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Freies Blatt · 1895-08-25 · 177 (25.8.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
177 (25.8.1895)
Date
1895-08-25
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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annehmcn, daß Murawjew aus purer Liebe zu den Juden de» Reichsralh zu Gunsten derselbe» beeinflußt hülle. Nein, der "Beweggrund ist an anderer. Im Archive des russischen Jusuzministainins ist rin überaus reiches Material über die 'Juden in Rußland aufgchäusi ivordc», und daraus hat Murawjew die Ilcbcrzengnng gewonnen, daß -je während der letzten dreizehn Jahre gegen die Hude» erhobenen Be' schttldigungcn auf Vcrlenmhung beruhen und jeder reale» Gnindlagc ntbchren. Bo» weitestgehender Bedeutung jedoch ist die Thalsache, daß der Jnstizminister in neuester Zeit gegen die Richtznlassnng von Juden -ui» Staatsdienste energisch Stellung nahnr. Und treu seiner Methode, eine Vorschläge durch Thatsachcn und docuincntarische Belege zu bclräftigcn, verwies er auch in dieser Hinsicht ans eine Reihe von Bei- -vielen, aus denen der Werth der Juden als StaalSbcauitc klarer sichtlich ist. In der „ Tudcbnaja Gazeta", de», Organe des JustiziiiinistcrinuiS, lese» wir: „Wenn die Gcwissensfreiheit znni belebenden i^rnndprincipc dcS russischen LebenS werden wird, wenn man die Bürgerrechte eines jeden Unterthancir nicht mehr mit dessen Angehörig- "it zu dieser oder jener Rationalität messe» wird, dann werden alle .»isischcn Bürger ihre natürlichen, durch ihre Fähigkeiten bedingten Stellungen cinnchmcn. Werfen wir nur eine» Blick ans das Leben „nd die StaalSthätigkcit dcö berühmten Juristen Alerander Jakowleoilfch Passower, und wir werden den Werth der Inden für den .Staatsdienst deutlich sehen. Passower hat die juridische Fäcnltät der MoSkaucr Universität glänzend absolvirt. Er wurde 1.801 ans Siosten .-.S Staates ins Ausland geschickt, um sich für eine Professur vornbcrciten. Als er jedoch die Prüfung vorzüglich bestand und zum Magister dcS StaatSrcchteS promovirt wurde, da erklärte ihm die Regicrnng, er würde erst dann zum Profcsior ernannt werden, wenn er >einen jüdischen Klauben verlassen und zur Orthodoxie übertrete» wollte. Ter Gelehrte mußte also seinx» langjährigen Hoffnungen entsagen. Passower trat hierauf in daS Instizministcriniu ein und zeichnete sich bald als erster Staatsanwalt beim OberlandcSgerichtc zu Wladimir in hervorragender Weife aus. Aber als die ,Slröiiinngcn' gegen die Jude» die Oberhand gewänne», da nahm Pasiowcr fcincif Abschied, denn seine Eonsission war Bielen ei» Dorn im Auge. Als hervorragender Jurist, als glänzender Redner, als vielseitig gebildeter Man» von großer Ehrlichkeit und Lauterkeit des EharaklerS genoß Paffowcr die Zuneigung Aller, die ihn nur einmal Gelegenheit zu sehen Hallen. Tic Universität hat also in Passower einen geistreichen Lehrer, der Ttaat einen musterhaften Diener verloren." Es ist keineswegs ein bloßer Zufall, daß daS Organ des Jnstizministeriunls plötzlich gegen die "Richtznlasfung der Juden znni Staatsdienste anstrat. Tie Sache hat viclinchr folgenden Grund: I» der letzten Zeit wurden in' verschiedenen Gegenden dcS EzarcnrcicheS indische Staatsbeamte, die unter LoriS-Mclitow in den Staatsdienst aufgenommen waren, von ihren vorgesttzlen Behörden belobt - und von der orthodoxen Bevölkerung in so demonstrativer Weise gefcizrt, daß Murawjew, der stets ein treuer Hüter