Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 178 (1.9.1895)
- Date
- 1895-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 178 Frei»» Blatt. Seite 3 und hat so dem Stcuerärar einen Tribut zugcführt, aber s)nst Hai man nichts erreicht. Es ist noch keiner anfgestanden u,id hat gesagt: Mir geht es gut, seit wir all das habe», was die rückschrittlichen Parteien dem Gewerbe bcschecrtcn. Ddcr ist etwa durch daS öde Geschimpfe, durch die fortgesetzten Schmähungen und Verdächtigungen anständiger Bürger, durch die Hetze gegen die liberale» einem einzigen Schneider oder Schuster oder einem Lehrer oder Beamten oder einem Hausherrn etwas genützt worden? Wer davon weiß, soll sich melden! Ganz im Gegenthcil. Das LoSzichcn auf daS Eapital, das nun einmal zur Durchführung großer Unternehmungen uuentbehclich iVt, hat den Unternehmungsgeist gelähmt, hat die Ader» unterbunden, ans denen das Geld in alle Eanälc des bürgerliche» ErwcrbcS fließen soll. Keinem Menschen füllt cS ein, sein Geld nach Wien zu tragen und hier etwas, zu machen, daS Hunderten oder Tausende» Erwerb bringt, weil er nicht sicher ist, ob er nicht am andere» Tage von einer klaffcudcu Mente angc'alkcn und als Gauner, Dieb und Betrüger hingestellt wird, auch wenn er sich sein Vermögen durch die ehrliche Arbeit eines Mcnscheualtcrs erworben hat. Oder gehl cS etwa jene» Geschäftsleuten besser, die allabendlich mit Lueger und scinci» General stab von WirthShauS zu WirthShauS ziehen und dem tollen Treiben der Atttiscmitcnhäupilinge zujubcl»? Glaubt man, daß die Welt ordnung plötzlich eine andere werden kann, daß aui einmal iiidyt mehr derjenige zu Wohlstand und Ansehen gelangen werde, der fleißig arbeitet und das Erworbene zusainmenhält, sondern der, dessen einzige Thätiglcit im Hcrümzichcn in Antisenutenvcrsammlungcn, in wüslcni Schreien und Schimpfen und im Glaube» an das besteht, was ihm gcwisic Komödianten, rücksichtslose Streber Abend sür Abend vor sagen? Das kann auf die Dauer lein vernünftiger Mensch glauben, und eS ist nur natürlich, daß endlich auch i» den .Kreisen der be ihörtcn sogenannten „kleinen Leute", welche Lueger schon viele Jahre zu „retten" vorgibt, eine bessere Einsicht sich Bah» bricht und sie sich fragen: „Wohin führt unS dieser Mann?" Wir könne» ihnen die Antwort geben: Er weiß das selber nid't genau, er führt sic aber sicher inS Verderben. Wohl, aber weiß er, wohin er sid) selber führe» will: ins Rathhaus, in die Bürgcrmcistcrwohnung, damit er »eben den Diäten als Reichsraths- und Landtagsabgcordnclcr and> »och den schönen Gehalt dcö BürgermcistsrS cinstrcichen kann. Wir erwarten, daß die Erkcnntniß der hier vorgcführtcn Dhatsachcn auch die An gehörigen des viclgcplagten und arg gedrückte» Kleingewerbes lehre, in welchem Lager mit der That, durch Schaffung von Arbeit, und in welchem mit dem großem Maul, dnrd) häßliche Verhetzung der Bürger, durch maßlose Strcbcrci und Bcgciscrnng jeder Autorität das Gewerbe gerettet werden soll. Danach cntfdjctbc man. o l n, .'tngnsl. Mit der Cd)»iiegsamteit einer moderne» Dame versteht cs der Antisemitismus, sid) allen Vcrhültnisicn des Leben,» anzupasscn und mit allen Richtungen und Strömungen ans soeialeiu, geistigem und sittlichem Gebiete zu lokcttirc». Warum auch nicht? Wenn man selbst nichts ist, so ist cS sehr