Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 179 (8.9.1895)
- Date
- 1895-09-08
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Freie» Blatt. Nr. 179. vertrat. Die verfolgten Waldenser hatten in Mähren gastliche Aufnahme gefunden, die vertriebenen Wiedertäufer, die Hutteriten und die mäkrischen Brüder hatten in Mähren ihre zweite Heimat gefunden, ,a, als die Hutteriten dem römischen König Ferdinand von Oesterreich verdächtig waren und angewiesen wurden, Mähren zu räunren, mar es der mährische Adel, welcher cS bei Ferdinand durchsetzte, daß binnen Jahresfrist der Erlaß zurückgezogen und den Hutteriten die Rückkehr nach Mähren gestattet wurde. Bon demselben Geiste der Gastlichkeit erfüllt erwiesen sich die Bewohner Mährens, Deutsche und Slave» ohne Unterschied, den Juden gegenüber, welche seit den ältesten Zeiten in - Mähren feste Wohnsitze genomnien hatten und nicht bloß Handel trieben, sondern auch den Ackerbau und unterschiedliche Gewerbe. In den Zeiten, da der religiöse Fanatismus gegen Andersgläubige wüthete, erging cS, zumal in den Stabten, den Juden gerade so wie den Protestanten. Bon einer wirklichen Judenverfolgung in Mähren kann man aber nicht sprechen. DaS Ghetto-Berhältniß war eine aus Deutschland importirte Institution, welche in den kleineren Lrtschaftcn Mährens keinen Eingang fand. Auf dem Flachlande, in den Marktflecken und Dörfern, wohnte der Jude inmitten der christlichen Bevölkerung, und zwar freier als sein durch Ausnahmsgesctze eingeschränkter Glaubeus- genosie in der Stadt. Das seit Jahrhunderten bestehende friedliche Zusammenleben zwischen Juden und Christen Mährens ist aber neuerer Zeit den kampflustigen Antisemiten ein Dorn im Auge, und sie geben sich alle erdenkliche Mühe, 'hie Judenhctze ins Leben zu. rufen. Wir haben erst jüngst eine Brandrede LeS katholischen Piarrcrs von Milotitz und Reichsrathsabgeordneten Weber angeführt. Die Worte des immuneu Abgeordneten werden durch Schrift und Wort in die friedsamc Bevölkerung hineingctragen und finden leider Widerhall. Eine an Paroxismus grenzende BersolgungSmanie hat bereits die antisemitische Presse Mährens ergrisscn. Die Herren antisemitischen Schriftleiter in Mähren überbieten ihre ehrenwerthcn College» in Wien womöglich an -KraftauSdrückcn 'und Schimpfworten gegen die Juden. Tic slavische Lehrerschaft und' die slavische Geistlichkeit Mährens sind fast durchwegs antisemitisch und, wohlgcmerkt, antideutsch. „Jude und Deutscher," so pcrorirte jüngst ein Lehrer, „t’iiib identische Begriffe. Wir Slaven haben in beiden einen und denselben Feind, der zu Boden geschmettert werden muß." solchen Anschauungen kann man tagtäglich in den unterschiedlichsten streifen begegnen. Das Häuflein Deutsch-Rationaler Mährens bemüht sich unaufhörlich, die flavischen Gesinnungsgenossen womöglich zu übertrumpfen und den Samen der Zwietracht, des 'Hasses und der Unduldsamkeit mit vollen Händen auszustreuen, die maßgebenden Srganc sehen und hören nichts. Unter diesen Umständen ist cs wohl ein Gebot der Rothwendigkeit, zur Selbsthilfe zu greifen, und zwar in der Weise, daß ein cinmütkigeS Zusammengehen sämmtlichee Juden Mährens in irgend cineni Berein veranlaßt werde. Es muß ein Bercin zur gerechten Abwehr aller übermüthigcn, boshaften, haßerfüllten Angriffe geschaffen werden. Die Form läßt sich leicht finden. Die Zügellosigkeit und Frechheit des Antisemitismus Hot ihren Hauptgrund in der Dhatsache, daß der beleidigte Jude in den meisten Füllen die Beleidigung und Beschimpfung um deS lieben Friedens willen ruhig hinuimmt. Ein ■ strammer, rücksichtslos rorgeheuder Äbwebrvercin würde mehr wirken als Hunderte noch so