Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 179 (8.9.1895)
- Date
- 1895-09-08
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/4886575-5439167-5441672--2194-4888592- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 179. . Frei«» die Race und nicht die Religion habe treffen wolle». Zinn Thalbcstand der Be ■ schimpfung einer Religionsgemeinschaft sei nicht die Absicht, zu beschimpfen, sondern nur da» Bewnsitsein erforderlich. Der Gerichtshof habe es aber unterlasien, zu prüfen, ob dem Angeklagten dieses Bewnsitsein inncwohne. A»S diesem Grunde war d a S U r t h e i l in seinem z w e i l e n T h e i l e, a l s o i n Bezug a » f die Anklage w e g e n B e s ch i in p f u » g der jüdischen Religionsgemeinschaft au'szuhebe» und die Sache zur nochmaligen E » t s ch e i d u u g ' a » b i t Boriuftanz urückz uverweise». Tie Sache kam nun dieser Tage neuerlich zur Berbandlung und endete mit einer neuerliche» ft r e i s p r e ch u » g des aniiseiniiische» Pampblctisteu! Bezüglich der Gotteslästerung hat sich der Äerichisbos wieder aus den Standpunkt dc4 ersten, in dieser Beziehung auch .vom Reichsgericht gebilligte» frei' sprechenden Erkenntnisses gestellt, indem er auch diesmal eine Gotteslästerung nicht für vorliegend erachtete, da es an jeder direct beschimpfendeu Aufdrucks weise in dem Artikel fehle. Soweit dem Angeklagten eine Beschimpfung iderjüdischen Religionsgesell schast zur Vast falle, so sei der Artikel allerdings geeignet, die Einpfiildiingen der jüdi'chen ReligioliSgeselljchast zu verletze», aber in dieser Beziehung gehe der Gerichtshof davon auS, daß zu einer Beschimpfung eine gewisse Rohheit des Ausdrucks gebäre. Richt eine jede, wenn auch herabwürdigende herbe stritik soll nach dem Gesetze strafbar sein, sonder» nur diejenige, die diirch die Rohheit der ftorui die-Absicht der Beschimpsung bekunde. An derartige» rohe» Ausdrücke» der Belchimpsung fehle eS aber in dem Artikel. Wenn her Berfassec daS überhaupt sage» ivollte, was er gesagt hat, so hätte er sich in einer andel-cn ftorm kau», auSdrücken können. Ter einzige beichimpsende Ausdruck könne i» dem' Worte „Pöbelvolk" gesunde» werden, der Gerichtshof sei aber der Meiiiung, dasi sich dieser Ausdruck nicht aus die heutigen Juden, sondern nur aus eine» entarlelen Theil der Juden a»S früherer Zeit beziehen solle. Hienach entfalle der Thaidestand deS 8 UM. Wollte inan aber selbst von dieser durch zahlreiche 'ReichSgerichtSerleuntnisse gebilligten Ansicht abgeheu und annchme», daß auch durch inhaltlich beichimpsende Be- Häuptlingen die Beschinipsuug einer ReligionSgeiellschast erfolgen lau», so tei die ftrage, ob her Angeklagte den Artikel in diesem Siyne verstanden hat. Ter A» geklagte behauptet, dasi er nur die jüdische Raceugesellichakt habe treffen wolle», und diese Auffassung erscheine nicht nnglaubhasl. Takür spreche auch ei» gewisser logischer ftehlcr'iu dem Artikel: dieser stelle zuerst die ftrage ans, ob der Ted Alexander» III. ein talnnidiiche» Berbrechcn sei, und schließe mit der Bemerkung, daß die beide» behandelten Aerzte alleidjngS Racenjudeu gcivese» seien, aber der ' jüdische» ReligionSgcsellschast nicht mehr augehörte», sondern idiöir in der Kind heit gelaust seien. Tie semitische Race'sei aber st rasgesetzlich