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Freies Blatt · 1895-09-08 · 179 (8.9.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
179 (8.9.1895)
Date
1895-09-08
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Seite 3 Nr. 179. - Freie (Tie Wahlbewegung.) Officiös verlautet nun, daß bereits der Termin für die GcmeindcrathSwahlcn fcstgcstellt fei und dieser Tage zur öffentlichen Kenntniß gebracht werden wird- Der Termin ist für den dritten Wahlkörper der 17. September, für eine eventuelle engere Wahl der 21. September; für den zweiten Wahlkörpcr der 2.'!. September, eventuelle engere Wahl der 25. September; für den ersten Wahlkörpcr der 20. September, engere Wahl 30. September. Tie Wahlagitation schreitet indcß auf allen Seiten rüstig vor und hat, was Heftigkeit betrifft, bereits einen Grad erreicht, der laui» mehr Überschritten werden dürfte. Mit welchen Argumenten die Antisemiten ihre Gesinnungsgegncr widerlegen, das zeigt der Bcrlauf einer Wählerversammlung, welche der Ausschuß deS Demokratischen Wähler- Vereines am 2. d. M. in Neu-Margarethen veranstaltet hatte und auf deren Tagesordnung ein Referat über die Sonntagsruhe im Gemischtwaarenvcrschleiß vom Handelskammerrath Z i in m e r m a n n, zowie die Besprechung der bevorstehenden GcmcindcrathSwahlc» stand. Lange vor Beginn der Versammlung aber waren weit mehr als 2<>0 Antisemiten erschienen, denen kaum 70 thcils der demokratischen, theils der freisinnigen Gcwerbepartci augehörende Personen gegcuüberstandcn. Handelskanimerrath Zimmermann wurde bei seiner Ankunft von zwei Individuen insultirt, die ihm zuriefcn: „Heut' werden mir' z'sammwachsen, heut' kommt'S noch zu was in Margar'ethcn!" Der Vorsitzende Bitza cröffnetc die Bersammlung mit einem Appell an die Anwesenden, die Ruhe zu wahren und jede, auch die gegnerische Meinung ruhig anzuhören. Er werde die Redefreiheit wahre» und dafür sorgen, daß alle Parteien;um Worte gelangen. Er crthcilte nun dem HandelSkaiumerrath Zimmcrinann das Wort. Kaum hatte dieser aber einige Sätze gesprochen, als das Erscheinen des antisemitischen Bezirks anSschusicS Pfister feine Gesinnungsgenossen vcranlaßtc, endlose Hochrufe auf den Erschicncucn sowie aus Dr. Lueger und Schneider auszubringcn und sich in Schmähungen gegen die liberale Partei zu ergehen. Mehr als eine Viertelstunde dauerte eS, bis cS endlich .HandclSkammcrrath Zimnicrinan» gelang, sich wieder Gehör zu verschaffen. Als er nun darauf hinwieS, daß die derzeitige antisemitische GenoffenschaftSvorstchung die Sonntagsruhe, gegen, die sie nun protestirt, selbst verlangt hat. brach neuerdings ein Sturm loS. Tie Antisemiten brachen in Droh- und Schmährufe gegen die Liberalen aus. Ter Unwille derselben richtete sich namentlich gegen den Redner, dcffcn Platz sich m der nächsten Nähe der Rednertribüne befand, da sein gebrechlicher Zustand ihn daran hinderte, die Tribüne zu besteigen. Nach etwa zehn Minuten erklärte der Vorsitzende die Versammlung für geschloffen. Mit tosendem Beifalle und den Rufen: „TaS wollten wir! Wirwollenja keinen Judenknecht hören!" wurde diese Enunciation aufgenommen. Gleich darauf folgte ein WuthauSbruch rohester Art. Gegen den Tisch, an dem Zimmermann und Schuhmacher Kouba saßen, drängten sich die Antisemiten brüllend und johlend heran. Tie Exccdcnten erhoben drohend ihre Fäuste. Tic Situation für den von allen Seiten bedrängten Kammcrrath gestaltete sich höchst kritisch. Herr Zimmermann saß