Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 180 (15.9.1895)
- Date
- 1895-09-15
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 180 r e i » , sinnig, von der kolossalen Flüchenpflasttrung; sie wisicn nichts davon, daß daS Schulbudgct von 450.000 st. auf sieben Millionen per Jahr aiigcwachscn ist; sie misten nichts von den herrlichen Schulpalästcn, ren de» Amtshäusern, vom RathhauS; sie misten nichts von den großartigen Garlenanlagen, von den VolkSbädfrn; sie misten nichts non den Markrhallen, den Schlachthäusern, die gebaut wurden; sie liaben nie etwas davon erfahren, daß die Donau regulirt wurde, wo-,u die Stadt Wien ein Trilttheil zahlte; eS ist ihnen unbekannt, daß große Saninicleanälc gebaut wurden, daß die Wien, daß der Donaueanal -regulirt, daß eine Stadtbahn gebaut wird, wozu die Stadt Wien milzahlt. Das Alles wird den Wählern verschwiegen; cS wird nur gesagt, daß viel Geld ausgegeben worden sei. Wer noch einen Klinken Gerechtigkeitsgefühl in sich verspürt, den muß doch eine so niedrige, so ekle Kampsesweisc anwidern. Aber die Herren Anti- 'eiiliicn können doch Thatsachen nicht auS der Welt schaffen. Sie konnten nicht verhindern, daß die städtische Buchhaltung einen, Rechikungsabschluß für das Jahr 1804 vorlegte, der deutlicher als hundert Reden illustrirt, wie sparsam, wie vorsichtig, wie gut diese vielgci'chmähtcn liberalen gcwirlhschaftet haben, wie sie mit den Geldern der. Steuerträger Haus hielten, ohne das Nothwendigste zu versäumen. Tiefer Rechnungsabschluß verdiente an allen Straßenecken Wiens angekchtagen zu werden .zur Widerlegung der Lügen der patentirten GeiellschastSrettcr im Frack und in der Kutte, die sich schämen sollten, mit so unlautere» Mitteln zu kämpfen. Wir wollen einmal die Zistern kriechen lasten. Es wurden im vorigen Jahre u. A. verausgabt für: Tilgung der Commnualaulehe». 1,407.070 fl. Tilgung f-v AncheNS a» Tenan-Regulirungsanlehen . . . .'. 153.73.3 „ Al.tan' von Nealitäien. 351.455 „ 8:im Zireitder Errichlung von ftädli'äien Gaswerke» verausgabt 09.314 „ Dbulbauten . . 1,305.937 „ errircitfrunijvbami’ii der Hoebguelleuteitiing.1,225 748 „ v'.ui von Zainnielcanäle» läng» des ToiiaucaualS .. 427.847 „ Banic» aut dun Cemralviehmaikl. 81.315 „ vietveiterting des Eeutralsrievdoles .. 22 733 „ lTirichiung von Bolkebäder» . . .. 48 567 „ Das also sind lauter Ausgaben, welche einerseits eine Besserung der BermögenSverhältniste der Stadt, anderseits eine Verbesserung der eommunalen Einrichtungen bezwecken; sie machen allein 5,150 749 fl. aus. Und wie stellt sich trotzdem dir Jahresbilanz? Hier ist sie: ,'ju eiude des Wahres!>!>.! verblieb ein Castarcst von .... 050.986 fl. v>!t;ii an Einuahiuen l vräluumirt mit 38,471.900 fl.) emgegangen 42,941.079 „ Summe. . .43,592065 fl. Tie AtlSgabeu lvläliiniuirl mit 41,719.940 fli) betrugen . . . 40.378.094 fl. eit ergab sich io.iiit ei» lleberichuß iLnde 1894t von.3,213.971 fl. welcher Betrag als Eastarcst aut das- Jahr 1805 übertragen wurde. Alto bei außerordentlichen Ausgaben im Betrage von etwa 5‘4 Millionen Gulden ein Ueberschuß von nahezu 3*,* Millionen! Das ist doch gewiß eine schlechte, eine miserable Wirthschaft, nicht ivahr Herr Lueger? Doch hören wir weiter, wie es mit dem Gemeindegut steht. Nach dlun Inventar hat sich im Jahre 1804 der Werth des Gemeindegutcs um O.OO^tWi 0 fl. vermehrt, das Stammoermögen um 4,506.208 st. und das currente Vermögen der Gemeinde Wien um 2,424.300 fl. erhöht. DaS Vermögen in Werthpapiercn beziffert sich. Ende 1804 mit 2,7 72.'034 fl. gegen 2,277.840 fl. Ende 1.803 hat somit eine Erhöhung um 435.08.5 st erfahren. Trotz dieser Bilanz und ihren unwiderleglichen Zistern wurde auch nach Veröffentlichung derselben noch immer über den finanziellen Ruin der Stadt Wien sortgelchrien. Verdienen solche Leute, welche bewußt lügen, daS Vertrauen anständiger Wähler? . . . Doch machen wir eiiunal Bilanz darüber, was die antilibcralen Herren, Iva« die Lueger, Grcgorig, Steiner u. s. w. gemacht, waS sie geschaffen, was sie geleistet. Man ist damit rasch zu Ende und braucht keine Zistern. Zuerst g.ollen wir das Paradcpserd vorreiten, das sie in jeder Versammlung . ertubren. Es ist ihnen wirklich einmal oder zweimal gelungen, bei '.