nicht geschützt n»d könne daraushiu ebensowenig Anspruch erbeben, wie die Gesammlheit der Ebristen, soweit sie nicht als RcligionsgeseUschaft in Betracht lomnie. TaS Strafgesetzbuch wolle nur die religiöse» Gefühle schützen, und da dem Angeklagte» zu glaube» sei, dasi er diese nicht verletze» ivollte, so sei aus ftrcisprechung erkannt tvordcn. (Erweiterung der Boycottirniigs-ftoriilkl.! „staust nicht bei Juden!" —' lautete ursprünglich die BoycoitirnngS Formel der Antisemiten. S ie wurde aber allmälig erweitert, und daS hiesige Organ der Christlich Socialen gab, »>» auch liberale Christen zu schädige», die Parole and: „.staust nur bei Gesinnungsgenossen!" Run meldet sich Herr Ä a j » » k c, der ehemalige Redacteur der „Germania", und empfiehlt dcn Vewrn ' der „Schlesischen Polk Szeitnng": „staust nicht bei Heiden, Jude» und Protestanten!" Tie „Rational zeitung" bemerkt hiezu: „Tie statholiken sind in Teutschland eine Minderheit: iven» die Heiden, Jude» und Prolestanten de» Spieß umdrehen wollte», so 'tonnte die» für sehr viele .statbotike» recht nnangenehin werden " «Ans nach Egypten!) Der Text zum 17. „Bilderbogen" des Herrn Glösi in Dresden enthält de» Vorschlag: Die Juden iolleu nach Egypten abgeschobe» und zugleich die jüdische» Millionäre verhalte» werde», alle europäischen Schnldtitel Eguplens mit baarei» Gelde abzulösen. Herr Glösi scheint zu de» ungeduldigen Gläubiger» des-sthedive zu zählen, und cS lvürde »nS ziicht überraschen, ivenn A h l iv a r d t sich den Glösi'schen Vorschlag aneignen und' im deutschen ReichSlage mit deiii'clbe» an den Reichskanzler herantreten sollte. '■ tZnllt Attentate im Hanse Rothschild.) Wie jeder ZeitungSlcscr weifte wurde der Secretär des Bankhauses Rothschild in Paris, Herr I o d k o v i tz, beim Oefsiltn eines an Baron Alphon» Rothschild gerichteten Briese» schwer vertetzt, da der Brief zwischen zwei Äartenftreise» Sprengstoff enthielt, lieber.dieses Attentat äußerte sich Truinonl'S „I.i>>re I'arolo" in der belaiimen cynischen Weise: „ES ist tröstlich für »NS, dasi der mächtige Baron abwesend war. E» sind jetzt zwei Jahre her, dasi er durch ein Schroikoru, natürlich ein antisemitisches, das rechte A»ge verlor, es wäre schrecklich, wenn er jetzt durch eine Qnecksilberbombe da» linke eingcKrsit hätte, wo er so viele Minen diese» wunderbare» RketallS besitzt. Ta» berechtigt.ihn, aus ein anderes Schicksal zu hoffen." —’-r-- Blatt. Seite 9. j-cuiUctan. In A di t uiuS a n n. Hornau aus Polens Povjrit ' von , (fnrl (Driot. '-**i .V'rliVt'im.].! E i n u n d zw a n; i gst c s Eapitcl Als König BolcSlaw mit seinen'wenigen (iietrenen »otngcdrungen Kiew vcrltcß, waren die abtrünnige» -Edlen bereits nach Sirakau gekomme». Bis hicher waren sic vereint gewesen; von jetzt ab führte ihr Weg jeden Einzelnen von ihnen »ach einer anderen Richtung., Sic trennte» sich und zygcu mit ihren Reisigen ihrem HeimatSortc zu. Auf der Burg Rodec war derSchloßhcrr gerade zu fcstlichc», (i'dngc angclangt; da halte sich bei seiner Antunst der Burgbewobner panischer Schrecke» bcinächligt: und als der. Ritter mit dem blauten Schwerte in der drohend cmporgchobekic» Rechten in den Sveiseiaal hineinslürzte — der Eingang war ihm leicht geworden, da sich die Bewohner ganz sicher fühlten und die Burg nicht