vor Aufregung bleich da. „Nicht schlagen!" ertönte eS plötzlich. „Nicht schlagen! Ter Mann hat wehe Füße! — Spucken wir ihn an!" Und dieses Commando fand williges Gehör. Alle drängten sich dicht an Herrn Zimmermann heran, und ciikzelne derselben spuckten vor ihm aus! Tic anwiberndc Scene dauerte unter wüstem Johlen fast eine halbe Stunde. Mitten in diesen den Saal erfüllenden wüsten Auftritte» war polizeilicher Succurs erschienen. Wachleute hatten unter Commando eines Revierinfpectors vor dem Locale auf der Gaffe Posto gefaßt,, allein der Revierinfpector weigerte sich trotz wiederholten dringenden Ersuchens, den Saal zu betreten und denselben zu räumen; er berief .sich daraus, hiezu keine Instruction zu haben. Unter unaufhörlichen Beschimpfungen seitens der Antisemiten, die während dieser Zeit im Saale Schmähreden gegen die Liberalen und die Juden gehalten hatten, konnte endlich Handelskammerrath Zinstitcrmann den Saal vcrlaffcn, wo er und andere bedrohte Personen unter dem Schutze der Polizei die Tramway bestiegen. Durch solche Husarenstückchcn sucht übrigens die Schutztruppe Lueger's bloß die üblen Wirkungen des Schismas zu vertuschen, welches im Lager -der ehedem Getreuen auSgcbrochcn ist. Das tschechische Element, dereinst ein Hauptfactor für den antisemitischen Ausfall der Wiener GcmeindcrathSwahlcn, darf jetzt so gut als verloren für die Antisemiten bezeichnet werden. Am 3. d. M. fand in Mariahilf eine etwa von 300 Personen besuchte Versammlung der tschechischen Wähler der Bezirke Mariahilf und Neubau statt, in welcher der Referent, Rcdacteur C.i-n er t, erklärte, die Tschechen in Wien seien sich klar darüber, daß sie von keiner Partei nationale Zugeständniffe zu erwarten hätten, und darum feien sie entfchloffcn, selbstständige Candidaten aufzustcllen. Daß diese Action auf Anstiftcn und zur Unterstützung der Liberalen unternommen worden wäre — Blatt. wie Lueger und Schneider i»' verschiedenen Versammlungen behaupteten — sei einfach eine pcrside antisemitische Lüge. Daß. die nationale antisemitische Agitation der Tschechen den Antisemiten uubegucincr sei als den Liberale», ergebe sich aus den Verhältnissen. Tic .. Liberalen hätten nie behauptet, daß sie die Tschechen in Wien als gleichberechtigte Elation anerkenne», und in Folge dieses offenen Auftretens zählen sie in ihren Reihen sehr wenige, wahrscltcinlich gar keine national fühlende Tschechen. Anders stehe cs bei den Antisemiten. - Diese Partei, welcher im politischen. Kampfe kein Mittel zu schlecht sei, habe trotz deS Bündniffes mit den Tcutsch-Natio- »älcn systematisch die Tscheche» in dem Glauben zu erhalten versucht, daß sic bei ihr auf nationales Entgegenkommen rechnen dürfen. Tausende tschechischer Wähler standen in de» Reihen der antisemitischen Partei. Wenn so viele Tschechen und besonders Angehörige des dritten WahlkörßerS an dieser Partei fcstlchltcn, io ici dies hauptsächlich auf die fabelhaften wirthschaftlichen Versprechungen dieser Partei zurückzuführciz. I», Versprechen, seien die Antisemiten allerdings groß, und sic male» ihren leichtgläubigen Zuhörer» eine glänzende Zukunft aus, welche ei »treten in ü s s c, sobald in an de m letzten H a n d c! s s n d c» seinen Vinkel consiScirt. haben werde. (Gelächter/- Alles dies seien Phrase», an welche die antiiemitischen Redner s.e l b st nicht glauben, und die B c v ö l k e r n » g' w erde n o ch z u ihrem S ch a d c n er k e»n'e», daß sie dn r ch diese Pi ä