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Freies Blatt · 1895-08-25 · 177 (25.8.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
177 (25.8.1895)
Date
1895-08-25
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Frei«» Blatt. Nr. 177 Seile 4 Vcu:c sind, welche die Unverfrorenheit hatten, im verfloßencn Gemeinderaitic schlankweg zn behaupten, daß die AbstimmungSresultate von den 3cliv:ttfiihvcin gefälscht wurden . . . Höchst charakteristisch sind auch die .Vorgänge de, einer anliscnmischen Wählerversammlung des XIV. unk XV. Bezirkes. Zn derselben candidirtc ein Hutniacher Namens Berger, obwohl er dein Wahlcomilr-, wie dieses versicherte, das Ehrenwort gegeben balle, ein Gemciuderathsmaiidat nicht anzustreben. Berger «eine die Sach'' andcrs dar. Er habe, erzählte er uiigenirt, sich an Gcßinaun mit dein Ersuchen gewendet, ihn zu unterstützen und „Redner" zu bestiluiiicn, welche die Annahme seiner Eandidatur befürworten sollten Man habeZeincn Wunsch keiner Beachtung gewürdigt, und so si-lie er sich beniüssigt,- sich selbst zu empfehlen. Sei dem, wie ihm walle, k r Aruie wurde schnöde znrückgewresen, und nicht viel hätte gesebll, io wäre auch die neueste Luegcr'schc Praktik des HinauSwerfcns an ilnn probirt worden. Wie die Antisemiten manchmal die geistigen Fähigkeiten ibrer Mandatstrügcr tarircn, dafür lieferte in derselben Versammlung ein Herr Schreiner einen schlagenden Beweis dadurch, daß er berichtete, ein ebcnialiger antisemitischer Gemeinderath habe bei den lebten Sladtrathsivahlen erklärt, es sei der Wille der Wähler, daß er gewäblt werde „Aber io einen dummen Kerl," rief Schreiner mit dem Brusttöne der llebcrzeugung, „kann man im Stadtrathe nicht brauchen Schacher, Fälschung, Slrebcrlhum, Wortbruch — all das sind Ebaraktereigcnschakte», welche Antisemiten selbst anderen Antifemiten;n:n Borwiirsc machen. Außergewöhnliches leiste» thatsächtich die antisemillieliei, Maulhelden im Vilgeii. In jeder Wählcrvcrsanimlung kann inan hören, in welch unglaublich frecher Weise Behauptungen aufaestelll werkeir. die ein' unbefangener, vernünftiger Zuhörer sofort als ariindfalsch erkennt ftaf* der Neubauer Bolkstribun Grcgorig vor 'lnizem behauptet, die (Gehaltszulagen für die Staatsbeamten würden -anr den l^eldi'äcken niid Eapitaliste» zuliebe gemacht. Man sollte eine 'eiche Bebanvtnng für unmöglich halten: die Antisemiten bringen aber auch tie>es Kunststück zusammen irnd geben folgendes Raisonnement ziii» Besten! Tie '^ehaltSzulägeu für die Beamten werden durch eine E'.l'öb'.tiig der Per'oiicntarisc bei den Staatsbahncn hereingebracht. Tie'e El>>'!n:tr»z der Tarife in eine Ausforderung für die Privatbabnen, ebenfalls ihre Per'oncntarisc su erhöhen; dadurch erhöhen sie :b:e Einnabinen, somit ihren Werth. Angesichts der zu gewärtigendcii B''.staatlich»:!.: wächst a!>'o der Preis, welchen der Staat für die Bahnen zu zahlen haben wird: dieser erhöhte Preis jedoch wird den Ä.tionüren. weiche natürlich durchwegs Juden und Iudcnkncchke sind, zngiite tenrmen Äl'ö kurz reiumirt — die Beamten erhalten höhere "Egen, tainik die Inden und Zudenkncchtc einen Profit machen . . . Bilk gleicher Kunstfertigkeit wurde ferner in einer Antisenillcnvcrsamiillung miigetheilk, daß von den Hnpothekarschuldnern der Ersten öster- :e:ch:>c!ien Svarcasse drei Achtel um Prolongation der Zinsen ang'c- 'nch; haben, daß von den Hausbesitzern sieben Achtel außer Stande '!!!d, Zln'en und Eapiialsraten abzustallen und daß die christlichen Hausherren Wicirs znn: größten Theile vom Hungerlode bedroht erscheinen, lind cs ist Alles nicht wahr. Bor uns liegt der Ausweis de: Lvarerüe vom eil. Juli, und dcuiselbcn'entnehmen wir, daß von de:: Zinsen des TarlehensrapitalS per IOei 7«? Millionen Gulden nur "(>.'