schön stplisirte. und gutgemeinte Resolutionen Die Antisemiten phantasiren fortwährend von der Macht der Juden. Bis jetzt hat das verfolgte Jndenihum von dieser Macht nichts merken 'lassen. Biclleicht geschieht dies, wenn unser Borschlag betreffende» OrteS Berücksichtigung findet. I*. Cbomas Hurley über die Bibel. DaS Alte Testament ist, wie männiglich bekannt, so häusig der Gegenstand heftiger Angriffe seitens antisemitischer Ignoranten oder Halbwisser'. Erst vor Kurzem nahm d'S sich der Abgeordnete Hauck heraus, über das »Buch der Bücher" in einer Weise zu sprechen, die selbst seinen Collcgen Scheicher dazu bewog, ihn durch den Zw.sche: ruf.: »Unsinn!" zur Raison zu bringen. Interessant ist es au:'., -einen der ersten englischen Naturforscher über die Bibel zu ver- Aue der Höhe der modernen Bildung stehend, hat der jüngst rc:»crb-'nc Thomas Hurlcy im fünften Band seiner EssahS, betitelt: >' - > 1 liri~t::in Tra-iiti*»n 'Rew-'?)ork 1 x!«4, S. 55 ff.) sich w:e st'igi ausgesprochen: i'i.inav Leute 'tbeinen zu glauben, wen» zugegeben wirb, dag die alle Literaiur, Mbrltcn in ttn'-re- Bibel, nicht mehr itirpnuh auf Unfehlbarkeit habe al? irgend cme andere Literatur, daß die J-raeliten und ihre christlichen Rach '9.^v eine r'.'tjf .Jnt-1;iiBiarnnnolifti;+ev Theorien und Agenden acceptiren. welche keine bessere Begründung hallen als die der Heidenlhums, dann bleibe nichts übrig, als die Bibel als Maculalur bei Leite zu werfen. Ich bin dieser Behauptung immer entgegengetreten. Es scheint mir, wen» es irgend etwas gibt, was widerlicher ist als der orthodoxe Bibelvergöiterer, dann ist es der heteordoxe Philister, der in einer Literatur, die in mancher Beziehung unerreicht dastehl, nur eine Zielscheibe für schlechte Witze und eine Gelegenheit sicht, seine dünkelhafte Unkenntniß dessen, was er vergangene» Generationen schuldet, zu ent falte» Bor 22 Jahren plaidirte ich für den Gebrauch der Bibel alS eines Mittel» zur Bolkserziehung, und ich wage e« zu wiederhole», was ich damals sagtet „Bedenket die große geschichtliche .Thatsache, daß diese» Buch seit drei Jahrhunderten mit dem Besten und Edelsten in der englischen Geschichte verwoben war, daß es das nationale Epos Großbritannien» geworden ist und Jedermann vertraut ist. Hoch und Niedrig von John d' Gcoat's Hans bis Land'» Ende (vom äußersten Nordosten Englands bi» zum äußersten Notdwesten), wie Dante und Tasso einst den Italienern vertraut waren. Bedenket, daß es in dem reinsten und vornehmsten Englisch geschrieben ist und eine Fülle großartigster Schönheiten in . literarischer Form anfzuweisen hat, und endkicb, daß es verhindert, daß der letzten Banecumagd, die niemals ihr Torf verließ, die Existenz anderer Gegenden und Eivilssationen und einer großen Vergangen heit, die sich bis zu den äußersten Grenzen der ältesten Nationen der Welt erstreckt, unbekannt bleibe. Wo ist eiltanderes Buch, durch dessen Studium Kinder so menschlich erzogen werde» könnten, durch das sie fühlen lernen, daß jede Figur in dieser langen historischen Procession gleich ihnen nur einen momentanen Intervall in dem weiten Zwischenraum zwischen den Ewigkeilen auSfüllt, und daß Jedermann die Segnungen oder Flüche erntet, je nachdein er sich bemüht, da» Gute zu thun und dar Böse zu meiden, wie man de» Lohn seiner Arbeit erntet?''