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Freies Blatt · 1895-09-15 · 180 (15.9.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
180 (15.9.1895)
Date
1895-09-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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I Freies Blatt Ado»»e»ikiiISprkiS. -ktr Oesterreich.Ungarn: i^auzjäbrig.5 Kronen (st. 2.50) Halbiahrig .3 «ronen «st. 1.50) Organ zur Abwehr des i Antisemitismus. Wcbnctioi! ii»h '.'Ibminii'Irntioii: l Ätiltrfihttt Kl. 1i -str Lagcfammte Ansland: lÄan^jätirig.6 Mark * Halb,ädrig .3 Marl 50 PI. C£T(t)C1IIt (III <r>»;el»e ülummern t; Fr. Iliilraulirte ÜJrtefe werden uiäii angenommen. gascralc werde» mit 7-lter I" Ir; >iic iio tiitrn.al gelprllene 'JIon»av;ille:.i! tcro.tina. fl.antr jfbcill Soillltagt. .«n,ei,er da» War, 1 J Ir.:, .-ui iubme ran , Jnferaten in unierer e.onrinrsiraiiau lowre >m «nnoncendure.rr, '* Iutr>. I WoUreile ». Niimmkr ISO. Wien, 15. September 1895. IV. Jahrgang. Dov der Mahl. (Zuschrift au daS „Freie Blatt".! Salzburg am 13. Liplember. Der Tag der Eiitscheidniig naht. Alles habe» sie gelhan, die nnliscmitischen Redner, um sich im schlechlesten Lichte zu zeigen! Mit Abscheu muß man sich abweuden vor einer solchen Summe von Berlogenheit, Henchelri und Rohheit. Daß nach solchen geistlosen Darstellungen und insipiden Beschuldigungen noch Einer ihnen zujnbclt, liefert ein trauriges Zcugniß vyn dem Bildungsgrade der Zuhörer! Die Pression, welche die (Sleyicnlcii (die in diesem Falle mit den religiösen Empfindungen Parteigeschäfte an bahncn) auf Unmündige üben, zeigt, wie ernst cs dem Elerus mit seiner „volksbildenden, veredelnden Mission" ist! Lin Aufschrei sollte durch die Reihen der Frommen gehen gegen das Bündniß mit der Rohheit, aber sic verlangen sich gar nicht die Achtung der Gebildeten; die Alliance mit Antisem verspricht ja bessere Früchte für ihre „christlichen" Aufgabe», und so arbeiten sie denn von der Kanzel und im WjrlhShaus, in Gebetslürmen und Wallfahrten für den Sieg der Aniisemitcn bei der bevorstehenden Wahl. Erst vor wenigen Jahren hat man Wien künstlich zur Gxoßstadt gemacht; aber eS liegt wie ein Fluch darauf, daß daS Dorf die Majorität bekommen sollte, daß die Kneipenredurr zu maßglbendcn Personen wurden! DaS Groß-Wicn ist nahe daran, ein armseliges Klein-Wien zu werden zum Gespött der ganze» Welt, mit einem politischen Ehainäleon an der Spitze, daS den Unfrieden in die Bevölkerung gebracht, der Bedeutung WienS zum Hohne. Die Heuchelei, der Gesinnungswechsel, die Berleumdung sollten Wiens Großgemeinde beherrsche»? Ja, seid ihr denn Alle von Sinne», ihr Bürger Wiens? Wisset ihr denn nicht, seit wann Wien elwaö bedeutet unter den Städten Europas? Seit das Wort gesprochen ward: „Wissenschaft ist Macht." Antisem aber ist der Feind jedes Aufblühens von Bildung, er liebt nur Haß, Rohheit, Gefühllosigkeit. Daß das „edle, goldene Wiener Herz" und daö sprichwörtlich gewordene Gcmüth deö ^Wieners ganz dahin sein sollten? Schauet doch zurück in die Geschichte, was wir Rom Alles danken! Und erinnert euch euerer Borfahren, die Stein auf Stein gelegt, daß Wien den Tag der Berfassung erleben durfte! Und jetzt? Sollte Alles in Trümmcr gehen bloß für ei» paar Schreier, die euch vorlügen, vortanze», vorbrüllen? Soll der Komödiant 'mehr Rechte auf euer Bertraucn haben als der ehrliche Man», dem seine Bildung höher steht als die Freundschaft cineö Lueger, Schneider, Liechtenstein und Eon f orten? Ei» edler, greiser Priester aus der Provinz schrieb mir vor wenigen Tagen tiefbewegt: „In meinem langen Leben bin ich auf keinen brutaleren Gegner gestoßen als den Antisem. Eben deshalb halte ich den Kampf wider diese rohe Bande als etwas Gutes. Sie stehen gleichfalls in diesem Kampfe, und ich bitte, ja nicht zu ermüden, bis dieser rohe Geselle zu Bode» geworfen. Bei uns, so glaube ich, ist das bereits znm Theil gelungen, ' wie ein Bergleich der Zustände 1887 und der heutigen ergibt. Damals trat der Antisemitismus eutschiedcn auf, jetzt verbirgt er sich." „Bei uns!" Aber die Provinz blickt eben bange »ach der Hauptstadt! Dort gibt es bald keine Beschuldigungen mehr, welchen die Liberalen, die Gebildeten nicht auSgesetzt gewesen wären. Dunimdrcist, ihres Erfolges auf der Galerie jich.r, ulnoiuii sie „Führer" der „Ehristlich- (.