Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 179 (8.9.1895)
- Date
- 1895-09-08
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Freie» Blatt. Nr. 179. Seite 4 liberaler Seite direct oder indirect empfangen haben. Dieser Antrag ivurde einstimmig a n g e n o nt nt e n, und plle Ansschußniitglieder bekräftigten mit ihrem Ehrenworte, weder Geld noch Geldeswerth von den liberalen erhalten;n haben. Auf Intervention des Rechtsvertreters des „KvnicnSkn" -Vereines nannte Schneider den ermähnten Redacteur Einer! als denjenigen, welcher von Dr. Richter die 2000 fl. erhalten baden toll, wogegen Einen behauptet, niemals mit Richter verkehrt tu haben. Damit ist das Wahlmanöver der Antisemiten wohl als . solches bloßgelegt. — Wie die Tschechen auf der einen Seite dem „deutschen Mann" Lueger das Heergefolge versagen, so versüßen tbin in anderen Bezirken die Deutsch-Nationalen gründlich das Leben, worin eS. ihnen die vom Antisemitismus genesenen Kleingewerbe- , treibenden womöglich noch zuvorthuu. Der Abfall der Kleingewerbetreibenden trifft den erbgesessenen Vertreter deS „kleinen ManneS" wollt noch härter als die Apostaste der Tschechen. In seinen Persaminlniigen gießt er die ganze Schale seines Unwillens über erstere aus und nennt ne eine Bande abgestrafter Anarchisten, Spitzbuben, Leute, die auf alle mögliche Weise Eoncurs gemacht haben, die in daS Slra'htlitS gehören u. f. w. Damit dürfte er sich die abgefallenen Heerichaaren aber kaum wieder zurückerorbern. In einer am 3. d. M. abgehalieneu Versammlung der freisinnigen EKwerbetreibenden erhielt er aut seine Beschiiiivfungen eine unzweideutige Antwort. „Dr. Lueger" — sagte der Schuhmacher Marschall — „bat die freisinnigen (Velvet betreibenden Lumpen und Spitzbuben genannt:'das ist eine Pauschalrerdächtignng! Ein Mann, .der mit solchen Schimptworken eine ganze Ela'ke von Bürgern beleidigt, darf nicht Bürgermeister von Wie» werden, i Stürmischer Beifall.) Ein solcher Mann kann nicht die i'Vammtbeit vertreten, denn er tst Barteiniann bis auf den letzten Blutstropfen. Die Gewerbetieibcnden 'wären ihm schon recht für seine dunklen Zweite, aber die freistnnigen unter ihnen kann er nicht brauchen, darum beschimpft er sie Auch Dr. Panai ist von den ^ewerbetreibeudeu in den ReichSrath gewählt worden, doch im Abgeordiieteiiliaii'e vertritt er nur die Interessen der Feudalen, der.Erbtiil rer «Rufe: Stablbad! Er ist für den Krieg eingetreten; ist das' vielleicht eine Vertretung des Geiverbesiandes? : Stürmischer Beifall.) AIS im Rathhause von der Altersversorgung der Kleingewerbetreibenden die elf,-de war, da bat Dr. Lueger verlangt, daß jeder Kleingewerbetreibende 2':0 f[ Vergebe Sonst nennt uns Lueger die ärmsten Teufel, die reu den Juden ganz äuSgcbeiit'et nnd. Bürgermeister will er werden, hinauf will er kommen, aber für uns wird ei nichts tliun. Der Abfall in Währing zeigt, daß Dr. Lueger bereits von 'einen eigenen Anhängern erkannt wurde." Auch noch anderwärts haben sich die Gewerbetreibenden — ja sogar., die clericalen unter ihnen — in den letzten Tagen ähnlich über die antisemitische Bewegung auSgeivr. chen. WaS Wunder, wenn die Antisemiten mit allen Mitteln derartige Kundgebungen zu vereiteln suchen, und wenn sie es dahin brachten, daß neulich eine Bersainmlung der CKwerbe- ' iieibenken in eine regelrechte Keilerei auslief. Welches unter diesen Ilmstäiiden der Ausgang der Wablcampagne feixt wird, läßt sich beute gar nicht sagen. Jedenfalls wirft die Wahlagitation bereits trübe Schlaglichter aüt den Charakter des noch ungeborenen nächsten Geineinderathes. Interessant ist in dieser Richtung, waS Dr. Richter dieser Tage in einer Wählerver'ammlung der inneren Stadt erklärte. Tie fortschrittliche Bartei, sagte er, werde mit allem Ernste und ihrer ganzen Kra't. .in die Bewältigung der großen Aufgaben der nächsten Zukunft schreiten, ste werde aber, wenn die (Regner jede ersprießliche Thätigkeit verhindern 'und kte Arbeit durch den svNeniatiich vorbereiteten Hader wie bisher . 