Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 178 (1.9.1895)
- Date
- 1895-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Nr. 17K. reite iS .freies ’ eine i5evtontml«ng der ovtboboveit Kaufleute und der Aussteller ein, um über die Zulassung von Juden zur Ausstellung zu berathen. Tie Bct'ammliilig. welche dieser Tage abgehalren wurde, faßte einstimmig den Beschluß, die Juden zur Ausstellung zuzulassen. In der Bcralhung wurde darauf kiugewieseu, daß seit dem Bestände der Biene der- Jahrmailtsvevwaltung keine Beschwerden über jüdische Kaufleute ■ r.i.v.tommeit sind und daß die Juden sich bei der Abwicklung von (A'diär'tcn still S aus daS Eorrcckeste benommen haben. .Arnicilicr lind Zllöcil.s Eine bemerkenswerlhe Gerichtsverhandlung fand vor siurzem iu T erdenk (irn russische» Gouvernement Taghestain stau. Eine große Anzahl jüdischer Gewerbetreibender wurde von zwei armenischen Wucherern wegen Wechselschulden verklagt. Tie Berklagten wiesen aber nach, daß sie durch die von ihnen jahrelang 0 u die Armenier gezahlten hoben Zinsen «30 Percent und darüber) arg geschädigt worden seien, upd der Richter wieS die .Klage der Armenier ab, da nach dem neuen russischen Wuchergesetze derartig onalisieirie Forderungen nicht einklagbar seien. Auch ein Beitrag zum Eapilci vom ..jüdischen Wucher", welcher namentlich einen „Hausbesitzer" im XIV. Bezirke Wiens, einen aus der Bukowina ein- gewanderten ehemaligen Reporter liberaler Zeitungen, interessiren dürfte. - Tlirchbrochtllk Cocons.) In einer Bersaminlung der vereinigten j>:d:ichon WoliltliätigkeitSanstalten in New-Bork dielt ein angeiebeuer christlicher Bürger, Hit. Seth Vom, eine bedeutsame Allst'rache. in welcher er sagte: „ES war mein Glück, im letzten Winter n::t vielen Anderen betheiligi zu sein an den Bestrebungen, eS mit der ulsgewodulichen Vage allszunebmen, die damals in der Stadt herrschte. Welches Unglück in Folge des letzten Winters.auch immer :n innere Stadt kam, eine Wirkung wird, io glaube ich, dauernd sein. Bis;;i einer Ausdehnung, welche weit überragte, was ich seil meinem Biannrsalter ei »ähren habe, arbeiteten Männer jeder Race und jedes Glaubens Seile an Seite, Schulten an Schulter, mit gegenseitigem vollen B.litauen in dem Bestreben, ihren Mitmenschen zu Helfen . . . WaS m, aiigenchks der Einwanderung von Armen und Schwachen in unermeßlicher Zahl mir diesen anzittangen V Gewiß siebt die edle Druckt, welche ans einem solchen Problem kommt, iiu BerHältniß zu der Siärke und Beacht mit dev Weihe, welche man auf seine Vösung venvendel. Und deshalb keirin ich, selbst angesichts einer solchen Einwanderung, nir Amerika nicht verzweifeln. . Ich.würde mich vielmehr, der Bereinigten Staaten schämen, wenn sie.mir all ihrer Jugend, mit all ihrer Macht. mit all ihren Hilfsguellen zurückschrecken würden und der Boriehnng sagten: Gib uns nur die leichten Tinge. Bon Rev. Tr Bellows horte ich vor vielen Jahren lagen, eS sei nichts charakteristischer lür unsere Zeit als die Themache, daß wir fähig sind, Ab'alle zu verweriben. Es sind jetzt schon 10—1.’> Jahre, daß man in fast i.dem Fabneaiionsrweig gangbare Produele auS Stoffen machte, die noch kurte Zeit zuvor aur den Kehrichldanfen geworfen wurden. Ich kenne ke:ne interessantere Illustration hieiur als eine ans der Selteü'abeieairon: es mag jedoch der Mühe werth sein. Ihnen erst beilau'ig zu erzählen, ivas Mr. Earngie immer lagt. Er erzählte, er 'e: der Erste in seiner Branche gewesen, der einen Ehemiker anstellke, mit dem Ergebniß, daß er während - oder 3 Jahren Stahl auS dem machte. >vas sein Nachbar sorrwarf. TaS war die Grundlage zu seinen: großen Bermögen. Nun Horen Sie, wie es bei der Seidcnfabvieation ging. Ter Seidenwurm macht seinen Eoeon. Gewöhnlich wird die Varve dadurch ger.