> Pereenk nnd -nicht drei Achtel ausständig sind und daß von ’J- -\'J Schuldnern nur j,„ Rückstände sind. So beschaffen sind die Waffen, mit welchen antisemitische Führer NN Sieeite lämvfcn Wenn den Bürgern von Wien eine solche Sippstli.'.'i lieber ist als ehrliche, für das Wohl ihrer Vaterstadt besorgte Mavi-er. dann werden sie dieRathschläge, mit denen sich auch clericale R.a.tionäre ans Vtnt, Graz ec. an sic herandrängcn, schön befolgen »iid bei d.r nächsten Wahl ihre Slinimen den antisemitischen Bolksbeglückern geben. Allerdings wird es, falls dies geschehen sollte, in der Stadt, die im Sinne der unvergeßlichen Worte unseres seligen KicnPrinzen stets ein Meer von V'tchl zn bestrahlen hätte, tief dunkler Abend weiden. Möge unsere herrliche Stadt -vor diesem traurigen SchtckE'.-.' bewahrt bleiben'! I r r s^riibl über die tsiciilcindrrakhüwaljlcil.) 2m dcutsch fort- '!.: "t. Vu . ch's arga r ethene r Elub" hielt der gewesene Bürgerin, st - T: R.stmiind s^'rübl eine Rede über die Gemeiiidcwahlen si'd ' Zw a A i „'Was die bevorstehenden Wahlen betrifft, so ist kein Z r. ' i. daß >:e Antifemiten die Majorität nicht bekommen werden. v:.:»-I der von uns seine Pflicht erfüllt, wenn nicht Jeder, der E.-e!l:i d.r Spposiiivn verhorrcscirt, wirklich stiiilint, dann kann es daß neue Auflage jener Position eint ritt, wie wir sic ü'habi staben nnd d:c den-letzten Bürgermeister veranlaßt hat, zurück- '«r.'k-k!'. iv:! .. es re:schmäht hat, Bürgermeister ohne jene Macht zu sein, die nothwendig ist, um ein so großes Gemeinwesen mit Macht nnd Würde zu führen. Ich denke aber, daß die gegenwärtigen Ber hältnisie denn doch unseren Mitbürgern die Augen geöffnet haben. Sonst kommt wieder der Rcgierungscommisiär, d. h., daß die Bürgerschaft nicht imstande ist, selbst ihre Angelegenheiten zu verwalten, daß sic außer Stande ist, die ihr vom Kaiser verliehenen Rechte nnd Privilegien zum Nutzen und Frommen der Commune auSzunützcn, daß sie wieder unter Vormundschaft kommen muß. Ter Regicrungs commiffär strebt gewiß daS Beste an, aber er muß sich denn doch als Provisorium ansehen, daS 'der kommenden Entwicklung möglichst wenig präjudicirt. Bon mancher wichtigen Angelegenheit muß er zurückstche» Taß damit ein Stillstand in der Entwicklung von so Manchem ge geben ist, das kann ja gar keinem Zweifel unterliegen." Dr. Grübl schloß seine mit stürmischem Beifall aufgenommene Rede mit dem ein dringlichen Wunsche, daß die Bürger Wiens sich aufraffen, daß sie sich der Situation bewußt werden und daß ciijc Gemeindevertretung zustande komme, die wieder mit Einsicht, mit Macht und Glan: umgeben, ihres Amtes walte und die Geschicke der Stadt leite. (Gewcrbrtreibciidc siegen die Antisemiten.) Der „Verein freisinniger Gewerbetreibender" berief für den 14. d. M in die „Drci-Engel-Süle" eine Wählerversammlung ein, zu der sich auch zahlreiche antisemitische Agitatoren cingcfundcn hatten. Es kam wiederholt zu bewegten Zwischenfällen, da die Antisemiten in lärmender Weise die einzelnen Redner, die den Antisemitismus im, Lager der Gewerbetreibenden scharf velurtheilte», zu unterbrechen suchten. Tic freisinnige Mehrheit der Versammlung unterstützte jedoch die Trdner in ihren Bemühungen, die Ruhe aufrcchtzuhallen, so wirksam, daß nach mannigfachen stürmischen Scenen die Versammlung ihrem Ende zugcführr werden konnte. Sie nahm folgenden Verlauf: Leim ersten Punkte der Tagesordnung besprach der