lcid>t, alle» Parteien Eoneessionen zu machen und Alle», nur nicht sich selbst und der Wahrheit gcrcdst zu werde». Diejenigen, welche von der Ratnr »id>lS sind, bilden das dankbarste Material für die Gegenwart, denn der Zufall kan» auS ihnen Alles niachcm Als die Antisemiten sid) unter der Leitung der versöhnte» Herren Licbcrmann und Zimmermann zu der heutigen buntscheckigen „Deutsch socialen Rcformpartci" vereinigte», verkündeten sic der staunenden Welt mit großen Worte», sic ständen fest auf dem Boden des Ehrisienthums. Mand>e wunderte» sid> darüber, wie man das d)ristlid>-sittliche Princip in das Programm einer modernen Raubrittcrparlci hinein bringen könne, aber bei den Helden der Iudcnhetzc ist nichts-nnmöglid), sic vermögen in ihrer Virtuosität AlleS. Run, wer sich unaufgefordert ^vcrthcidigt, der klagt sich an, und unsere Antisemiten nehmen, darum so oft das Wort Ehristcnthum in den Mund, weil sie ein sd>lcd)ics Gewissen haben, weil ihrc.-Classen- und Raccnpolitik, ihre scrupellosc KampfeSweise und ihre BerleumduugSsncht den erasscstcn (Gegensatz zum christlichen Prineip bilden Der Grundsatz aller geläuterten Religionen ist die, Liebe zur Menschheit, und ihr höd>stcs Ideal ist die sittliche Vollkommenheit. Eine Partei aber, die sich zur Aufgabe gestellt hat, Haß zu säen, daS menschliche Gcmüth zu vergiften und die Wahrheitsliebe zu vernichten, kann nimmer christlich genannt werden. Was würde der Stifter der christlichen Religion, der alles Gu(e und Edle dem jüdischen Geiste entnommen hat, um cS allen Völkern zuzuführcn, sagen, wenn er einen Lueger, einen Licbcrmann ' oder gar einen Schneider, einen Ahlwärdt als Vertreter seiner Ideen auf Erden begrüßen müßte? Nein, ihr Herren, ih/ seid ebensowenig christlich wie dculsd), und ihr gercid>t eurer Kird>e ebensowenig ^wie eurer 'Nation zur Ehre. ' via, diese Herren haben nid)t einmal de» Willen, gesd>wcige die sitllidie Kraft, zu Helsen und zu bessern, . und diejenigen, welche bei ihnen eine Znslucht in der Roch Indien, siüd lehr zu bedauern. Seit einiger Zeit'belieben unsere auliscmilc'chc» Allerwelisreforincr, sich als die einzigen sircunde der Handwerker zn gerire» lind ihnen alles Mögliche und Unmögliche zu vcrspred)en, wenn erst ihre „Ideen" vcr wirklid>t werden. Es ist ihnen and) geklingen, viele Handwerker, deren Gehirn langsamer als die Hand arbeitet, dnrd) ihre hohle», verheißungsvollen ,Phrasen für de» Antisemitismus zu gewinnen. Jeder wahre Voltssrennd wird diese Ersthinnng nidir im Interesse des Iudeulhnms, sondern im Interesse des chrlidien Handwerkes bedauern. Der Handwerkerstand ist. benizulage iiid)t ans drosen gebettet, und wir begreifen wohl, daß er nach Mittel» trachtet, um >ei»c Lage zu verbessern. Den Kamps »ms DMein sich zu erleichtern und nad> Verbesserung zu streben, ist ein menschliches Recht, das man Niemand verkümmern darf. Allein inan muß sieh erst da» über tlar werden, was inan verlange» kann und darr, und mit bloßen Redensarten ist »och 'Niemandem Hilfe zntheil geworden. Die Handwerker tragen der.Regiernng immer-neue, Wünsche vor, man muß sid) aber nid)l einbilden, daß der Staat allmäditig ist und Jedem Hilst' zu gewähren vermag. Die Handwerker leiden an der erdrückendcu- Eoneairrenz des türoßrapitalS, das die kleinen Eristenzen. immer mehr