der Wahrheit war, sich gedrängt 'fühlte, ans die Berdienste der Juden als Staate beamte hinzuweiscn und die "Richtznlassnng derselben zu allen Staatsämtern zu beklagen. In der Stadt Ufa wurde unlängst das 25jährigc Dienstjnbiläui». des Tircctors des KriegShospitalS, StaatSratheS Grigorij Abramowitsch Schreiber, festlich begangen. Ter Feier wohnten daS gesammte OssicicrScorps, der Eommandircndc dcS Militärbezirkes, General de Spullcr, der Ehef der Artillerie, Generalmajor A. Sangailo, der Ehef des Gendarmericcorps, Oberst M. Gromyko, der Vorsitzende des Kriegsgerichtes, Gencralinajor Minin, und Vertreter aller Stände bei. In der Ansprache, welche General Minin an den Jubilar richtete, hob er die großen Verdienste -hervor, welche Tr. Schreiber nur das OfsicierScorpS sich erworben hat, und schilderte beredt die Pflichttreue, die Gewissenhaftigkeit, die Humanität und große Opfcrwilligkeit, mit welcher Schreiber sein schwieriges Aint während seiner 25jährigen Dienstzeit versah. UcbcrdieS wurde Schreiber in der ihm vom Offiriersrorps überreichten Adresse in sehr herzlichen Worten gefeiert und gelobt. Diese Thatsache konnte der Aufmerksamkeit der Petersburger Machthaber nicht entgehen, denn die' officielle Zeitung von Ufa Hot dem Tienstjubiläum Schreiber'S einen schwungvollen Artikel gewidmet, in welchem der Gefeierte als musterhafter Staatsbeamter gepriesen wird, der „die Behauptung von der angebliche» Unzuverlässigkeit der Inden für den Staatsdienst in cclatantcr Weise Lügen straft". Ebenso demonstratjv verlief kürzlich die Feier der 20jährigen Dienstzeit deö EhefÄ der SanilätSpolizci von BcrdjanSk, HofrathcS Th. Gold st ein. Auch hier-wurde der jüdische Staatsbeamte von allen Behörden, den Vertretern des Adels :c. ob feiner Humanität, Gewisicnhaftigkcil und Pstichttreue durch Ovationen geehrt. Sämmtliche Lehranstalten deö Bezirkes brachten ihm ihre-Huldigungen dar, während der Gcmcinderath mit dem Stadthauptc Goloborodko 'an der Spitze ihm eine Dank adresie überreichte. Zu diesen Thatsachcn gesellte sich der von der Landschaft PorchovSkojc kürzlich gefaßte Beschluß, dem unlängst verstorbenen jüdischen Arzte Bermann, der im Dienste der .Landschaft stand, ein Standbild zu errichten, „da seine -"Verdienste »in die GesnndheitSpslege der bäuerlichen Bcvölkenzng anßerordentlick, groß und". Aber auch ei» Jude "RauicnS Poljakow, der im Dienste dcS Veilehrsministeriyms gewirkt hatte, wurde, als er türzlich verschied, von liberalen nissi'chen 'Blättern als Beweis dafür bezeichnet, daß die Jude» im Diensteides Staates stets ihren Aufgaben vollkommen entsprochen haben. Tie hier berührten Thatsachcn werden kaum einen Umschwung in den Anschauungen der tonangebenden Petersburger Machthaber zu Gnuste» der Inden in Rußland herbeisührcn. Die »rcisinnige russische (Gesell schaft, welche mit de» Judenverfolgungen niemals Smnvathie» hegte, wird aber dadurch iu ihren auf die Aisimilaiiou der Inden abziclende» Bestrebungen nur bestärkt. - Jrnn> ✓ 5u den c^emein^ratb^iivthlen. Der antisemitische - Giftbauin treibt recht" neue 'Blüihen. Man Hai de» Liberalen schon viel vorgeworfcn: man Hai sie aller ei-denllichen Schandthateu geziehen, aber die t kühnste antiienmi'che Plianlaüe.konnte sich doch nicht so weit »ersteigen, z» behaupte», daß einer dieier durch und durch schlechten Liberalen sein Mandat oder die Anwariichaft ans dasselbe um schnöden Mammon hintangegcben hätte Zn solcher Fri volität verflieg