ödtek, daß man sie der Hitze auSsetzt. Tie Serke kann dann in einem ungebrochenen Faden abgewickelt werden, der nach .vielseitiger Behandlung zu herrlichen Geweben verarbeitet wirk. Aber einige dieser Eoeons haben zur Erhaltung des Scidenivnrn'.s;u dienen,- und in diesem Falle arbeitet sich die Larve durch und bricht aUe Jaden, und daS nennt inan einen durchbrochenen Eoeon- Vange Jahre wurden sie weggeworfen, sie waren werthlos. Aber die Verne sagten sich, eS ist daS'elbe Wesen in dem durchbrochenen Eoeon wie iu dem undurchbrochenen. Es ist dieselbe Fähigkeit vorhanden, Farbe anzunehnren, und wenn wir nur herauSnnben, wie eS zu machen ist. dann können wir aus dem sonst fortgewortenen Slosse schöne Seide fabrieiren. So arbeiteten und arbeiteten sie und fanden endlich den Weg. Und seitdem wird kein durchbrochener Eoeon mehr fortgeworfen: er.wird ein schönes Band oder ein schönes Scjtfc. o:: hat vielleicht nicht ganz den Glanz der undurchbrochenen I Seide, aber in der Art ist es dasselbe, und kaum ein Erporteur oder eine, Tarne Unnren den Unterschied herausfinden. Tie Lehre von dem j eben Gesagten ist Ihnen Allen gewiß offenbar. Tie Veute, welche aus i Rußland kommen, sind nur die durchbrochenen Eoeons der Menschheit. •cii und daS'elbe Wesen wie wir. Sie haben dieselbe Beschaffenheit wie wir, und die einzige Frage ist, ob sie angesichts der ihnen innewohnenden Fähigkeit nicht so behandelt werden können,- daß sie die schöne Fa:be annehmen Es kann noch bewirkt werden, daß sie das! Blatt. Land- und die Stadt beglücken, in welche sie gekommen sindg es kann aber nur auf Einem Wege bewirkt werden. Es ist kein leichteres Problem, die Menschen zu retten, als schlechte Seide zu verwerthen. Es ist ein schwieriges Problem, weil ein Mensch mehr werth ist, wenn er gerettet wird, als ein durchbrochener Eoeon. Aber selbst der durchbrochene Eoeon konnte nur schön und schätzbar gemacht iverden durch unsägliche Mühe und Geduld, durch Nachdenken und Arbeit. Glauben Sie mir, es gibt keinen anderen Weg, Ihren GlaubenSgenoffen zu helfen oder irgend einem anderen Menschen. Das war das Ziel Ihrer Bereinigung." Nachdem sich Mr: Seth Low noch über die Nothwendigkeil einer guten und weitgehenden Organisation an-der Hand eines sinnigen Vergleichs ausgesprochen.hatte, schloß er mit folgenden Worten: „Vergessen Sie nie, daß die Organisation nicht das Ziel der Wohlthätigkeit, sondern daß sie das Wesentlichste derselben ist. Ich hasse, daß diese Versammlung, welche die vereinigten israelitischen Wohlthätigkeitsanstalten während der abgelaufencn 20 Jahre in solch edler Weise unterstützt, neuen Muth schöpfen wird aus dem Bericht über das, waS bereits vollbracht ist, und ihre Arbeit nicht eher einstellen wird, bis viele selbst von. den durchbrochenen EoeonS glänzen wie die schönste Seide!" Aus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. Tie Stimmeusäugcrki i» der Leopoldstadt.) Tie Amiseiniieu machen in der Veopoidnadt die größten Anstrengungen, ui» bei den nächste» Gemeinde ratbSwablen int drillen Wahlkörper die Majorität zu erlangen. Sie haben es dabei namentlich ans die Wähler der Brigittenau abgesehen, und fast a» jedem Abend werden daselbst bald in diesem, bald in