Vorsitzende, Tbinan» Aonba, das von dem Vereine ansgest-llte Programm nnd trat für eine säninil siche Gewerbetreibenden ninfaffende Organisation ein, in der weder nationale, »och confessionelle Unterschiede bestehe» sollen. „Weg mit den verhetzende» Schlagivorte», die »nr Unsrieden erzeuge», die nur den Parleikainpf rntscsieln! Kein Gewerbetreibender, dein seine Existenz lieb ist, dürfe sich;>»» Spielbalte politischer Parteien hergeben — er ist eben nur Gewerbetreibender. Er ha« sich nicht in» Ration, nicht »m Race, nicht um Religion z» kümmern!" Tieie Worte liefen lebhaften Beifall hervor, der von antisemitischer Seile mit Hob» gelachter und mit Stufen: „Aber um die Inden müssen wir uns flimmern!" anfgenoniinen will de Mil erregter Stimme forderte der Vorsitzende die Sppo sition ans, den Anstand zn wahren. „Uns ist ein ehrlicher Jud lieber als ein christlicher Lump" — apostrlphirie er die Ruhestörer. „Glauben Sie, daß es unter Christen keine Lumpen gibt? Die Juden sind unsere Mitmenschen." (Ein Ruf: Schwefel!, „Das ist kein-Schwefel — das, was man Ihnen vorplanscht, ist Schwefel, und Sie.fliegen' darauf, weil das dem dummen Aerl von Wie» so paßt (Lebhafte Zustimmung.) Ter Jude kann ebensoivenig dafür, daß er von einer israelitischen Mutter geboren wurde, als Sie sich ein Perdienst daraus machen können, daß Sie an« einer christliche» Familie flamme». Schämen Sie sich, als Männer eine so niedrige Äesiniiung;u haben!' (Beifall.) Ter nächst folgende Redner, Strabitsch, berührte, die Hansirfrage und suchte darzulhun, wie gerade durch die Beivegung gegen die Hausirer ein Theil der Gewerbetreibenden, namentlich jene, die Ranchreqnisilen erzeugen, geschädigt werde. Als er darauf hinwieS, daß ja auch die Hausirer daS Recht zn leben haben nnd daß dieselben vielleicht das Recht hätten, sich von ihrem Standpunkte auS über die Concurreuz der Gewerbetreibenden zu beschweren, entstand ein solcher Spec takel, daß der Redner auf das Wort verzichte,^ mußte, und erst »ach energischer Intervention der Srdner und des Vorsitzenden, gelang es, die Ruhe herzustelle» Sodann besprach Tapezierer Stadler die SteÜmignahine der Gewerbetreibenden zu den bevorstehenden Gemeinderathswahle» nnd plaidirte dafür, daß dieselben nur auf rein gewerblichem Standpnnkle stehenden Eandidaten, die sich keiner der bestehenden politischen Parteien anschließe», ihre Siinimcn geben sollen. Tie Anliskmile», die bisher auch nicht einen einzigen Erfolg in der gewerbliche» Politik aufzmveise» haben, verdienen es am wenigsten, untcrstützt zu werde»; ihre Führer zu beseitigen, wäre geradezu eine Erlösungsthat fürs Gewerbe. Schuhmacher Lamina charaklerisirte hieraus die Führer der antisemitischen Bewegung in Wien; sie seien die Einzige», welche von derselben Rntzen gezogen haben. „Aiisaiigs beiiteten sie," fuhr er fort, „die demokratische Sliininung aus, später begannen sie über die Jude» zu schimpfe», und nachdem dieses Geschäft r. ntabler ist nnd das Stimmvieh gedankenlos auf die Schimpferei eingeht, so sind sie mit dem Tausch zufrieden. Die neueste Species der Bolksbeglücker in Wien sin'' die Feudal Aristokraten Was würde» die Herren blanblütige» Fidei coininißbesitzer vom Schlage Liechlenstein's sage», wenn ein Gcwerbetreibendlr sich i/nl ihre Stimme» bewerben und sich, zur Vertretung ihrer Jnlereflen ihnen anbiet.e» würde? tRnfe: AnSlachen!) In die Zwangsjacke würde inan ihn stecken. Wie kommt nun ein Fürst dazu, sich um di« Stimme» der armen Leute zu bewerben? Wir wollen nicht sagen, daß er ei» Narr sei, aber wir können

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