Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 179 (8.9.1895)
- Date
- 1895-09-08
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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(s/ Nr. 179 Seit« 10. Freies Blatt. die '.WitK her Burg gelangte, da verminderte sich seine Hast, und langsam und schleppend wurde auch der Gang seines Rostes, das die Luftigkeit seines Reiters verspürte. ' Bogdan war lange nicht in Oswielice gewesen, und beim Anblick fr’r > eimattichen Stauern, beim Anblick des geliebten LrteS schnürte eS :l :;! das Her; zusammen, und wie mit eisernen Klammern umspannte es sein Gehirn. Hier batte er seine Kindheit verlebt, hatte die Jünglingsiabre mit kriegerischem Spiel und allen ritterlichen Künstenverbracht, und von hier war er einst hinauSgezogen, das Her; geschwellt in srendigem Stolze, seine erste Waffenthat;u verrichten an der Seite seines Fürsieu — und dann mar er ausge;ogen — und heißes Emvsinden batte seinen jugendlichen Sinn durchglüht — sich die Braut;u bolen, die zukünftige Genossin seines Lebens. Wie hatte er seinen König verehrt und sein Weib geliebt! Und wie hatten sie es ihm vergolten .— der verehrte König und das geliebte Weib! Lernichtet batten ne all »eine stolzen Hoffnungen, geschändet seine makellose Ehre, in den Staub gezerrt, mit Füßen getreten seinen reinen Namen. Und KSt 'eilte er diesem Weibe gegenübertreten, sollte sie Wiedersehen und das Kainszeichen der Berbrecherin aus ihrer Stirne lesen nnd sie vor den Untergebenen noch als Herrin bebandeln. Und Alles empörte sich in ''einem Innern bei diesem Gedanken, und nein! nein! rief es in ibm. nein, ich kann nicht ruhig bleiben bei dem Anblick der Berrätberin! Ich halte mein Blut nicht mehr in Banden, wenn uch ihrer nur gedenke! Ick», baffe ne, und sie falle meiner Rache zum Impfer! Cb! nnd wenn ne die bündischen Selaven entehrt und die Stolze g.iitält und ihren Hochmuth vernichtet hatten, wie. wollte er triumrl'ire»! Und wie ivollte er dann der Zerknirschten, die in ihm ihren t'utter begrüben würde. Alle/ inS Angesicht schleudern, ihr die scheinli.-:lige Larve, mit der ne ibn zu täuschen verstanden, abreißen und der schamlosen das Wort entgegenschleudern, das sie vernichten mußte: Ehebrecherin! In siegender Hast ging's weiter, und binnen einiger Minuten bftanten ne sich im Hofe der Burg von Cswieliee. Einen Moment beschattete Bogdan die Augen mit der Hand, dann spornte er mit lautem Rufe seine Krieger und stürmte in das Innere des SchloneS. Iäb wie ein tosender Donner traf es die aus dem Schlafe. Aufsabrenken. ,*veinbe in der Burg! Ueberrumpelt! Im Schlafe überfall.»! Tödtlicher Schreck aber fuhr in ihre Glieder, als sie in dem Eingedrungenen den Burgherrn erkannten. Run gnade uns Gott! Denn von Bogdan, daS wußten sie nur;n gut, hatten sie keine Gnade zu erwarten — und das schrecklichste V-j-j harrte ihrer! Und dem war auch so. Bogdan hatte seinen Kriegern Besebl gegeben. Niemanden;u schonen. Alle niederzuhauen. Alle, nichts' von der höllische» Selavenbrut sollte geschont werden; Männer und Weiber. Alle sollen seiner Rache zum Opfer fallen — aber ließ nch von den zitternden Selaven den Anführer nennen, deiilenigen, der den Ausrubr angezettelt und den Samen der Emirvung in den geknechteten Hundeseelen gezeitigt hatte. Diesen wollte er selbst tüchtigen: vorerst aber wollte er ihm das Geständniß erpressen, was mit Eusebius, seinem getreuen Burgvogt, geschehen, und dann;n FroSwitba! Und daS Blut hämmerte in seinen Schläfen, als er stch jetzt dem Anführer der rebellischen Bande gegenübersäh, der nch die Herrschaft über die Anderen angemaßt hatte seit jenem Tage der Empörung. Was würde er hören? „"'nabe, Herr! Gnade!" wimmerte der Sclave, sich Bogdan zu Mißen werfend, „wir dachten Euch im Kriege gefallen . . ." Und wolltet selbst die Herren spielen!" hohnlachte Bogdan, „nun, >- weit ist's gottlob noch nicht gekommen, und ein Sclave wird ein „Lire bleiben, und sein Herr fein Herr, so lange die Welt besteht! Aber jetzt sag': wo ist.Eusebius?" ..i^nade, Gnade!" ' ..Wo ist Eusebius?" schrie Bogdan, „antworte, Hund, oder ich » 'vfe dir die Antwort mit glühenden'Zangen aus dem Leibe reißen!" Herr nnd barmher;ig!" wimmerte der Elende, „Eusebius ist . . ." .e-di!" schrie Bogdan wild aus, „Ihr habt ihn ermordet!" ..S!d barmherzig, Herr!" ..