'ibteit werden', keinen Anstand nehmen, das Feld gänzlich z n t a ii m e n n n d denen die Verantwortung für die ,1 c l g. n v» überlafielt, Mir wclche d er Kampf bis äut's .M e'' e; und d ie Verdächtigung auch der ehrlichsten A : bei: eine Eri st e ii; b edingn n g i st. T ieses letzte und energischeste Mittel werde auch Sein Blindesten die Augen ö'fnen. Hoffen w:>. daß die','s äußerste Mitiel nicht nöthig wird. Tic Arbeiter wtvcr'ütc Christlich Socialen.« Am 2. d. M. :■■■'. ifMitcte die 'ocialdemokraiische Bartei in Währing eine Bolks- >'rm.uitg, in welcher Frau B o p v D w o r z a k über daS Thema: tb'.istk ch 'ocial oder Social demokratisch" referirte. Die Bersaniniliing ist eerdentitch stärk besucht, und es hatten sich auch viele Anti- 'cm:'.!, uns nnabi äugige Socialisten eingefiiiiden. Frau Popp-Tworzak l; te di, Äiisti : .iiiugeii der Antisemiten, sich unter der Arbeiter- 'che.'k einen An bang zu '«Hanen, als völlig aussichtslos. Die ehrlichen Männer der Arbeit >'e:en iiir fie Reaction nie zu gewinnen, wohl aber werde dtc-e allw.alig auch dir Heersolge der Kleingewerbetreibenden verlieren, welche endlich :ur Einsicht kommen müssen, daß sie die Ehristlich-Socialen nicht retten werden. Es sei unwahr, daß der kleine Mann durch das „jüdische Capital" zugrunde gerichtet werde. Der Erzbischof von Olmütz besitze. 31 Brauereien und 9 Brennereien; zahlt er aber seine Arbeiter beffer als die jüdischen Fabrikanten? (Rufe: Noch schlechter!) Man erhebe gegen die social-denwkratischen Arbeiter den Vorwurf, daß sie ihren Verdienst in die Schnapsboutiquen tragen.-'Wenn dies aber wahr sei, wer zieht daraus den Vortheil? Die hohen Herren, welche als Führer der Clericalen und der mit ihnen alliirten christlich-socialen Partei fungiren und mit dem Schnapsbrennen vorzügliche Geschäfte machen. Nach diesen beifällig aufgenoinntenen Ausführungen forderte der Vorsitzende Bäudler die anwesenden Christlich-Socialen auf, ihre Principien zu vertheidigen, und erklärte, daß er ihnen vollste Redefreiheit garantire. Trotz dieser Zusicherung verließen aber die Christlich-Socialen das VersammlungSlocal, waS den Vorsitzenden zu der Aenßerung veranlaßte: „Also so sieht es in Wahrheit mit dem Muthe der Herren Christlich-Socialen aus. Hinter unserem Rücken — wenn sie unter sich sind — schimpfen sie; wenn 'fte aber uns ins Angesicht für ihre Grundsätze einstehen sollen, laufen sie davon!" (Tcr Kampf gegen die Antiseinitcrei im Gewerbe.) Beider am 4. d. M. stattgefundenen Wahl in der G a st w irth gen ossetisch a ft wurden trotz der maßlosesten Agitationen der Antisemiten dennoch - die Candidaten der freisinnigen Gcwerbepartei mit großer Majorität wiedergewählt. Die Unterlegenen machten ihrem Unmuthe über diese Niederlage durch turbulente Straßenexcesse Luft, weshalb es zu mehrere» Verhaftungen kam. In einer am gleichen Tage abgehaltenen Versammlung der Fleischhauer, welche rein unpolitischer Natur war, kam es zu heftigen Zusammenstößen