sich eben nur jene Gescllschait, der gar nichts heilig ist, welche die Ehre des Mitbürgers zu beludeln inchl und im Familienleben des politische» Gegners hernmwühlt, die in iküem Hasch.» nach politischer Macht und mehr »och nackt den vermeintlich damit verbundenen Voltheilen keine durch die Gesetze des Anstandes und der Moral gegebenen <s>rcnzen kennt. . Gar Vieles, ivaS mit der guten Sitte'sich nicht r-i-einbaren läßt, ist in den engsten Streifen der patentirte» Jnde»s>esser schon vorgekommen, zumeist erfuhr jedoch die naive, Gesolgschaii nichts hievon, denn Dr. Lueger ist eben ein Meister im Vertuschen:,aber trotz aller VertuschnngSlnnstc ist doch jungst etwas anS Tageslicht gekommen, was so recht penetrant nach schmntzigster Eorruplion riecht. In einer Anii semitcnversammlnng in Favoriten war eS, in der über die Eandidalur Trambaucr's entschieden werden sollte, wo ein Parleigeno'-. aninaüd und össcntlich erklärte, daß ein früherer antisemitischer tLegicinderaib — Sylvester Stefan heißt der Ehrenmann — für 150 sl. Abfertigung ans seine neuerliche Eandidatnr verzichtet habe, damit für Herrn Tram bauer, der die Wiener Raihsstube neucrlicli mit seiner Senensieder weiSheit beglücken will, eine Stelle im III. Wahlkörper >rei werde Und Stefan erhielt auch die 150 fl.; er erhielt sie vom Beziels wahlconiit'-, welchem wieder Trambauer diesen Betrag ersetzt liane,' durch die Vermittlung des Obmannes des christlich ioeialen Ve: nn.s im X. Bezirke, Dr. Hugo Taich.' Wahrlich, eine recht nette schast! Wir haben da elneu AnSertorenen, der die-Ehre, ibnni Wähler zu vertreten, um 30.«>00 Heller — genau 10 Heller für jeden Wähler — preisgibt, dann den biedere» Trambaucr, der im Wege. des->tantes .wieder ein Mandat ergattern will, und einen mit einem Toeiordiplom anSgesiallcteii Herrn, der dabei den ehrlichen Makler macht, endlich hinter diesen die ganze Vereinigung von Vdlksbeglnckeni,. die uücIk ,Geschäfte guthcißt! Das also sind die Leute, welche in ihren Versammlungen und in ihren Organen fortgesetzt von der Verworfenheit der gcsammtcn liberalen Partei, von der Stäuflichkeil derselben und davon dcclamiren, daß nur bei den Antisemiten noch deutsche Treue und Redlichkeit zu finden seien, daß nnr sie uneigennützig für das Wohl dcS atmen Volkes einlrele», daß nur sie' reine Hände haben. Wer da nicket anS Herzensgrund ein „Pfui Teufel!" sagt, wer sich nicht, mit Abscheu von solchem Schacher und solcher Str'eberei abwendcl, der verdient nicht den Ehrennainen „Bürger'.' In dasselbe Eapitel wie daS Favorilener Mandaisgeschäst geboren auch die Fälschungen, die gewaltkhälige.Beeinslusinng beiÄbslimninngeu, wie sie vor »inrzein in einer Antiscmilenversamminng zu Währing praklicirt wurden Hier warciz es zur Abwechslung Deutsch Rationale, urgeimanische', unverfälschte Rämpen, die daS Abslininmngsergebiiiß „richtig" stellte.» — natürlich zu O'imftcn der Deutsch Rationale». Rieht als ob wir mit dem Pnlthämmcrer und tschechische» Tischler meister Jedliöla sympathisirte», als ob wir eS-für das Gemeinwohl nöthig hielten, daß er auch fernerhin im Gemeindcrathssaalc die deutsche Spracht malträtire, aber diese dciltschc Ehrlichkeit und Rechtschaisenheit, wie sie in der letzte» Zeit in den AuNscmilcnvcrsaminlnngeii z» Tage traten — sic müssen angcnagcll und festgchalten werden zum ewigen Gcdächtniß! Es ist dies um so »öthiger, alö eS Anhänger derselben

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