ü;-art Ib,r barmher;ig, als Ihr meinen armen, getreuen Eusebius mmdeeetb" ..Habt erbarmen, Herr!" winselte der Sclave, den die Todesangst lahutte, „rer’cftont mein Leiben und ich will Euch Alles berichten, wie es iich rugeiragen an jenem Unglückstage, und ich will Euch hinfort treu und ergeben sein mein Leben lang!" . „Erzähle!" gebot Bogdan barsch. „An dem Abend, der jenem Tage folgte, halten sich.einige der Unseren volltrunken einem Mädchen genähert, der Deutschen Gertrude, und hatten ihr zärtlich gethan — und darob entspann sich ein Streit; Andere, denen die Jungfer auch gefiel, wollten sich ihrer gleichfalls bemächtigen, da aber kam der Bogt und entführte listigerweise das Mädchen und verbarg es in dem Thurm, und am nächsten Tage fand man seinen Leichnam zerschellt vom tödtlichen Sprunge in die Tiefe. Jene aber, die nach der Deutschen lüstern waren, sielen über Eusebius her und — Gnade, Herr! — ermordeten ihn." „Und — die Herrin?" entrang es sich jetzt mühsam BogdanS Lippen. „Die Herrin?" frug erstaunt der Sclave, „die Herrin entfloh, noch' ehe einer der Sclaven es gewagt hätte, sie zu berühren. O! Die Herrin, die hätten wir Alle hochgehalten, und keiner von unS hätte eö gewagt, sich gegen sie zu erheben, ja, aber ein junger Edelmann, den Niemand kannte, entführte sie, und seitdem ist ihre Spur verloren!" Bogdan stand wie vernichtet. Froswitha fort, und mit wem? Unmöglich konnte es der König selbst sein, da dieser ja zu jener Zeit in Kiew weilte. Etwa ein Abgesandter des Königs, der von Froswithas Gefahr vernommen? Nein, der Könjg lag ja in den Banden der schönen Jüdin und hatte Froswitha längst vergeste». Wer um Alles in der Welt mochte ein Jntereste haben, sie zu retten? Wer? Und da fiel es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen, wer apders als jener Milchbart, jener Conrad! Ja, so war es: Conrad hatte von der Gefahr vernommen, in der feine Liebe schwebte, und war herbeigeeilt, sie vor der Schande zu bewahren, das Weib eines Sclaven zu werden! Ob er wohl wußte, jener lächerlich keusche Junge mit dem Mädchengesicht, ob er wohl wußte, daß er eine Ehrlose gerettet, eine Ehebrecherin? Wer weiß',' vielleicht hätte er sie dann von sich gestoßen mit seinem dummen, kindischen Ehrgefühl. Was küuimert's ihn? Sie war fort und vorderhand seinem Arme unerreichbar. Aber er wollte sie dennoch auffinden, und dann wehe der Ehrlosen — und ihrem Beschützer! Sein Fuß stampfte zornig auf den Boden, und ein wilder Fluch kam über seine Lippen; da streifte sein Blick den vor ihm knieenden Sclaven. „Ja, ich habe dir- Gnade versprochen," stagte er mit höhnischem Lachen, „nun, mein Wort will ich halten. Deine Spießgesellen, mein Freund, werden gehängt. Du aber sollst — von meinem Schwerte fallen — und das ist doch eine hohe Gnade, wenn eine solch' verworfene Hundeseele von einem ritterlichen Schwerte ins Jenseits befördert wird!" „Gnade, Herr! Gnade!" kam es röchelnd auS der Brust des zu Tode Geängstigten, und kalter Schauer schüttelte seine Glieder. „Gnade, ich will..." — aber da sauste Bogdans Schwert auf sein Haupt nieder und der Sclave wälzte sich in seinem Blute. Bygdan aber wandte sich mit Ekel von dem gräßlichen Anblicke hinweg. Lautlos, mit wankenden Schritten ging er nach den Gemächern hin. Hier war es ängstlich stille, und eine dumpfe Luft herrschte in dem Naume. Bernichtet sank er in einen Lehnstuhl und stützte daS Haupt izi beide Hände. DaS war fein Heim und dies hier fortan sein Leben! Er stand auf, und die Fensterflügel weit' aufreißend, ließ er die frische, klare Frühlingsluft herein. Trostlos glitt fein Blick über die weite, wogende Fläche unter feinen Füßen hin, bis er dann an einem Sterne haften blieb, der friedlich und ruhig leuchtete — friedlich und ruhig — das war vorbei I Für ihn gab es hinfort nur Dunkelheit und Kampf und ewige Nacht! Bogdan von Oswielice hatte von nun ab nur einen Gedanken: Die Rache! (Fortsetzung folgt i Siteratur. Vom „Pionitter", der treffliche» Berliner Zeitschrift für Volkswirtschaft lichen und sittlichen Fortschritts für Schulwesen, Hygiene und Medtcinalreform, liegt uns die am 22. August erschienene Nummer 16 de« XI. Jahrgangs vor. Dieselbe bat folgenden Inhalt: Freiherr v. Broich. — Eine neue Bolkswirthschaftslehre, eine neue Staatskunst. — lieber die keimtödtende Wirkung des Torfmulls. — Ein Abend — nicht im Restaurant. Bon Ma/ T r u d j e tt. — Betrachtungen eines Schmutzseindes. Bon Eugen I s o l a tt t. — Von der Ausstellung hygienischer Erfindungen. — Stimmen bjr Presse über schwebende Handwerkerfragen. — Kleinere Mittheilungen. — Gesundheitssprüche. — Büchertisch. Briefkasten. C. N., Schladmina. Wir werden Ihrem Berichte über den Radau der antisemitischen Buben Raum geben, sobald wir un« noch näher informirt haben.