Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 176 (18.8.1895)
- Date
- 1895-08-18
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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reito :6 .freies Blaer. Nr. 176. beanspiuchen, da für antisemitische Druckwerke Rcclamc gcinachi werde, zu jenen Interessen also auch ein rein politisches »'„nerme hinzukrele, die Verbreitung dieser Zettel demnach einem agilaiotiichen Zwecke diene. Der Verlheidigcr Tr. Max Anton Löw, der bekaiinlc „Arier", cntgcgnete, daß in dem betreffenden Inserate nur Werke des Sendboten vom heiligen Josef" angeboten werden. T a aber Pfarrer Decken der Verleger, Herausgeber und Redacteur dieses „Sendboten" sei, habe er auch an der Verbreitung ein gewerbliches Interesse. Der durch die Vertheilung der Zettel in der Kirche erzielte Erlös sollte dem Kcrchenbaufonds, beziehungsweise dem Kirche,ivercine, dessen Präsident Pfarrer Decken ist, zustießen. Da der 8 des StaalSgrundgeketzeS dem Pfarrer solche Sammlungen innerhalb seiner Kirche gestaltet und eine Entscheidung des VerwaltnngsgerichtShofcs dieselben ausdrücklich als eine rein kirchliche Angelegenheit bezeichnet, so sei damit auch das örtliche Interesse gegeben. Der Appellnericklshoi entschied, die Berufung werde zurückgewiese», da jene Eolponage zwar mchi im örtlichen, aber im gewerblichen Interesse e, folgte. iliill Bcrclircr VllCflcr'e.1 Das „Wiener Abendblatt" berichtet: „Der bereits oil vorbestrafte Daglöhner Johann Krupiüka wurde von einem kleinen Mädchen beobachtet, alS er von der Auslage des TrödlcrS ijimrcniiu einen, Rock hcrabzog und davoneiltc. Das Mädchen ging in den Laden, verständigte den Trödler, und der Dieb wurde liov seiner Eile noch cingeholk und verhaftet. Am 14. d. M. wurde er zu zehn Tagen Arrests verurihcill, wogegen er Berufung anmcldcle. Belm Verlerne» des '^erichtssaales rief Krupi-'ka auf dem Eorridore:! Ich w::d' deni »luden schon zeigen, loft-, geh' ich zum Dr. Lucgcr. '/eeli Vliege: iKaffntrirt Die ZiidlII! Hernals war porige Woche wieder der i Tchauvlal? eines aniiicmitischen Erccffes. Die in der Waidmaifttl ga>>e Nr 4»' wohnhafte Trödlerin Josera Grünncr gericth eines : Abe:ids Mit dem im selben Hause wohnhaften Maler Josef Böhm; in eilten Streik, in dessen Verlause sie ihn eines llhrendicbstahlcS bc- > 'chnlt'.gte Die':: Streit gab Anlaß, daß sich eine zahlreiche Menge vor dem Hauie ansammelic, welche Partei für Böhm nahm. Die Veuke leaiien und schrieen: „Maffacrirt die Jüdin!" Frau Grünncr. weiche nnen Wachmann. holen wollte, wurde auf der Gasse von Ttraßel.gingen mir Rippenstößen träclirl und mit Steinen beworfen, io daß sie sich gcnöthigk iah, in das GeichäftSloeal des Schnciderieisi.rs Aulen Hornof, Ealvarienberggasie' Nr. >'!, zu flüchten. ".!i>> 'a:.:.»el:e nch die Menge vor diesem Vocalc und schickte sich au, in dasselbe einzudringcn. Mittlerweile kam aber die Wache herbei, weiche k:e eliuhe hcrsiellle und dann Frau Grünncr und Herr» Böhm ans das Eommiffariar ftihrtc. Nach Aufnahinc eines Protokolls wurden Beide eiiilassen.. Die Äsfaire wird ein gerichtliches Nachspiel wegen Straffencree'ses haben. Aus der Badener O'emeiiidevertrekililff. Die vorletzte Sivung des Badener <>'ea:elndca>isschuffcs war, wie von dort unterm l4. d. M. lg richtet iri-.d, nicht bc'chlußsühig, da