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Freies Blatt · 1895-09-01 · 178 (1.9.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
178 (1.9.1895)
Date
1895-09-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Zlr. 17* freies Blatt. Seite Nuu folgte eine stürmische Uiilerbrechung. Die Leute bväugtcu zur Tribüne mit schrien: „Tie Inden und immer wieder die Jude», davon haben wir schon, genug gehört!" Ta ertönte eine Stimme: „Ter Schneider ist schon ga»; verludet!'' Dröhnende» Gelächter folgte diesen Wol len, Schneider aber griff nach seinem Hute und, eilte zur Thüre hinaus, ohne sich auch nur nmzublicken. Daraus trat bald Ruhe ei»,, und eS sprachen noch St o 11 i c e l, Urban und Podlo ie t, fehlerer deutsch Er sagte, er hätte die Absicht gehabt, aus Schneider'« Rede zu erwidern, doch habe Schneider nicht» gesagt, war einer Erwiderung bedürie, denn die Berl> ilmdungen de» tschechischen Wahlcomitö» und die Schimpfereien ans die Juden seien blöde Gehässigkeiten, welche sich von selbst richten. : Anhaltender Beifall.) Ter Antisemit Tolleisch wollte hieraus erwidern, doch die Berfainmtiuig mochte ihn nicht mehr höre», und da schon Mitternacht nahe war, so schlosi der Vorsitzende die Versammlung. Schneider hat seither den Bekehrungsversuch nicht erneuert und weitere Persammlungeu tschechischer Wähler nicht ausgesucht. Er wäre ihm auch, wenn er die» gethan hätte, übel ergangen, denn die Tschechen werfe» ihm ebenso wie V tt e g e r und H a u ck Undank und Wortbrnch vor, und ihre Entrüstung über die jetzt „dentschthütnelnden" Ehtistlich- Socialen ist. wie es scheint, in steter Zunahme begriffet). tGtitc AllSzkichiililtg für dc» Gcmciitdcralh "voit Graz.) Eine Amiseinitenversammlung im XIII. Bezirke beschloß, dem Gemeinderatbe von Gra; wegen seiner Aundgeblliig gegen „mißliebige Zuzüglinge" ein „Huldigung»- telegramm" zukommen zu lassen. Tieie Auszeiämuiig haben die t'lrazer Stadtväter wohl verdient. FeichIinger und Genosse» sind de» Lobe» der Wiener Antisemite» vollkommen würdig. (Bon dcn antifcmitifdiru 'Parteien Tcuischland». Tie Programm- Eommission der „T e n t i ch > > o c i a l e u R e s o r m p a r t e i" beschloß, den Parteitag am ü. und «>. Setober in Ersurt abzudatten. Emgetade» ist jeder Antisemit Teutschland». der auf dem Boden de» Eisenacher „EinigungSiverles" steht, stiininberechligt sind jedoch nur BertrauenSinänner, von denen jeder Wahlkreis einen entsenden darf, sowie die»ReichStags und LandtagSabgeordueten der Partei und die Mitglieder der Programm Commission, soweit sie nicht Abgeordnete sind. Ter BertrauenSmann muß im Wahlkreise wohnen, da» Mandat ist nicht übertragbar. Tie vorläufige Tagesordnung ist wie folgt festgesetzt: I. Beschlußfassung über den von der Eommiision vorzulegeiiden P ograminentwurf; 2 Parteiorganisation;!). etwaige Anträge. Für die Berathung de» Programms hat der „T e n t, ch e R c s o r m v e v e i n" in Freicuwalde an der Tder einen Antrag vorbereitet, wonach der Eisenacher Beschluß, daß die Partei auf christlicher Grundlage-errichtet werden soll, dahin zu ändern sei, daß sie de» Begriff de» christlich deutschen Staate» verwerfe. Tie Religion, wird *;»r Begründung des Antrages angeführt, Imme nur als unpolitische Privatangelegenheit angefehen werden und würde, in die Polittl bineingezogen, nur die Einigkeit und da» Gedeihen sowohl der Partei als auch de» ganzen Bolke» schwer schädigen, Lieberma n u. Z i m m e r »ia n n und die andere» Führer der „Resormpartei", von denen jüngst B ö ck e l sagte, daß sie der. allgemeinen Berachtuug sicher seien, werden von diesem Anträge nicht sonderlich erbaut sein. Dagegen wird e» ihnen sicherlich Freude bereiten, daß der .strach in der „Ä n t i s e in i t i s ch e n B o l k» v a r t e i", der feit langem drohte, nun that mchlich eingetreten ist. ES har sich unter dem Warnen „A n t i s e m i t i s ch e r F r e i h eit s v e r e i n" eine Organisation eonstituiri, welche die „sreiheit». »chen" Autisemiten tlinfaßt, denen die „reactionäre Wirthschait" unerträglich geworden ist. In der ersten Bersammlung, die von de)» „FreihcitSverein" — der 'Raine ist »reigfne Erfindung der „Socialitärcn", der Anhänger Eugen Tüh rings — einberufen wurde, kamen erbauliche Tinge über da» Walten de» volksparteilichen BerbandSvorstande» zur Sprache. Für die Agitation ,'oll trotz der vorhandenen Mittel nichts gethan, die Opposition durch verwerfliche Mittel mundtodt gemacht'worden fein. Paasch sei nur in Folge der vrincipienwidrigen Agitation tdie Flugblätter mit dem Motto: „Mit Gott für .llaiser und Reich" sind gemeint) im ColbergA!