zerrrüminert. Das ist ein Uebel, welches auf uns lastet wie ein unl.Dilvolies 'Naturgesetz, weld-cS . man aber dnrd> Pflästerdien nicht beseitigen kann. Es ist naiv, wen» man die Inden als die 'Vertrete! des Eapilals hinstellt. Tie Juden sind, wie die Statistik lelnt, dnrchans nicht die Reichsten ans Erden. Sie sindnidzt sdilimmer und indil besser alsdic Anderen, -sie verfahren im sd)were» Kampfe nms Daiei» nidzt sdionendcr, aber and) nid>l grausamer als die anderen Eapitalisren. Der Staat, zu dem die Handwertr bald i'k-h.-nd, bald drobend die Hände erheben, könnte den »Handwerkern »nr aus .Kosten anderer Stande helfe», wen» hier überhaupt von einer radiealen, dauernden Hilfe die Rede sein tan», und das dar! er nid», wenn er seiner Ausgabe gered)t werde» will, denn' der Staat illht im Dienste desganzen Volkes und nidjt eines Standes, seine lyd)iu Norm muß sie allgemeine Wohlfahrt sei». - Wer also wirtlich dis'Absicht hat. dem leidende»-Handwerkerstand-zu Helsen, s'.er daii ilmi leine Di-agc la'. ipredic», deren Erfüllung.nnmögliä) ist. Wir tonnen die moderne Eultnr nidit rückgängig machen, wir könr.en die Z-ii nid,' um einige Iahrhunderte zurüctid>ranben und das Miiretall.r imer errid>ten, auch wenn wir das wollten. Wenn, aber die H.1 ihre »vor derungc» mit dcr reaetionüren Polilit verschmeirei, nr' sid» unter d.eir Sd>ntz der Antiseinilcn begeben, so kann bas-nur dar» "-eiiragen, daß sie die Sympathien aller anständigen' und ger tii a Etemeine des Volkes verlieren - I.-l-iu!-. herein;»r Abwcl» .De-? Aiiliiciuiii-ömils. ..'ei d.-r letzte» Gcneralversainmlnng vourde 4 an'' Vreid)! > : s P-.asiden:en der Be schlnß gefaßt, eine Re d> l s i ch n tz a b tb : i l n n g zn -errichten, die den Zweck, hat,, die Vertretung aller Jener in die Hand zn nehmen, die durct) antisemiliiche Angrisie an ilEhre rd - S:d>.".-b.-it bedroht werden. Diese» Rechtsschutz sollen setbstrerstand'-dt nid): allein iüdi'die, sondern and) alle jene Mitbürger genießen, uidn geivilll nnd. sid) dnrd) den AntiicmilismnS kerrori'ire» zu -lusim. Di i hervorraginde Wiener Advoealen haben sich bereit er'ltärl, ti V.rrr--tn»g der -Red)ts sd>nyablhcilung zn übernehmen, so daß von jetzt an das Bureau des Vereines «Dorothccrgasie IL allfällige Aaimetdnngen entgegen»»»»» Der Verein wird . bald in der Lage sein, über die Asiaire von R o 2 » a k: Lcähercs zn bcrid>tcn. ■ (.iiciucrüctrctlicHöc iMtll öic '.'llltiicmiicit. Der politische Verein „MiI vereinter' Kraft", weld,er ans dem Bode» der „forisd)rilklid>-wirthschaftlidien Resormpartei" sicht, hielt zu Ende der vorige» Wod>e eine Versammlung ab, welcher auch viele Gewerbe treibende deS XVII. und XVIII. Bezirkes beiwohnten, die bisher zu den Stützen der anlisemilisd)en Häuptlinge zählte». ES erregte Ans sehen, als sid) in dieser Versammlung ein Disd,lermeistcr, der einem diriftlich-'socialcn Vereine in Währing als dessen Vorstand angehört, für selbstständige GemcindcrathScandidaten auS dem- Gewerbesiande. aussprad) und den PersoncnculluS lebhaft bekämpfte. Interessant war auch das Geständniß eines Sd)»cidcrulcistcrS, welcher sagte: „WaS Prinz Liechte» st c i» für den Gcwcrdcstaud gclcistcr hat, weiß id> nicht, aber das weiß id), daß er, wenn wir nid>l so dumm gewesen wären, ihn zu wählen, heute »id>l im Parlamente iäße, da ihn seine