposten, SicherhcitSwachmann Ezech, zu und bct diesen um Schutz. Als der Wachmann cinschritt, nahm die Kinderschaar RcißauS. Zauner setzte das Pvlizcicommissariqt Alsergrund von dem Vorfälle in Kenntniß. (Antisemitischer Boycott.) Der Fall des Mariahilfer Bürgers ' Earl Schneider, welcher von seiner GemcindcralhScandidatnr zurücktretcn mußte, weil er ansonsten von den Antisemiten boycotiirt und geschäftlich rninirt worden wäre, steht nicht vereinzelt da: die antisemitische Taktik macht auch außerhalb Wiens Schule. In Mödling erscheint ein politisches Wochenblatt, „Mödlingcr Bczirksbolc", das seit neunzehy Jahren stets die Principien dcS Fortschrittes vertreten hat. Herausgeber dieses Blattes war bisher der Buchdruckcreibcsitzer Herr Hermann Büsing; in der letzten Nummer deS Blattes aber, die vor einigen Tagen erschienen ist, thcilt Herr Büsing mit, daß er sich gezwungen sehe, von der Herausgeberschaft zurückzutreten und auch sein Buchdruckereigeschäfl auszugeben. In einem längeren, sehr bemerkenswerthen Artikel setzt Herr Büsing die Gründe dieses EntschluffcS auSeinandet. Herr Büsing schildert, auf welche Weise er als Herausgeber eineliberalen Blattes von dem Moment an verfolgt worden sei, als Mödling eine antisemitische Gemeindevertretung erhalten habe, und schließlich sei von den Mödlingcr Antisemiten ein wahres Kesseltreiben gegen ihn veranstaltet worden. „Eine zweite Buchdruckerei muß sogleich daS Vernichtungswerk beginnen," schreibt Heu j Büsing, „eine zweite Zeitung den .Bezirksboten' in den Grund >

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