^rundverkSuscn einen höheren Preis herbeizuführen, als Magistrat ine Stadlraih beantragt hatten, das heißt, man hat einzelnen Bürgern, >reiche die betreffenden Plätze zur Arrondirung haben mußten, noch niuge tausend Gulden hcrauSgcpreßt. Sonst aber haben die Herren viele Druckbogen der Protokolle des Gemeinderathes vollgcschwätzt, was viele tausend Gulden kostete; sie haben eine Unzahl von undurchführbaren Anträgen gestellt, welche eine große Anzahl von städtischen Beauiten behusS Erhebungen, Berechnungen re. unausgesetzt in Athem hielten. waS-wieder viele Tausende kostete; sie haben zahllose Erledi¬ Slatt. gungen dringender Geschäftsstücke durch ihre Biclrcderei verhindert und verzögert, waS viele Mitbürger materiell geschädigt hat. Sie haben eifrig gegen alle die großen Arbeiten, die jetzt in Ausführung sind, geredet und agitirt, trotzdem'dadurch Verdienst — an die 90 Millionen — nach Wien kommt. Sie haben gegen die Bereinigung der Vororte mit Wien gewettert, trotzdem die Fortdauer des früheren Zustandes eine Schädigung für Alt-Wien und für die Vororte selbst gewesen wäre und letztere heute schon von den Segnungen der Bereinigung profitiren; sie haben geschimpft, gepoltert, geschrieen, mit den Fäusten die Pulte bearbeitet, so daß der Gemeinderath von Wien sein ganzes Ansehen einbüßen -mußte und nur mehr eine Hetzversammlung war. Sie haben Männer von Namen und Bedeutung in der Welt abgehalten-; in den Gemeinderath zu gehen, und dadurch ihre Vaterstadt moralisch und materiell schwer geschädigt; sie haben mehrere Monate Abstinenz getrieben, was allerdings für die Erledigung der Geschäfte ein Gewinn war; sie haben aus dem gemüthlichen Wien -eine Stadt gemacht, die heute deS schlechtesten RufeS sich erfreut; sie haben die Masten verroht und Excesse aller Art herausbeschworezi. Sie haben endlich die Gemeinde-Autonomie untergraben und deren Sistirung herbeigeführt, und jetzt — wir wollen das Register nicht weiterführen, trotzdem eS uns ein Leichtes wäre — und jetzt sprengen sie Versammlungen, Hetzen die ganze Bürgerschaft durcheinander, um im Trüben fischen zu können, benehmen sich in roher und gemeiner Weise, beschimpfen und besudeln Jeden, der nicht ihrer Meinung ist, und haben eine wahre Schreckensherrschaft in Wien etablirt, so daß bald Niemand mehr seiner Ueberzeugung Ausdruck geben darf, wen» er nicht früher „Hoch Lueger!" ruft. DaS ist die Bilanz deS Antisemitismus gegenüber der Bilanz der Fortschrittspartei — und nun wählet, ihr Bürger von Wien! Der Antisemitismus am Rhein. (Zuschrift an das „Freie Blatt" ) Köln, den 10 August. Ein neuer antisemitischer Agitator hat in den letzten Tagen die Rheinlande mit seinen rcformcrischen Ideen beglückt. Dieser neue Stern am rheinischen Firmament ist Herr Obermeister Schumann auS Berlin. Die Antisemiten haben die Theilung der Arbeit bekanntlich in genialer Weise vorgenommen, jeder Führer — und cs gibt deren gar viele — hat sein Gebiet und darf in das Reich seines College» nicht cindringcn. Die Specialität des Herrn Schumann ist die Rettung des Handwerkerstandes durch den alleinseligmachenden Antisemitismus. Der gute Herr hat herausgefunden, daß die bösen Juden ganz allein am Niedergang deS modernen Handwerks schuld sind, und - er verkündet diese originelle Theorie in allen Mundarten. Herr Schumann ist, wie man sagt, ein guter Schuhmacher, umsomehr ist eS zu bedauern, daß er die Lust verspürt, schlechter Politiker zu werden, und wenn irgend wo, ist hier der Spruch am Platze: Schuster bleib' bei deinem Leisten! Bei uns im Rheinlande hatte dieser neue Messias der Hand werker wenig Glück. Die Rheinländer scheinen den Zusammenhang zwischen Handwerk und Judenfrage, der doch so klar und logisch ist wie der ganze Antisemitismus, durchaus nicht begreifen zu können. Herr Schumann machte zuerst den Versuch, auf dem JnnungStagc der Schuhmacher in Köln den Antisemitismus einzuschmuggeln; da wurde ihm aber so gründlich heimgelcuchtet, daß er die Hoffnung aufgab, die verstockten Leute zu bekehren. Nun war er darauf bedacht, auf eine andere Weise die Scharte auszuwetzen und — seinen leeren Beutel zu füllen. Er machte daher eine Kunstreise durchs Rheinland, nachdem er sich vorher durch die Presse für allerhand Vorträge erboten hatte. In Mülheim a. d. Ruhr, Duisburg, Solingen, Düsseldorf, Elberfeld und Barmen spendete er großmüthig das rettende Wort, aber — überall mit wenig Erfolg. Die Versammlungen waren alle schlecht besucht, trotzdepi die Eintrittsgebühr in Folge der drückenden Concurrenz der eigenen Genoffen auf 20 Pfennige herab-, gesetzt war. In der Düsseldorfer Versammlung klagte der selbstlose Redner in herzerschütternden Worten den Zuhörern sein Leid. Er geißelte die Lauheit der Rheinländer gegenüber der edlen antisemitischen Bewegung und meinte: „Die Rheinländer seien christlich, patriotisch, fröhlich, wenn es sich jedoch darum handle, etwas zur Besserung ihrer materiellen Lage zu schaffen, dann seien sie nicht zu haben." O, diese Armen, die nicht cinzusehen vermögen, daß die Besserung ihrer Lage, ihr körperliches und seelisches Heil nur im Antisemitismus ruht. Und wie leicht hätten sie es! Schon für 20 Pfennige könnten