zwischen Antisciniten und Freisinnigen, indem sich ein Theil der Fleischhauer dagegen verwahrte, daß durch den in der Leopoldstadt von den Antiseuliten candidirlen Vorsteher Hüttcr antisemitische Ansichten in das Gewerbe gelangen würden. lTcr Füll öaznicka.) Der Obmann des sattsam bekannten BoncoltirungSvereines „Christliche Familie", der biedere Tischlermeister, und mehrfache Hausbesitzer Anton Laznicka wurde wegen Diebstahls zu drei Tagen Arrests veru rth eilt. lieber die Verhandlung, die vorige Woche vor dem Bezirksgerichte Hernals stattfand, liegt folgender Bericht vor: t Tie Anklage beruhte auf Angaben, die der Lohn deS Hernalfer Polizei- Iü'pectorS Alois Prtnik der 'Polizei gemacht hatte. Tenselben zufolge hat Anton Laznicta am 16 Juli d. I. von der Steinergasse in Hernals dreizehn Pflastersteine, die der Commune Wien gehörten, i» den Hofraum feines Harnes sortgeirageii, wobei ihm eine, ieiner Lehrburschen behilflich war. Tie Coniiniiiie Wien erlitt jedoch keinen Schaden, weil die Pflastersteine zwei Tage nach erftatleter Anzeige über Reelaination des städti'chen Ingenieurs Wilhelm Poit ins Eigenlhnin der Commune ziiriickgestellt wurden.' Ter Angeklagte, dam der „Arier" Tr. Ioief Porzer al» Beribeidiger zur Seite stand, bestritt zwar, die Steine iell'ü von der Straße forlgelchafft zu habe», gab jedoch z», daß er den Lehrling beanitragt babe, zwölf Pflastersteine von der Straße in den Hofraum 'eines Harnes zu schaffen, wozu ihm jedoch von einem Manne, den er nicht näher kenne, die Erlanbniß ertheilt worden sei. Tiefen Mann, beinerkie der Angeklagte, babe er nach seinem Aeiißern für einen Polier oder für einen Pflasterernieister halten können. — R i chter szuni Angeklagten): Bei der Polizei gaben Sie an, daß Sie bezüglich dieier Pflastersteine mit einem Manne unterhandelt haben, der bei der Straßenpflasternng beschäftigt war, also mit einer Person, die ein Arbeiter nnd nicht etwa ein Polier oder gai; der Pflasterermeister >'elbst wäre. — Angeklagter: Es war ein beffer gekleideter Mann, der nicht selbst Hand angelegt hat. Ich wenigstens habe ihn für einen Polier oder einen Pflasterernieister gehalten. — S taatsanwaltschaftlicher Functionär kznni Angeklagten): Zn welcher Tageszeit wurden die Steine sortgeschafft? — Angeklagter sansweichendl: Ich war nicht zu Hanfe, als mein Lehrling die ' Steine ins Hau» schaffte. Später ei fuhr ich, daß es zwischen 9 nnd 10 Uhr Abends'getchah — Ter Zeuge Alois Prtnik gab an, sei» College Carl .stom - bold babe ihm am 17. Juli von diesem Diebstahl erzählt mit dein Bemerken, er niiiffe dies 'einem Pater, der Polizei In!pec!or ist, mittheilen; da sein Pater nicht z» Hanse gewesen sei, habe er direct die Anzeige erstattet. — Dr. Porzer l znin Zengen): Welches Interesse hatten Sie denn, die Anzeige zu erstatten? — Staatsanwaltschaftlicher Functionär: Es ist ja nur löblich vom Zeugen, daß er die Anzeige erstattet hat. — Auch a» den Nächsten, Anion Schmidt, der den Lehrling Lazincka's bei seinem nächtlichen Treiben beobachtet hatte, richtete der Bertheidiger die Frage, weshalb er dies weiter erzählt habe. — Der städtische' Ingenieur Voit sagte aus, daß von den am 16. Juli fortceschafften Steinen nenn alt, und drei neu sind Der Werth der Steine betrage im Ganzen 3 fl. 80 kr. lieber Befragen de» Richters gab Herr Voit an, .daß die Steine am 18. Juli, also nach erstatteter Anzeige, zurückgestellt wurden. — Richter: Wie erfolgte die Rückstellung? — Zeuge: Al» ich vom Diebstahl