rchen in einen aussichtslosen Kamps gehetzt w o r d e n . s i\... Hoffentlich werben alle Tschechen bald eins ehe», daß cS eines anständigen Menschen , unwürdig sei, inii solche» Leuten gemein s.amc Sa che.zu mache». Beifall und Widerspruch.) — Ter antisemitische Gärbcr - T w o r; a I inierpcllirtc daS Wahlcomiist hinsichtlich des Gerüchtes, daß cS von den Liberalen 2O.0ÖO fl. bekomme» hatte. > Rufe: Wer hat das 0Mb bekomme»'? Namen nenne»!) Einen Namen wiffe er zwar nicht zn nennen /stnruii'che Rufe:. Iluubn!. Pfui.'), doch werde er diesbezüglich de» Tr. H'eßman», der sein Gewährsmann sei, befrage» und dann die gewünschte Auskunft geben. — K onit >' ch e l erwiderte NainenS deS Wahlcomitt-S, daß dasselbe von den Liberalen keinen Kreuzer erhalten habe und ausschließlich auf die Beisieucr der Landsleute angewiesen sei, welche aber an die rcspectable Summe von 20.000 fl. —leider — auch nicht int Entferntesten hinanrcichr. Hieraus wurde mit großer Majorität beschlossen, im VI. und VII. Bezirke selbstständige tschechische Candidaten aufzustellen. WaS daS vonden Antisemiten zu. Agitationszweckcn ausgcstreute- Gerücht von einer. 2>H>00 Gulden- Spende an den Komenskn-Verein betrifft, so legte dagegen der Ausschuß dieses Vereines in.einer' am 4. d. $t. »I liv-' einberufcncn Sitzung feierlichen Protest ein und constatirte, daß die Verleumdung vom Mechaniker Schneider auSgegangcn jei. T.rMbe halte in einer am 30. v. Bi. abgchaltenen äntisemischen Wälilervcrsatnmlnng in dccsdirtcr Form behauptet: Ohren zeugen hätten ihm milgeihei(t, daß dem KomcnSky-Verein zur Einleitung einer Agilation 20.''00 fl. zugcsagt wurden und „der betreffende Herr" eingestandenermaßen 2000 st. bereits erhalten habe, während er 1'0(|0 st. am gage der Wahl erhalten werde; die Tschechen seien an die. Inden verkauft worden, und-der Macher sei einer der Obmänner deS KomcnSly- VcreincS. Ter Obmann des Komenskn Vereines nieinlc, diese Behauptung Schncidcr'S, welche weiterhin von Lueger und Geßmann wiederholt wurde, bedürfe bezüglich des Vereines, selbst keiner Prüfung, da der KomcnSly Verein statutengemäß keine Politik treiben dürfe, thatsächlich der politischen Agitation stets ferngeblicben fei, auch der gegenwärtigen Wahlbewegung vollständig sernstebe- und demnach für dieselbe nicht bezahlt worden sein, könne. Daß der Verein seitens der Deutsch-Liberalen, in welchen er nationale Gegner erblicke, keine Unterstützung annchmen könnte, sei selbstverständlich. IlebrigcnS bürge Redner als Obmann deS Komensky-VercineS mit seinem Ehrenworte dafür, daß weder der Verein noch er selbst für seine Pc-rson von liberaler Seite direct oder in direct eine Unterstützung oder das Anbot einer solchen erhalten chütten. Ohne die „Berufspolitiker" Schneider, Lueger' und Geßmann in deren Äbivcscnhcil schmähen zu wollen, d ü rse man ruhig behaupten, daß sic cs mit der Wahrheit nicht genau nehmen und schon viele tendenziöse Unwahrheiten von ihnen verbreitet worden seien. Trotzdem könne diesmal die von den drei Genannten ausgehende Behauptung nicht einfach ignorirt. werde», weil sie einen dccidirten Charakter zeige, auf Ohrcnzcugep und sogar auf ein Gcständniß des nicht genannten Geldnehmers sich berufe. Redner beantragte daher» daß sämmtliche AuSschußmitglicder auf Ehrenwort zu erklären herben; ob sie — sei eS als Vereinsfunctionäre, sei eS als Privatpersonen — eine r Unterstützung von

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