jenem Gasthanie kleine Eonvenlikel abgebalten, in denen die Wähler ans der nächsten Nachbarschaft bearbeitet werten. Tiefe Winkelversaniinlnngen werden möglichst geheim gehalten, damit sich nicht auch.Wähler einfinden, die den antisemitische» Agitatoren Schivierigleilen bereiten könnten. Tie Liberalen im zweite» Bezirke müssen jedenfalls wachkam fein, da sie sonst wieder eine unangenehme Ucberra-chnng erleben könnten. Mißglückter BckehriliigSvcrslich.) Mechaniler Schneider uniernahi» an« freien Stüde» oder »n Aufträge feiner noble» Gönner den Versuch, jene Tschechen, welche nicht mehr mit de» (christlich-Socialen Zusammengehen wollen, in belehren, konnte jedoch nichts anSrichlen. lieber diele» inißglücklen Be kehrnngsversuch liegt folgender Bericht vor: Für den '12 August hatte daS t-chechi'che AgitalionScomilö in daS Gasthaus „zur Taube" in der Hugelgasse eine Beriaininlung der tschechischen Wähler des XIV. und XV. Bezirkes ein berufen. Als das Local mit tschechischen Handwerker» und Kleingewerbetreibenden beinahe gefüllt war, erschien Mechaniker S ch n e ider mit einet Anzahl tschechischer Anhänger. Tieie Leute, welche anstandslos eingelassen wurde», vcrlheilten sich im Local, und als die Wahl des Borsivenden vorgenomme» werden sollte, wollien sie durch Lärmen und Schreie» die Wahl ihres Führer« Tolleisch durchsetzen. Tiele Absicht wurde aber von den Trdnern vereitelt, und es konnte die Abstimmung ordnungsgemäß vorgenominen werde», welche die Majorität für U r b a n, Seeretär des jungt'chechifchen parlamentarischen Elubs, ergab. Urban erklärte das selbstständige Auftreten der Tschechen sür »olhwendig, weil sonst ihre »alionalcu Forderungen stet» unberücksichtigt bleiben würde». Re dacieur C i h e r t verwies daraus, daß die Antisemiten vor einer Wahl den Tschechen schmeicheln, nachträglich aber sie als „Stimmvieh" behandeln. Sodann krilisirle B a v r a in scharfer Weise die Haltung der christlich-socialen Führer. Bon den Liberale» habe man nationale Zugeständnisse' nicht erwarten-können. Lueger aber habe nicht nur im Allgemeinen den Gerechtigkeitsapostel gespielt sondern wiederholt die Tscheche», an deren Unterstützung er direct appellirte seiner wärmste» „christlich brüderlichen" Shinpalhien versichert. Trotzdem habe er nicht nur gegen die Tschechen gestimmt, er habe auch in gehässiger Weise gegen dieselbe» gesprochen. «Ruse: Pfui Lueger! Hanba mu! Gegenruse: Hoch Lueger! > Run meldete sich S ch n e i d e r zum Wort und bat, ihn deutsch sprechen zu lassen; dies würde zugestanken. Schneider sagte, die gegenwärtige Agitation unter den Tschechen sei von „Judenliberalen" angezettelt worden. (Stürmische Tho-Rnfe.) Tie Agitatoren seien mit jüdischem Gelde bezahlt. (Stürmische, anhaltende Unterbrechung. Es wird gerufen: „Spiechen Sie von Ihren eigenen, Tiälen!") 'Rach längerer Pause fuhr Schneider, sichtlich erregt über die Unter brechungen und Zurechtweisungen, fort: „Man wirft mir meine Diäten vor. Biel mehr, als diese Diäten ausmachen, gebe ich' für Agitationsreisen auS. (Ein Zwischenruf: .Aus wessen Tasche'?' Hieraus stürmisches Gelächter.) Lassen Sie sich nicht irresühren von den Juden. Denken Sie an die Gasanstalt und die Hypothekenbank." (Unwillige Rufe: Was will - er vou den Juden? Hier sind Tschechen! Eine Stimme: „Ter Mensch hetzt Alle durcheinander, nach dem Grundsätze: lUricke et impera".) Im höchsten Zorne brach Schneider in die Wone aus: „Theilen und herrschen, das ist ja eben der. Grundsatz der Juden."