bewacht war — da fuhr er entsetzt zurück und mit weit offenen Augen stierte er vor sich hin, um sich zu vergewissern, dasi dies Alles da vor seinen'Augen wahr und kein trügerisch Blendwerk seiner wildcrregten Sinne sei. Der große Saal war festlich geschmückt, Blumen und Guirlanden hingen hui dcn Wänden herab und zierten / die Cf »traben, rauschende Musik ertönte und Helles, Aachen und fröhliche S-elierzredcn mengten , sich mit dem Klirren der seingcschlifsencn Pokale. Eben jetzt hatte einer der Anwesenden etwas über dcn Tisch hin gerufen, worüber die ganze Tafelrunde in schallendes (Gelächter auSbrach, aber,daS Vachcn erstarb ihnen in der Sichle, als plötzlich der alte Edelmann dasland mit dem drohend gezuckten Schwerte i» der Rechten. . Er selbst aber traute seine» Augen nicht: war er wirklich in Rodec, daheim ans seiner bäterlichcn Burg, auf dem Stammsitze seiner Ahne», und narrte ihn nicht ein böser Traum, und waren Jene, die da wohlgcmuth und laut, lachend an der Tafel saßen, waren dieS wirklich und wahrhaftig seine züchtigen Töchter? Und gaukelte ihm seine erhitzte Phantasie nicht bloß ein Schrcckbild vor, -und' waren jene Männer, die sich um die Edelfränlcin bemühten, waren dies wirklich und in der Thal nicljkS Anderes denn seine — Sclavcn, seine leibeigenen, die eS Nie gewagt hätten, in Gegenwart der Herren die Augen aufzuschlagcn, geschweige denn 'mit ihnen 'am selben Tische zu sitze» und mit den Edelfräulein zu schäkern und vertrant zu ihn»? Sic waren cS wirklich, und dcn Fräulein schic» eS gar nicht so Unbehaglich in dieser Gesellschaft, denn ans ihren Wangen lag die Röthc der Freude auSgcbrcitet, die denn freilich jetzt verschwand, als der Baker mit wildem Fluche auf sie loS stürzte. „Holt' und Teufel! Haust man so aus Rodec? Ihr ehr und zuchtvcrgcssencn Töchter! Trauert ihr so um die Trennung-vom Baker und war-euch dies nur ein billiger Borwand, wüste Gelage zu . feiern und alle Zucht und Sitte hintanzusctzen? Grauteuch nicht vor euch selber? Wünscht ihr nicht, dasi sich die Hölle aunlnte und euch vom Erdboden vertilge mit euren schändlichen Buhlen." Und wie ein Rasender war er aus die Sclave» loSgestürzik und halte zum wuchtigen Streiche das Schwert erhoben, aber da'warf sich ihm eine seiner beiden Töchter an die Brust, während sich! die Andere vor de» Bedrohten hinstellte, um ihn mit ihrem, leibe zu schützen. „Batcr, Bater!" riefen'sie, „berührt ihn nicht, schonet sic! Ber zeiht unS und ihnen, denn cs sind Euere Söhne! Wir haben^.unS ihnen ehelich verbunden!" , „Ha, ha!" schrie wnthenlbrannt der -Grai, „ehelich verbunden die Fräulein von,Rodec! Und die hündischen.Sclaven meine Söhne! Tic Söhne deS Grafen von Rodec!" Und er schüttclic sie von sich ab. „Jaromir von Rodec hat keine Rinder mehr! Geht zu euer» Sclavcn — ich aber gehe zu meinem König!" Und schleunigst gebot er seinen Mannen -wieder ausznsitzcn, und zurück ging's in jagender Hast gen Krakau hin- » ~ * Es mar Rächt geworden und' Bogdan von Oswiclice unbemerkt von dcn Schloßbcwohnern vor LSwiclicc augckommcu; er hatte aiz.- fangs in rasender Eile den Weg zurückgclcgt, und das wilde Feuer, daS in seinem Herzen brannte, beflügelte seine Eile und trieb ihn an, zu immer schnellerem Jagen; zuletzt' aber, als er mit seinem Troß in 4f