*) Gleichzeitig lege ich darauf Gewicht, daß solcher Unterricht Laienhänden anvertraut werde, in der Hoffnung und dem Glauben, daß er sich au diese Weise deu veränderten Anschauungen der Zukunst anpassen werde, daß Theologie und Legende auf diese Weise mehr und. mehr aus dem Gesichtskreis schwindelt, während die dauernd interessanten, historischen, literarischen und * ethischen Partien mehr ins Licht gesetzt werden würden. Ich darf noch einen Anspruch, welchen-die Bibel a» die Achtung und Ansmerkiamkeit eines dem», kratsschcn Zeitalters hat. hinzufügen. Dura, die ganze Geschichte der westlichen Welt waren die jüdische und christliche Schrift die mächtigsten Ursachen der Auflehnung gegen die schlimmsten Formen des clericalen und politischen Despotismus. Tie Bibel war die K.ixnä Charta der Armen und Unterdrückten. Bis aus k»e Gegenwart hatte kein Staat eine Verfassung, in welcher den Interessen des Volkes so auSgiebig Rechnung getragen wird, in welcher die Pflichten der Herrscher gegenüber ihren Rechten so nachdrücklich betont werden, als es in der für Israel entworfenen Verfassung geschieht, welche in Deuteronomium und. in LeviticuS sich findet **) Nirgend» ist die fundamentale Wahrheit, daß die' Wohliahrl des Staates im Großen und Ganzen von der Rechtschaffenheit der Bürger abhängt, so stark betont. Allerdings schwatzt die Bibel kein leere» Gewäsche über die Menlchenrechle, aber sie besteht auf der Gleichheit der Pflichten, aus der Freiheit, jene Gerechtigkeit zp fördern, welche einigermaßen verschieden ist von dem Kamps um „Rechte", aus der Brüderlichkeit, die Sorge trägt für den Nebeninenichen wie für sich selbst. Insofern alh Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit unter den demokratischen Principien begriffen sind, welche diese 'Namen annehmen, ist die Bibel das deinvkralischeste Buch der Welt. Als solche« .begann es durä) die heretischen Secten im Mittelalter den clerical-politischen TeSpotismuS von dem Augenblicke seine» Entstehens im XI. Jahrhundert zu bekämpfen. Papst und König hatten ihre Hände voll zu thun, um die Albigenser tmd Waldenser im XII. und XIII. Jahrhundert zu unterdrücken; die LÄlarden und Husstten im XIV. und XV. Jahrhundert gaben ihnen noch mehr zu schassen; seit dem XVI. Jahrhundert haben die prolestantischen Seelen immer politische Freiheit begünstigt im Berhältniß zu dem Grade, in welchem sie sich weigerten, außer der Bibel eine eudgiüige Aulorität anzuerkennen. Jedoch der ungeheure Einfluß, den die heiligen Schriften der Juden und Christen ausübten, Hane niemals einen noihwendigen Zusammenhang mit Kosmogonien, Dämonologien und wunderbaren Eingriffen in die Nalurordnung. Ihre Stärke liegt in ihtem Appell nicht an den Verstand, sondern an das sittliche Gefühl. Ich will nicht sage», daß auch »ur dar höchste biblische Ideal alle änderen ausschließt oder einer Ergänzung nicht bedarf. Ich bin jedoch vollkommen überzeugt, daß die Menschheit noch nicht in der Lage ist und vielleicht niemals in der Lage sein wird, dieses Ideal entbehren zu könueu. *) Tie Schulräthe, was sie thun können und waS sie thun solle», 1870, in Oritigues and Addresses p. 51. **) Von welchem ethisch-religiösen Geist das Deuteronomium erfüllt ist, dafür gibt einen sprechenden Beweis die Stelle, in welcher die Könige Israels verpflichtet werden, eine Copie des Gesetzes zu ihrem eigenen Gebrauche anzusertigen. „Und wenn der König," heißt eS 5. M., 17,18—20, „nun sitze» wird aus dem Throne feines Königreiches, soll er sich eine Abschrift dieses Gesetzes macke» nach dem Buche, welches den Priestern, den Leviten, vorliegt, und es soll bei ihm sei», daß er darin lese sei» Leben lang, und daß er lerne fürchten den Ewigen, seinen Gott, daß er halte alle Worte deS Gesetzes und diese Satzungen und danach thun: damit sich sein Herz nicht erhebe über seine Brüder und er nicht weiche von dem Gebot weder zur Rechten noch zur Linken, auf daß er Jahre lebe in seinem Königreiche, er und seine Söhne in der Mitte Israels.