sämmtliche der antisemitischcii Vanei aNzehorende» l^eiiieiudcrälkc, elf an der Zahl, nicht erschienen. Auch in der letzten Sitzung entfernten sich die Antisemiten aus dem Beraihtingssaale, nachdem ein von ihnen gestellter Antrag abgelchnt worden war. Die Herren glauben, durch eine conscqucnle Abstiucn; die Au'iosung der Gemeindevertretung erzwingen zu könne», und hoffen, daß es ihnen eine-Lcichlcs sein werde, bei den dann nothwcndig werdenden N.".iwalüe::Neine antisemitische Majorität in der dreißig Mitglieder umfassenden Körperschaft zu erlangen. Wenn die Liberalen nicht die Hände in den Schoß legen, werden diese schönen antisemitischen Pläne, d ien Ausführung die Existenz der ■ Eursladl in hohem Grade gcs.:.:den würde, rechtzeitig vereitelt werden. > Kaiser Wilhelm I. über die Judenverfolgungen in Numänien.- dem vor Kurzem erschienenen zweiten Bandes dcS Werkes „Aus dem Leben König Carls von Rumänien, Aufzeichnungen eines Augenzeugen". ist über die Verfolgung der Hilden in Rumänien im Jahre l'7:i Folgendes enthalten: „Rumänien halte im Frühjahre 1872 ganz Europa gegen sich, das unter dem peinlichen Eindrücke neuer Judenverfolgungen in Rumänien stand. Namentlich hatte eS allgemein rrstimml und nicht aiu wenigsten den Fürsten Earl selber, daß das Tchwuigerichi in Bu'cu unschuldige Juden verurthcilt, schuldige Christen aber freigeivrochen hatte. Damals schrieb der alte Kaiser Wilhelm au sein.» Verwandten, den Fürsten Earl, dem er ein väterlicher Freund war: .Wenn in den »cucsten Ereigniffcn bei Dir die Schuld der Juden, nach Ausspruch Deines eigenen Gouvernements, gar mchl so groß war, als man anfänglich glaubte, und nun dennoch die Harle Strafe erfolgt ist, so i>l allerdings Gnade wohl angebracht ui>d andererseits die nicht schnell und stark angewendete Reprimirung ro.i Auslaufen und Judenverfolgungen zu bedauern. Dies macht natürlich im Auslande immer wieder den Eindruck, daß die innere» Zustände Rumäniens noch immer nicht fest geordnet sind.'" (Die Juden in Rußland.) Rach einer schriftlichen Mitthcilung der russischen Grenzbehörden an die preußischen ist ausländischen Jude» nunmehr der Eintritt nach Rußland über die Zollkammer von Alexandrowo verboten. — Der „Wladiwostockij Listok" meldet, daß alle in der Hafenstadt Wladiwostok wohnhaften Juden auSgewiefen wurden. — Ein in seiner Art heiteres Gcfchichtchcn wird aus Ddessa berichtet: Der dortige Stadthauptmann Admiral Selen« ist ein alter Judenfeind, der überall ftine Gesinnung zum Ansdrucke' bringt. Jüngst war bei ihm Thecabend, und einer der Anwesenden bemerkte, daß die Milch sehr gut sei, und erkundigte sich bei Frau Sclenh, wo sie dieselbe beziehe. Die Frau antwortete, daß die Milch ' eine Jüdin bringe. „Wie, eine Jüdin bringt uns die Milch? Sic darf uns keine Milch bringen!" rief zornig der Admiral aus und warf die Milchkanne zu Boden. Tags darauf wurde der Jüdin der Laufpaß gegeben, und an deren Stelle trat eine Arierin. Nach einigen Tagen aber bcmcrktc Selcny, daß dieMilch äußerst schlecht sei, und sagte zu feiner Frau, daß die Jüdin wieder die Milch bringen möge. Es stellte sich aber heraus, daß Niemand von der Dienerschaft die Adreffe der obgcwicscncn jüdische» Milchfrau wußte. Der findige Admiral telephonirtc sofort, etwa um ft Uhr Abends, dem Polizcimeister H. B u n i: „Man suche die jüdische Milchfrau auf, die so und so auSsieht, und führe sic sofort zu mir." Der Polizcimcistcr übergab seinerseits den Befehl dcS Gouverneurs sämmtliche» Schutzleuten, uud die' ganze Polizei war auf den Beinen; jeder der Polizcibeamtcn gab sich alle Mühe, um die „Bcrbrccherin" zu finden, die sofort vor SL. Exccllen; zu erscheinen Hüne. Die ganze Vorstadt Moldawanka (wo die Arbeiter von Sdcssa wohnen) brachte man in Aufruhr, und einem „Glücksvogcl" von Polizcirevieraufscher gelang cs endlich, die Jüdin zu ent decke». Da cs bereits gegen 1 Uhr Nachts war, so sperrte man das arme Weib ins Gcfüngniß, und um 'ft Uhr Früh führte» der Polizcimeistcr, Polizcirevieraufscher und zwei Schutzmänner die „Berbrecherin" dem schrecklichen Gouverneur vor. Und nun begann folgender Dialog: „Hast du mir früher Milch gebracht?' — „Jawohl, Exeellenz!" — „Fahre fort, mir auch fernerhin Milch zu bringen." — „Bei mir crcpirlc die Kuh, Exeellenz, ich habe keine Milch mehr." — „Ta hast dn 1U(> Rubel, kauf' dir eine Knh und bringe Milch." Die Polizeibcamten rissen den Mund vor Erstaunen auf und sahen' einander fragend an. —Allgemeines Befremden in Petersburg erregte cs, daß der wegen seiner Judenfcindlichkeit bekannte „Graschdaniu" letzthin folgenden. Bericht aus der Stadt Baranowka im Gouvernement Polhinien brachte: „Der greise Erzpricster von Baranowka, Alcrandcr L j a s ch e w i k s ch, bemühte sich sein ganzes Leben _ hindurch, sämmtliche gegen die Juden erhobenen Anschuldigungen zu entkräften und die orthodoxe Bevölkerung mit den Juden zu verbrüdern. Von der Kanzel herab, auf der Straße, in jeder Bcrsamm i lnng — überall predigte Ljaschewitsch Duldsamkeit und Liebe und; verdammte jede inhumane Bewegung gegen die Juden. Er beeinflußte die orthodoxe Bevölkerung, sich gegen die'JudcnauSweisungcn auSzu! sprechen, indem er von der Kanzel herab aus den Nutzen hinwics,! welchen die Drthodoxcn .humanen und wohlthätigcn Juden' zu vcr- : danke» hatten. Dieser Priester ist kürzlich gestorben, und an seinem! Sarge trat die Verbrüderung der Inden mit den Srtlsvdoxen deutlich i zu Tage Alle jüdischen Einwohner von Baranowka gaben dem ° Verstorbenen das Geleite zu seiner letzten Ruhestätte, und in der j.2tmagoge wurde ein feierlicher Gottesdienst veranstaltet. Ljaschewitsch! war ein wahrer Christ und Priester, der auf der Höhe seiner Aufgabe stand. Wollte Gott, daß Alle feinem Beispiele folgen, denn nur! in der nationalen und religiösen Duldsamkeit liegt das Glück der i Völker." \ Aus antisemitischen Vereinen und!)ersannnlungen. (ioitDCrtitrncifcr.) Der zu in Amicapitalirmus bekehrte Paulo. Pacher, welcher io viele Jahre hindurch auf allerlei Gebieten des Erwerbslebens eine schwungvolle Thäligkeil als Gründer, Berwalluugsraib und Liquidator eiit- "wickett Hane, glaubt mm, er muffe in jeder Aiitifeinitenversammlnug seinen üoiiveriitineifer bethäligen und gegen BerivaliungSräihe losziehen. So rempelte er neulich, als die Autiiemitckt ans der Wiede n eine Versammlung ab! hielten, den Prinzen Egon Hohenlohe an, weil sich dieser nicht „schäme",! an der Spitze des Verwaltungsralhes der Südbahn zu stehen. Ist Pacher's ' Lonvertitenciser nicht etwas gekünstelt? Es käme aus eine Probe an, aber die! Südbahngeiellichaft dürste sich kaum zu derselben herbeilaffen n—v.