-ii venia \vi-Socialen" vrn Wahllocal zu Wahllecal, jr sic beten um ihren Er'.üg, -und Klosterbrüder gestalte», daß die politische Rclke, dischone, durch den Antiscinitismns jo arg befleckte weiße Blume, die heiligen Hallen schmücke! Ja, haben auch jene Priester kein Schanig.sühl mehr, obw.vhl sic der Welt entsagten für höhere, engge Gnttr? Rom und Antisem, fürwahr, ein ehrenvolles Bündnis; nii das historische Rom! Pfui! Das schmutzigste Blatt der Geschichte meiner Balnstadl,. reißt eö aus, indem ihr der Bildung, der Gesittung, dein 2..lru adcl und der wahren Stiche des Gemeinwesens euer- Stimmen - gebt und die Ruhestörer in den Staub werfet,! Zeig.t, daß . im Wiener noch ein guter Keru stickt, der nicht anaei.mit ist von den niedrigen Irrlehren der Winkel-redner und der Hefteaplane. Und denket zurück, daß es eine Stunde gab,' in d r ganz' Wie» desti cdeldcnkcndcn Menschen zujubelte, welcher das Wort „W:n>n ist Macht" an die Spitze der Bcrkündignng freier Bürg!, rechte gestellt hat! Bedenket die furchtbaren Folgen einer wicdcrtehrenörn Reaclion für alle Gemeinwesen, für die Schule, für-das giuh geistige Leben Oesterreichs. In der Achtung für die Gesetze liegt ja die wahre Freiheit; die heutige -Bewegung der Ehristlich Socialen aber verlangt die Mißachtung unserer herrlichen, humaneir Staatsgrundgesetze, verlangt die Zerstörung jeder bürgerliche» Gleichberechtigung, Mtlangt straflose Persolgung Andn-sglünbiger. und trggt auch den Feinde» der Enltur, de» Feinden der klärenden Schule Bausteine zu. Und dennoch zögert Ihr >!.:.!>> Die Wahlurne wird uns lehre», wrsf'Geistes die „Wiener e-..!d.r" sind, ob Handlanger der Erealuren jener am Mark d>s Sln.ue^ fressende» Reaclion oder freie Burger eines autonom, n -tanie, wesenS. Die Wahlurne wird -lehre», ob wir uns, rühmen dürfen, „Wiener" zu heißen, oder ob der einstige gesund. > Suin o.--..»re» gegangen sei, ob daS echte Wienerihui» n-iel»: mehr durchschlagt und ob wir vor maßloser Beschämung bewahrt r. iben dürfen oder uns beugen müsse»' den krankhaften Jnstinclen der M'assi . unter Führung gewissenloser Streber, welche eine schwache Regierung groß werden ließ, weil sie glaubte, Bollswohl lind Bolts wille seien iinmer dasselbe. Ii-ri. 'Zwei Bilanzen. Wen» inan die Berichte über die zahllosen Äulisemileiivelsamm lungen liest, so kann inan immer und inuncr wieder erfahren, wie bald Herr Lueger der Allgewaltige selbst,, bald seine Adjutanten Geßiiiann, Steiner, Grcgorig, Schneider und die große Rull Polzhoscr den lieben geduldigen Wählern erzählen, wie schlecht dic^Wirthschast dieser Liberalen war, wie eS höchste Zeit sei, daß inan sic davonjage, da Wien am Rande des BankerottS stehe, seine Finanzen total zerrüttet seien, und eS unter der Schuldenlast zusami»cnbreü,cn müsse., Bon dem, was die -Liberalen aus Wien gemacht habe», liest und hört man natürlich nichts. Die Herren Bolköverführer wissen gar nicht, daß in den letzten Jahren in Wien an communalen - Einrichtungen so viel geschaffen wurde wie in anderen alten Städten in 100 Jahren kaum; sie wissen nicht, daß eine Wasserleitung gebaut wurde, die ein Segen für Wien, ist; sie wissen nichts von der großartigen Eanali-

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