ösliner Wahlkreise unterlege». Man warf de» Leuten vom Vorstände vor, daß sie beabsichtigten, die „Antisemitische Volkspartei" zu ruiniren. Herr St e i l that noch eilt Uebriges. Er tadelte die Führer der „Antisemitischen Volkspartei" darum besonders, weil sie die Juden nicht rücksichtslos genug bekämpft haben. Tie zoologischen Vergleiche, die Ahlwardt gewöhnlich «»wendet, gehen ibm nicht weit genug: er will, die Juden als Verbrecher besonders behandelt wissen. Ahlwardt scheint damit von den „Freiheitsvereinlern" auch schon zum alten Eilen geworfen worden zu sein. Man redete ihm nach, daß er jedenfalls in nächster Zeit wieder „um des Geschäftes wegen" zu der „Teutsch-socialen Reformpartei" ziirückkebren werde. Alle antisemitischen Parteien aber, wie immer sie heißen mögen, wurden von einem peinlichen Malheur betrofien. In Leipzig erschien eine sehr indiSerete Broschüre, welche ein „alter Antisemit" unter dem Titel!' „T er Uitte r» g a lt g der antisemitischen Parteien" herauSgab. Vom Eisenacher „EintgungSwerke" heißt e» in dieser Publica«»» eine« Eingeweihten: „Wer am meisten versprach, der war der größte Manil und Patriot, denn der Rausch des ZukunststraumeS ließ wenigstens aus Stunden die Roth der Gegenwart vergessen; wer aber mit nüchterne» politischen Erwägunge» kam und nur nach dem zunächst Erreichbaren strebte, ohne da« Endziel dabei au» dem Auge zu lassen, wer also weder schwindelte noch ehrgeizige Streberpläne oder egoistische Geschättszivecke ver'olgte, ioiitem ehrliche und mmm'tigc Polin! im Interesse deS Ganzen trieb, der war. ei» Berrätbet an der heiligen Sache de» Aiiti femitismus und de» prokuetiven.Mittelstände»! Ta» poiiii'che Denken steckt bei un» in Teutschland noch immer in den .Niiider'chiihen: die .Führer' find, mit' Ausnahme weniger Idealisten, die ihr Fell zu Mailte nagen, Streber odei Arippenreiter, die von der Politil ein^eignüglicheo Lelezi fuhren wolleii, und die Gefolgschaft ist nur furchtlos und treu,, tbatendnrstn und opsermulltig, so lange sie am Biertische sitzt, da» Raiiounnei, leine Ge'adr dringt »nd die Geschichte nicht» kostet; über/einen engbegrenzte» Parte,sanatisinu» vermag man sich nicht zu erheben, und e» ist eine unleugbare Thatsochc, daß gerade in der antiieiniti'che» Beivegung seit ihrem Bestehe» nur die '»estibt und da» Nächstliegende »ich greifbare'Partei- und G'etchäst»»ilele'>'e, „>e .i-.-f der polilvche Verstand und'die kühle staatrniaiinl'che Erwägung den Au»>chiag gegeben haben." Ten Professor Förster charalterisirt. der „al:e Antvemii" ».'folgender Wei'e: ,.Hetr Tr. Förster leidet unier de», Be.h.ingiw'se, daß er einen bedeutenden Bruder gehabt hat — den Cl'evlehiev Tr. Bernhard Forst'r . . . Tr. Paul Förster hielt sich dazu berufen, den voltti'che» Eiden -eine» Bruder» zu ivielev, obgleich' er iveder die natürliche Begabung »och die votiti’-he Ein sicht und Reife desselben besitzt, und der Wethranch. der vonde» Bei liner Aiilileiniten gestreut worden ist, bat >e:n an sich ichon >eltr stark e»tiviekeite» Selbstgrsühl derartig änichwellen lasten, daß er in r-en Bannlrei» des nationalisiischeit (ssröße.nmahns gerathen ist p»d in demselben reit»nge:o» uiilhcr irrt. Ter .große Mannglaubte bald, allein d e richtigen Wege, in der nationalen antisemitischen Beivegung gesunden;» habe», n d da er nefev für seine .geistige Bedrntling' noch für die. Bortresstichleit seiner urei.zcnste» Pro grammideen hei den alten Tentsch Soeiale» den ersorderlicheu HnrraK- Patriotisit»,? fand, suchte er naturgemäß einen ininier enger werdenden An sechluß an die radical-deinolrati'che Berliner anti>ei»iii>che Beweg,,,,g und deren Apostel Ahlwardt. Hier fand er da» .volle Berstäudiiis:' für 'eine Persönlichkeit nnd seine chohe 'Mission': in dein Tiiiistlrei'e de» Berliner Grcßstadtieeiben» entwickelten sich die Tieibhausvt'Iailzen' 'einer zablteichen Programm cntwürse immer mehr zu eineur seltsamen tssemi'ch na» freisinnig deinoliait'chen Schulntetsterideen und socialistisch hutnanitäreii lliovien: und tu ganz lurzer Zeit -stand er an der Spute einer antiieiniincheii Eliaue, deren' »»klares Tretbetz und nnreisc nnd unpraktische Schwarmgeisterei dem At»i''eutiti»in»» und seinen berechtigte» und ge'unden Bestrebungen die schwersten Twadüningen zu bereiten drohten. Er gründete d.ie Zeitung .Frei Deutschland', der der größte politische Blödiinu mit der ern'ilzasiesien Briene vost der Welt einher, schritt; er wurde die Seele der .Anii'emiii'che» Bereinigung st:r Rolddenlsch land'd um ihn als Ein» gruvpirten sich die zahlreichen Rnkreu de» Beiltnei AntiieinitiSmus,. von den noch zahlreicheren z» ei'eltie.nen Et i'ienze» ganz za schweigen, dje sich gerade in Berlin au seine elir'amen nnd biederen Sbei lehret Rock'chöße hängie» und die er niemals'von stch abzni'chüitln. vearnochl hat; und endlich brachte er die .neuen Grundzüge nvet P'.egratnnree der künftigen ve'reinigten Anti'enritrstipa.tei zustanded:e von der. rrnsten Freunden der Bewegung mit bc’orgtew .'topiiiltiitiem, .'er. en >».gr.ein abet mit lautem Hohn und begreiflicher Schadenfreude be.tfi'tßi iraiden. - . Wenn er i» den Wahllainpt zieht, dann legt er ,a» Eiserne .sttenz an die Brust, um den, .freien Bolle' zu »npönireu! E» ist lau,» möglich. die''eii Herrn nnd 'eine Gesolgschast noch ernst zu nehme,>, aber wer d:e..'''."'chichte tenut, der weiß e». daß auch die Jan von Lenden, .tnivverdolling und at.dera Hansivurste irev der Lächerlichkeit ihrer Figuren in großen Uebergangszeiien und i» aufgeregten Tagen für ernst genontmen und gefährlich und .verderblich - sür gtege BolkSutasse» werden konilten. Aus deüi Boden der Ferner'chdri lliovien 'lebt die Mehrzahl der Berliner Antitemiten, und | iven» fielt auch die Tr. B <t ch t e r, Si r e tz e r und ankere >Iii ß-ntiuiu in ddr RrrchShauv'.'takst gleich dem .großen' Professor Tr. Paul Förster zur Zeit der Teulsch-'oeiaien Re'orm Partei angeschlossen habe», io laiiiw es doch nur eine Frage der allernäch'ten Parteientwickelung fein, ob e» ihnen 7z'elingen werde, die ganze Partei zti ihren inonströse» .polktsschen Grundzügen zu belehren, d. h'.-ste vollend:- zu rliintren, oder ob sie stch von ihr trennen und wieder ein selbstständige» Parteichen bilden werden." Dem Tr. Friedrich Lange werden dann 'olgzude Zeilen geividmet: „Er hat von jeher die '.stnnst verstände», die Pläne eine» nüchternen .'tovtes in da» gleißende Gewand der warmherzigen patriotischen Phrase zu kleide,,, und. wir sehen ihn deshalb auch heute nicht die gefahrvollen Wege de» dionig» von Zion wandetn, sondern in den Fußstapsen de» heilige» Lonola einhertreten. Ten warmen Sitz in unserer .Reichsanstalt sürpa.rlame»tari'che Bered''auitelf. den ihm die Tentsch Socialen Liebermann'scher Sbiervanz angebote» haben, Kat der kluge Pkaiin au» dem Gefühle einer Geringschätzung heran», da» wir begreifen und theilen, abgelehnt, aber, ivie man bald sehen tollte, durchaus nicht mit der Absicht, als nationale» Veilchen weiter - im Berborgenen zu blühen und die Leser seine» Blatte» nach wie vor mit dem berauschenden Tuste seiner deutschtrunkenen politischen Poesie zu erfreuen, sondern um stckt init einem kühnen Sammelgrisse zum Großmeister einer zwar sehr gut gemeinten, aber phantastischen .Eultusgemeinde' emporzuschwingen. Ein neues Päpstlein in einem neuen .Kirchenstaate — der Gedanke ist sicherlich zeitgemäß, insosern als das Suchen nach eigenen Pfaden in die heißbegehrte sociale 'Reuordnung aller Ver-

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